Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
63 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Leselupen-Kolumne Nr. 26: Wie popelt man richtig?
Eingestellt am 19. 05. 2005 21:36


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 47
Kommentare: 222
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um freifrau von löwe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die grĂĽne Kraft
- eine Glosse -

Eine beliebte und weit verbreitete Art, in sich zu gehen, ist das Nasebohren. Darunter versteht man das Entfernen von getrocknetem Nasensekret, im Volksmund auch „Popel“ genannt. Unsere österreichischen Nachbarn bezeichnen die Bergung des unappetitliches Nebenproduktes auch als „Rammel“ oder „Rawuzer“.

Das Popeln wird in Europa und in weiten Teilen Asiens als unschicklich und Ekel erregend empfunden. Mütter hauen ihren Kindern auf die Finger und die meisten Erwachsenen beschäftigen sich eher heimlich mit der Reinigung ihres Riechorgans.
Als gesellschaftlich akzeptable Alternative gilt heute die Benutzung eines Taschentuches aus Stoff oder Papier. Da der Benutzung eines Taschentuches jedoch eine bewusste Handlung voraus gehen muss, greifen Viele wieder zu den altbewährten Mitteln, um sich des Problems zu entledigen oder finden neue Methoden zur Entfernung der lästigen Nasensteine.

So werden in Indien die unliebsamen Störenfriede oft mangels Taschentuches durch das Blasen und Zuhalten eines Nasenloches und des dadurch entstehenden Überdrucks ohne viel Federlesen an die nächste Wand oder auf die Straße gerotzt, wogegen man in Osteuropa verbreitet die „Hochziehfraktion“ vorfindet. Auch im ostasiatischen Raum gilt das Hochziehen als anständig. Hierzulande kann eine harmlose Wartezeit an der Bushaltestelle zu einem außerordentlich „leckeren“ Erlebnis werden, wenn ein potentieller Fahrgast in Übereile neben, anstatt in sein Taschentuch schneuzt oder ganz ungeniert mit dem bloßen (!) Finger in der Nase wühlt. Nein, es ist wahrhaftig kein appetitlicher Anblick, doch scheinbar ist das Popeln eine im Menschen fest verankerte Notwendigkeit – und das schon seit seiner Kindheit.

Das Nasensekret, vulgär- und umgangssprachlich auch als „Rotz“ bezeichnet, ist eine schleimartige Substanz, welche im Inneren der Nase mit Hilfe spezieller Drüsen in der Schleimhaut gebildet wird. Dieses Sekret kommt bei Säugetieren und Menschen gleichermaßen vor und behindert die freie Atmung unter Umständen beträchtlich. In der Sexualforschung wird die Gewinnung von Popeln auch als „autosexuelle Ersatzhandlung“ betrachtet. Im Allgemeinen wird sie manuell und ohne Hilfe vorgenommen. Von einer Fremdbepopelung wird in den meisten Fällen abgesehen.

Der biologische Nutzen des Nasensekrets besteht in der Befeuchtung und Reinigung der Atemluft. Durch diesen Reinigungseffekt kann das Einatmen von Staub und Rußpartikeln den Popeloutput erheblich steigern. Zu einer vermehrten Bildung von Nasenschleim trägt auch das Rauchen bei. Die angebliche Verfärbung des Sekrets durch Nikotin hat sich jedoch als Gerücht heraus gestellt und konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Ausschweifende Diskussionen darüber, welche die „richtige“ Methode sein soll, sich des harten Nasensekrets zu entledigen, haben bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt.

Einige HNO-Ärzte vertreten die Ansicht, dass häufiges Nasebohren zu einer vermehrten Popelbildung führt, da man sich davor eher selten die Hände wäscht bzw. desinfiziert. Doch auch das Schneuzen soll keine ungefährliche Taktik sein, denn durch den Überdruck können kleine Gefäße im Auge und in der Nasenschleimhaut platzen und bluten, so dass sich so genannte „Borken“ bilden, die dann nur mit einer Nasensalbe oder einem Nasenöl abgelöst werden können.

