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Leselupe.de > Horror und Psycho
Lexikon der divinatorischen Künste
Eingestellt am 31. 10. 2006 18:02


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Fugalee Page
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Es ist nun schon einige Jahre her, dass mir diese Ereignisse widerfuhren, doch noch heute spüre ich, wie sich die eiskalte Hand des Grauens nach mir ausstreckt, selbst wenn ich nur ein harmloses Lexikon zur Hand nehme. Ich sollte mit der Vision im Würfel beginnen, die überhaupt erst dafür verantwortlich zeichnete, dass mich das Böse derart mit seinen weit geöffneten Armen empfangen konnte. Schon als ich das Gelände betreten hatte, spürte ich, dass etwas unaufhaltsam auf mich zusteuerte. Nur konnte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen, dass mich dieses »Etwas« bis an den Rand des Wahnsinns treiben sollte.

*


Ich hatte im »Bauch des Wales« gefrühstückt und mich entschlossen, das Ganze erst einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten. Das Gelände entsprach in etwa der Fläche von 200 Fußballfeldern. Allein diese Tatsache ließ mich die Sache äußerst zögerlich angehen. Es galt eine Auswahl zu treffen, da an einem Tag unmöglich alles besichtigt werden konnte. Die vielen Menschen störten mich nicht, sondern gaben mir das Gefühl, an etwas Bedeutendem teilzuhaben.
Mit der Seilbahn schwebte ich über die Arabischen Emirate hinweg. Ich stellte mir vor, wie zig Tonnen originaler Wüstensand bewegt und sorgsam arrangiert worden waren.
Beim Gedanken an den Orient kamen mir wieder die Erzählungen der Scheherazade in den Sinn. Immer wenn der Morgen graute, hatte die ebenso kluge wie schöne Tochter des Wesirs durch die Kunst des Geschichtenerzählens den Sultan Scheherban bezaubert. Erst als ich einmal die Möglichkeit gehabt hatte, die Geschichten in der dreibändigen Originalübersetzung zu lesen, erkannte ich, dass neben Ali Baba ein ganzes Füllhorn orientalischer Wüstenphantasie existierte. Doch fragte ich mich auch, und dies würde wohl ein Rätsel bleiben, mit welcher Geschichte Scheherazade ihren Gebieter in der eintausendundzweiten Nacht erfreut haben mochte.
Noch in Gedanken über die mögliche Art dieser Erzählung schwebte ich weiter über Griechenland, Spanien und die Niederlande hinweg. An der Mittelstation stieg ich aus, da ich einen Besuch in Deutschland als Ehrensache empfunden hatte.
Stunde um Stunde war ich nun schon unterwegs gewesen. Mit der Zeit war es mir so vorgekommen, als bewegte ich mich im Zeitraffer durch Länder und Kontinente. Ich ließ mich inspirieren von Künstlern und deren Künsten. Ich schritt über ein riesiges Mosaik aus italienischen Bisazza-Steinchen, hielt am japanischen Tsutsumu-Garten inne und staunte dort über Schnee mitten im Sommer. Als ich die Russische Föderation passierte, überlegte ich kurz, ob ich dieser interessanten Nation einen Teil meiner kostbaren Zeit opfern sollte. Doch gedachte ich plötzlich an das Unglück in der Barentsee und der 116 toten Seeleute der Kursk, die in ihrem eisigen Grab gefangen waren.
Dachte mit Schrecken an jenen Moment, als sich eiskaltes Wasser in ihre Lungen zwängte, welches die Seeleute den grausamen Erstickungstod hatte sterben lassen. Irgendwo in der Tiefe des Sees, schwebten ihre Körper in einer sanften Strömung gespenstisch durch den Bauch des stählernen Kolosses. Ihre Fratzen, im Todeskampf verzogen; die Augen, im Moment der Agonie vor Schreck weit aufgerissen, trieben ihre Leiber dann und wann gegeneinander, berührten sich und vollführten ein schauriges Todesballett.
Nein, Mütterchen Russland, du ließest mich damals erschaudern. So war ich einfach weitergegangen.
Erst als ich die »Allee der Vereinigten Bäume« entlangschlenderte, hatte ich die grausamen Bilder wieder aus meinem Geist verdrängt. Ich fand mich in Buthan wieder. Im »Lhakhang«, dem traditionellen Tempel aus Holz und Lehm, vor dem sich ein offener Hof ausbreitete. Ein Duft von Zitronengrasöl umfing mich und tat ein übriges, einen reinigenden Effekt auf meine Seele auszuüben. Voller Interesse betrachtete ich buddhistische Wandmalereien, die Maskentänzer und Bogenschützen.
Von einem anderen Besucher erfuhr ich, dass sich in Nepal eine ähnliche Tempelanlage befände. Doch sei diese noch imposanter, da an ihr 800 Familien drei Jahre lang geschnitzt hätten. Ich fragte mich, ob denn der ganze Tag so weiterginge. Ein Wunder um das andere entdeckend; dabei das nächste noch grandioser als das vorhergehende empfindend. Voller Bewunderung ob dieser handwerklichen Leistung begab ich mich auf den Weg. Ich kam jedoch nicht mehr an mein Ziel, denn auf dem Weg zur Tempelanlage entdeckte ich ihn - den Würfel.

*


Mir kam es so vor, als würde ich völlig unerwartet aus einem Tagtraum gerissen, um mich dennoch in einer surrealen Welt wiederzufinden. So empfand ich es damals, als ich den Würfel zum ersten Mal erblickte.
Hätte man den Kubus inmitten des Geländes platziert, seine Wirkung wäre nicht annähernd so zur Geltung gekommen. Sicher, etwas ungewöhnlich vielleicht, doch mitnichten einem so nachhaltig ins Gedächtnis brennend, wie hier am Rande des westlichen Sektors. Denn inmitten des Geländes wäre er lediglich von anderen Absonderlichkeiten umgeben gewesen. Den bewussten Blick auf das blaue Ungetüm hätte einem ein allzu belebter Hintergrund schlichtweg zerstört. So, am Rande des Geschehens, konnte er in seiner ganzen Pracht auf den Besucher wirken. Als Symbol für das Land, das er repräsentierte - ISLAND.
Die Idee, einen riesigen Würfel zu platzieren, mit blauer Folie umspannt, an dessen vier Seiten sich ständig Wasser verströmte, empfand ich schlichtweg als genial. In dieser Form sein Land bei der Weltausstellung zu präsentieren, übte eine so nachhaltige Wirkung auf mich aus, dass selbst heute, nach dem unbeschreiblichen Grauen das ich erleben musste, eine Woge der Begeisterung in mir aufsteigt.
Der Würfel war riesig; gut zwanzig Meter hoch. In feinen, gleichmäßigen Kaskaden lief das köstliche Nass an ihm herab. Der Anblick und das fließende Geräusch übten eine meditative Wirkung auf mich aus. Gerade hier, abseits des Besucherstroms, wurde dieser Effekt noch verstärkt.
Als ich direkt vor dem Würfel stand, und dies war bis auf einen kleinen Abstand, der sich durch die Auffangrinne ergab, problemlos möglich, schien es, als strömte das Wasser direkt vom Himmel auf mich herab. Ich stand begeistert davor und reckte den Kopf nach oben, bis mir der Nacken schmerzte. Mit einem Mal schien sich der bewölkte Himmel extra für mich aufzutun und im gleißenden Licht eines Sonnenstrahls, rieselten diamantene Kaskaden auf mich herab. Mein Gesichtsfeld war erfüllt von diesem herrlichen Schauspiel. Eines der vier Elemente ließ mich seine Energie förmlich spüren, und ich begriff, weshalb einst Leben aus ihm entstehen konnte.
Diese energetische Ausstrahlung zeigte noch eine andere verblüffende Wirkung auf mich. Mir war, als zöge es mich hinein; hinein ins Innere des Würfels.
Für einen unsinnigen Moment lang kam mir der Gedanke, was denn wäre, wenn mir jemand den Einlass verweigern würde. Idiotisch von mir, an eine solche Situation überhaupt zu denken. Doch muss ich heute eingestehen, dass ich in diesem Fall vermutlich durchgedreht hätte. Denn irgendetwas signalisierte mir: »Du musst in diesen Würfel!«

*


Im Würfel verlief eine frei hängende Wendeltreppe kreisrund nach oben. Durch das einfallende Sonnenlicht war der Kubus in einen gespenstischen Blauton getaucht. Monitore zeigten Filme von Island; Geysire schäumten; urwüchsige Kraft, durch Vulkane manifestiert, spieen ihren heißen Odem aus. Allem Irdischen entrückt, erzeugten Klangmodule seltsam fremdklingende Töne. Mir schwindelte ein wenig und ich sah mich mit einem Mal selbst inmitten der Hügel und Wiesen des Eislandes. Die Elemente peitschten auf mich ein. Kein anderer Besucher des Würfels schien dieses Gefühl mit mir teilen zu können. Ganz oben stand ich auf der Treppe, blickte hinab. Sah wie ein Projektor ein waberndes Etwas auf den Boden zauberte. Bilder entstanden, und plötzlich schoss ein künstlicher Geysir bis fast zur Decke des Würfels empor. Als der Strahl wieder in sich zusammenfiel, sah ich erneut zu Boden. Aus der Bilderflut von Klippen, Küsten und Landschaften formten sich Worte. War dies nur eine simple Botschaft, die für Island warb? Nein - diese Botschaft war an mich gerichtet:

*


Komm und träume mit uns von einer Insel,
einer Welt mit Wasser im Überfluss,
voll natürlicher Ressourcen, die sich
ständig erneuern, mit sauberer Energie
und unberührter Natur, wo der Mensch
in Harmonie mit der Umwelt lebt.

Komm und träume mit uns von einer Insel,
an der Grenze der bewohnbaren Welt,
vom Golfstrom umarmt,
von Thermalwassern erwärmt
und von Vulkanen beheizt.

