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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Liebe eine Prozessoptimierung
Eingestellt am 25. 04. 2016 01:05


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Weinstein
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2016

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Liebe eine Prozessoptimierung

Jeder nimmt immer einen Teil von dir. Sie saugen dich aus. Anja will wissen, ob ich Musik mag. In die Antwort, die ich gerade tippe, platzt die Frage von Sternchen282: Ob ich denn auch auf Outdoor stehe. Was sie meint ist, ob ich Geschlechtsverkehr unter freiem Himmel mag. Mag ich nicht. Dazu bin ich zu kontrolliert oder zu spießig. Ich bin beim Sex eher so die Gartenzwerg-Reihenhausbewohner-Fraktion. Zudem wurde mein aufkeimender Enthusiasmus für diese Spielart der sexuellen Lust mit 19 durch einen Haufen Tannennadeln im Arsch ziemlich gebremst. Sternchen282 quittiert meinen Mangel an Outdoor-Aktivität mit einem lachenden Smilie. Schön, die Hürde wäre genommen. Anja findet meine Antwort auf die Musik-Frage „Hauptsache kein Elektro-Gehampel“ nicht so lustig. Sie entfolgt mich auf tinder. Auch gut. Klare Verhältnisse. Kleine_Wolke will wissen, was ich so mache, wenn ich nicht gerade bei tinder hänge. Arbeiten bis es mir an den Ohren rauskommt. Wäre die ehrliche Antwort. Aber das ist eine dieser Antworten, die es nicht bringt. Oder es kommt zu diesem was-machst-du-Gelalle; ach-so-ja- interessernt-aha- das -ist- aber- bestimmt-auch-interessant-Scheiße. Da geht es eh nicht weiter. Zumindest nicht bei Anja, einem blonden Strubbelkopf, der sich mit Surfbrett am Kap irgendwo im VW Bus ablichten lässt. Die steht bestimmt nicht auf Erfolgs-Ottos. Also irgendwas Belangloses lügen, so wie, Einhörner jagen und unterem Regenbogen Blumen sammeln. Hurra, das gibt ein Smile – also alles richtig gemacht. Ob ich ihr schreiben sollte, dass sie ausrechenbar ist wie eine Bruchaufgabe für Fünftklässler – wohl nicht. Wäre kontraproduktiv bezogen auf die Anbahnung einer Beziehung. Casper kotzt sich aus meinem Lautsprecher aus und beschwert sich, dass hier eigentlich alles Scheiße ist im Hinterland – ja, da hat er wohl recht.

Da bin ich. Ein Leben im Supermarkt der Möglichkeiten, globale Lebensentwürfe. Da gehen wir dahin. Machen Jobs in Berlin, London, Tokio oder sonstwo. Ständig in Bewegung. Getriebene. Liebe ist ein Streifzug durch eine Musterkollektion, aus der wir Geschmacksmuster aussortieren. Aber ok, wir leben im Zeitalter des Pragmatismus. Wir sind ja frei von Ideologie, keine großen Weltentwürfe mehr. Alle sind wir Kinder der Mutti der Nation, die im Kanzleramt die Probleme der Welt mit rautenhaftem Handstreich löst. Wir kümmern uns um Problemlösungen, trennen Müll und sortieren Pfand. In allem herrscht der Pragmatismus: Leben, Büro und Dating Apps alles drehte sich um Optimierung – was nicht passt wird passend gemacht. Am besten digitalisiert. Die Welt ein Sachzwang. Keine Zeit für Freunde - mach Facebook. Schlechtes Gewissen wegen deines CO2-Fußabdrucks – pflanz einen Baum bei Lebenswald.org. Verantwortung ist eine Ableitung aus Marktbedingungen: T-Shirts für 4,99 bei H&M, Made in Indonesia. Wir sind die Generation, die ihre Komfortzonen optimiert.
Jolanda ist ein Match. Und Anne28 auch. Gibt es da ein Optimum? Warum habe ich Jolanda geliked? Große Nase, irgendwie gar nicht sportlich – gar nicht mein Typ, muss ein like auf der Toilette oder beim Autofahren gewesen sein. Entfolgen.

