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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Leuchter
Eingestellt am 12. 12. 2005 11:30


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Rudolf Wolter
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Leuchter
ÔÇ×Sie riechen etwas strengÔÇť, sagte die Schwester, als sie sich ├╝ber ihn beugte, um die Elektroden des EKG an seinem K├Ârper zu befestigen. Bl├Âde Zicke, dachte er, aber dann musste er ihr Recht geben. Er h├Ątte sich waschen sollen heute Morgen, oder gestern, oder vorgestern. Aber er konnte doch nicht wissen, dass er umfallen w├╝rde, mitten auf der Stra├če. Wenn nur diese Atemnot nicht w├Ąre! Aber wer wei├č denn auch, wie viel Kraft dazu geh├Ârt, all das Allt├Ągliche zu tun, Mahlzeiten zuzubereiten f├╝r sich allein, die Wohnung aufzur├Ąumen, wenn doch keiner kommt, sich zu pflegen, das f├Ąngt doch schon damit an, dass man in den Spiegel sehen muss, all dieses Elend nicht mehr leugnen kann, das einem da entgegen schaut.
Mit zwei Schachteln Tabletten wurde er entlassen, ├ärztemuster, kostenlos. Irgendwie mussten sie geahnt haben, dass er die Zuzahlung nicht leisten konnte. Sie hatten auch die Praxisgeb├╝hr nicht kassiert. ÔÇ×Die m├╝ssen Sie aber auch nehmenÔÇť, sagte die Schwester. ÔÇ×Mit etwas Wasser, nicht mit Schnaps!ÔÇť f├╝gte sie noch hinzu. Aha, daher wehte der Wind. Sie hielt ihn f├╝r einen Alki. Im Grunde genommen kein Wunder. Ungewaschen, unrasiert, sein Pullover war auch nicht kuschelweich und sauber und die Jeans hatten Flecken, un├╝bersehbar.
Dann stand er wieder auf der Stra├če. Die Lichterketten spiegelten sich in den Pf├╝tzen. Schaufenster erleuchteten das nasse Pflaster des B├╝rgersteigs. Vor dem Steakhaus strahlte ein Weihnachtsbaum. Vor vier Wochen hatten sie ihn schon aufgestellt. F├╝r ihn v├Âllig umsonst. Selbst wenn er das Geld noch h├Ątte, sie w├╝rden ihn gar nicht hineinlassen. Au├čerdem, 16,50 f├╝r ein Steak ist ganz sch├Ân happig. Auch wenn das Knoblauchbrot wirklich lecker ist, und die Sourcream hier so schmeckt wie nirgendwo.
Heutzutage muss man dazu geh├Âren, dachte er. Aber sie hatten ihn ausgeschieden. Und so f├╝hlte er sich, wie ein St├╝ck Schei├če. Ihm gefiel dieses Wort, jetzt erst recht. Man glaubt ja nicht, dass es so ist, bis es einen trifft. Und dann kommt es Schlag auf Schlag. Die Amerikaner hatten sie aufgekauft und dann verlagert. Er wurde freigesetzt oder abgewickelt, es gibt sch├Âne W├Ârter daf├╝r. Abgewickelt war er, auf der Spule war kein Faden mehr drauf, nur frei f├╝hlte er sich nicht, obwohl er nun frei war, Angeln konnte, wann immer er wollte, zu jedem Spiel des FC gehen durfte, wenn sie ihn reingelassen h├Ątten, ohne Karte. Sie verbot ihm nichts mehr, nur ihn hatte sie sich verbeten. Den Kleinen und das Auto hatte sie gleich mitgenommen, die Gro├čen waren ja schon aus dem Haus. Abgestreift, hatte sie ihn, wie ein St├╝ckÔÇŽ
Vor dem Sammelsurium im Schaufenster des Antiquit├Ątengesch├Ąftes blieb er stehen. Was man nicht alles verkaufen kann! Zuckerdosen, Mokkatassen mit Goldrand, Heiligenfiguren, Altarleuchter ÔÇô wo die wohl herkommen? So ein Schiffsmodell, die Kogge da, das w├Ąre nicht schlecht. Der Ladenbesitzer kam aus der T├╝r, das Glockenspiel klang verzaubert. Er machte sich am Scherengitter zu schaffen. Schon Ladenschluss. Er sperrte seine alten Sachen ein. Eigentlich k├Ânnte er mich in sein Fenster stellen, alt bin ich, zu alt. Mich will keiner haben. Deswegen geht er jetzt auch wieder rein und sieht mich nicht an. Als ich damals die Brigg kaufte, die jetzt auf dem Vertiko verstaubt, Spinnenweben wie zus├Ątzliche Taue, da war er freundlicher, hat sie sogar nach Hause geliefert.
