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Leselupe.de > Horror und Psycho
Licht und Dunkelheit
Eingestellt am 02. 07. 2004 11:56


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THX
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2004

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Sobald es Nacht wurde auf den Stra├čen und weit und breit keine Menschenseele zu sehen war und Kinder sich zum Schlafen hinlegten, um sich ins Reich der Tr├Ąume wiegen zu lassen, fiel vom Sternenmeer herab ein grauer Schleier auf das Land hernieder, und unter markersch├╝tterndem Getrappel und lautem Geschrei krochen aus den dunklen Aborten dieser Welt scharenweise Ratten an die Oberfl├Ąche empor; zu Tausenden ÔÇô ja gar zu Millionen kamen sie herbei, und, von ihrem grenzenlosen Hunger angetrieben, nagten sie an alles, was nicht niet- und nagelfest war: Essensreste, verfaultes Obst, schimmliges Gem├╝se, alte Zeitschriften, Plastikspielzeug, Geschenkpapier von letzten Weihnachten - nichts war vor ihnen sicher. Weder der gr├Ąssliche Gestank des Unrats noch das verdorbene Fleisch konnte ihnen auch nur den geringsten Einhalt gebieten, stattdessen vermehrten sie ihren Hunger bis ins Unermessliche. Wie ein Heer blutd├╝rstiger Soldaten auf dem Schlachtfelde fielen sie ├╝ber ihre Nahrung her, selbst die ├ťberreste der ihren, die ausged├Ârrt und mit Fliegenlarven ├╝bers├Ąt irgendwo unter M├╝lls├Ącken ruhten, blieben nicht verschont. Denn Ekel war ihnen g├Ąnzlich unbekannt, noch kannten sie irgendeine Form der Verbundenheit oder ein Empfinden, das der Ehrfurcht gleichkam. Nichts vermochte in ihren winzigen Herzen eine Regung hervorzubringen; sie schlugen nur f├╝r den einen Augenblick, der sie ans Diesseits fesselte, f├╝r andere Dinge gab es keinen Platz. Viel zu schwer wog das Verlangen, das sie von morgens bis abends versp├╝rten; es hielt sie fest umklammert, machte sie zu seinem unterw├╝rfigen Sklaven, Marionetten, die ausschlie├člich von einer Hand geleitet wurden. Was der Mensch tagt├Ąglich wegwarf und verfaulen lie├č, a├čen sie ohne jeden Vorbehalt - im Abseits der Menschenwelt, ihrem Zuhause: Ein kleines schmutziges Fleckchen Erde, in dem Mutter Natur noch mit grimmiger Willk├╝r ├╝ber ihre Untertanen gebot. Und genau dort, wo nicht mal der Abgebr├╝hteste unter ihnen sich hineinzutrauen gedachte und tagein, tagaus kein Sonnenstrahl den Boden traf, trat aus dem Dunkeln eine Kreatur hervor; gro├č und stattlich wie eine K├Ânigin inmitten ihrer Gefolgschaft, im allersch├Ânsten Glorienschein, gefolgt von Gesang und himmlischer Musik, so gab sie sich zu erkennen; aber lag ein Schatten auf ihrem Antlitz, der alles Licht rings um sie herum in sich zu verzehren schien; Finsternis und Angst brachte sie ├╝ber die Welt. Wer immer es auch wagte, sich ihrem Willen zu widersetzen, der durfte das gesamte Ausma├č ihrer Grausamkeit kennen lernen, einen uns├Ąglich tiefen Abgrund, in dem sich Missgestalten tummelten, deren Blick, nach oben gewandt, zu dem weit entfernten Funken hin, der in ihnen stets die Hoffnung auf ein Leben jenseits des Schmerzes aufrecht hielt, nach Frischfleisch schielte, und aus dem es f├╝r jeden Ungl├╝ckseligen, der darin hineinfiel, kein Entrinnen gab.

