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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Liebe
Eingestellt am 09. 10. 2008 10:54


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Simona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2008

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In wenigen Minuten

Simona Cratel, aus dem Rum├Ąnischen von Ada Repicky

In wenigen Minuten wird er b├Âse.
\"Was willst du eigentlich von mir?\", fragt er.

Ich wei├č keine Antwort. Ich f├╝hle mich einfach nur wohl. Vielleicht will ich das von ihm. Wir sitzen in einer Kneipe. Um an das Mandarinenst├╝ck auf dem Glasboden zu gelangen, habe ich den ganzen Cognac heruntergekippt.
\"Weil wir miteinander schlafen, was erwartest du? Dass ich dich heirate?\"

Ich sehe ihn fassungslos an. Er sieht mich w├╝tend an. Vor einer Stunde hatten wir uns noch gek├╝sst und seine Finger spielten mit meinen Haaren.
\"Eine viertel Stunde gebe ich dir noch.\"

Vielleicht liegt es an dem Cognac, denn ich verstehe kein Wort. Wovon spricht er?
\"Eine viertel Stunde?\", stammele ich.
\"Ich gebe dir noch eine viertel Stunde, danach sehen wir uns nie wieder.\"

Ich sitze vor ihm mit dem Glas in der Hand. Der Rest verschwindet im Nebel.
\"Obwohl, du bist noch minderj├Ąhrig, also gebe ich dir noch ein Jahr, bis du vollj├Ąhrig bist. Nee, nee, ich gebe dir noch 5 Minuten.\"
\"Was ist los mit dir?\"
\"Was mit mir los ist?!\"

Er scheint wirklich w├╝tend zu sein, so aus heiterem Himmel.
\"Du musst die Wahrheit ├╝ber mich wissen\", sagt er: \"Ich bin ein bisschen verr├╝ckt nach den Frauen, ein bisschen Alkoholiker, ein bisschen von allem. Das bin ich. Willst du noch was trinken?! Heute Abend bin ich gro├čz├╝gig. Komm, sag was, sei nicht so stumm! Und ├╝brigens, ich bin gar nicht der, f├╝r den du mich h├Ąltst, wei├čt du? Wof├╝r h├Ąltst du mich, f├╝r irgendeinen Heiligen? Ich stehe auf Sex, ich stehe auf Bei├čen, ich stehe auf jede Menge Schweinereien. Du bist mehr die Naive, die Unschuldige, ich bin eher etwas primitiver.

Ich kaue auf dem letzten St├╝ck Mandarine.
\"Was ist mir dir?\", fragt er mit besorgter Stimme. \"Geht┬┤s dir nicht gut?!\"

Er macht dem Kellner ein Zeichen, bestellt f├╝r mich eine Flasche Mineralwasser. In der Zwischenzeit stehe ich auf und gehe in Richtung Toilette. Aber er ist hinter mir. Er packt mich am Arm, fragt mich, als ob ich nicht richtig zugeh├Ârt h├Ątte: \"Geht┬┤s dir nicht gut, geht┬┤s dir nicht gut?!\" Dann zieht er mich zu sich und umarmt mich. \"Das Problem ist, du verlangst zu viel\", fl├╝stert er. Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas von ihm verlangt zu haben. Dann schubst er mich. Eine Halsader ist sichtbar dick geworden, so w├╝tend ist er.
\"Wenn ich dir eine knalle, geht`s dir sofort besser!\", br├╝llt er wie ein Wahnsinniger.
In einer der Toiletten h├Ârt man die Sp├╝lung, eine blonde Frau geht schnell an uns vorbei, ohne uns anzuschauen.

