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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leni W.
Eingestellt am 04. 03. 2006 20:00


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lilli
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Leni blickte um sich. Sie beharrte innerlich darauf, dass sie blickte. Nicht umherschaute. Auch wenn alles um sie herum und in ihr so tief gesunken und verdorben war.
Sie beharrte auf einen Rest von ÔÇô ja von was ? Irgendwo da in ihr f├╝hlte sie es noch ganz leicht und zaghaft. Vor langer Zeit, genauer: vor einem Monat noch hatte sie Bildung, Kultur, Freunde und ein Leben in immerw├Ąhrender Zukunft gewu├čt. Jetzt wollte sie nicht dieses zarte Gef├╝hl aufgeben, das in ihren Ged├Ąrmen, vor allem aber in der N├Ąhe des Herzens noch w├Ąrmend zu sp├╝ren war. Auch wenn das Wissen dar├╝ber sich schon als fern dahingleitende Seifenblase geb├Ąrdet ÔÇô zum Hohne nicht geplatzt, sondern schillernd, verlockend und vor allem fern.
Jetzt war Schmutz, Angst und Ha├č um sie, h├╝llte sie ein wie ein schmutzigstaubiger Kartoffelsack. Ihre feine, zarte, glatte Haut war ger├Âtet, mit Pusteln ├╝berzogen und juckte ohne Unterlass. Die Fu├čsohlen mit erstarrtem Schmutz, Schrunden aufgerissen und eingewickelt in Stofffetzen.
Sie beobachtete diese F├╝├če, wie sie Treppe um Treppe hochstiegen. Sie waren ihr fremd, wie all die anderen F├╝├če, die nah an ihren die Treppe hochstiegen.
Da war es wieder, dieser Wunsch es als hochsteigen zu bezeichnen, wo es doch eher ein schlurfen und schleppen war.
All die F├╝├če, notd├╝rftig gesch├╝tzt auf hartem Granit, nahe dem Gefrierpunkt. Noch ein paar Tage und sie w├╝rde auf Schnee und Eis stapfen; immer noch in Behelfsmittel, anstelle von Schuhen. Wenn nicht irgendetwas geschah, etwas erhofftes, ja; auch etwas ersehntes, ja; aber erwartetes, nein.
Pl├Âtzlich wogte die F├╝├čemenge zur Seite. Da war jemand gestolpert einige Reihen vor ihr. Verdammt, Leni wankte, der schwere Granit in ihren Armen zog sie nach unten und sie sank in die Knie. Sie krampfte sich zusammen, machte sich steif, blo├č nicht weiter nach rechts kippen. Da war der Abgrund. Sicher an die zwanzig Meter unter ihr das tiefe, dunkle Loch des Sees. An den R├Ąndern die grauen Menschen, die die Steine klopften. Material f├╝r die n├Ąchsten Aufstiege. Leni starrte in das dunkle Auge des Sees. Sie vermeinte ein Zwinkern zu erkennen ÔÇô die Wimpernmenschen zuckten auf; in bangem Erwarten, dass wieder jemand von oben auf sie herabst├╝rze. Das Zwinkern rief sie an ÔÇ×komm herunter zu mir, dann ist es vorbei f├╝r dichÔÇť.