Vor sehr, sehr langer Zeit hatten ganze Heerscharen solcher Gesch├Âpfe unter dem Befehl jener Kreatur gestanden. Ein einziges Wort von ihr hatte ausgereicht, um Ozeane zu teilen, Berge zum Einsturz zu bringen, das Herz eines jeden zu Stein erstarren zu lassen und ganze V├Âlker auszurotten - selbst das Antlitz der Erde h├Ątte sie nach Belieben ver├Ąndern k├Ânnen. Ja, ├╝ber grenzenlose Macht hatte sie einst verf├╝gt, sch├Ân und von unerbittlicher H├Ąrte war sie gewesen - bis zu jenem Tag, an dem ein anderer ihr den Thronsitz abspenstig machen wollte und sich wagemutig ihr entgegentrat. Krieg, Tod und Zerst├Ârung waren seither ├╝ber ihr Reich gekommen. Lange hatten sie gew├╝tet, die St├Ąrksten und Tapfersten unter ihrem Gefolge in die Schlacht getrieben, sie niedergemetzelt und deren Blut auf den Feldern vergossen. Und als nach erbittertem Widerstand auch der letzte Schutzwall ihres Reiches zusammengebrochen war, wurde das Ende ihrer Herrschaft eingeleitet. In die Ferne hatte man sie verbannt. Allein. Und ohne Hoffnung auf R├╝ckkehr. In den Lumpen eines Bettlers, ausgemergelt bis auf die Knochen. Von Trauer und Hass regelrecht zerfressen. Fern von den heimatlichen Gefilden, ihrem einzigen Zuhause. Dennoch, ungeachtet der Entbehrungen, die sie in ihrem ewig w├Ąhrenden Exil seit jeher erleiden musste, hatte sie nichts von ihrer majest├Ątischen Anmut eingeb├╝sst. Was auf Beinen ging, wich wimmernd vor ihr zur├╝ck, was Fl├╝gel hatte, flog geschwind von dannen; klein und hilflos kam man sich in ihrem Angesicht vor. Ihre Augen, mit denen sie eingehend das Feld erforschte, funkelten noch immer wie wei├čes Gold; unheilschwanger und verschlagen wirkten sie auf jedermann, der zu ihr aufzublicken suchte ÔÇô aber vermochte sich niemand ihrem Glanz zu entziehen. Wie blo├čgestellt fand man sich in ihr wieder; und je l├Ąnger man darin hineinsah und sich verzaubern lie├č, desto mehr wurde einem der Zorn, den die Kreatur mit sich herumschleppte, unmittelbar zuteil. Aber so etwas wie einen Spiegel der Seele, Mitleid, Nachsicht und der Wunsch nach Vers├Âhnung, darauf wartete man vergebens. Denn die Gef├╝hlswelt der Menschen war ihr fremd ÔÇô wenn nicht gar zuwider.

Nahezu ger├Ąuschlos, wie auf leisen Katzenpfoten dahin schreitend, lie├č sie dichte Nebelschwaben hinter sich. Leichtf├╝├čig. Fast schwebend. Frei von den Gesetzen der Schwerkraft. Im Gang eines Raubtiers, das auf Beute lauerte. Die dunkle Gasse hatte sie l├Ąngst verlassen; vor dem hellen Schweif einer alten Stra├čenlaterne stand sie nun, und als sie das Gesicht darin eintauchte, kam die Sch├Ânheit eines Engels ans Licht: Porzellanwei├če Haut, kr├Ąftige Brauen, pechschwarzes Haar, kirschrote Lippen und ein ebenm├Ą├čiges Profil - und doch waren ihre Z├╝ge von entsetzlicher K├Ąlte erf├╝llt. Nichts Menschliches war in ihr zu finden. Sie war mehr tot als lebendig. Eine H├╝lle von atemberaubender Sch├Ânheit. Weiter nichts. Daneben ragten zwei lange Rei├čz├Ąhne aus ihrem wohlgeformten Gebiss hervor; stets ermahnten sie einen, ihrer Person niemals den R├╝cken zu kehren ÔÇô und sei es auch nur f├╝r einen fl├╝chtigen Moment. Wachsamkeit war vor ihr zu empfehlen, etwas anderes h├Ątte sonst verheerende Folgen mit sich gebracht, im schlimmsten Fall den Tod. Daher die Warnung an all diejenigen, die sich f├╝r besonders furchtlos halten: >>Wer immer sich von der K├╝hnheit verleiten l├Ąsst, sich ihr in den Weg zu stellen, sie zum Zweikampf herauszufordern oder auch nur schief anzuglotzen, der spielt mit seinem Leben.<<

Jedoch, die silberne Kette um ihren Hals, die sie im Gedenken an die Zeit ihrer glorreichen Herrschaft immer wie einen kostbaren Schatz bei sich trug, war das einzige, was nicht so recht zu ihrem Erscheinungsbild passen wollte. Und auch deren Anh├Ąnger, auf dem trotz aller Beklemmung ein tr├Âstliches Leuchten lag, erschien wie das letzte K├Ârnchen Barmherzigkeit, das noch in ihr wohnte. Ein Kreuz, in dem sich so etwas wie Leben verbarg.

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