Komm und träume mit uns von einer Insel der Neuzeit,
mit modernster Technologie
und althergebrachten Traditionen,
einer Insel, mitten
zwischen der Alten und
der Neuen Welt.

Komm und träume mit uns von Island,
wo Träume wahr werden.



Und während ich jedes einzelne Wort durch den blauen Äther des Kubus in mich aufsog, sehe ich noch heute die verwirrten Blicke einiger Besucher auf mich gerichtet, da ich plötzlich wie wild, als sei ich von tausend wütenden Pavianen gehetzt, aufgeschrieen hatte: »Island, ich komme!«

*


Es sollte allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis mein Traum in Erfüllung ging. Ich hatte mein Studium bereits begonnen und war mit dem schönsten Mädchen der Uni zusammen. Indira hätte wohl jeden Mann haben können, doch vielleicht war es gerade meine leicht zurückhaltende Art, die ihr gefiel.
Eigentlich wollten Indira und ich gemeinsam fliegen, doch ihre Krankheit durchkreuzte unsere Pläne. Mir jedoch wünschte sie eine tolle Zeit, da sie wusste, wie lange ich mich schon auf die Reise gefreut hatte. Ich sollte ihr nach meiner Rückkehr einfach alles haargenau schildern, dann könnte sie durch mich die Reise nachempfinden. Ja, meine Indira verstand mich eben. Auch bei unseren Interessen ergänzten wir uns perfekt.
Während mich eher die naturgewaltige Landschaft reizte, war Indira, auch durch ihr Studium beeinflusst, von der Sagenwelt des Eislandes fasziniert. Die nordischen Götter und Mythen hatten es ihr besonders angetan. Sie dachte an den Göttervater Odin, der auf seinem achtbeinigen Schimmel Sleipnir die Wilde Jagd anführte; den Gewittergott Thor, der donnergrollend durchs Gewölk fuhr; den listigen Loki, der ständig Zwietracht unter den Göttern säte und schließlich den einzigartigen Heimdall, der in sein Signalhorn stieß, wenn eines Tages die Dämonen heranstürmten und Ragnarök anbrach, der letzte Kampf - die Götterdämmerung.
Doch war es das unbeschreibliche Leid Baldurs, das meiner sensiblen Indira am meisten zu Herzen ging. Gab es für den Sonnengott doch keine größere Schmach, als nicht im Kampf zu fallen, und somit den Einzug in Wallhall versagt zu sehen. Hermodhr, sein Bruder, der zu Hel ritt um ihn aus der Unterwelt zu befreien, sollte Erlösung bringen. Doch die Totengöttin wollte Baldur nur ziehen lassen, wenn alle Dinge auf der Welt, lebende als auch tote, eine Träne für den redlichsten aller Götter vergießen würden. Und alle taten dies, da sie Baldur so sehr liebten. Menschen, Tiere, Pflanzen; selbst das Erz, welches weint, wenn es aus frostiger Erde ans Feuer kommt. Nur der listige Loki, schändlich verkleidet, wollte keine Träne vergießen und besiegelte letztendlich das Schicksal der Asen.
Als Indira mir diese Geschichte erzählt hatte, während wir bei Kerzenschein im Bett unserer kleinen Studentenbude gelegen hatten, wurde selbst mir ein wenig schwer ums Herz. Denn Indira war eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin und irgendwie meine ganz persönliche Scheherazade.
So war es denn kein Wunder, dass mich dieses Island so faszinierte. Auch da mir seit der Vision im Würfel das Land aus Feuer und Eis nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.

Keine Vision, sondern knallharte Realität, waren hingegen die Preise in Island für Lebensmittel und Unterkunft. So galt es bei der Planung, ein bisschen Fantasie zu beweisen. Vor meiner Abreise hatte ich mich in entsprechenden Foren im Internet herumgetrieben und dort eine Isländerin kennen gelernt. Sie hieß Ingrid Fannarsdottir. In der Folgezeit betrieben wir einen regen Datenaustausch. Nur vermieden wir es, uns gegenseitig Fotos zu senden, um die Spannung aufrecht zu erhalten.
Als erstes erfuhr ich von ihr etwas über die Namensgebung der Isländer. Der Nachname der Kinder bildete sich aus dem Vornamen des Vaters, mit der Endung -dottir für Mädchen; Jungs bekamen dagegen die Endung -son. So erkannte ich, noch bevor sie es erwähnte, dass der Name ihres Vaters, Fannar, lautete.
Ingrid wollte irgendwann einmal good old Germany besuchen; ich hatte Interesse an ihrer Heimat. Was lag da näher, als die wohl interessanteste Art der Völkerverständigung zu wählen. So wollte ich dieses Jahr Island, sie im darauf folgenden Deutschland besuchen. Die Tatsache, dass Ingrid in meinem Alter war, ebenfalls eine Uni besuchte und fließend Englisch sprach, erleichterte die Sache ungemein.
Als es dann endlich soweit war und sich der stählerne Adler in die Lüfte erhob, schlug mir das Abenteurerherz bis zum Hals.

*


Nach meiner Ankunft in Keflavik, ging es gen Osten in Richtung Landeshauptstadt. Dort lebte Ingrids Familie, welche mich die nächsten sieben Tage beherbergen wollte. Die 1000 Kronen für den Busshuttle nach Reykjavik schienen mir für die knapp 50 km angemessen, nachdem eine Umrechnung in meine Währung zwölf Euro ergeben hatte. Dort wollte Ingrid mich abholen, und so kam es dann auch.
Wer sich jemals mit einer Internetbekanntschaft verabredet hat, weiß, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich dachte an die vielen Pärchenagenturen, die sich darauf spezialisiert hatten, die richtigen Menschen zusammenzubringen und an die etlichen peinlichen Situationen, die sich daraus wohl schon ergeben hatten. Obwohl es sich bei unserem Treffen ja um keine Herz-Schmerz-Angelegenheit handelte, war das Interesse auf den jeweils anderen mindestens genauso groß.
Doch Ingrid entpuppte sich erfreulicherweise so, wie sie sich in ihren Mails beschrieben hatte. Nein – mehr noch. Ich musste mir eingestehen, dass ich äußerst positiv überrascht war. Sie hatte für die Beschreibung ihres Äußeren einen englischen Begriff gewählt, den man im Deutschen wohl am ehesten mit »tageslichttauglich« übersetzten würde. Allerdings war dies die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen.
Ein blonder Engel kam mir da an der Haltestelle entgegen. Irgendwie dachte ich an den personifizierten Schwedentraum, als sie mit laszivem Hüftschwung und ihren blonden Haaren auf mich zukam. Nur wunderte ich mich etwas über ihre luftige Kleidung, angesichts der kühlen Temperatur.
Doch sollte ich an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass einem die Isländer auch in dieser Hinsicht ein wenig sonderbar erscheinen. Ab fünf Grad Celsius plus reißen sie sich die Kleider vom Leibe und laufen in Shorts und T-Shirts herum. Wenn die Temperatur auf zehn Grad steigt, reden sie von einer Hitzewelle, und wenn es mal achtzehn Grad wird, dann wollen sie schul- und arbeitsfrei haben. Auch wenn ich hier leicht übertreibe, darf sich ein solches Völkchen natürlich nicht wundern, wenn es für Bewohner wärmerer Regionen für ein wenig sonderbar gehalten wird.
Doch muss ich sagen, dass ich mich schon nach relativ kurzer Zeit an die äußeren Umstände gewohnt hatte. Nein, richtig gefroren hat es mich eigentlich nie - jedenfalls nicht vom Wetter.
Vielleicht lag dies daran, dass ein Besucher dieser urwüchsigen Insel sofort die Kräfte spürte, welche unter seinen Füßen brodelten. In den Wohnungen der Inselbewohner herrschte eine gleichmäßige warme Schwere, welche einem wieder die Gemütlichkeit des Heimes vor Augen führte. Zudem versüßte einem die Hitze aus warmen Thermalquellen das Bad in freier Natur, dem sich die Isländer nach Feierabend nur allzu gern hingaben.
All dies erzählte mir Ingrid auf dem Weg zu ihrem Elternhaus, wenn auch in ihren eigenen Worten. Und als wir dort ankamen, sie zweimal hupte, worauf ihre Eltern lachend aus dem Haus gestürmt kamen, da schien es mir doch tatsächlich so, als hieße mich eine Wikingerfamilie willkommen.

Ich spürte sofort, dass die »Chemie« zwischen uns stimmte. Dieses Gefühl, wenn man sich auf den ersten Blick sympathisch findet. Fannar, der Hausherr, ein blonder Hüne mit Händen so groß wie Pfannkuchen, streckte mir seine riesige Pranke entgegen und begrüßte mich mit einem: »Hjartanlega velkomin«.
Seine Frau, Elin, stellte sich ebenfalls vor und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. So fühlte ich mich sofort pudelwohl. Als ich während dieser Begrüßungszeremonie kurz zu Ingrid hinübersah und sich unsere Blicke trafen; ich muss zugeben, hätte zuhause nicht Indira auf mich gewartet, wäre ich in dieser Familie vielleicht weit mehr als nur ein Gast geblieben.
Nachdem wir so kurz gestanden und ein bisschen durcheinander gequasselt hatten, wurde ich nochmals gedrückt, liebevoll durchgereicht und betrat das Haus.
In den nächsten Stunden wurde ausgiebigst geredet und geflachst. Hier und da fielen immer auch ein paar Brocken in deutscher Sprache. Da Isländer über einen natürlichen Respekt zueinander verfügen, hatten die Bewohner der Insel das »Sie« schon längst aus ihrem Sprachgebrauch verbannt. So fühlte ich mich schon bald als Teil der Familie und dachte mit Wehmut an den traurigen Abschied in einer Woche.
Als wir bei Tisch saßen, trug Elin ein von ihr zubereitetes Fischgericht auf. Ich befürchtete schon das Schlimmste. Denn auf dem Weg zu ihrer Familie hatten Ingrid und ich an einer Tankstelle halten müssen. Ich war mit ihr zum Zahlen hineingegangen, da ich die Rechnung übernehmen wollte. Dort erkannte ich, dass die Isländer einen sonderbaren Geschmack besitzen. Gleich neben den allseits beliebten Schokoriegeln, gab es als Snack zehnagelharten Trockenfisch zu kaufen. Auch die Tatsache, dass sich der Isländer zum zweiten Frühstück gerne sauer eingelegte Walspeckwürfel aus Plastikbechern fingert, ließ mich Schlimmes erahnen.
Das Gericht, welches Elin zubereitet hatte, schmeckte jedoch nicht schlecht, wenn auch etwas ungewohnt. Ich aß sowieso recht selten Fisch. Mein Studentenmagen war eher an Pizza margherita, oder bei besonderen Anlässen auch an quattro stagioni gewöhnt.