Nach diesen Erkenntnissen ist das Hochziehen des Nasenschleims scheinbar die gesündeste Lösung. Ohnehin ist der Hauptanteil des Nasensekrets eher flüssig, fließt fortwährend den Rachen hinunter und wird dann im Magen verwertet. Auch die Ausrichtung der Flimmerepithele im Nasen-Rachenraum deutet darauf hin, dass dies von der Natur so gedacht ist, da sie nach hinten, also in Richtung Rachen flimmern, um den Schleim besser durch die Speiseröhre abtransportieren zu können.

Über eines sind sich die Wissenschaftler jedoch einig: Die Menge, Konsistenz und Farbe des Nasensekrets kann Aufschluss über Erkrankungen der Nase geben. So kann eine grünliche Verfärbung des Schleims auf eine bakterielle Besiedlung hinweisen und eine gelbliche auf eine Vereiterung – auch Sinusitis genannt. Bei einem Schnupfen wird vermehrt dickflüssiges Nasensekret produziert, wodurch die Nase verstopft und die Atmung erschwert oder ganz verhindert wird, wogegen bei einer Rhinitis das Nasensekret eher klar und dünnflüssig ist und wegen der starken Mengen auch nach außen abläuft, womit wir es dann mit der typischen „Rotznase“ zu tun haben.

So verschieden wir bei der Popelgewinnung vorgehen, so unterschiedliche Weiterverwertungsmöglichkeiten gibt es. Fallstudien haben ergeben, dass sich vor allem zwei Verhaltensweisen dabei heraus kristallisiert haben: Das Popelrollen mit der anschließenden Entsorgung mittels Wegschnipsen und das Popeln mit nachfolgendem Verzehr der Beute. Die gesellschaftliche Ächtung der ersten Variante, sofern man diese in der Öffentlichkeit betreibt, ist sicherlich für jeden vorstellbar. Dennoch ist sie für Viele beinahe ein Automatismus, bei dem ihnen die Überschreitung der Peinlichkeitsgrenze, vor Zuschauern ausdauernd zu popeln, nichts auszumachen scheint. Bevorzugt man diese Variante, wird man schon im Kindesalter die Erfahrung machen, dass der Schwierigkeitsgrad der Popelgewinnung darin besteht, dass man eventuelle Wartezeiten mit einkalkulieren muss, da sich nur ausgetrocknete Exemplare mühelos entfernen, rollen und wegschnipsen lassen. Befindet sich noch ausreichend Schleim am Popel, auch Schmierpopel genannt, sollte man sie - dem Namen gemäß – eher durch abschmieren entfernen, wobei man aus Rücksichtnahme darauf verzichten sollte, sie sichtbar (und vor allem durch einen dummen Zufall leicht erreichbar) für seine Mitmenschen zu plazieren.

Als wirklich interessant hat sich jedoch die zweite Methode, die des Popelns mit anschließendem Verzehr, heraus gestellt. Die Tätigkeit des Popelns an sich kann nämlich auch krankhafte Züge annehmen. Diese Krankheit wird Mukophagie genannt und bezeichnet die beinahe zwanghafte Neigung zum Popeln, die immer an die darauf folgende orale Zuführung gekoppelt ist.

Wie jeglicher Verzehr von Körperausscheidungen, z. B. von Schweiß oder Exkrementen, hat auch der von Popeln eher einen schlechten Ruf. Doch die Mukophagen – zu deutsch Schleimesser (mucus = Schleim und –phag = essen), vulgärsprachlich auch als „Popelfresser“ bezeichnet, handeln unfreiwillig so. Diese leiden meistens unter einer starken Verschleimung der Nase und empfinden den leicht salzigen Geschmack eines Popels als angenehm. Allerdings sollte man sich nicht zu der Vermutung hinreißen lassen, dass an Mukophagie Erkrankte das „Schleimessen“ lieben. Vielmehr empfinden sie – genauso wie andere – einen normalen generellen Ekel vor dem Nasensekret – jedoch ist dieses Hemmnis herab gesetzt, wenn es sich um das eigene Sekret handelt und dieses unmittelbar und „frisch“ aus der Nase geholt wurde oder wenn die Verspeisung des Sekrets – ganz ähnlich dem Nägelkauen – unbewusst geschieht.

