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Leselupe.de > Kurzprosa
Liebe auf den ersten Blick
Eingestellt am 01. 07. 2000 00:00


Autor
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Lukas Holliger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 5
Kommentare: 13
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Liebe auf den ersten Blick, von Lukas Holliger
Was ich jetzt erz├Ąhle, ist eine wilde Liebesgeschichte. Und richtig, lieber Leser, "wild" bedeutet, es gab abenteuerliche Widerst├Ąnde zu ├╝berwinden. Die Geliebte musste nicht nur erobert werden, sondern die Eroberung musste heimlich erfolgen! Aber wie erobert man im Stillen, wenn das Herz schl├Ągt wie ein betrunkener Paukist im Finale? Wie, zum Teufel, erobert man auf samtenen Tatzen eine Frau, die einem mit jedem Blick das Herz aufkratzt? Ich gebe zu, ich bin an dieser Aufgabe gescheitert, aber er-z├Ąhlen wir die Ereignisse in der richtigen Reihenfolge! Es ist jetzt f├╝nf Monate her, seit dieser seltsamen Geburtstagsfeier, an der das Geburtstagskind nie auftauchte, weil es abtauchte. In den kalten Fluten des Rheins. Der Selbstmord h├Ątte mich bestimmt l├Ąnger besch├Ąftigt, h├Ątte ich mich an diesem Abend nicht selbstm├Ârderisch verliebt. Der erste Eindruck, den ich von ihr gewann, war ihre Hand. Ein schlechtgelaunter Gast guckt nicht jedem, dem er zur Begr├╝ssung die Pfote sch├╝ttelt, in die Augen. Als ich aber diese weiche Hand dr├╝ckte, musste ich aufschauen und hatte mit einem Schlag eine Erektion. Vorsicht, lieber Leser! An dieser Stelle ist auf einen feinen Unterschied im m├Ąnnlichen Geschlechtstrieb hinzuweisen. Zweierlei Arten von Erektionen gibt es. Die erste, das ist der gierige St├Ąnder, der nur eines will: eindringen, ob in einen Mund, oder einen feuchten Schoss. Die zweite Erektion aber, das ist der L├Âwe, der M├Ąnnchen macht und sich selbst nicht wiedererkennt. Er findet sich in einer Ma-nege der Zuneigung und eine Zuschauermenge aus schwitzenden Gef├╝hlen spendet ihm Applaus. Ein klarer Fall: es handelt sich um die Erektion, die Symptom einer Berufung ist. Der Berufung Geliebter sein zu m├╝ssen, oder sich sofort das Leben zu nehmen. Jaja, lieber Leser, das mag pathetisch klingen. An diesem Abend aber war jeder Bissen Pouletfleisch, jeder Schluck Champagner, jedes Brillenrichten und Zigarettenanz├╝nden ein pathetischer Akt. Meine Dompteuse hingegen sass nur da, bleich wie Porzellan, und schwieg. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie mir zum ersten mal und zuf├Ąllig in die Augen sah. Eine katastrophale Ewigkeit hatte sie nur auf ihren Teller ge-schaut und ab und zu nach dem Gastgeber geschielt, der hartn├Ąckig dabei war gute Laune zu verbreiten. Ihr schlan-ker Finger lag unbeweglich auf dem Rand des Weinglases, ihr Blick ins Unendliche gerichtet. Auch war der Tisch zu gross, als dass ich mich getraut h├Ątte, ihr etwas zuzurufen. Also blieb ich in belanglose Gespr├Ąche verstrickt und warf vergebliche Blicke. Gerade als ich beschloss, mich zu betrinken - es war 54 Minuten nach Mitternacht - hob sie den Kopf und zielten ihre Augen direkt in meine. Wenn man erschossen wird, f├╝hlt man sich wahrscheinlich besser. Ich m├Âchte sagen, ihr Blick war vernichtend, trotzdem blieb er minutenlang auf mir liegen. Ich war ├╝berzeugt, dass ich von diesem Tisch nur noch mit grauen Haaren aufstehen w├╝rde. Seekrank von mehreren Gl├Ąsern Champagner, suchte ich den Rest des Abends in ihren Augen eine Wiedergutmachung f├╝r den Basiliskenblick. Aber eine 54. Minute wiederholte sich nicht. W├Ąhrend ich mich sp├Ąter auf dem Klo erbrach, muss sie gegangen sein. Und als ich gegen drei Uhr morgens als letzter die Treppe hinunterschwankte, suchte ich auf einer der Stufen vergeblich ihren Schuh. Eines stand fest: jetzt nach Hause zu gehen und sich einer einsamen Wohnung auszuliefern, das w├Ąre gef├Ąhrlich gewesen. Also beschloss ich, meinen Bruder