Er umarmt mich wieder und versucht, mich zu beruhigen, indem er mir ins Ohr fl├╝stert:
\"Komm, sei jetzt nicht sauer, komm wir gehen zur├╝ck an den Tisch und trinken zu Ende.\"
Wir gehen zur├╝ck. Wir setzen uns. Er dreht sich um und winkt jemandem. Ein M├Ądchen in meinem Alter kommt und begr├╝├čt ihn fr├Âhlich.
\"Ich dachte, du h├Ąttest mich nicht bemerkt\", sagt sie. Sie m├Âchte sich gerade hinsetzen, aber er macht ihr ein Zeichen, sie solle sich auf seine Knie setzen. Sie lacht und gehorcht. Sie sieht mich aus den Augenwinkeln an, um zu sehen, wie ich reagiere. Die Situation ist unklar.
Er bietet ihr an, aus seinem Glas zu trinken, bietet ihr Zigaretten an. Sie trinkt und raucht und lacht dabei.
\"Kommst du mit zu mir?\", fragt er sie.
\"Ja, sicher\", sagt sie und steht auf um ihre Tasche zu holen.
\"Wo willst du hin?\", frage ich ihn.
\"Ich will jetzt Sex haben\".

Ich bleibe sitzen, noch unter Schock, wei├č nicht, wie ich reagieren soll. Mein Cognacglas ist leer. Ich habe Angst, meine Stimme w├╝rde zittern, wenn ich mir noch ein Glas bestellen w├╝rde. Keine Ahnung, warum es mir ausgerechnet jetzt so wichtig ist, nach au├čen die Haltung zu bewahren. Wer w├╝rde mich jetzt anschauen? Wenn interessiert es?

In diesem Moment st├╝rzt er mit w├╝tender Grimasse wieder zur T├╝r rein, kommt zu mir und steckt mir etwas in die Bluse. Ich hole es raus. Geld.
\"Ich brauche dein Geld nicht\", br├╝lle ich und werfe ihm das Geld hinterher. Er b├╝ckt sich, sammelt es hastig auf und wirft es auf dem Tisch. Ich fege es mit einer Armbewegung vom Tisch.
\"Geht┬┤s dir nicht gut?\", fl├╝stert er. \"Was ist mit dir, geht┬┤s dir nicht gut? Sag es, dann bringe ich dich nach Hause!\"
Ich antworte nicht. Alle Leute aus der Kneipe schauen uns an. Er n├Ąhert sich und umarmt mich verzweifelt. Er steht auf und geht in Richtung T├╝r. Er dreht sich nicht mehr um. Ich sitze dort, der unerw├╝nschten Aufmerksamkeit bewusst, und versuche mich zu sammeln, ich versuche zu denken. Ich versuche.

In diesem Augenblick setzt sich jemand auf den Stuhl, auf dem er vor einigen Minuten gesessen hatte.
\"Junge Frau, ich bin auch Schauspieler!\"

Er rutscht n├Ąher mit dem Stuhl.
\"Was ist, weinen sie nicht! Ich begleite sie nach Hause!\"
\"Ich wei├č nicht wohin\", sage ich und versuche mich zu beherrschen. \"Ich bin nicht aus Bukarest. Ich wei├č nicht wohin.\"
\"Dann kommen sie mit mir, ich kenne ein besondern Ort. Kommen sie!\"

Ich stehe auf und folge ihm.
Wir betreten das Theater. Wir quatschen ein bisschen mit dem Hausmeister, danach macht er mir ein Zeichen, ich sollte ihm folgen. Wir gehen nach oben in die Schauspielerkabine. Das Theater ist klein, die Schauspieler haben keine getrennte Kabinen. Es gibt einen einzigen gro├čen Raum, wo sich alle f├╝r die Vorstellungen vorbereiten, erkl├Ąrt er mir.
\"Ich stelle dir eine Frage und du sagst Ja oder Nein.\"

Ich nicke mit dem Kopf als Zeichen, dass ich einverstanden bin. Ich sacke nach unten mit dem R├╝cken an die Wand gelehnt. Wie durch dicken Nebel betrachte ich die mit Kost├╝men und Spiegeln gef├╝llte Kabine. Ich kann mich nicht konzentrieren. Mit meinen Augen scheint etwas nicht zu stimmen. F├╝r eine Sekunde denke ich, ich bin blind.
\"Bist du zwanzig?\"
Ich verneine, bis er bei siebzehn ankommt.
\"Du und Daniel, kennt ihr euch schon l├Ąnger?\"

Ich bejahe.
\"Aus der Kindheit?\"

Erneut ja.
\"Trinkst du gerne Sekt?\"

Ich nicke und er zaubert eine Flasche irgendwoher. Penibel macht er die Flasche auf. Als er den Stopfen entfernt, entsteht ein unertr├Ąglicher Krach.
\"Wir haben hier keine Gl├Ąser. Es wird etwas kompliziert sein, Sekt aus der Flasche zu trinken, aber ich gehe deswegen nicht mehr nach unten.