Den ultimativen Freipoplerschein gab jedoch vor kurzem ein Innsbrucker Experte, nach dessen Untersuchungen, das Bohren in der Nase, aber auch das Verspeisen der Popel der Gesundheit förderlich sein soll. Der Lungenfacharzt Friedrich Bischinger befürwortet sogar das Popeln ohne Taschentuch, da es nicht nur eine bessere mechanische Reinigungsmöglichkeit darstellt, als mit, nein – er geht sogar so weit, zu behaupten, Popelessen steigere die Abwehrkräfte. Dabei werden die Bakterien, die sich in der Nasenschleimhaut angesammelt haben, in den Darm befördert und entfalten dort ihre medikamentöse Wirkung, indem sie das Immunsystem stärken und die Abwehrkräfte stabilisieren.

Popeln ist also gut für die Gesundheit, egal, ob Sie links oder rechts herum bohren. Na dann – Bon apetit.
__________________
Freifrau von Löwe

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


nikita
Guest
Registriert: Not Yet

die wirklich erste
und ausgesprochen gute
ab
handlung
ĂĽber das popeln

das mir ĂĽbrigens immer noch spass macht
es ist ein wichtiger akt
nicht nur der reinlichkeit
ich meditiere beim popeln
es ist eine art
ZEN
fĂĽr mich

"die grĂĽne kraft"
ist eine etwas verwirrende ĂĽber.schrift
da ich schon seit jahren auch andersfarbige
popel entdeckt habe
die farbe der popel kann auch als
indiz fĂĽr eine gemĂĽts.stimmung betrachtet werden !



Bearbeiten/Löschen    


Wolkenreiter
Hobbydichter
Registriert: Feb 2005

Werke: 1
Kommentare: 18
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolkenreiter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

oh, tausend dank, freifrau von löwe, ich wollte gerade etwas essen (ein sandwich mit u.a. einem grünen (!) salatblatt, aber der appetit ist mir gerade vergangen. ist aber doll geschrieben und so wahr :-)
lg,Wolkenreiter

Bearbeiten/Löschen    


Inu
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 120
Kommentare: 2153
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Inu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil




Hallo Freifrau

Ich musste mich nun wirklich zwingen, das fertig zu lesen. Das ist ja eine fast lückenlose, populärwissenschaftliche Abhandlung und sehr gekonnt geschrieben dazu ... da kann ich eigentlich nichts dagegen sagen, außer ... dass das alles für mich recht eklig klingt. Hab mich immer mal wieder gefragt, warum tue ich mir einen solchen Lesestoff überhaupt an? Aber so bin ich nun mal. Wenn ich etwas begonnen habe, ziehe ich es auch bis zur bitteren Neige durch.

Ein Lesegenuss war es ( für mich ) nicht. Ich habe sogar gegen eine leichte Übelkeit angekämpft.


Meine Frage: Was hat Dich an dem Thema so gereizt, dass Du es so des Langen und Breiten bearbeitet hast.


LG
Inu

Bearbeiten/Löschen    


freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 47
Kommentare: 222
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um freifrau von löwe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

@ inu

was mich daran reizte? ich glaube, das tabu :-) , dass es so viele machen und dass es noch tabuisierter ist als das thema sex oder exkremente, obwohl es zum menschen ja dazu gehört (obwohl ja über sex inzwischen allerhand geschwafelt wird, doch die meisten menschen reden nie wirklich darüber).

die glosse entstand eigentlich aus einer anderen arbeit heraus, nämlich einem satirischen dialog mit dem namen: "wie popelt eine dame?" ich war dabei sehr unkonzentriert, aber übermütig und so entstand das hier
:-)

ich bedanke mich aufrichtig fĂĽr deine tapferkeit :-P


@ wolkenreiter

ich hoffe, dein sandwich hat trotzdem geschmeckt :-P


@ nikita

die überschrift passte für meine begriffe, weil das fazit ja war: popeln steigert die abwehrkräfte und "grün" weil man grün auch mit gesund assoziiert und diese farbe da eben auch vorkam.

noch einen meditativen popelgenuss wĂĽnsch ich dir :-)



__________________
Freifrau von Löwe

Bearbeiten/Löschen    


Inu
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 120
Kommentare: 2153
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Inu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Nicht dass das jetzt falsch rüberkommt, mir ist klar, wir alle tun es ... irgendwie, meistens im stillen Kämmerlein, ich auch, aber muss man so ausführlich drüber schreiben?

LG
Inu

hat sich jetzt mit Deiner Antwort ĂĽberschnitten

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!