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Leselupe.de > Horror und Psycho
Liebe ist...
Eingestellt am 27. 01. 2007 18:33


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brain
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Liebe ist…

…ein Streichholz auf einer rauen Fläche. Das Parafin im Streichholzkopf erhitzt sich schnell durch die Reibung, die ersten Funken sind dann nur der Anfang des Weges und, möglicherweise, der Beginn einer wunderbaren, göttlichen Freundschaft.
Ich nehme die Packung vom Tisch, wobei die meisten der buchefarbenen Hölzer auf den schmutzigen Teppichboden fallen, und blicke mir das Emblem der Herstellerfirma genauer an, bleibe im Moment, harre aus in den Sekunden, bevor…

„…das Unabwendbare geschieht! Und was ist unabwendbarer und realer als der Tod, frage ich Sie? Was sonst ist unumkehrbarer, existentiell dermaßen bedrohlich und bleibt so gerne unausgesprochen und doch zu gleichen Teilen unumstößlich?“
Der Herr im dunklen Dreiteiler plusterte sich förmlich auf, genoss den Ausdruck ungläubigen Entsetzens in den Gesichtern der Studierenden. Er hatte sie, sie alle, schon mit der Einleitung hatte er sie rekrutiert und sie waren gefangen, ohne es zu wollen.
Die Härte seiner Worte hatte er mit Bedacht gewählt, und ebenso bedacht verfolgte er die Stimmungskurve, die sein rethorisches Fahrzeug zu meistern hatte, wobei ihm jedes Schlingern und jedes verspätete Bremsen als Schwäche und Kontrollverlust ausgelegt werden würde, wessen er sich ebenfalls voll und ganz bewusst war.
„Wir alle…“ sagte er nonchalant, und machte ein paar furchtlose Schritte auf der Empore in Richtung Publikum, „… sind Wurmfutter!“
Er hatte die letzten Worte wie einen Tumor in den Raum gespuckt, jedoch nicht ohne ein gewisses Entzücken in den Augen. Ein Blick durch die Reihen der jugendlichen Studierenden überzeugte ihn vom gewünschten Effekt seiner Aussage, gab ihm grünes Licht für ein wenig mehr Gas, zurückschalten konnte er später.
„Niemand möchte daran erinnert werden, dass er, Schrägstrich, sie, Schrägstrich, es irgendwann einmal aufhören wird zu existieren. Doch genau das wird geschehen! Wir alle werden, auf die ein oder andere ertragbare oder unfassbar grausame Art und Weise, aus dem Leben gerissen werden! Das ist Fakt!“
Auf den Gesichtern seiner Zuhörer war deutlich zu lesen, dass diese Erkenntnis für sie neu zu sein schien.
„Wir alle wissen das!“
Auch das schien, obwohl wahr und allgemein bekannt, eine ganz neue Tatsache zu sein, die erst einmal verdaut werden musste.
„Das ist kein Geheimnis, sondern ein unumstößliches Naturgesetz: auf das Leben folgt der Tod! PENG! Das war´s! Macht´s besser … und dann?“
Er schmetterte die Frage wie einen Speer durch die Reihen, in der vagen Hoffnung jemanden zu treffen. Einen Gang höher, ein Aufheulen des Motors, als der Herr im dunklen Dreiteiler erneut auf das Gaspedal trat und mit verbalem Profil über die Gesichter seiner Zuhörer fuhr.
„Ja … und dann?“, fragte er noch einmal, ganz leise, fast andächtig, so als hätte er die Frage an sich selbst gerichtet. Er legte den Kopf schief, hörte einige Sekunden (die er in seiner Stimmungskurve unter „verinnerlichen“ markiert hatte) einem nichtexistenten Geräusch zu, und wandte sich dann wieder lächelnd an seine Zuhörer.
„Als ich noch jung war … ja, ich weiß, dass das sehr lange her ist, aber … als ich noch jung war, war die Erde bereits uralt, und der Tod ein gerne geleugneter Freund, den man, trotz aller Abneigung und Angst, in so genannten „Zeiten der Not“ immer wieder anflehte, er möge doch endlich, endlich in dieses Haus einkehren und Frieden bringen. So, wie ihn Generationen zuvor angefleht hatten und wie es Generationen nach uns tun werden. Bitte, komm, großer schwarzer Vogel! Die Schwester schaut grad nich! Männer, Frauen, Kinder, Leiber, die am Leben hängen, doch im Schatten ihres Seins dieses Geschenk nicht als solches zu würdigen wissen, oder das unmittelbare, subjektive Empfinden in dieser Form der Existenz nicht ertragen, und sich selbst im Angesicht ihrer Leiden freiwillig eintauschen, gegen …