Nach dem Essen unternahm ich mit Ingrid den ersten Ausflug in das »Tal des Thing«. Hier am Rande des Thingvallavatn, Islands größtem See, war immerhin das älteste Parlament Europas gegründet worden. Auf der Fahrt dorthin machte sich dann mein Magen bemerkbar, und Ingrid begann mich ein wenig aufzuziehen:
»Sei froh, dass du uns nicht zur Weihnachtszeit besucht hast!«, sagte sie mit einem breiten Lächeln.
»Wieso?«
»Na, sonst hätte dir meine Mutter womöglich unseren Kaest Skata vorgesetzt.«
Wie ich von Ingrid erfuhr, handelte es sich bei diesem Nationalgericht um eine Art »Gammelrochen«, welcher in Island am Tag vor Weihnachten verzehrt wird. Die Besonderheit dieses Fisches ist, dass er den Harnstoff nicht in einer Harnblase speichert, sondern direkt im Körper. Dadurch ist er nicht zum direkten Verzehr geeignet, sondern für den Menschen giftig. Lässt man den Körper des Rochens aber mindestens vier Wochen fermentieren, so kann man sich an seinem eigentümlichen »Aroma« erfreuen.
Ingrid hatte es damals offenbar große Freude bereitet, mir durch diese Geschichte das flaue Gefühl im Magen noch zu verstärken. So erkannte ich, dass die Isländerin über einen Humor derber Würze verfügte, und wohl alles andere als zimperlich war. Ich fand dies recht interessant und neu, da Indira ein etwas sanfteres Wesen besaß. Vielleicht wollte ich damals einfach ein wenig interessanter wirken. Dies mag der Grund dafür gewesen sein, weshalb ich Ingrid auf der Heimfahrt von meiner Vision im Würfel erzählte. Doch Ingrid schien keineswegs überrascht und erklärte mir:
»Weißt du, wir Isländer haben keine alten Schlösser, Burgen und Kathedralen wie ihr. Unsere Kathedrale ist die Sprache. In alten Schriften wie der ›Edda‹ besingen wir noch heute Mythen, Helden und Götter. Glaub mir, in einem Land, wo es Kobolde und Elfen gibt, sind auch Visionen für uns nichts Ungewöhnliches. Außerdem, wenn du etwas über deine Zukunft wissen willst, frag einfach mich!«
Ingrid erzählte weiter, dass ein Großteil der isländischen Bevölkerungen an die Existenz des sogenannten »Huldufólks« glaubte. Einem versteckten Volk, zu dem neben Elfen auch Zwerge, Gnome und Trolle gehörten.
»… und ich glaube kaum, dass ein anderes Land über eine Elfenbeauftragte verfügt«, verkündete sie voller Stolz.
»Eine was?«
»Ja, eine staatliche Elfenbeauftragte. Sie hat alle Wesen kategorisiert, und ihre Wohnsitze und Wege in eine ›Landkarte der verborgenen Welt‹ eingezeichnet.«
»Du machst Witze.«
»Nein wirklich!«, erwiderte sie fast ein wenig trotzig.
»In einer Stadt namens Grundafjördur befindet sich an der Hauptstraße zwischen den Häusern mit den Nummern 82 und 86 lediglich ein Felsen. Und dieser Felsen, die Nr. 84, wird von den Wesen bewohnt.«
Ich war erstaunt, wie abergläubisch die ansonsten so fortschrittlichen Isländer sich zeigten, und da kam noch mehr:
»Auch Privatleute legen bei ihren Bauplanungen Wert darauf, keine Elfenheime zu zerstören. Es gibt einige Anekdoten, nach denen all jene Bauherren schlechte Erfahrungen gemacht haben, die keine Rücksicht auf die Behausungen der Naturgeister genommen haben.«
Ingrid erinnerte mich jetzt doch irgendwie an Indira. Auch die Isländerin verstand es, mich in ihren Bann zu ziehen.
»Es sollte einmal ein Stein bei einer Hühnerfarm gesprengt werden, weil der Besitzer die Farm erweitern wollte. Die Hühner, so wird erzählt, hörten daraufhin auf zu legen, so dass der Betrieb Konkurs anmelden und versteigert werden musste. Der neue Eigentümer aber, der den Stein verschonte, schrieb schon bald wieder schwarze Zahlen.«
»Und was ist mit dem Stein geschehen?«, wollte ich wissen.
»Der steht heute unter dem Schutz des staatlichen Museums Reykjavik und gilt als nationales Kulturgut.«
»Na, den Stein würde ich gern mal sehen!«
»Heute schaffen wir das wohl nicht mehr, aber morgen.«
Ingrid griff nach einer Zigarette und blies kurze Zeit später die ersten Rauchschwaden gegen die Scheibe. Da kamen mir ihre Worte wieder in den Sinn.
»Wie hast du das vorhin eigentlich gemeint, als du gesagt hast, ich solle dich nach meiner Zukunft fragen?«
»Ach das. Ich lese hin und wieder aus dem Kaffeesatz die Zukunft anderer Leute.«
»Du kannst so was?«
»Ich bin Isländerin!«, gab sie mir mit einem verschmitzten Lächeln zur Antwort.
Dann hatte sie die Lautstärke der Stereoanlage voll aufgedreht, das Gaspedal des alten Volvo bis zum Anschlag durchgedrückt, und war trotz der Geschwindigkeitsbegrenzung in einem Affentempo zurück nach Reykjavik gebraust.

*


»Die Elfen gehen noch, am schlimmsten sind die Gnome und Trolle.«
Beim Abendessen hatte Ingrid ihre Erzählung von übernatürlichen Dingen dann fortgesetzt. Allerdings konnte ich am Gesichtsausdruck ihrer Mutter erkennen, dass diese von den morbiden Geschichten ihrer Tochter nicht begeistert war.
»Nach dem offiziellen Handbuch der isländischen Trolle, dem ›Vae Hartal‹ haben rund 40 Prozent der Befragten schon mit Toten Kontakt gehabt. Gestorbene Menschen, die nach ihrem Tod keine Ruhe finden und als ›Afturganga‹ ihr schreckliches Unwesen treiben. Sie töten andere Menschen oder verschleppen sie der Sage nach durch offene Gräber in die Hölle. Die Geister verraten sich allerdings dadurch, dass sie sich ständig wiederholen und dass sie nicht den Namen Gottes aussprechen können.«
»Ingrid, du machst unserem Gast ja noch Angst«, ermahnte Elin ihre Tochter. Fannar saß während dessen nur still da, und griff mit stoischer Ruhe nach den aufgetragenen Leckereien.
»Keine Sorge, da braucht es schon mehr als ein paar Gruselgeschichten«, beruhigte ich Ingrids Mutter.
»Wie das Handbuch informiert, treiben neben Trollen und Afturganga auch Hunderte von ›Guhlen‹, leichenfressende Dämonen, ihr Unwesen«, fuhr Ingrid ungerührt fort. »Ihre Gestalt und ihr Wesen sind so schrecklich, dass sie einen Menschen in den Wahnsinn treiben können.«
»Nun ist aber Schluss!«, sprach dann Elin ein Machtwort. »Du weißt doch, Ingrid, dass ich solche Geschichten bei Tisch nicht mag.«
Mit diesen Worten reichte sie mir die Brotschüssel und meinte, ich solle doch kräftig zugreifen, da genug da sei. Ich bedankte mich höflich und war froh, zur richtigen Zeit angereist zu sein, da ich wieder an den »Gammelrochen« denken musste.
Ingrid hörte auf ihre Mutter, zuckte nur kurz mit den Achseln und schwieg still. Ich war mir jedoch sicher, dass sie morgen mit weiteren Gruselgeschichten aufwarten würde.
So neigte sich mein erster Tag in diesem Land der tausend Grüntöne, gespickt mit groteskem Lavagestein, dem Ende zu, und ich freute mich bereits auf die nächste Station meiner Entdeckungsreise.