aufzusuchen. Den einzigen Menschen, der um diese Zeit mit Sicherheit wach war und der mir, w├Ąhrend er zeichnete, geduldig zuh├Âren w├╝rde. Als ich die dunkle Allee hinuntereilte, formten sich in meinem Kopf die S├Ątze, mit denen ich von diesem unvergesslichen M├Ądchen erz├Ąhlen w├╝rde. Es waren unerwartet treffende S├Ątze. In meiner fibrigen Sehnsucht gelangen sie mir so gut, dass ich mit jedem Wort und Schritt ├╝berzeugter war, diese Nacht beherbergte mein Schicksal. Das Atelier meines Bruders lag an der Grenze zum Industriequartier, an einem Seitenkanal des Hafens. Das Rheinwasser trieb ruhig und ├Âlig um die vert├Ąuten Schlepper und gurgelte in unberechenbaren Intervallen. Ich blieb stehen und nahm diese einsamen Ger├Ąusche pers├Ânlich wie eine Fl├╝sterstimme. Kein Zweifel, diese Nacht geh├Ârte mir. Damit er bei meinen zahlreichen n├Ąchtlichen Besuchen nicht jedesmal die drei Stockwerke hinunter und wieder hinaufsteigen musste, hatte mir mein Bruder einen Schl├╝ssel ├╝berlassen. Beim Treppensteigen fiel mir ein, dass ich mindestens zwei Wochen nicht mehr hier gewesen war und freute mich auf die kaffeegeschw├Ąngerte Atelierluft. Unter der T├╝r lag der vertraute Lichtbalken, mein Bruder war am Arbeiten. Gerade wollte ich die Falle herunterdr├╝cken, als ich hinter der T├╝r lautes Gekicher und Gepolter h├Ârte. Frauenbesuch. W├Ąre ich nicht betrunken gewesen, h├Ątte ich mich davongemacht. Jetzt beschlich mich aber Neugierde und die Lust auf einen ├╝berraschenden Auftritt. Also stiess ich die T├╝re auf und rief "Hab ich Dich!". An die Reaktion meines Bruders kann ich mich nicht mehr erinnern. Ihren Anblick jedoch werde ich nie vergessen. Splitternackt stand sie neben einem umgestossenen Hocker, hielt mit beiden H├Ąnden eine angeschnittene Wassermelone ├╝ber den Kopf und spuckte mir laut lachend einige Kerne entgegen. Ihr sch├Âner K├Ârper war mit blauroten Schlangen bepinselt, deren z├╝ngelnde K├Âpfe sich um ihren Nabel dr├Ąngten. Durch die Haut ihrer bleichen Br├╝ste schimmerte ein blaues Adernnetz. Ihre ├╝berschminkten Lippen sahen aus wie zwei aufgeplatzte Kirschen. Sie war mindestens dreifaltig! Die schwarz ummalten Augen machten sie d├Ąmonisch, das hochgesteckte Haar prinzessinenhaft, die mit roten Tupfern versehenen Wangen zum verspielten Pierrot. Bet├Ąubt schlug ich die T├╝r zu und rannte die Treppe hinunter, wissend, dass ich mich gerade dadurch der L├Ącherlichkeit preisgab. Mein Bruder hatte mich denn auch rasch eingeholt und zu einem Kaffee eingeladen. Ich nahm die Einladung an. Mein lieber Leser, darauf bin ich stolz: die 27 Stufen in der Umarmung meines Bruders zur├╝ck zur T├╝r zu steigen, gen├╝gte mir, um mich nicht nur wieder zu fassen, sondern gleichzeitig gute Laune zu bekommen. So betrat ich also angriffslustig und sogar mit meinem Schirm herumbl├Âdelnd die Mansarde. Jetzt traute ich mir zu, das nackte M├Ądchen f├╝r mich zu gewinnen. Dass sie sich auf den Schoss meines Bruders setzte, mit ihrem Kirschenmund sein Ohr verf├Ąrbte und ihm gegen├╝ber weder schweigsam war, noch Basiliskenblicke warf, machte mir nichts aus. Ich fand auf jeden Spass und alle sp├Âttischen Fragen eine schlagfertige Antwort und trug wesentlich dazu bei, dass die Stimmung weiter stieg. Einmal streckte sie l├╝stern ihr Bein aus und griff ich blitzschnell nach ihrem Fuss. Behutsam k├╝sste ich jede einzelne Zehe! Mein Bruder protestierte nur im Spass und ahnte nicht, dass ich zu diesem Zeitpunkt l├Ąngst verheissungsvolle Blicke mit seiner Prinzessin tauschte. Schliesslich, die Nacht hellte bereits auf, die Pausen zwischen unseren d├Ąmlichen Kommentaren und dem ├╝berm├╝deten Gel├Ąchter waren l├Ąnger geworden, begannen wir uns mit der angestrengten Sachlichkeit, die einer durchgefeierten Nacht eigen ist, um Schlafpl├Ątze zu k├╝mmern. Mein Bruder bot der nackten Dreifaltigkeit sein Bett an und verschwand ger├Ąuschvoll im Zwischenstock, um nach einem Schlafsack zu