…Kerosin, unverwechselbar ätherisch, benebelnd, satt. Millionen brennbare Tropfen, die ihren Weg alleine finden und dem Feuer seinen Weg durch den Körper bahnen, unbeirrbar und ohne Maß. Ich habe Dir schon hundertmal erklärt, was als Nächstes kommen muss, was die einzig logische Konsequenz unserer Verbindung sein kann, doch Du hattest schon nach den Streichhölzern genug, genug von mir und meiner Liebe für Dich und uns, und alles Lebende auf Gottes weiter Flur. Du hättest Nero nicht geliebt! Du kannst Gott nicht lieben! Doch schon bald wirst Du die Dinge genau so sehen, wie ich es Dank Dir tue, schon bald werden wir wieder Asche sein und alte Kapitel in fremden Sprachen neu schreiben können, und lieben, wieder, und wieder, und wieder, und…

„…wenn man es sich genau überlegt, dann gab seit der Industrialisierung keinen evolutionsgeschichtlichen Fortschritt mehr, keine Anpassung des Genmaterials zur Schaffung einer neuen, überlebensfähigen Spezies MENSCH, sondern lediglich ein globales Umwälzen zivilisationbedingt erschaffener Ängste und prähistorischer, pervertierter Warnmechanismen auf das neue Gesicht der Welt, das an diesem Planeten klebt, wie ein Kaugummi unter einem Stuhl!“
Verlegene Blicke aus dem Publikum bewiesen dem Herrn im dunklen Dreiteiler seine Macht über die Studierenden. Einer von ihnen griff sogar wie nebensächlich unter seine Sitzfläche (und jeder weiß, dass der beste Weg, aufzufallen, der ist, mit Biegen und Brechen zu versuchen, nicht aufzufallen) und schien dann über die Maßen interessiert am Thema zu sein und an den Lippen des Formel-1-Redners zu kleben, wie das halbvertrocknete Ding eben noch unter seiner Sitzfläche.
„Das heutige Gesicht der Welt ist nicht das eines vom Alter gezeichneten Charakters, im Gegenteil: es sieht mit jeder Generation jünger aus! Das Mittelalter war borstig, die Renaissance romantisch, die dunklen Zeitalter sind vergessen, wie ein unvermeidbarer Neujahrskater, und die Neuzeit … ja, die Neuzeit ist hübsch, gepflegt, gesund, aufgeklärt und unsterblich, bis … der Tod eintritt.“
Das aufkommende Gelächter, das ihm wie auf Knopfdruck entgegenschallte und ihm seinen wohlportionierten Sarkasmus als trockenen Humor durchgehen ließ, wiegelte er mit schlecht gespielter Ungeduld ab, als brauche er Luft zum Sprechen, als müsse er jetzt unbedingt weiterreden, um im Text zu bleiben.
„Nichts hat die Jahrtausende überdauert, nichts außer Scherben, Todesanzeigen, Grabmale, Asche, Staub und Knochen – unter unseren Füßen liegen die Zeitalter von gestern und warten auf die Leichensäcke von morgen. Der Tod als Fundament eines Planeten - doch: zu was lässt das den Menschen werden?“
„…“, wisperte es im Publikum, doch der Herr im dunklen Dreiteiler hatte gute Ohren. „Ja, sagen Sie es noch einmal, bitte“, forderte er einen jungen Mann Mitte zwanzig auf, wobei sein Gesicht vor Freude über die Interaktion strahlte.
„Dung!“, wiederholte der junge Mann seine Aussage und war sichtlich erleichtert, als er dem allgemeinen Interesse kein Futter mehr liefern musste.
„Dung!“, wiederholte auch noch einmal der Herr im dunklen Dreiteiler lauthals und euphorisch, als gäbe es kein köstlicheres Wort. „Doch für wen? Wem schmeckt diese Ursuppe der Überreste der menschlichen Spezies, wenn nicht den nachfolgenden Generationen, die sich aus ihr erheben und Fleisch werden durch sie?“
Ein nervöses Raunen ging durch die Reihen, und als es endlich ausgesprochen wurde, hing das Wort wie ein tonnenschwerer Mühlstein in der Luft.
„Gott!“, antwortete eine mutige junge Frau mit roten Haaren und ernster Miene.
Der Blick des Herrn im dunklen Dreiteiler wurde entschuldigend väterlich, und das bemitleidende Lächeln, das sich in seine Wangen eingrub, ließ keinen Zweifel an seiner Haltung gegenüber der Antwort der jungen Frau zu, noch bevor das erste Wort seinen Mund verlassen hatte.
„Es ist vollkommen natürlich, einen Sinn zu suchen, in einem Regenerations- und Verwertungssystem, dessen Kontrolle man noch nicht erringen - ja, dessen Wesen man nicht einmal im Ansatz erahnen - kann, weil man jedes Fühlen, Denken und Handeln vom Kern der Sache wegbewegt und die totale Distanz sucht.“
„Das ist richtig, aber…“
„Um der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit zu entfliehen, was mir auch eine im Erbgut des Menschen hinterlassene Spur des Schnitters zu sein scheint, werden täglich neue Konzepte entworfen, das Unfassbare zu erfassen, werden organisiert, ausprobiert, reflektiert, renoviert und - letztendlich - wieder verworfen. Das Wissen, das uns Menschen zu erlangen unmöglich gemacht ist, wird durch das Verdrängen der absoluten Wahrheiten unserer Existenz ersetzt, was in etwa den selben Effekt hat, wie sich unter die Bettdecke zu verkriechen und davon auszugehen, dass das Monster, das durch das Zimmer schleicht, einen nicht sehen kann, weil man die Augen verschließt.“
„Aber…“
„Das Wissen um die Sinnhaftigkeit der Zusammenhänge überlässt man dann einfach Instanzen mit mehr Verantwortlichkeitsbereichen und größeren Schultern: Gott wird schon wissen, was er da macht!“
„Natürlich!“, beharrte die junge Rothaarige, nun ein wenig ruppiger. „Wer sonst? Ich meine, Sie sprechen von Würmern und Knochen, von Generationen und Massensuiziden, von Existenzängsten und Planetengesichtern, von Tod und Verfall, aber … was ist mit dem Leben?“
Erst zögernd, dann sicherer, stand sie auf, und begegnete dem Blick ihres Gegenübers. Als sie wieder sprach, hatte ihre Stimme einen fast flehenden Klang, der sich in die Herzen der Zuhörer bohrte, als seien ihre Worte Pfeile aus Amors Köcher.
„Was ist mit der Liebe?“
Kein Bremsen konnte den Herr im dunklen Dreiteiler vor der Leitplanke retten, und als die Stimmung aus ihrer von ihm erdachten Kurve flog, konnte er die radierenden Reifen beinahe hören, die ein letztes Mal über den Asphalt malten, Schwarz auf Anthrazit.
„Was … was soll damit sein?“
„Die Liebe treibt uns voran, bestärkt uns in dem Wunsch, sein zu wollen, lässt uns den Tod fürchten und am Leben hängen. Sie…“
„… ist nichts, und…
„… doch alles. Liebe ist…“