Am folgenden Tag hatte Ingrid jedoch keine Zeit gehabt. Sie hatte einen anderen Termin vergessen, und da ich den Museumsbesuch nicht ohne sie unternehmen wollte, entschloss ich mich, Reykjavik etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Die Architektur gefiel mir auf Anhieb, da sie sich abwechslungsreich und farbig gestaltete. Während in Deutschland die Behörden mit zahlreichen Vorschriften darauf bedacht sind, dass ja niemand aus der Reihe tanzt, erschienen mir die Isländer hier weitaus toleranter. Ein- bis zweistöckige Häuser, dicht beieinander gebaut. Das eine blau, das nächste gelb, dem sich ein drittes rotes, mit Wellblech verkleidet, anschloss. Dächer, mal mit mal ohne Gauben, in den verschiedensten Stilrichtungen. Die Hallgrimskirche, ein Wahrzeichen Reykjaviks, erinnerte von ihrem Äußeren eher an eine Basaltformation als an religiöse Baukunst; während der präsidiale Amtssitz mir eher wie ein Haus in einem Haus gebaut vorkam.
Da es ein sonniger Tag war, herrschte reges Treiben auf den Straßen und Plätzen. Auch der Landesgast konnte getrost auf den dicken Islandpullover verzichten, und auf den Grünflächen der Stadt die Sonnenstrahlen genießen; relaxte Eltern und überall spielende Kinder.
Ich war schon eine ganze Weile unterwegs gewesen, als ich feststellte, dass ich mich ziellos verlaufen hatte. Dumme Sache war das gewesen. Ich hatte den etwas komplizierten Straßennamen meiner Gastfamilie nicht im Kopf behalten und überlegte nun angestrengt, an welchen Kreuzungen ich überall abgezweigt war. Da entschloss ich mich, erst einmal einen Kaffee zu trinken. Bei einer gemütlichen Tasse würde mir der Weg schon wieder einfallen. Zur Not hatte ich ja die Telefonnummer meiner ›Pension‹ in der Tasche. Doch anzurufen, mit der Bitte mir zu sagen, wo ich denn hin müsse, erschien mir doch verdammt peinlich. Was würde da wohl Ingrid von mir denken?
So ging ich in dieses kleine Cafe, setzte mich an einen Tisch und sah durch die Scheibe den vorbeifahrenden Wagen hinterher. Als die Bedienung kam und sich nach meinen Wünschen erkundigte, bestellte ich in meinem besten Englisch. Sie lächelte, machte kehrt und zupfte sich dabei die Schürze zurecht. Ich ertappte mich dabei, wie mein Blick entlang ihrer wohlgeformten Beine bis zu ihrem Po schweifte. Anscheinend wirkte sich die frische Luft nicht nur positiv auf die Libido der Inselbewohner aus. Ich dachte wieder an die vielen Kindern, die mir auf meinem Weg begegnet waren und daran, dass dieses isländische Klima so manchem deutschen Pärchen auch ganz gut tun würde.
Dann blickte ich wieder durch die Glasscheibe nach draußen, und ging zwecks Orientierung in Gedanken den bisher beschrittenen Weg zurück; als mich plötzlich eine Stimme von meiner geistigen Landkarte wegriss.
»Sie sind Deutscher?«
Ich zuckte überrascht zusammen. Dass man mir den Deutschen gleich ansah, erstaunte mich. Nicht dass ich meine Herkunft je verleugnet hätte, doch wies der reisende Alemanne bisweilen Eigenschaften auf, von denen ich mich gern distanzierte.
»Ja, sieht man das?«, fragte ich überrascht nach.
»Oh, verzeihen Sie, junger Mann. Ich hörte zufällig ihre Bestellung bei der Dame. Ihr deutscher Akzent war mir gleich aufgefallen.«
Der Alte scheint gute Ohren zu haben, war mein erster Gedanke gewesen.
»Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?«
Ich hatte nichts dagegen. Ein kurzes Schwätzchen in der Muttersprache würde sicher erfrischend wirken.
»Mein Name ist Willem Gaap«, stellte der Alte sich vor.
Ich nannte ihm ebenfalls meinen Namen und reichte ihm die Hand zur Begrüßung.
»Und Sie sind Holländer?«, stellte ich fragend fest, denn auch sein Dialekt ließ sich eindeutig zuordnen.
»Ich bin in Holland geboren, lebe aber schon viele Jahre hier auf Island.«
»Sie sprechen ausgezeichnet deutsch, und auch isländisch?«
»Nun, bevor ich hierher kam, lebte ich einige Jahre in Deutschland; wenn Sie zudem mit einer Isländerin verheiratet sind, fällt ihnen das Erlernen der Landessprache bedeutend leichter.«
Gaap war mir sogleich sympathisch. Ein etwas kauzig wirkendes Alterchen. Er trug eine dicke Weste, die seinen Wohlstandsbauch vorzüglich kaschierte. Sein Gesicht war groß und rund. Die wenigen Haarsträhnen hingen ihm leicht zerzaust auf dem Kopf herum. Herr Gaap strahlte eine gewisse großväterliche Güte aus. Nur die Knopfaugen, die einen aus dunklen Höhlen anstierten, umgeben voll seltsamer Vegetation, da sie von buschigen Augenbrauen bewachsen waren und jener schmale Mund, passten nicht so recht zu der ansonsten liebenswürdigen Erscheinung.
»Sie sind erst angereist?«, wollte Gaap wissen.
Ich erzählte ihm von der Ankunft, meinem ersten Ausflug und der freundlichen Gastfamilie, bei der ich untergekommen war. Meine Vision, die ich während meines Besuchs auf der EXPO erlebte hatte, behielt ich indessen für mich.
»Ich bin überzeugt, die nächsten Tage hier auf Island, werden Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben.«
Nach meiner Erinnerung war es dieser Satz Gaaps gewesen, der das Gespräch in die von ihm beabsichtigte Richtung lenkte. Ich hatte ihm in etwa zur Antwort gegeben, dass ich es gar nicht erwarten könne das Land zu erkunden und voller Erwartung in die Zukunft sähe.
»Oh, sagen Sie nur, junger Mann, allen Ernstes? Sie beschäftigen sich auch mit der Divination?«
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wovon Gaap sprach. Erst auf meine Nachfrage hin, erklärte er mir, dass die Divination sich mit der Vorhersage zukünftiger Ereignisse beschäftigte. Ich wollte ihm gerade erklären, dass meine Aussage nur so eine Redensart gewesen sei, da kamen mir wieder Ingrids Worte in Erinnerung: »…wenn du was über deine Zukunft wissen willst, frag mich!«
»Aber ich kenne eine Person, welche von sich behauptet, sie könne mir aus dem Kaffeesatz die Zukunft vorhersagen.«
»K - wie Kaffeedomantie!«, tönte es ganz selbstverständlich aus Gaap heraus. »Eine weit verbreitete Form der Divination. Meines Erachtens nicht sehr wirkungsvoll. Doch will ich ihrer Bekannten keineswegs ein Talent absprechen.«
Mir fiel auf, dass Gaap gleich davon ausging, dass es sich bei der von mir erwähnten Person um eine weibliche handelte. Nun, vielleicht waren es ja gerade Frauen, die für diese Art der Vorsehung empfänglich waren. Doch belehrte mich Herr Gaap sogleich eines Besseren:
»Das Weissagen aus dem Kaffeesatz geht wohl auf das 17. Jahrhundert zurück. Das erste Werk verdanken wir dem Florentiner Tamponelli.«
Ich weiß noch, wie mich der Name dieses Südländers amüsierte. In Deutschland hätte er sich wegen seines markanten Namens sicher manch süffisante Bemerkung gefallen lassen müssen.
»Man nahm an, die Kaffeedomantie sei eine Form der Catoptromantie«, setzte Gaap seine Ausführungen fort.
»Capo … was?«
»C - wie Catoptromantie! Die Weissagung durch Spiegel. Man nahm an, der getrocknete Kaffeesatz auf einen Teller gelehrt, rufe eine hypnotische Wirkung hervor, so dass der Wahrsager zu Halluzinationen gelangte. In Wahrheit handelte es sich lediglich um eine Interpretation der durch den Kaffeesatz zufällig entstandenen Figuren.«
»Doch was hat der Kaffee mit einem Spiegel zu tun?«, hakte ich nach.
»Der schwarze Kaffeesatz nahm hier eine symbolische Stelle ein - für schwarze Spiegel.«
»Schwarze Spiegel?«
»Ja, in der Catoptromantie kann jeder glänzende oder polierte Gegenstand als Spiegel verwendet werden. Nur müssen wir eben zwischen weißen - wie Kristallen oder Edelsteinen - und schwarzen Spiegelflächen, wie dem erwähnten Kaffeesatz, einem gut gewichsten Schuh oder dem Boden von schwarzangelaufenen Wasserkesseln, unterscheiden.«
»Ah ja, auch die berühmte Kristallkugel der Zigeunerin?«
»Ebenfalls ein weißer Spiegel!«
Ich fand dies über alle Maßen interessant und geheimnisvoll. Wenngleich ich als angehender Naturwissenschaftler dieser Pseudolehre sehr skeptisch gegenüberstand. Doch wollte ich gern noch mehr über die divinatorischen Künste erfahren. Vielleicht konnte ich so Ingrid ein wenig beeindrucken.
»Obwohl Sie so genau im Detail Bescheid wissen, scheinen Sie doch von dieser Art der Weissagung nicht viel zu halten«, versuchte ich Gaap aus der Reserve zu locken.
»Glauben Sie mir, junger Freund, es gibt viel effektivere Methoden. Ich versichere Ihnen, dass sich gleich hinter dem ersten Buchstaben des Alphabets weitaus amüsantere Varianten der Divination verbergen.«
Der Mund des Herrn Gaap, jene schmale Linie, schien ein wenig durchzuhängen. Sollte dies ein Lächeln sein?
Da kam die nette Kellnerin auf uns zu, servierte den bestellen Kaffee und schlenderte wieder in Richtung Tresen. Mir war aufgefallen, dass sie Gaap gar nicht nach einer Bestellung gefragt hatte. Aber vermutlich kam der Alte öfters hier herein; mehr um sich aufzuwärmen als den Umsatz anzukurbeln.
»Oh, oh, verdammt heiß, das Zeug!«, sagte ich mehr zu mir und hatte die Zunge bereits verbrüht.
»Oh ja sicher, O - wie Ordal. Die Weissagung einer Schuld oder Unschuld durch ein Gottesurteil. Eine früher sehr beliebte Methode. Der Angeklagte musste das Martyrium eines physischen Prüfmittels überstehen. Wenn eine Hand unverletzt blieb, nachdem man sie in siedendes Öl getaucht oder sie glühendes Eisen umfasst hatte, bewies dies die Unschuld eines Verdächtigen.«
Bildete ich mir dies nur ein, oder war Gaaps Blick während seiner grausamen Schilderung tatsächlich starr auf etwas vor ihm liegend gerichtet? Auf meiner Hand - die ich daraufhin zurückzog und so tat, als müsste ich mir die Bartstoppeln kratzen.
»Oder gehen wir einen kleinen Schritt zurück im Alphabet. N - wie Nekromantie! Die Weissagung durch die Anrufung der Toten.«
»Ja, müssen denn für diese Form der Divination auch so grausame Rituale begangen werden?«
»Die Natur dieser Divinationskunst liegt eher im spirituellen Bereich, wenngleich …« , Gaap zögerte, »… wenngleich einige behaupten, die Nekromaten benötigten das Blut eines Leichnams um die Toten anzurufen; denn Dämonen lieben das Blut!«
»Dann glauben Sie sicher auch an die Existenz des Huldufólks?«, wollte ich von Gaap wissen, da ich wieder an die Geschichte von Ingrids versteckt lebenden Wesen denken musste.
»Oh, Sie sollten dem durchaus Beachtung schenken. Immer wieder hört man von seltsamen Ereignissen. Ich erinnere mich an ein Vorkommnis im Höfdi, dem Gästehaus von Reykjavik, beim ersten Gipfeltreffen von Reagan und Gorbatschow im Jahre 1986. Obwohl alles bis ins kleinste Detail geplant und vorbereitet war, fiel plötzlich die gesamte Telefonanlage aus. Man führte dies auf die geheimnisvollen Kräfte des Widergängers Mori zurück.
Später, beim Ausbau der Álfhólsvegur, dem Elfenhügelweg, ging alles Bohrgerät zu Bruch. Man hatte unbedacht den Elfenhügel entfernen wollen, nach dem die Straße jetzt benannt ist. So ließ man dann alles wie es war. Heute schlägt die Straße dort ihren einzigen Bogen.«
Ich erkannte, dass die Bewohner dieses schönen Landes offenbar einen Heidenspaß darin fanden, einen Neuankömmling mit ihren Schauergeschichten zu erfreuen. Obwohl ich dem Alterchen seinen Spaß nicht verderben wollte, schien es mir nun doch an der Zeit, auch meinen Teil zum Schabernack beizutragen. Ich überlegte mir, dass der reine Aberglaube an Trolle, Elfen oder Dämonen wohl schwer zu widerlegen sei, da es sich eben um traditionellen Aberglauben handelte. Dieser konnte nur mühsam und mit wissenschaftlicher Kraftanstrengung verbunden, als solcher überführt werden. Die Divination jedoch, die Vorhersage zukünftiger Dinge, schien mir wesentlich leichter ad absurdum zu führen. Und so wollte ich von Gaap wissen, ob er denn selbst auch die Kunst der Divination beherrschte. Wenngleich ich natürlich voraussetzte, dass er hierfür weitaus harmlosere Hilfsmittel einsetzte.
»Lassen Sie es mich einmal so sagen …«, setzte Gaap an und fixierte mich dabei mit den kleinen Knopfaugen, »… wären Sie ein Virtuose und auf der Suche nach dem passenden Instrument, um auf diesem die klangvollen Partituren der divinatorischen Künste zu spielen, so verkörperte ich lediglich eine ordinäre Geige, meine Frau hingegen - die Stradivari.«
»Ach, ihre Frau sitzt auch vor einer Glaskugel?«, warf ich spontan ein und bereute sogleich meine flapsige Bemerkung. Gaaps Miene verzog sich leicht und ich dachte schon, ihn verletzt zu haben. Schließlich wollte ich kein Spielverderber sein.
»Ach wissen Sie, junger Mann, ich sehe meine Aufgabe eher darin, Fakten zu sammeln und diese unter die Leute zu bringen. Meine Frau hingegen besitzt die Fähigkeit dieses Wissen auch entsprechend anzuwenden. Leider ist sie sehr scheu und liest nur engen Bekannten die Zukunft.«
Oh, jetzt kommt das alte Ein-Beweis-ihrer-Fähigkeiten-ist-leider-nicht-möglich-Spiel, dachte ich so vor mich hin und war fast ein wenig enttäuscht, dass sich Gaap so leicht als Scharlatan überführen ließ.
»Ich habe jedoch das Wissen, das ich in den vielen Jahren ansammeln konnte, zusammengefasst und zu Papier gebracht. Ein Bekannter von uns - meiner lieben Frau und mir - hat nun geholfen, das Buch zu verlegen.«
»Ach, was Sie nicht sagen. Das war sicher ein ganz außerordentlicher Kraftakt«, versuchte ich meine Begeisterung in Worte zu fassen. Musste mir aber eingestehen, dass ich übertrieb, da ich den Alten wieder ein wenig besänftigen wollte. Er tat mir in seiner Verblendung jetzt fast ein wenig leid.
»Kann man es denn schon irgendwo bestellen?«, zeigte ich gespieltes Interesse.
Meine Nachfrage schien Balsam für Gaaps ausgebremsten Enthusiasmus zu sein.
»Wissen Sie was, junger Mann! Sie sind mir sympathisch. Ich werde Ihnen ein Gratisexemplar zukommen lassen. Nur, ein Paket nach Deutschland ist leider sehr teuer. Mit dem Flugzeug kostet es ganze 2400 Kronen. Mit dem Schiff ist es günstiger, doch wäre das Paket dann gut drei Wochen unterwegs. Geben Sie mir doch die Adresse ihrer Gastgeber, dann schicke ich Ihnen ein signiertes Exemplar gleich morgen raus.«
Jetzt schien der Moment gekommen, ihm den wahren Grund meines Cafebesuchs zu nennen. Ich hätte sein Angebot ja auch dankend ablehnen können, doch da ich überzeugt war, dem Alten nie wieder zu begegnen, erzählte ich ihm von dem Malheur der vergessenen Adresse nebst der Peinlichkeit, sollte es nötig sein die Familie anzurufen.
»Das muss Ihnen doch nicht peinlich sein,« versuchte mich Gaap zu trösten.
»Was denken Sie, wie es mir erging, als ich das erste Mal diese Insel betrat. An die ungewöhnlichen Namen muss sich ein Gast erst einmal gewöhnen. Aber ich bin mir sicher, dass ihnen der Rückweg wieder einfällt.«
Dann machte Gaap wieder eine kleine Pause, so als müsste er den Geistesblitz durch den Körper erst an die richtige Stelle leiten.
»Wissen Sie was? Ich rufe Sie heute Abend einfach kurz an, Sie geben mir die Anschrift durch, und fertig.«
Der Vorschlag gefiel mir. Auch da er sein literarisches Werk umsonst verschicken wollte, denn auf einen Studenten übt das Wort »Gratis« immer einen besonderen Reiz aus.
»Wie lautet denn der Titel ihres bedeutenden Werkes«, wollte ich wissen, als ich ihm die Nummer reichte.
»Ich sagte Ihnen ja schon, dass ich meine Aufgabe eher darin sehe, Fakten zu sammeln und diese zu ordnen. Bei dem Werk handelt es sich demnach um ein Lexikon. Ein Lexikon der divinatorischen Künste.«
Der Titel passt zu dir, du kauziges Alterchen, dachte ich so vor mich hin, angesichts deiner Affinität fürs Alphabet. Zur Not kann ich deine obskuren Aufzeichnungen immer noch Ingrid zum Abschied schenken. Die freut sich sicher.
Ich bedankte mich nochmals für die Mühe, die sich der Alte meinetwegen machen wollte, und sah die Sache damit eigentlich als erledigt an.
Gaap reichte mir die Hand, wünschte mir noch einen schönen Aufenthalt, Glück mit dem Wetter und verabschiedete sich.