suchen. Zeit, endlich von der Kirsche zu kosten, dachte ich und betrat das enge Badezimmer, wo das M├Ądchen be-gonnen hatte, sich die Schlangen abzuwaschen. Als ich ├╝ber die Schwelle trat, fiel mein Blick auf zwei dunkle Falten an ihrem Hals. Sie stand mit dem R├╝cken zur T├╝r und hatte verkrampft den Kopf nach mir umgedreht. Sofort erkannte ich in ihrem abgeschminkten Gesicht wieder den Basilisken. In dieser Nacht tat ich kein Auge zu. Es war offensichtlich, dass der Basilisk nur in der Anwesenheit meines Bruders seinen vernichtenden Blick ablegte. Sobald wir alleine waren, sah ich mich einer Verachtung ausgesetzt, die ohne Alkohol nur schwer zu ertragen gewesen w├Ąre. Mein Bruder lag mit dem Gesicht unter dem schmalen Oberlicht und schnarchte. Ich versuchte meinen Atem mit dem seinen zu synchronisieren. Unm├Âglich! Den Atem ei-nes Schlafenden zeichnet eine unerreichbare Langsamkeit aus. Stattdessen blitzten vor meinen Augen ihre weissen Z├Ąhne, spreizten sich die nackten, auf dem Sofa herumturnenden Beine mit diesen weichen Waden, die ich ab und zu auf meine ausgehungerten Handfl├Ąchen bekommen hatte. Deutlich sah ich ihre langen Arme, wie sie sich um den Hals meines Bruders schlangen, ihre Schlitzaugen, aus denen die Lachtr├Ąnen liefen und schwarze Bahnen ├╝ber jene Clownswangen zeichneten, die der Schnarcher mindestens einmal pro Minute ausgiebig gek├╝sst oder geleckt hatte. Ich sah mit fotografischer Genauigkeit ihre s├╝ss frisierte Scham, ihre Zunge, die sie uns bei jeder ironischen Beleidigung herausgestreckt hatte, ihre schlanken Finger, die eine Orange nach der anderen gesch├Ąlt und uns die saftigen Schnitze zwischen die Lippen gesteckt hatten. Ich h├Ârte ihr Lachen und ihr verf├╝hrerisches Summen und w├Ąhrend alle diese Eindr├╝cke meine Sinne bet├Ârten, war mir klar, dass ich gleich aufstehen und zu ihr hin├╝berschleichen w├╝rde. Mein Bruder schnarchte leiser und lallte ab und zu einen z├Ąrtlichen aber unverst├Ąndlichen Satz. Mein K├Ârper warf einen Schatten ├╝ber seinen Kopf, dann machte ich mich auf den Weg. In ihrem Zimmer brannte zu meiner ├ťberraschung noch Licht. Als ich den Kopf hineinstreckte, zuckte sie zusammen und sah mich unbewegt an. Lieber Leser, bereits lag die Morgend├Ąmmerung wie eine Seuche ├╝ber dem Stadthimmel. Ich musste dringend handeln. Die Prinzessin sollte mir geh├Âren. Ich liebte sie ja. Ich musste ihr beweisen, dass das Schicksal niemanden vergeblich zusammenf├╝hrte. Meine Zuneigung ├╝bertraf alles, was Menschen bisher empfunden hatten. Das musste sich endlich auf sie ├╝bertragen. Nur einmal von mir ge-k├╝sst und sie w├╝rde es verstehen, sie w├╝rde es in ihrem ganzen sch├Ânen K├Ârper f├╝hlen. Bevor die ersten Sonnenstrahlen die T├╝rme des M├╝nsters erreichten, w├╝rde der Basiliskenblick gebrochen sein und m├╝sste mein Bruder zur├╝cktreten. Ich gebe zu: als ich mich vor ihrem Bett niederkniete und nach ihrer weichen Hand griff, ├╝berzog mich noch einmal eine G├Ąnsehaut. Sie riss auch sofort ihre Hand weg und befahl mir zu verschwinden. Aber warum verschwinden, wenn man mich ohnehin nach 27 Stufen mit einer Umarmung zur├╝ckholte? Da packte ich doch besser gleich zu und, Herrgott, wie man bei so einer Prinzessin zupacken konnte! Meine Angriffslust war auf dem H├Âhepunkt. Ich gehorchte den Befehlen der Liebe. Die Prinzessin w├╝rde es verstehen. Zwar zerkratzte sie mir das ganze Gesicht, doch als mich mein ├Ąlterer Bruder - ├╝brigens in einen inakzeptablen Schwitzkasten gepresst - aus dem Zimmer bef├Ârderte, bedeckte ihren bleichen K├Ârper bereits eine bezaubernde Mischung aus meinem und ihrem Blut. Dieses Bild ist es, das den Mith├Ąftlingen besonders gef├Ąllt. Ich aber weigere mich, diese symbolische Vereinigung befriedigend zu finden, denn ich glaube an die Liebe. An die Liebe auf den ersten Blick.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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