Ich sehe die Poster an der Wand. Ich sehe in einer Ecke den weihnachtlich geschm├╝ckten Tannenbaum. Wir trinken ganz still. Auf einmal steht er auf und f├Ąngt an ein Kost├╝m nach dem anderen anzuziehen und Rollen zu interpretieren und ich lache dabei. M├╝de nimmt er seinen Hamlethut ab und sagt:
\"Kommt wir gehen schlafen, ich glaube es ist 4 Uhr morgens.\"

Er macht aus den Kost├╝men ein Riesenhaufen und l├Ądt mich ein, mich darauf zu legen. Er legt seinen Kopf auf meinem Schoss und f├Ąngt an, mir die Handfl├Ąchen zu k├╝ssen. Dann schl├Ąft er ein.
Eine halbe Stunde sp├Ąter wird er wach und fragt, warum ich nicht schlafe. Ich soll Sch├Ąfchen z├Ąhlen. Wir lachen. Ich schlafe ein.

Als wir wach werden, schneit es atemberaubend sch├Ân. Wir halten H├Ąndchen bis zur U-Bahn.
Sogar noch auf dem Bahnsteig, obwohl wir in entgegengesetzte Richtungen fahren m├╝ssen. Wir stehen genau in der Mitte mit gestreckten Armen so, dass sie sich ber├╝hren, ich mit dem Gesicht in die eine Richtung, er in die andere. Als der erste Zug kommt, sagt er:
\"Komm, lass uns den Ersten nicht nehmen\". Ich bin einverstanden.

Version vom 09. 10. 2008 10:54

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Retep
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Registriert: Jun 2008

Werke: 41
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Hallo Simona,
du bist neu hier, wie ich sehe, ich begr├╝├če dich, w├╝nsche dir, dass du dich wohlf├╝hlen wirst hier in diesem Forum.

Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen, sie hat Atmosph├Ąre, einen offenen Schluss, l├Ąsst dem Leser Raum zur Interpretation.

Kleine Korrekturen:

- und versucht , mich zu beruhigen

- ich bin gar nicht der , f├╝r den du mich h├Ąltst,

- "Das Problem ist , du verlangst zu viel\",

- In einer der Toiletten

- eine blonde Frau geht schnell an uns vorbei , ohne uns anzuschauen.

- und winkt jemanden

- In diesem Moment st├╝rzt er mit w├╝tender Grimasse wieder die T├╝r rein (zur)

- danach macht er mir ein Zeichen , ich sollte ihm folgen.

- Wir quatschten ein bisschen mit dem Hausmeister

- M├╝de nimmt er seinen Hamlethut ab

-(Dass die Frau mit dem Hausmeister ein bisschen quatscht, halte ich f├╝r unwahrscheinlich. (wegen ihrer Stimmung)

- Im U-Bahnof haben Z├╝ge, die in verschiedene Richtungen fahren, verschiedene Bahnsteige. (in Deutschland)


Ich bin sonst kein Erbsenz├Ąhler, diese kleinen Fehler haben mich beim Lesen nicht gest├Ârt, sie sind mir zum Teil erst beim zweiten und dritten Lesen aufgefallen.
Dachte nur, meine Hinweise k├Ânnten dir n├╝tzen.

Dein Stil erinnert mich an Raymond Carver, er schreibt ├╝ber Verlierer und Verlorene, wenn du hn nicht kennst, solltest du ihn lesen.

Nochmals: Dein Text hat mich beeindruckt, bin gespannt auf weitere Kurzgeschichten von dir.

Gru├č

Retep

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Simona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2008

Werke: 3
Kommentare: 5
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Hallo Retep,

danke f├╝r die Korrekturen und f├╝r die netten Worte!

Lieben Gru├č,

Simona

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