Ich sah ihm nach, wie er sich in Richtung des Ausgangs zu bewegte. Links von mir, hinter dem Tresen, stand die reizvolle Bedienung. Eigentlich gefiel es mir recht gut in diesem Cafe. Ich signalisierte ihr mit einem Wink auf meine Tasse eine weitere Bestellung, da sah ich aus dem Augenwinkel heraus, dass Gaap in der Bewegung verharrt war. Er stand an der Tür, hatte den Griff schon in der Hand und rührte sich nicht. Es sah so aus, als würde er irgendetwas mit äußerster Anstrengung überlegen. Schon ein seltsamer Kauz, ging es mir durch den Kopf, vielleicht plagt ihn ja ein ähnliches, wenn auch altersbedingt weit größeres Problem. Bin mal gespannt, wer von uns beiden zuerst nach Hause findet.
Da nahm Gaap die Hand vom Türgriff, drehte sich um und lief schnurstracks wieder auf mich zu. Er wirkte jetzt fast ein wenig hastig, wie ein kleines Kind, dass unbedingt etwas los werden wollte.
Dann, als er so vor mir stand, kamen die Worte doch so zäh über seine Lippen, als hingen sie einzeln am klebrigen Faden einer Spinne:
»Wissen Sie … junger Mann. Ich … frage mich, ob nicht doch die Möglichkeit besteht, Ihnen eine Kostprobe der divinatorischen Künste zu geben. Ja … ich denke ernsthaft darüber nach, ob ich Sie nicht … doch meiner Frau vorstellen sollte.«
Ich war gleichermaßen erstaunt und überrascht. Erstaunt - da Gaap ja schon erwähnt hatte, dass seine Frau nur für den engsten Bekanntenkreis die Zukunft voraussagte. Überrascht - da dies nicht in mein Bild des Scharlatans passte. Denn dieser Vorschlag, seine Frau zu besuchen, lief ja auf einen Beweis ihrer divinatorischen Fähigkeiten hinaus. Ich wertete seinen Vorschlag deshalb als letzten hilflosen Versuch, nicht vollkommen lächerlich zu erscheinen. Um ihm eine noch größere Peinlichkeit, und mir meine kostbare Zeit zu ersparen, gab ich zu bedenken, dass seine Frau sicher nicht begeistert wäre, wenn er einen Fremden mit nach Hause brächte. Doch Gaap zerstreute meine Bedenken, indem er auf seine Menschenkenntnis verwies.
»Glauben Sie mir, junger Freund. Ich kenne den … Geschmack meiner Frau. Ich bin überzeugt, sie wird über Ihren Besuch sehr erfreut sein.«

