Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5469
Themen:   92956
Momentan online:
330 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Anonymus
Liebe und andere Peinlichkeiten
Eingestellt am 14. 10. 2004 20:54


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Liebe und andere Peinlichkeiten

Ich bin ein Versager.
Alles, was ich anfasse, geht schief und nichts, was ich beginne, bringe ich jemals zu Ende. Schon gar nicht zu einem guten. Ich bin der traurige Beweis einer mißglĂŒckten SchwangerschaftsverhĂŒtung und einer durchzechten Nacht seitens meiner Mutter und meinem Erzeuger und nichts von dem, was mir bis zu diesem Tag geschah, konnte mich bisher vom Gegenteil ĂŒberzeugen. So wie heute war es schon immer.
Mein Vater, der von dem Kuckucksei nichts ahnte, war auf Grund seiner eigenen Komplexe schon seit meiner Geburt der festen Überzeugung, dass ich nichts taugte. Ich konnte nicht. Aus Prinzip.
Leider war ich auch keine Zierde. Was Schönheit und deren Gegenteil betraf, so lernte ich schnell. Es lag sozusagen in der Natur der Tatsache, denn ich kam ganz ohne Haare auf die Welt, dafĂŒr jedoch mit zwei schielenden Augen, die in exakt aufeinander abgestimmtem Winkel auf meinen NasenrĂŒcken zeigten. Ein paar mitfĂŒhlende Ärzte versuchten, diesen Schaden bald nach meiner Geburt zu richten. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, doch ich war dazu verdammt, fĂŒr die nĂ€chsten Jahre Brillen mit abwechselnd zugeklebten GlĂ€sern zu tragen, die mir mehr Spott einbrachten, als ich vertrug. Ich hasste sie aus ganzem Herzen und ließ einige davon heimlich verschwinden. Einmal verbuddelte ich sie im Sandkasten auf dem Spielplatz, ein anderes Mal versenkte ich sie bei einer Dampferfahrt in der Elbe. Doch es sollte mir alles nichts nĂŒtzen. Der Ersatz war schnell besorgt, beklebt und auf meine Nase gesetzt.
Beim dritten Versuch erwischte mich mein Vater, als ich sie gerade in die Tiefen unseres MĂŒlleimers versenkt hatte. Da er mich ohne Brille sah, roch er den Braten sofort. Wortlos kniete er nieder und wĂŒhlte mit schaufelnden HĂ€nden zwischen Damenbinden, Zigarettenasche und Wurstpelle. Aus Verlegenheit angelte ich mir verstohlen einen Apfel und versuchte, beim Abbeißen so wenig GerĂ€usch wie möglich zu verursachen. Da mein Vater ein Choleriker erster GĂŒte war, hatte ich Grund, das Ende seiner Suche zu fĂŒrchten, doch ich konnte mich nicht von der Stelle rĂŒhren. Ich presste die ganze Welt in den Apfel zwischen meinen HĂ€nden und bemĂŒhte mich, nicht daran zu denken. Doch da baumelte der Beweis meiner Tat bereits vor meinen Augen. Im selben Moment zerplatze die Ohrfeige an meinem SchĂ€del, dass mir die MĂŒtze vom Kopf flog. Schweigend ging er aus der KĂŒche. Er redete drei Tage nicht mit mir.
Meine Mutter nahm ihren Erziehungsauftrag noch ernster. Sie warnte mich eindringlich vor Bakterien auf öffentlichen Toiletten, die mir dort in Scharen auflauerten. Eckenpisser rangierten bei ihr gleich nach dem Schwarzen Mann. Der Umstand, dass beide im selben Atemzug genannt wurden, ließ mich Zeit meiner Kindheit einen Ă€ngstlichen Bogen um sie machen. Sie wusch mich bis zu meinem zehnten Lebensjahr selbst, da sie meinen AnsprĂŒchen an Reinlichkeit nicht traute und suchte in der Öffentlichkeit mit Spucke und feuchtem Finger meine Wangen nach vermeintlichem Schmutz ab.
Als ich zehn Jahre alt wurde, ließen meine Eltern sich scheiden und mein Vater verschwand spurlos. Die Psychose meiner Mutter nahm bedenkliche ZĂŒge an. Zwanghaft begann sie damit, alles zu zĂ€hlen, was sie sah. Sie errechnete die Summen und Quersummen von Autoschildern, Hausnummern und Preisschildern und begann damit, die Zahlen in gute und böse einzuteilen. Das Fernsehprogramm war ihr natĂŒrlicher Feind, da es ihr tĂ€glich die Richtigkeit ihrer bösen Vorahnungen bestĂ€tigte. An ungeraden Tagen ging sie nicht mehr aus dem Haus und alles, was keine geraden BetrĂ€ge hatte, durfte nicht mehr eingekauft werden. Da ich an einem 17. geboren wurde, schloss mich das nicht aus und sie mied mich bis zu dem Tag, an dem sie in die Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.
So kam ich zu meinen Großeltern. Mein Großvater war ein vertrocknetes kleines MĂ€nnlein, das einen absoluten Herrschaftsanspruch pflegte. Davon ĂŒberzeugte er seine Umwelt mit furchterregenden WutausbrĂŒchen und strafte jede Art von Mißachtung seiner Hoheit mit lautem GebrĂŒll und einer ausufernden Gewalt an leblosen Dingen. Meine Großmutter sparte sich jede Bemerkung darĂŒber. Sie war ein ebenso anspruchsvolles, aber weitaus friedfertigeres Wesen. Ihre Werte hießen Sauberkeit, Rechtschaffenheit und Bescheidenheit. Als vierten Hausgenossen gab es einen grĂŒnen Wellensittich, den Großvater abgöttisch liebte. Er hĂ€tschelte das Tierchen und ließ es aus seinem Mund die zerkauten BrotkrĂŒmel picken. Der Vogel wurde elf Jahre alt und langweilte sich nie. Als er starb, sah ich meinen Großvater zum ersten und einzigen Mal weinen. Seine Frau lebte noch fĂŒnf Jahre lĂ€nger.
Doch fĂŒr mich war die Zeit gekommen, ĂŒber die Liebe nachzudenken. Ich verlor mein Herz an eine blonde Englischlehrerin und ihre braunen Augen. Mein Benehmen ihr gegenĂŒber war blamabel, denn ich war von Sinnen. Ich klebte an ihr wie ein HĂŒndchen, das schwanzwedelnd um Aufmerksamkeit bettelt und streunte abends vor ihrer HaustĂŒr auf und ab. Sie hatte eine Affaire mit unserem Physiklehrer und ich hasste ihn dafĂŒr, dass er sie unglĂŒcklich machte. In meinen TrĂ€umen rettete ich sie auf alle erdenklichen Arten aus dieser Misere. FĂŒr mich verstand es sich von selbst, dass man fĂŒr so viel Heldenmut nur geliebt werden konnte. Ich verfolgte sie hartnĂ€ckig drei Jahre lang, doch es sollte mir nichts nĂŒtzen. Sie wollte nicht gerettet werden.
Auch spĂ€ter war Liebe immer eine Sache, die etwas mit Anstrengung zu tun hatte. Da sich niemand die MĂŒhe machte, mich zu retten, sammelte ich in wechselndem Durchlauf die Ă€rmsten Seelen, die ich fand, um sie von ihrem Leid zu erlösen. Doch auch sie blieben nicht und ließen mich noch leerer zurĂŒck als zuvor. Die Zahl meiner Exfrauen hinterließ eine traurige Bilanz und unter dem Strich leuchtet mir bis heute nur die Summe meines Versagens entgegen.
Ich kann weder meine Arbeit noch meine Frauen halten und wenn ich heim kehre, so wartet ein Haufen ungewaschener WĂ€sche, eine chaotische KĂŒche und einem rĂŒmpeliges Zimmer auf mich. Hier begegne ich niemandem. Nicht einmal mir selbst. Und wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, so sage ich: „Danke, ich kann nicht klagen“ und das ist die Wahrheit. Ich kann es einfach nicht.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Hallo A.