Doch da meldete sich wieder dieses kleine, warme Gef├╝hl um ihr Herz. Das, welches sie daran erinnerte, wer sie noch immer war. Wer sie war vor diesem Tage, als man kam und sie und ihre Familie aus der wundersch├Ânen, gro├čen Wohnung holte. Aus dem warmen Zimmer, das ihres war. Weg von ihren B├╝chern, Kleidern und ihrer sicheren H├Âhle.
Sie wurden in den Zug verfrachtet, nicht dass sie einstiegen und wie gewohnt die Sitze erster Klasse besetzten. Nein, sie wurden in Viehwagons gezw├Ąngt, so viele, dass sie keine M├Âglichkeit hatten, sich zu setzten. Sie erinnerte sich, dass sie sich an ihren Vater dr├Ąngte, an ihre Mutter und an ihre kleine Schwester. Ver├Ąngstigt und verwirrt hatten sie sich aneinander gedr├Ąngt. Vater hatte eine beruhigende Miene aufgesetzt, mit leiser, beruhigender Stimme auf sie eingeredet. Sie wu├čte nicht mehr, was er sagte, wu├čte nur mehr, dass sie den Klang seiner Stimme irgendwo in ihrem Kopf suchen musste, denn wenn sie auch diese verlor, wie konnte sie dann diesen kleinen warmen Knoten in ihr halten.
Als sie vom Bahnhof in das Lager gehen mussten wurden sie getrennt, M├Ąnner da, Frauen dort. Sie als vierzehnj├Ąhrige musste bei den jungen M├Ądchen gehen, ihre kleine, f├╝nfj├Ąhrige Schwester Sara blieb bei Muttern.
Noch war sie neugierig, zus├Ątzlich zu ihrer Angst. Sie beobachtete die uniformierten M├Ąnner, deren Gesichter. Sie beobachtete die Menschen, die hinter den Vorh├Ąngen hervorlugten, offenbar auch recht verunsichert. Sie dachte, wenn sie alles genau beobachten w├╝rde, k├Ânnte sie vielleicht auch etwas verstehen und irgendetwas machen. Sie war doch sonst so geschickt und ihr fiel doch immer etwas ein, so dass Vater, Mutter und ihre Onkeln und Tanten, ja auch die Lehrer sie immer wieder lobten. Irgendwie hatte sie das Gef├╝hl, dass es wichtig war, dass ihr etwas einfiel. Aber es war nur noch das eine vorhanden ÔÇô ÔÇ×irgendetwas habe ich wohl falsch gemacht.ÔÇť Nicht nur sie, auch ihr Vater, ihre Mutter, all die anderen, die in diesem langen Marsch nach irgendwohin waren. Auf dem Weg irgendwohin, wo keiner wirklich wu├čte, was da w├Ąre; aber alle ahnten, dass es f├╝r sie bedrohlich war.
Ein Uniformierter fing an zu schreien und trat mit seinen Stiefeln gegen Marmeladebrote. Was taten diese roten Marmeladebrote auf der Stra├če. Lenis Magen hatte daraufhin zu grollen angefangen, stimmte ja ÔÇô sie hatten schon lange nichts mehr zu essen bekommen. Sie waren ja direkt vom Fr├╝hst├╝ckstisch weggeholt worden. Leni sah die Brotscheiben, die Butter, die Tassen mit dampfender Milch. Als sie zu der Stelle kam, wo das nun zermantschte Marmeladebrot lag, b├╝ckte sie sich und nahm verstohlen ein St├╝ck. Ein harter Schlag in ihr Gesicht und gegen ihre Hand schleuderte das St├╝ck weg. Da wu├čte sie, dass jetzt alles anders w├╝rde. Da war es nicht mehr ein Gef├╝hl der Angst, es wurde zum Wissen.
Als sie das Lager erreichten und aufgeteilt wurden, musste sie Schuhe, Mantel, Handschuhe und Tasche mit ihren hastig gepackten innigsten Dingen abgeben.
Vater war nur mehr hinter einem hohen Zaun zu sehen und dann, wenn die Gruppen f├╝r das Steinetragen ausgetauscht wurden. Dann konnten sie sich manchmal auch ganz leicht ber├╝hren ÔÇô mit den Augen. Jedesmal erschreckte es Leni mehr, sie waren so tieftraurig und hoffnungslos. Und sie, Leni wollte nicht wahrhaben, dass ihr gro├čer Papa immer mehr schrumpfte. Jedesmal wieder dachte sie, dass er kleiner geworden w├Ąre und sehnte sich nach seiner Gr├Â├če und St├Ąrke. Jedesmal schlo├č sie die Augen und holte sich die Bilder von der Zeit vor dem Tag, so wie er da gewesen war. Genau so, wie sie ihr eigenes Bild holte: so wie sie gewesen war in der Zeit vor dem Tag.
Mutter und Sara waren mit den anderen Frauen und Kindern zu einem eigenen Platz gebracht worden. Es hie├č, dass sie nach einer Dusche in ein anderes Lager gebracht worden w├Ąren. Sie sehnte sich nach dem L├Ącheln ihrer Mama. Nach den witzigen Bemerkungen, die sie machte, wenn Leni aufgebracht war ├╝ber die gemeinen und ungerechten H├Ąnseleien ihrer Mitsch├╝ler, so als w├Ąren sie pl├Âtzlich nicht mehr normale Menschen. Mutter hatte gel├Ąchelt und ihr gesagt, dass sie ja auch in manchen Dingen anders w├Ąren und dann immer wieder kleine Witze erz├Ąhlt.
Leni sehnte sich nach Saras wilder Unbek├╝mmertheit, danach von ihr gesto├čen zu werden und umgeworfen. Auch wenn es ihr vor diesem besagten Tag manchmal noch zuviel gewesen war, jetzt wollte sie Sara hochnehmen, sie tragen und herumwirbeln.