*


Die Behausung der Gaaps wirkte bescheiden doch recht gemütlich. Es hing die gleiche Schwere in der Luft, die ich bereits von Ingrids Wohnung her kannte. Hier schien mir die Luft allerdings bedeutend stickiger zu sein. Vielleicht lüfteten die Gaaps ja auch seltener. Alles in allem wirkte es jedoch keineswegs penetrant auf den Besucher, und das angenehme Wesen der beiden, wog das gewöhnungsbedürftige Klima bei weitem auf. Denn auch Gaaps Frau machte einen recht freundlichen Eindruck auf mich. Es kam mir nicht so vor, als sei sie in irgendeiner Weise kontaktscheu, und ich stellte mir die Frage, ob Gaap hier nicht etwas übertrieben hatte. Ich konnte damals nicht ahnen, dass die ganze Sache nur dazu gedient hatte, die in mir entflammte Neugierde mit Nahrung zu versorgen.
Gaaps Frau war einen guten Kopf größer als ihr Mann. Sie trug ein graues hochgeschlossenes Kostüm und erzeugte in mir das Bild eines in die Jahre gekommenen, jungfräulichen Kindermädchens. Lediglich die Tatsache, dass sie mit Gaap verheiratet war, passte nicht ins Bild der fürsorglichen Jungfer. In ihrer gepflegten Erscheinung lag eine gewisse Strenge, doch ihre weichen Gesichtszüge ließen die Gedanken an die in älteren Filmen oft mürrisch dreinblickende Gouvernante erst gar nicht aufkommen. Nein – sie schien vom Wesen her perfekt zur großväterlichen Art des Herrn Gaap zu passen.
Doch dann - seltsam - wie auch bei ihrem Mann, fiel mir eine Besonderheit an ihr auf. Ich empfand diese sogar als noch merkwürdiger, als die von der Natur gegebenen, stechend schwarzen Knopfaugen ihres Gatten. Denn ihre Absurdität war künstlich herbeigeführt worden. Als mir die Dame des Hauses die Hand zum Willkommensgruß entgegenstreckte, sah ich, dass sie ihre Fingernägel schwarz lackiert hatte. Außerdem mussten es künstliche Nägel sein, da bei einem alten Menschen doch sicher keine so lange natürliche mehr wuchsen. Auch der aufgetragene Lack musste, nach dem besonderen Glanzeffekt zu urteilen, spezielle Eigenschaften aufweisen. Ihre Nägel wirkten fast wie kleine Spiegel.
Catoptromantie, ging es mir durch den Kopf. Was hatte der Alte im Cafe noch gesagt? Weissagung durch magische Spiegelflächen. Weiß sind die Guten, schwarz die Bösen.
»Willst du unserem Gast nicht etwas zu trinken bringen«, riss mich Gaaps Frau aus meinen Gedanken.
»Eine Limo vielleicht«, sagte ich in die Richtung des davoneilenden Mannes.
»Aber ein Deutscher trinkt doch lieber Bier.«
»Ich trinke nicht sehr oft Alkohol«, gab ich ihr zur Antwort.
Da kam Gaap auch schon mit mehreren Flaschen isländischem Gebräus auf uns zu. Er erwähnte beiläufig, dass es in Island noch gar nicht so lange wieder erlaubt sei, Bier zu brauen und schenkte bereits aus vollen Zügen ein. Während ich mich weiter mit Gaaps Frau unterhielt, kredenzte dieser die Getränke. Die trockene Zimmerluft verlangte nach einem kräftigen Schluck, und so trank ich mein Glas fast in einem Zug aus.
Dann hielt ich es für angemessen, die Sache etwas zu beschleunigen. Ich wollte schließlich pünktlich zum Abendessen zuhause sein. Der Heimweg stellte zwischenzeitlich kein Problem mehr für mich dar. Allein von der Beschreibung einiger charakteristischen Gebäude her, hatte mir Gaap die Richtung in etwa erklärt. Und vom Cafe selbst bis hierher zur Wohnung der Gaaps, war es nur ein Katzensprung gewesen.
So fragte ich die alte Dame, nach welcher Methode sie mir denn nun die Zukunft lesen wollte. Da verspürte ich ein Gefühl des Unwohlseins. Erst ein leichter Schwindel, dann aufkommende Müdigkeit. Ich musste kräftig gähnen und entschuldigte mich dafür.
»Das kommt sicher vom isländischen Bier«, lächelten mir schmale Lippen zu.
»Die Methode! Können wir jetzt nicht bald damit anfangen?«, hakte ich nochmals nach, und musste schon wieder die Hand vor den Mund halten.
»Die Methode?« wiederholte Gaap. »Nun, ich sagte Ihnen ja schon, dass sich die interessanteste Variante der Divination gleich zu Anfang des Alphabets verbirgt. A - wie Anthropomantie.«
»Und … und … was …uahhh …bedeutet das?« Diesmal war mein Gähnen so lang und breit, dass ich befürchtete eine Maulsperre zu bekommen.
»Ja, komm sag es ihm«, säuselte die alte Dame und griff liebevoll nach der Hand ihres Mannes.
Doch die Antwort Gaaps bekam ich schon nicht mehr mit, da mich mit plötzlicher Gewalt ein tiefer Schlaf übermannte.

*


Als ich erwachte, hatte sich die Welt verändert.
Wie durch einen Nebel aus fiebrigem Schleier nahm ich den Raum um mich herum wahr. Ein Kaleidoskop verschiedener Farbtöne erzeugte ein pulsierendes Flimmern vor meinen Augen.
Doch schien dies nicht mein größtes Problem zu sein. Nein - da war mehr als die übliche Trägheit, die für gewöhnlich auf einem lastet, wenn man vom Schlaf gerissen hinaus in die Realität tritt. Jener Schwere, die schon nach kurzer Zeit von einem abfällt; die man nach einem ausgiebigen Gähnen einfach abstreift. Gerade wie eine Katze, die sich morgens reckt und streckt, ihre Sehnen spannt, um sodann Jagd auf ein Nagetier oder Wollknäuel zu machen. Mit mir stimmte etwas nicht.
Ich saß immer noch in jenem Sessel, vor dem Tisch, in diesem Zimmer, im Hause der Gaaps. Mein Kopf lehnte leicht nach hinten gebeugt, an der hohen Lehne des Ohrensessels. Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich war zu keiner Bewegung fähig. Welch seltsame Art der Betäubung mochte dies wohl sein? Ich erinnerte mich, in einer Wissenschaftszeitung von einem Indianervolk gelesen zu haben, welches sich mit einer Droge in hypnoiden Zustand versetzen konnte. War mir ebenfalls ein Halluzinogen verabreicht worden, gemischt mit etwas, welches meine Starre erklären konnte?
Wie ein glubschäugiger Fisch, der am Grund des Sees seine Bahnen zieht, glotzte ich aus weit aufgerissenen Augen in den Raum. Verdrehte sie nach allen Richtungen und bog mir die Welt zurecht. Sah zur Decke hinauf, nach links, nach rechts und nach unten. An der Decke meinte ich Schatten zu erkennen, die sich im dämmrigen Licht der Kerzen bewegten. Ja, aufgrund des Schattenspiels bemerkte ich, dass eine Vielzahl von Kerzen im Raum verteilt sein mussten. Links und Rechts von mir konnte ich nicht viel erkennen, da mir die gepolsterten »Ohren« des Sessels die Sicht nahmen. Wie lange ich wohl ohnmächtig gewesen war? Sicher war Island schon in die Schwärze der Nacht getaucht.
Seltsam, was man so entdeckt, wenn einem die Sinne benebelt sind, ging es mir durch den Kopf. Wenn ich die Augen nach unten rollte, sah ich lediglich Teile meiner Nase und des Mundes. Hatte ich die Augen aber geradeaus gerichtet, konnte ich noch vage meine Knie erkennen. Irgendetwas stimmte dort unten nicht, doch nahm ich dies momentan eher unbewusst zur Kenntnis.
Mit Erleichterung stellte ich zunächst einmal fest, dass ich ungezwungen atmen konnte. Zwar Schlug mein Herz so heftig, dass mir das Blut in den Ohren rauschte, doch schienen meine primären Lebensfunktionen intakt zu sein. Ich überlegte, ob man mich gefesselt hatte. Dies schien mir zunächst unsinnig, da ich mich ja eh nicht bewegen konnte. Doch vielleicht war ich ja auch fixiert worden, um nicht vom Sessel zu rutschen.
Was wollten diese zwei Wahnsinnigen überhaupt von mir? Denn ich hegte nicht den geringsten Zweifel, dass mir irgendetwas von dem Alten mit dem Drink verabreicht worden war. Und auch seine Frau wusste mit Sicherheit Bescheid. Und wo waren die zwei überhaupt abgeblieben?
Ich versuchte jetzt etwas zu fühlen, zu ertasten. Meine Arme ruhten auf den Lehnen des Sessels. Ich konnte auch die Fingerspitzen gerade so erkennen, wenn ich den Blick entsprechend ausrichtete.
Mir war, als könnte ich die Finger leicht bewegen; nur ein kleines Bisschen. Ein seltsam pelziges Gefühl war da gewesen. Vielleicht am ehesten zu vergleichen mit dem Moment der Taubheit - bevor - die Ameisen durch den Körper wandern, nachdem einem der Arm eingeschlafen war. Ich war demnach nicht völlig ohne Tastsinn, soviel hatte mir diese Aktion schon einmal eingebracht.

