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Leselupe.de > Kurzprosa
Lesen und leben lassen (Teil 1)
Eingestellt am 19. 04. 2004 16:27


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HalJordanLives
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2004

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Als ich das BĂĽrozimmer betrat, stierte mein Kollege Steen auf den Bildschirm seines Computers.
„Morgen.“ sagte ich.
„Morgen.“ sagte Steen, ohne seine Blickrichtung zu ändern.
Ich konnte mir denken, was Steen derart faszinierte. Schließlich erlebte ich das nicht zum ersten Mal. Ignoranz konnte ich nicht ab, schon gar nicht am frühen morgen. Und ich war gerne bereit, meinem Kollegen eine Lektion in Sachen Höflichkeit zu geben. Da muss man auch mal zu drastischen Mitteln greifen.
„Was läuft denn heute? Feuchte Schlampen, dicke Titten, Riesenschwänze?“
„Hrm hm-hm.“ murmelte Steen. Ich bildete mir ein, er habe ‚alles zusammen’ gesagt, entschied mich aber dafür, das gar nicht so genau wissen zu wollen. Das gleichmäßige Summgeräusch von Steens PC-Bildschirm blieb dann auch das einzige, was aus seiner Richtung zu hören war. Allerdings schienen sich Steens Augen nun immer mehr zu weiten. Offenbar näherte sich das Treiben auf dem Bildschirm seinem Höhepunkt.
Ich setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl und sortierte die Manuskripte, was ich sonst immer auf Freitag Nachmittag schob.
„Weißt Du, ich finde es ja okay, dass Du Dir diesen Schweinkram aus dem Netz ziehst, wenn Dir das Spaß macht,“ bemerkte ich beiläufig „aber wenn Du extra deswegen zwei Stunden früher kommst, könntest Du Dir wenigstens ein wenig Zeit nehmen, um Deinen Schreibtisch aufzuräumen.“
Steen schwieg. Eine Art postkoitale Ruhe schien ihn nun ergriffen zu haben, denn er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und lächelte mich zufrieden an.
„’Tschuldige... Hast Du irgendwas über meinen Schreibtisch gesagt?“ fragte er.
Besagter Schreibtisch war eigentlich nur die eine Hälfte einer großen Arbeitsfläche, die ich mir mit Steen und unserer Kollegin Gülcen teilte. Ich saß Steen direkt gegenüber, und wenn ich mich anstrengte, konnte ich ihn sogar manchmal sehen. Meist jedoch blieb er hinter seinem auf dem Schreibtisch wagemutig aufgestapelten Mappen, Zeitschriften, Büchern, Videokassetten, Akten (und sonstigem Zeug, das eigentlich keinerlei Zweck erfüllte, aber natürlich dennoch wichtig war) unsichtbar. Wenn er überhaupt einmal an seinem Platz saß. Ich verbrachte manchmal ganze Arbeitstage in rücksichtsvoller Stille vor dem Werken meines Kollegen, nur um irgendwann festzustellen, dass Steen überhaupt nicht im Zimmer war.
Kaum überraschend also, dass Steens kreatives Chaos mehr als das ihm zustehende Drittel der Arbeitsfläche einnahm. Ich hatte meinem Kollegen schon sehr früh einen gewissen Raumgewinn zugestanden. Kampflos, weil ich einfach nicht so viel Platz brauchte, und Steen, na ja... hätte ich versucht sein Wesen zu ändern, wäre das wohl viel aufwändiger und kraftraubender gewesen als meinen Kram auf einer kleineren Fläche unterzubringen als mir zustand. Was auch gar kein Problem war. Ich stapelte Arbeit nicht, ich erledigte sie.