Leni starrte in das zwinkernde dunkle Seeauge, welches sie da zu sich rief. Sie sah auf ihre H├Ąnde und den an sich gedr├╝ckten Stein. Die K├Ąlte kroch von den Fingerspitzen, den F├╝├čen bis hin zu dem letzten Rest W├Ąrme an ihrem Herzen und bis hin zu dem letzten Klang der Stimme ihres Vaters.
Sie betrachtete die Stein umklammernden Finger, die wunden F├╝├če und erkannte, dass dies gar nicht sie war, denn sie konnte sich ja betrachten, ohne sich zu f├╝hlen. Ganz langsam wurde die warme Kugel bei ihrem Herzen kleiner, bis nur noch ein Punkt ├╝brig blieb ÔÇô den wollte sie sich in jedem Fall behalten, den wollte sie nicht auch verlieren. Instinktiv erkannte sie, dass sie diesen Punkt f├╝ttern musste mit allen Bildern von vor jenem Tag.

Sie erhob sich und dr├Ąngte mit den anderen die Treppe hoch. Sie sah nicht mehr in das tiefe Auge des Sees, das so verlockend gezwinkert hatte.
Als sie an der M├Ąnnergruppe, die ihnen entgegenkam, vorbeigingen, blickte Leni nicht auf, sie schaute auf den Boden, auf ihre schreitenden F├╝├če.
Sie sah nicht die suchenden Augen ihres Vaters, wollte sie nie wieder in ihrem Leben sehen.

Eine halbe Ewigkeit sp├Ąter schreckt Elisabeth zitternd, fibrierend und irritiert auf. Noch ganz benommen murmelt sie: ÔÇ×Verzeih mir Papa, ich will dir auch verzeihenÔÇť.
Verwundert fragt sie sich, warum sie so sehr danach verlangt hatte sich zu entschuldigen. F├╝r was eigentlich, f├╝r wen und wieso?
Sie friert, sie sp├╝rt alle Knochen toben bis aufs Mark. Dann steht sie auf, dreht die Heizung hoch und macht sich Kaffee. In ihr ist immer noch Leere, aber auch Erleichterung und eine ganz leichte Ahnung, warum sie gerade hier geboren wurde, lange nach dieser Zeit. Sie blickt auf den Flu├č, l├Ą├čt das Glitzern der Sonne ihr Herz w├Ąrmen, f├╝hlt sich frei von Zeit; der vergangenen, der kommenden und der, in der sie steht und zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ahnung von Vers├Âhnung erf├Ąhrt.

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