Anne28 – keine ONS. Achja, aber bin von 15.02 bis 20.05 in Köln. Aha, Karneval. Klar, aber keine One Night Stands. Weiter optimieren. Suchen. Suchen. Suchen. Oh mein Gott, diese Bilder, die werde ich nicht mehr los. Sie vor dem Eifel-Turm bei Nacht, sie Hagia Sophia im Hintergrund, sie auf einem Kamel in der Wüste, Pferde immer wieder Pferde und Hunde, Singels lieben Hunde – Frauen zumindest, Männer lieben Autos, ist ja auch einfacher, wenn eine Leuchte am Armaturenbrett „Ölwechsel“ anzeigt, so ein Hund hat ja Bedürfnisse und keine Kontrollleuchten – so wie „Achtung Kacken in 15 min“, dann hätten wohl auch mehr Single-Männer Hunde. Gibt es aber noch nicht, kommt aber bestimmt. Nennt sich dann Dog 4.0. Und dann die Inneneinrichtungen auf den Fotos. Ikea muss 100.000e von diesen wellen-förmigen Spiegeln verkauft haben. Darin lichten sich alle immer im Ganzkörper-Selfie ab. Da ist alles interessanter als die Linienführung der schmalen Hüften. Spannend, was man da sonst noch sieht: Unaufgeräumte Betten, Schuhe, Schuhe, Schuhe, Wäschehaufen. Oh, ein Wäscheständer – mal einen Screenshot machen und vergrößern . Ist das eine Unterhose da, mit einem gelben Smilie drauf? Oh mein Gott – ja.

„Es tut mir leid Pocahontas, ich hoffe du weißt das…“, kräht es aus meinem Lautsprecher. Mir tut hier gar nix mehr leid: X, aber ganz schnell. Bei Comic-Unterwäsche hört der Spaß auf. Oh Moment, eine Prinzessin! Blond, Arsch wie eine Erbse. Schnell „Super-Like“ drücken und einer von 50 Matches werden. Wo eine Schlange ist, da stellt man sich an! Nächsten Samstag denkst du, verdammt, die kenne ich doch – war die nicht auf tinder. Und dann? Ansprechen – wie? Einfach so?

Mein Profilbild ist das Zentrum eines blass-roten Radarkreises. Er pumpt und pumpt, kreisförmig über das Display… das Foto hat meine Ex im letzten Sommerurlaub gemacht.

„Keine neuen Leute in deiner Umgebeung. Use Passport to choose a new location“.

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Gelbe HĂĽhner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2016

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Hallo Weinstein,
welch eine traurige Klage! Und schon so oft gehört. Aber es ist eine, die umso wahrhaftiger wird, je häufiger man sie hört. Das unterscheidet sie, meiner Meinung nach, von der üblichen billigen Zeit- und Kulturkritik. Du sprichst kein modernes, sondern ein Ur-Problem an, Partnersuche, wahrlich nicht neu. Nur das Kostüm ist es...

quote:
Jolanda ist ein Match. Und Anne28 auch. Gibt es da ein Optimum? Warum habe ich Jolanda geliked? Große Nase, irgendwie gar nicht sportlich – gar nicht mein Typ, muss ein like auf der Toilette oder beim Autofahren gewesen sein. Entfolgen.
… und es ist verzweifelt zynisch.

Dass du gut schreiben kannst, wirst du selber wissen. Ich bestätige es dir hiermit dennoch gern.
Obwohl ich glĂĽcklich genug bin, mit dem Inhalt nicht direkt konfrontiert zu sein, hat mich dein Text doch sehr berĂĽhrt. Ich hatte das GefĂĽhl, als Tourist ĂĽber einen Sklavenmarkt zu schlendern und hoffe nur, dass deine Reflexionen nicht allzu autobiographisch sind.
Ich bin nicht sicher, ob du ĂĽberhaupt Wert auf eine numerische Beurteilung legst. Trotzdem erlaubte ich mir eine.
Viele GrĂĽĂźe
Jörg
__________________
Genug ist am besten.

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