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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Liebe Charlotte ...
Eingestellt am 23. 01. 2018 21:42


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Paulina
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Jun 2010

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Liebe Charlotte,

nun will ich dir doch schnell einen Brief schreiben, denn es liegt mir so viel auf der Seele, das ich dir unbedingt auf diese Weise erzÀhlen muss - obwohl ich inzwischen begreife, dass du es niemals lesen wirst.
Seit einiger Zeit lebst du in deiner ganz eigenen kleinen Welt.
Die Gegenwart ist nicht mehr wichtig fĂŒr dich. Auch was vor kurzer Zeit geschah, spielt in deinen Gedanken keine Rolle mehr.

Ich wÀhlte deine Telefonnummer, um mich bei deinem Mann zu erkundigen, wie es dir geht.
Du warst schneller am Telefon als er.
„Hallo, Lotti, hier ist Paulina. Wie geht es dir?“
„Paulina? ... Paulina? ... Welche Paulina? Ach, ich weiß: Die Frau mit den roten Haaren ... Ja, das war einmal eine Kollegin von mir. Das ist aber nett, dass Sie mich anrufen.“
Du hast mich nicht erkannt, hast dich nicht erinnert.
Hast dich nicht daran erinnert, dass du meine Mentorin warst, mein Vorbild, meine liebste Freundin. Der Altersunterschied von beinahe zwanzig Jahren spielte in unserer innigen Freundschaft keine Rolle.
In Kreis der Freundinnen standen wir beide uns am nÀchsten.
„Es ist nett von Ihnen, dass Sie anrufen“, sagtest du. „Aber nun muss ich gehen, weil ich Suppe auf dem Herd habe.“
Nein, Lotti, dachte ich, du hast keine Suppe auf dem Herd. Dein Mann sorgt fĂŒr dich.
Ich weinte ...

Wo ist die kluge, belesene, energische, warmherzige Frau von einst?
Gibt es in der Tiefe deines Bewusstseins noch einen Ort, in dem sie wohnt?
Gestern rief dein Sohn mich an, um mir von deinem Befinden zu berichten. Die Krankheit schreitet fort.
Du willst nichts essen, nichts trinken, sitzt nur da, dein Blick ist leer in eine Ferne gerichtet, und ich finde keinen Zugang in diese Welt. Niemand findet ihn.
Wenn du dich in deiner neuen kleinen Welt behaglich fĂŒhlst, so soll mir das recht sein. Doch ich befĂŒrchte, auch dort bist du nicht glĂŒcklich.
So bittest du deinen Sohn, dir ein Taxi zu bestellen, weil du nach Hause möchtest.
Nach Hause, Lotti?
Du bist doch zu Hause. Du bist in deiner Wohnung, in der du mit deinem Mann und deinem KĂ€tzchen Paula seit einigen Jahren lebst.
Ich weiß aber, was du meinst.
Hier in dieser Stadt, in der ich bin und in der du dein halbes Leben verbracht hast, ist noch immer dein Zuhause.
Du bist nie angekommen in der Kleinstadt am Rhein, die deine neue Heimat werden sollte, weil du alt wurdest und der Hilfe deines Sohnes bedurftest. Wir Freundinnen redeten dir zu.
War das ein Fehler?
Hat dich das Heimweh krank gemacht?

Ich weiß nicht, wie ich mich von dir verabschieden und was ich dir wĂŒnschen soll, meine liebe Freundin. Es ist wohl auch nicht nötig. Du hast schon Abschied genommen.
Vielleicht bist du manchmal auch glĂŒcklich in deiner neuen kleinen Welt. Wer weiß das schon.
Ich wĂŒnsche es dir, auch wenn ich weiß, du wirst es mir nie bestĂ€tigen können.
Leb wohl, meine Lotti.
Deine Paulina
__________________
Einsam ist, wer fĂŒr niemand die Nummer eins ist.
(Helene Deutsch)

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