…Napalm, komprimiert, allesverzehrend und hungrig. Vorsichtig öffne ich den Metallzylinder und entleere ihn über Dir und, benebelt von den ätherischen Gasen des Brandbeschleunigers, lässt Du es zu. Hier, in dieser billigen Motelwohnung, in die Du mich gelockt hast, von meinem selbstsicheren Auftritt beeindruckt und trotz der Last der Jahrzehnte, die mich gezeichnet haben, eher ehrfürchtig berührt als selektiv abgeschreckt, wird unsere wunderbare Freundschaft enden, noch bevor sie beginnen konnte.
Doch bevor wir sterben, sollten wir lieben!
Bevor wir heimkehren können in die Erde unserer Ahnen, müssen wir vergehen!
Bevor wir Gott schauen können, muss er Notiz von uns nehmen!
Und ich sehne mich danach, hinter die Dinge zu blicken und meine eigene marktschreierische Blindheit abzulegen, wie ein weit verbreitetes Gebrechen. Ich sehne mich danach, mehr zu tun, als auf das Ende zuzusteuern und lediglich dem Klang meiner eigenen Stimme zu lauschen, als sei sie ein Musikinstrument, auf dem ich irgendwann einmal die nötigsten Grundkenntnisse erworben habe und von dessen Spiel ich mich nun berieseln lasse, wie von der Musik aus einem Fahrstuhllautsprecher, ohne wirklich darauf zu achten, was ich da eigentlich höre.
Ich sehne mich danach, zu erkennen, was ich fühle, und zu verstehen, was ich doch eigentlich längst weiß.
WIR SIND WURMFUTTER!!!
Ich war blind, doch nun kann ich sehen, denn Du hast mir die Augen geöffnet, mit einem einzigen, wahren Wort!
„Ein Brandopfer, ein Feueropfer als wohlgefälliger Geruch für den HERRN“, heißt es im LEVITIKUS, dem 3. Buch Mose, und Dein Beharren, Dein unbeirrbares Vertrauen auf die Liebe, macht Dich zum perfekten Opfer für unsere Sache.
Das lodernde Kerosin, das sich wie ein Tier durch den Raum und sämtliche es hindernde Barrieren hindurch frisst, ist die alles erleuchtende Flammensäule aus biblischen Legenden, und alles, woran ich denken kann, sind sich schließende Kreise.
Deine roten Haare brennen nun in einer anderen, reineren Farbe, und gemeinsam erschaffen wir ein neues Fundament für die nächste Welt, in der man dem Tod trotzig ins Gesicht sehen kann, in der man wahrhaft dem Sinn der eigenen Worte lauscht und in der ich meinen Dreiteiler nicht mehr brauchen werde.

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