Da sah ich die beiden. Der Anblick war schrecklich. Sie waren rechts und links hinter dem Sessel zum Vorschein gekommen. Beide waren nackt. Das Alter hatte bereits deutliche Spuren an ihren Körpern hinterlassen. Doch lag es nicht daran, dass mir das Blut in den Adern gefror. Die beiden hatten sich verändert. Ihre Körper waren von Beulen übersät und von Narben gezeichnet. Die einst so freundlich dreinblickenden Gesichter waren Fratzen gewichen. Ein höhnisches Lachen gellte aus ihren Kehlen hervor.
»Komm, mach mir 'nen Satansbraten«, schrie die Alte ihren Gatten an und klatschte sich dabei auf den nackten schwabbelnden Bauch. Gaap packte seine Frau und warf sie auf den Tisch. Dann warf er sich ebenfalls auf sie und trieb es wild mit ihr. Sie saugten und leckten, spuckten und kreischten. In das laute Gestöhne Gaaps, mischte sich eine Art hohes Fiepen der Alten; so schrill, dass mir die Ohren schmerzten. Immer wieder spürte ich ihre Blicke auf meinem Körper, während sie ihr Spiel trieben. Einmal sah mir Gaap direkt in die Augen, während er an seiner Alten eine besonders widerwärtige Praktik vollzog.
Da eröffnete sich mir eine neue Dimension des Grauens. An der Wand in der Vitrine hatte ich etwas entdeckt, das wohl als Tablett dienen sollte. Das Teil war blank poliert und stand aufrecht da, so dass ich in ihm mein Spiegelbild erkennen konnte. Recht klein zwar, doch nicht minder deutlich. Jetzt erkannte ich auch den Grund meines Fröstelns. Ich war ebenfalls nackt. Dies hatte mir mein Bewusstein vorher mitzuteilen versucht, als ich am Rande des Blickfelds meine Knie wahrgenommen hatte. Im schummrigen Licht hatte ich nicht erkannt, dass sie unbekleidet waren. Die beiden mussten mich während meiner Bewusstlosigkeit ausgezogen haben. Voll Horror wurde mir nun der Grund meines Nacktseins bewusst.
»Herr«, dachte ich bei mir. »Bitte lass Gaap keine homosexuellen Neigungen haben.« Doch auch bei der Vorstellung, wie es die Alte mit mir treiben würde, wollte keine rechte Freude in mir aufkommen. Ich beobachtet weiter und wunderte mich über die seltsamen Stellungen und Verrenkungen des Paares. Wie zwei alte Menschen überhaupt noch so beweglich sein konnten? Doch fragte ich mich auch, ob hier, angesichts ihres veränderten Aussehens und der Art ihrer Handlungen, die Bezeichnung Mensch überhaupt noch zutreffend war.
Die beiden waren aufs Widerwärtigste mutiert. Zu einem dämonischen Abgesang der »Edda«. Gaap, der Dämon mit zwei Gesichtern. Das eine so gütig wie väterlich, das andere zur höllischen Fratze verzogen. Und sein Weib? Als ebenbürtige Gespielin neben ihm weilend; was würde sie noch für Talente entwickeln? Während des widerwärtigen Aktes hatte sie jedenfalls mit ihrem Gejohle und Geschrei die Sprossen einer irdischen Tonleiter längst überschritten.
Zum wiederholten Male wollte ich mich übergeben, doch auch diese Erleichterung versagte mir die verabreichte Droge. Doch schien es mir nun möglich, den Kopf ein wenig zu bewegen; ihn von der Rückenlehne leicht abzuheben. So konnte ich weitere Teile meines entblößten Körpers sehen. Stellte mir vor, wie gierige Hände nach ihm griffen.
Da - mit einem Mal stieß die Alte ihren Mann von sich und kroch auf mich zu. Was hätte ich in diesem Moment darum gegeben, um wenigstens den Geist vom Körper lösen zu können, um meinen Verstand in Sicherheit zu wiegen. Doch auch hier wirkte die Droge grausam und verlässlich.

Der Ekel musste mir für kurze Zeit erneut das Bewusstsein geraubt haben. Denn plötzlich befand ich mich nicht mehr im Sessel sitzend. Ich nahm gerade noch wahr, wie mich das seltsame Pärchen auf den Tisch verfrachtete. Dort wurde ich beinah liebevoll ausgerichtet. Obwohl meinen Körper immer noch von dieser Starre und einer Taubheit befallen war, vernahm ich durch die Art der Lagerung, dass ich auf etwas Glitschigem bewegt wurde. In Anbetracht der widerwärtigen Praktiken, deren Zeuge ich werden musste, konnte es sich nur um Reste ihrer Körperflüssigkeiten handeln.
Ein erneuter Ekel stieg in mir hoch. Mit aller Kraft versuchte ich, den Kopf höher zu heben, doch es wollte mir nicht gelingen. Ich rollte die Augen so tief ein, dass sie mir schier aus den Höhlen traten und sah doch nur bis in etwa meines Brustkorbs. Deutlich sah ich jedoch Gaap und seine Alte, die links und rechts von mir standen. Gaap schien mit irgendetwas beschäftigt. Ich konnte nicht erkennen, mit was er sich die Zeit vertrieb, doch reichte meine Phantasie aus, mir die schlimmsten Dinge vorzustellen. Währenddessen strich ihm die Alte mit ihren schwieligen Händen übers Haar. Offenbar verfolgte sie mit Interesse die Tätigkeiten ihres Gatten. Sie zog ihn leicht zu sich her.
»Du hast so geschickte Hände«, raunte sie Gaap mit einem Atem voller Pestilenz ins Ohr.
»Jeder hat so seine Talente; nicht wahr meine Liebe?«, antwortete ihr Gaap.
Was hatten die beiden vor? Wollten sie sehen, was ein Mensch alles aushalten konnte, bevor ihn ein gnädiger Tod erlöste?
Was machte Gaap jetzt? Ich hatte den Eindruck, als würde er meinem Körper etwas entnehmen. Hätte ich den ganzen Schmerz gefühlt, hätte mich dieser vielleicht um das Bewusstsein gebracht und in eine Ohnmacht entlassen. So erlebte ich alles in dieser sedierten, unwirklich erscheinenden Realität. Als wenn einem der Zahnarzt auf dem betäubten Nerv herumhämmert, und man sich nur ansatzweise die Qualen in Händen eines mittelalterlichen Zahnbrechers vorstellen kann. Ich lag wie eine Marionette, deren Schnüre man durchschnitten hatte, regungslos bei Tisch und wurde - was? In meine Einzelteile zerlegt?
Nein! Diese Betrachtungsweise hielt der Prozedur nicht stand. Denn einer Puppe fehlte etwas ganz Entscheidendes. Etwas, das für dieses perfide Pärchen ausschlaggebend zu sein schien.
Was hatte Gaap immer wieder gesagt: … die interessantesten Künste finden sich hinter dem ersten Buchstaben des Alphabets. Was hatte er nur damit gemeint?
Doch halt! Nun bemerkte ich ein neues Detail. Die Marionette schien nicht gänzlich vom Puppenspieler getrennt. Es war mir, als hinge ich immer noch an einem einzelnen Faden, an dem Gaap nun zog. Der Schweiß rann ihm von der runzligen Stirn. Die schwarzen Knopfaugen wirkten blutunterlaufen. Von der anderen Seite fiepte seine Alte voll Freude und strich sich in nervöser Erregung über die kranke Haut. Der Puppenspieler zog indessen an seiner Marionette und mir war, als höbe es mich leicht vom Tisch hoch.
»Da ist er ja«, trällerte die Alte überglücklich aus sich heraus. »Sei ja schön vorsichtig!«
Gaap lächelte seine Alte an; er beugte sich über mich - kam ganz nahe an mich heran und flüsterte dann heiser in aufkommender Ekstase:
»A - wie Anthropomantie, junger Freund. Die Weissagung durch Innereien.«
In diesem Moment spürte ich, dass sich zum Würgereiz ein neuer Gefährte gesellte; der Wahnsinn, welcher mich überkam und mich die folgenden Worte nurmehr durch einen Nebel des Grauens erfahren ließ.
»Nur vorsichtig«, stöhnte die Alte.
»Ja, Liebes. Ich weiß doch, wie du die Wurst am liebsten hast - im Naturdarm.«