Er schlurfte weiter, seiner schiefen Abs├Ątze durchaus bewusst. Schon wieder wurde ihm die Luft knapp. Er blieb noch einmal stehen, atmete tief ein. Einmal. Noch einmal. Blo├č nicht wieder umfallen. Luft holen. Ich muss mich setzen. Bis da dr├╝ben schaffe ich es. Ich muss langsam gehen.
Die hohe T├╝r aus Bronze lie├č sich schwer ├Âffnen. Als sie sich hinter ihm schloss und den L├Ąrm des Verkehrs schlagartig abschnitt, w├Ąre sie ihm fast in den R├╝cken gefallen. Er schlich ├╝ber den roten Teppich den langen Gang nach vorn, ein roter Teppich, dachte er, f├╝r mich ein roter Teppich, hier m├╝sste ich schreiten und nicht so schlubbern, aber er bekam die F├╝├če einfach nicht mehr hoch. In der ersten Bank lie├č er sich fallen. Das ged├Ąmpfte Licht tat ihm gut. Hier drin hatten sie auch einen Adventskranz. Mit elektrischen Kerzen. Er w├╝rde nie k├╝nstliche Kerzen haben, dann lieber keinen Kranz, so wie jetzt. Die Altarleuchter schimmerten kostbar. Solche wie dr├╝ben, dachte er. Welche Kirche verkauft schon ihre Leuchter?
Drau├čen an der schweren T├╝r hatte er das Schild gesehen, mit Tesafilm auf die Bronze geklebt: Offene Kirche. Die Stille fing an, in ihm zu singen. Tags├╝ber sind bestimmt nicht viele hier. Das ist keine Sehensw├╝rdigkeit. Die steht in keinem Reisef├╝hrer. Einfach nur eine Kirche. Und die Leuchter schimmern. Neben dem Schlafzimmerschrank, den sie nicht mithaben wollte, weil die T├╝ren etwas schief hingen, und er es nicht fertig brachte, sie zu richten, stand seine alte Sporttasche, die er immer zum Angeln mitnahm. Sie w├╝rden reinpassen, die L├Ąnge stimmte. Die Leuchter auf der wei├čen Spitzendecke schimmerten.
Als er wieder zu Atem gekommen war, stand er auf. Absichtlich stieg er nicht die zwei Stufen zum Altar hoch. Nicht, weil er streng roch, wie die Schwester gesagt hatte. Nur weil er sich nicht schl├╝ssig war. So viele kommen tags├╝ber nicht zum Beten. Die abgeschabte Tasche ist gro├č genug. Er ging nach links zum Taufbecken. Vorsichtig, fast sch├╝chtern strich er mit seiner Hand ├╝ber den breiten silbernen Rand. Seine Fingern├Ągel k├Ânnte er auch mal sauber machen. Wie k├╝hl das Metall war. Die Schale liegt lose auf dem Stein. Sie wackelt leicht. Ziemlich breit, aber sie w├╝rde auch noch passen. Da ist auch noch eine Inschrift. Fraktur. Seine Kinder k├Ânnen das nicht mehr lesen. Er kippte die Schale zum Licht. ÔÇ×Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.ÔÇť Und eine Bibelstelle, die er doch nicht finden w├╝rde.
Wieso duzen die mich einfach? Aber irgendwie war das ein anderes Du als da drau├čen f├╝r ein Gesicht voller Bartstoppeln und einen ungewaschenen Kerl. Er ├Ąrgerte sich noch heute ├╝ber den Busfahrer, der ihn angesprochen hatte: ÔÇ×Hallo, hast du ├╝berhaupt eine Fahrkarte?ÔÇť Er hatte eine. Vorsichtig lie├č er die Schale wieder herunter. Er schnippte mit seinem Finger gegen den Rand. Lange sang der Ton nach in der Stille des weiten Raums.
Er h├Ârte das Klingen noch, als er sich wieder auf die Bank fallen lie├č. Als es erstorben war, erwachte ein sonderbares Singen in ihm. Er lauschte eine Weile in sich hinein. Dann erhob er sich, suchte sich die Mitte des roten Teppichs, richtete sich auf, holte noch einmal tief Luft, machte sich noch einmal gerade und schritt den langen Gang hinunter zum Ausgang.

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