Gülcen, deren Arbeitsplatz seitlich an die unseren angrenzte, hatte nicht nur in diesem Punkt nicht so leicht klein bei gegeben wie ich. Steens Spitzname für sie war seitdem ‚Kampfzicke’. Ich fand das übertrieben, ja völlig unpassend. Ich hätte sie nie so nennen können, dafür fand ich sie viel zu hübsch. Ich glaube, bei Steen war das genau andersherum: gerade weil er sie so anziehend fand, stürzte er sich mit ihr in eine Auseinandersetzung nach der anderen.
Jetzt konnte ich über einen auf der neuesten Ausgabe der Amica platzierten Teekessel hinweg zumindest Augenkontakt zu meinem Kollegen herstellen. Und ich stellte fest, dass ihn tiefe Ringe unter den Augen zeichneten, die wegen seiner fahlen Hautfärbung wahrscheinlich noch dunkler wirkten als sie es tatsächlich waren. Und das Neonlicht der Strahler an der Bürodecke verliehen den kärglichen Überresten seiner blonden Borstenhaare eine unvorteilhafte fahle Färbung.
„Sag mal, seit wann sitzt Du denn schon hier?“ erkundigte ich mich.
„Öah... seit halb sieben ungefähr.“
„Himmel, Steen, du mußt es ja richtig nötig gehabt haben.“
„Nja... nein. Hatte’n bisschen Stress mit Alex.“ Steens Freundin. Auch diesen Satz hörte ich nicht zum ersten Mal. „Seit Samstag, wenn man’s genau nimmt.“
„Ich kann mir vorstellen, worum es ging.“ warf ich ein und fand das ziemlich spitzzüngig.
„Genau.“ erwiderte Steen schnell. Und einen Moment später sah er mich mit zugekniffenen Augen an und meinte: „Du solltest dazu besser nichts sagen. Hast Du denn mal wieder mit Marie telefoniert?“
Ich konzentrierte mich wieder auf meine Manuskripte. „Nein.“
„Das macht jetzt wie viele Wochen, die ihr nicht mehr miteinander geredet habt? Drei? Vier?“ Steen stand auf. Wollte der jetzt etwa zu mir rüberkommen?
„Weiß ich nicht.“ murmelte ich und wedelte mit der Bestätigung für meine letzte FHM-Abo-Bestellung. „Ich muss das noch kopieren“.
„Dann hast Du den kleinen Simon also mindestens einen Monat nicht mehr gesehen.“ resümierte Steen rechtzeitig, bevor ich das Zimmer verlassen konnte.
Ich glaube, diese Bemerkung brachte meine Schritte höchstens kaum merklich ins Stocken. Umso schneller nahm ich an Fahrt auf und legte die 50 Meter zum Kopiergerät, das auf dem Gang zwischen einem fast ganz geleerten „Süße Oase“-Pappkarton und einer halb verwesten Topfpflanze einer mir unbekannten Spezies stand, in Rekordzeit zurück.
Ich fĂĽhrte gerade das Papier in die schnaufende Maschine ein, als mich Steens Stimme hinterrĂĽcks ĂĽberfiel:
„Ein Monat. Das ist ein Zwölftel eines Jahres.“ philosophierte Steen als würde er mit sich selbst reden. Nun lehnte er sich neben den Kopierer an die Wand und starrte stirnrunzelnd an die Decke. „Ewigkeiten bei einem Kind in dem Alter.“
Ich drückte nachdrücklich drei weitere Male auf den Copy-Knopf. Wäre ich Superman gewesen, hätte mein Blick Steen sofort in einen stinkenden Aschehaufen verwandelt.
Doch so prallte er an Steen ab. „Wie alt ist er jetzt? Acht?“
„Hör zu, Steen.“ Die Lautstärke meiner Worte überraschte mich selbst. „Merkst Du nicht, dass das nervt? Was soll das?“
„Na ja,“ sagte Steen achselzuckend „was wäre ich denn für ein Freund, wenn ich Deine Probleme ignorieren würde?“
Ich holte tief Luft. Der Versuch, mir das sanft plätschernde Meereswasser auf einer Südseeinsel vorzustellen, hielt eine Viertelsekunde lang vor.