Ich SCHRIE! Schrie es aus mir heraus. Ja, ich konnte wieder schreien. Alles fiel von mir ab. Ich schlug wild um mich. Die Wirkung der Droge war mit einem Mal verflogen. Schlug wild um mich und rang nach Luft. Mein Herzschlag setzte aus, nur um zwei Pausentakte später in erneutem Stakkato loszuhämmern. Ich bäumte mich auf, sah an mir herab. Wollte ihn sehen; den glitschigen Strang, der mir aus der Leibesmitte hing. Und dann der Schweiß. Überall. Mein Körper schien alle gespeicherte Flüssigkeit in einem einzigen schockartigen Impuls durch die Poren der Haut hinauszudrücken. Alles nass. Meine Haut, das Laken, die Matratze - ich erstarrte.
Der fiebrige Schleier, der mich umgeben hatte, war verflogen; das teuflische Paar verschwunden. Ich erkannte den Raum, in dem mich eine fröstelnde Realität empfing. Ich lag nackt im Gästebett der netten isländischen Familie. Gerade so, wie ich mich gestern Abend hingelegt hatte, nachdem Ingrid ihre Schauergeschichten zum Besten gegeben hatte.
Verdammte isländische Wikingergöre! Da hatte sie mir doch wirklich einen dermaßen realistischen Albtraum beschert; ich hätte schwören können, alles wirklich erlebt zu haben. Noch nie zuvor war ich in den zweifelhaften Genuss eines nächtlichen Mahrs gekommen.
Doch war ich mir meiner noch nicht sicher. Fühlte ich nicht geradezu einen körperlichen Schmerz?
Da kamen mir mit einem Mal die vielen schlechten Gruselfilme wieder in Erinnerung. Erwacht in diesen der Träumer, so sieht er sich bereits vom Schock erholt und wiegt sich in Sicherheit. Dann plötzlich entdeckt er ein Detail des Traumes. Eine Wunde, die ihm zugefügt oder einen Gegenstand, dem er im Traum habhaft wurde, und beginnt an seinem Verstand zu zweifeln; in dem Glauben, doch alles wirklich erlebt zu haben.
Voller Panik sah ich an mir herab. Betrachtete den verschwitzen, zitternden Körper. Nirgends eine Wunde zu erkennen. Vielleicht am Rücken? Ich sprang aus dem Bett. Lief barfuss tapsend zur Tür. Schnell gegenüber ins kleine Gäste-WC. Ein Blick in den Spiegel. Ich verdrehte den Körper, so gut es eben ging - nichts! Keine Spuren ekliger Körpersäfte oder noch Schlimmerem.
Mit Erleichterung drehte ich den Wasserhahn auf und erfrischte mich. Das kalte Wasser tat gut im fiebrigem Gesicht. Ich nahm die Seife und spürte sogleich den brennenden Schmerz. Da entdeckte ich die Wunde an meiner Hand. Ein Schnitt! Erneut Panik. Ich musste mich am Waschbecken festhalten, da mir die Knie weich wurden.
Doch schon im nächsten Moment stieg Wut in mir hoch. Über meine eigene Dummheit. Ich erinnerte mich wieder. Die Verletzung hatte ich mir am Vortag zugezogen, als ich mit Ingrid den Ausflug unternommen hatte. In der Nähe des Thingvallavatn war ich an einem bemoosten Felsen ausgerutscht und hatte mich an einem scharfkantigen Stein geschnitten. Außerdem – wie idiotisch von mir. Wäre mir der Traum real widerfahren, so hätte ich wohl weit schlimmere Verletzungen zu beklagen gehabt.
»Hallo? Was ist mit dir?«, hörte ich plötzlich die Stimme Ingrids, die wild an die Tür klopfte.
»Alles OK. Äh – ich hatte vorhin im Bett nur einen fürchterlichen Krampf bekommen«, versuchte ich hastig an einer Ausrede zu basteln.
»Und da machst du so ein Geschrei? Komm runter zum Frühstück. Mutter hat schon wieder alles hergerichtet. Sie wollte dich in deiner ersten Nacht bloß nicht zu früh wecken. Nachher geht's ins Museum.«
Die Worte Ingrids rauschten der blonden Walküre wie im Wasserfall über die Lippen. Teufelsweib, was war ich erleichtert über jede kleine Silbe von ihr. Dennoch verspürte ich wieder Wut in mir aufsteigen. Wobei ich mir nicht sicher war, ob sich dieses Gefühl mehr auf Ingrids Talent mir Angst einzujagen, oder auf meine Einfältigkeit bezog. Aber ich würde mir für dieses durchtriebene Luder eine passende Rache ausdenken.

*


»Na, du scheinst ja immer noch ganz schön durcheinander zu sein. Nun setz dich erst mal und lass es dir schmecken.«
Ingrids Mutter hatte gleich erkannt, dass ich immer noch ganz blass um die Nase war.
»Fannar kommt sicher auch gleich«, sagte sie und wie schon am Tag zuvor, bestärkte sie mich kräftig zuzulangen.
Ingrid mampfte bereits drauf los und feilte in Gedanken vermutlich schon an ihrer nächsten Schauergeschichte fürs Museum. Doch diesmal würde ich vorbereitet sein und zurückschlagen.
Da gesellte sich Fannar zu uns, und gab seiner Frau erst einmal einen dicken Begrüßungskuss auf die Wange. Ich blickte leicht verschämt zur Seite und sehnte mich insgeheim nach meiner Indira.
»Und Schatz, wer war's?«
»Dachte erst, jemand hätte sich verwählt«, antwortete Fannar und griff mit seiner riesigen Pranke nach einem Brötchen.
»Wollte jemand etwas vorbeibringen, hatte aber nur unsere Telefonnummer. Hab ihm kurz die Adresse gegeben. Übrigens Ingrid, du könntest dir ein Beispiel an unserem Gast nehmen. Sogar im Urlaub will er sich weiterbilden.«
Erst als Fannar mich erwähnt hatte, spürte ich, wie sich eine unsichtbare kalte Hand nach mir ausstreckte.
»Was wollte derjenige vorbeibringen?«, krächzte es aus mir heraus.
»Ein Lexikon«, antwortete Fannar, und fügte dann im Tonfall völliger Ahnungslosigkeit hinzu »…er meinte, du wüsstest Bescheid und zudem sei es - umsonst.«


EPILOG
Und abermals hatte ich geschrieen; an meinem gesunden Menschenverstand gezweifelt. Ich hatte nichts hören wollen von Zufällen und Einbildungen, da ich die schreckliche Wahrheit ja kannte.
Beruhigte mich erst wieder, als ich im Flugzeug saß, wo mich die Kräfte des Guten in den isländischen Himmel katapultierten. Mich in Distanz brachten, von diesem Ort und einer Schrecklichkeit, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte, und so Gott wollte, auch nie wieder erleben würde. Ja - ich glaubte mit einem Mal an Gott. Wenn dieses unsäglich traumatische Erlebnis überhaupt zu etwas gut gewesen war, dann, mir meine Grenzen aufzuzeigen. Mir die antrainierte Überheblichkeit eines später einmal forschenden und lehrenden Wissenschaftlers erst gar nicht zu gestatten. Mir zu zeigen, dass jenseits des menschlichen Verstandes etwas existierte, das weder mit Worten noch mit gesundem Geist zu erklären war. Etwas, das so unglaublich abscheulich war, dass es selbst den bodenständigsten Atheisten bekehren musste. Wenn es das teuflisch Böse gab, dann musste es auch eine göttliche Barmherzigkeit geben, die einer gebrochenen Seele wieder Frieden schenken konnte.
Eine Träne rann mir übers Gesicht, da ich spürte, dass ich mit diesem Erlebnis die erträglichen Grenzen meines Verstandes nicht nur überschritten, sondern nachhaltig geschädigt hatte. Ob ich Indira würde je wieder so berühren können wie zuvor, ohne mich ständig an die Bilder der beiden Dämonen zu erinnern?
Als die Stewardess mir ein mitleidiges Lächeln schenkte, neigte ich mein Haupt zur Seite, lehnte mich kraftlos gegen die Lehne des Sitzes und mit der bleiernen Müdigkeit, die mich umfing, kamen mir wieder die letzten Zeilen jener Botschaft in den Sinn. Worte, die sich tief in meinen Geist gedrängt, und mich schließlich in dieses Land geführt hatten. Doch bei der Vorstellung, welche Mächte bei ihrer Entstehung wohl mitgewirkt hatten, trieb es mir erneut einen Schauer isländischer Eiseskälte über den Rücken.


… einer Insel, mitten
zwischen der Alten und
der Neuen Welt.
Komm und träume mit uns von Island,

wo Träume wahr werden.


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Marcus Richter
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Hallo PH,
deine Geschichte gefällt mir; schöner Titel und außerdem liebe ich blaue Würfel, seit mir David Lynch geflüstert hat, dass sich darin ein Geheimnis verbirgt...
Du scheinst mir ein Händchen fürs Geschichtenerzählen zu haben, auch wenn ich nach dem ersten Viertel etwas im Text springen musste. Vermutlich liegt das daran, dass am Anfang der Geschichte etwas zu viel ist und gekürzt werden könnte;
aber solche Allüren liegen mir fern.
Alles in Allem eine schöne Geschichte,

mit freundlichen Grüssen,
"Herr Richter"
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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Fugalee Page
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Hallo „Herr Richter“, ja – dieser Text gehört mit zu den „tausend Qualen“, die zu erleiden sind. :-)
Ein so langes Ding am Bildschirm zu lesen, ist nun wirklich kein Vergnügen. Freut mich, dass du durchgehalten hast und am Ende nicht enttäuscht warst. Kürzen ist natürlich immer drin. Die Geschichte sollte sich langsam entwickeln und erst zum Ende hin an Fahrt zunehmen. Eigentlich ist sie ja nichts anderes, als eine gruselige Reiseerzählung.
Den „blauen Würfel“ gab es übrigens wirklich. Auch die herabstürzenden Kaskaden sahen damals toll aus, als ich hinauf schaute. Nur im Würfel, auf jener Treppe, war mir nicht nach schreien zumute gewesen. Ich überlegte damals nur, ob ich irgendwann nach Island kommen würde. Ich glaube schon, dass diese Insel in einem Besucher eine besondere Stimmung erzeugt. Bei der Recherche kam jedenfalls so einiges zutage.
Deshalb – sollte diese Zeilen irgendwann eine hübsche Isländerin lesen, möge sie doch per mail Kontakt mit mir aufnehmen. :-)
OK, danke für deinen Kommentar und dann auf, zum „König der Ratten“.

F. P.

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Marcus Richter
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F.P.,
es liegt wohl meistens daran, dass einem dieses leuchtende Ding vor dem Gesicht ein wenig den Spass am Lesen verdirbt. Das ganze "Geldnetz" wirft da keinen guten Schatten auf einen Text.
Deshalb finde ich es hier immer so unheimlich schwierig, jemandem zu raten, einen Text zu kürzen. Was weiß ich schon davon, wie es ist, diesen Text bei einem Glas Wein in einem guten Ohrensessel zu lesen. Überhaupt hat dein Text schon erzählerischen Charakter, deshalb ist seine Länge durchaus gut und rät eben selbst von Kürzungen ab.
Zum Glück bekommt man hier, der modernen Evolution des Internetzwanges folgend, also ganz darvinistisch, so ein Gefühl dafür, ob ein Text hintenan noch gut ist oder nicht.
Vermutlich hab ich deshalb nicht abgebrochen, als ich von dieser Bildschirmlangeweile ergriffen wurde.
Ach wie schön, dass solche evolutionären Sprünge noch möglich sind...
Wie gesagt, der Text gefällt mir und überhaupt mag ich lange Texte. Die Idee mit den gruseligen Reisegeschichten ist auch gut. Vielleicht machst du mal eine Anthologie draus - bin ich dann mit dabei.

Mit frndl. Grüssen,
Herr Richter
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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