„Steen, wir sind keine Freunde, sondern bestenfalls gute Kollegen. Und überhaupt-- Du bist ein ständig geiler Porno-Junkie, der sich seine Freundin nur zum kochen und bügeln hält. Du weißt nichts über funktionierende und daher auch nichts über gescheiterte Beziehungen! Und Kinder sind für dich nur interessant, wenn deine Frauen sie nicht haben!“
Der Kopierer brummte geschäftig. Ein paar Phalanx-Mitarbeiter, die uns im Gang passierten, schienen zu tuscheln. Kicherte die dumme Jansen vom Empfang etwa? Steen schien weder das noch meine Bemerkung zu kümmern.
„Kann ja sein,“ bemerkte er seelenruhig „aber ich lese ständig darüber. Jedes zweite Buch dreht sich nur um funktionierende und/oder gescheiterte Beziehungen. Faszinierendes Zeug, ehrlich.“
Er begann an seinen Fingernägeln zu knabbern. Dann hob sich seine linke Augenbraue.
„Außerdem weiss ich nicht, was Du gegen meine Beziehung hast. Sie funktioniert. Ich kann nun mal weder bügeln noch kochen. Und Alex kennt sich nun mal mit Frauen und Fussball nicht aus.“ Er grinste.
Ich konnte nicht anders, ich musste nicken. Als der Kopierer seufzend verstummte, nahm ich meine Kopien und lief in Richtung unseres BĂĽros.
„Hör mal, ich muss heute wegen des Rasmussen-Deals nach Köln. Kannst Du für mich ans Telefon gehen?“ rief Steen mir keuchend hinterher.
„Klar, weißt doch, dass ich das mache.“ sagte ich, ohne mich umzudrehen.
„Schon,“ antwortete Steen und es klang vergnügt „aber ich weiß auch, dass du es hasst.“
Das stimmte. Wann immer ich für Steen Anrufe entgegennahm, hatte ich es meist mit Menschen zu tun, deren penetrante Freundlichkeit eine gewisse unruhige Dringlichkeit nicht verbergen konnte. Sie wollten meist irgend etwas über Termine, Promotion, Anzeigen-Schaltungen und Gegengeschäfte wissen. Selbst etwas wussten die wenigsten. Mich regte das auf (auch wenn ich es nicht zeigte), aber Steen war das nur recht. Er liebte es, der Mann mit dem Plan zu sein, vor allem, wenn er der einzige war.
Er ist ein Produkt-Management-Naturtalent, das muss ich zugeben - redegewandt, kompetent, kreativ, überzeugend - die ganze Packung. Wenn man sich seinen Schreibtisch ansah, konnte man sogar auf die Idee kommen, er besäße geniale Züge. Manchmal kam er mir sogar richtig fleißig vor. Wenn er gerade nicht damit beschäftigt war, Pornos aus dem Internet zu ziehen, sich mit seiner Liebsten über irgend etwas (meist über die Frequenz ihrer sexuellen Aktivitäten) uneinig zu sein oder irgendwelche anderen Frauen zu besteigen. Ich fand es nur logisch, dass sein Genie ein gewisses Chaos bedingte, im Privatleben wie auf dem Schreibtisch.
Ich teilte mir trotzdem gerne das Büro mit Steen. Ich mochte ihn, obwohl wir gewiss nicht die besten Freunde waren. Aber mit Steen wurde es wenigstens nie öde.
Ein nicht zu unterschätzender Bonus waren Steens offensichtliche soziale Mängel, seine Unsensibilität, sein emotionales Poltern – seine Schwächen eben, an denen man die eigene Moral prächtig aufrichten konnte. Übrigens schätzte er meine Schwächen wohl auf dieselbe Weise.


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Das Leben ist eine Folge von Paradiesen, die nacheinander vernichtet wurden

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