So, nun mache ich mir ein Bild von diesem Mann.
Seine schielenden Augen haben es nicht ganz geschafft
den Normalzustand zu erreichen.
In die Ecken pinkelt er schon lange nicht mehr.
Seine zwanghafte Art zu zÀhlen hat seine Mutter ihm hinterlassen und dadurch, dass er es hier preisgibt,
versagt er sich jegliche Anmache von auch nur irgendeinem weiblichen Wesen.
WĂŒrde er wenigstens in die Ecke pinkeln, so verwegen.
Ich sĂ€he ein FĂŒnkchen Hoffnung fĂŒr ihn!

lG

Bearbeiten/Löschen    


Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
Kommentare: 497
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Monfou Nouveau eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein bravouröser Text, der vor allem durch die genauen Beobachtungen und stimmigen Formulierungen ĂŒberzeugt. Er ist bildhaft und doch keineswegs ausschweifend. Die Not des Kindes ist hautnah und doch ohne jede falsche SentimentalitĂ€t herĂŒbergebracht.

„Der Ersatz war schnell besorgt, beklebt und auf meine Nase gesetzt.“ Solche SĂ€tze gefallen mir. Die Sprache wird souverĂ€n gehandhabt. Der Autor schwankt, was die Orthografie angeht, etwas zwischen „ß“ und „ss“, denn wer „dass“ und „hasste“ schreibt, sollte wohl auch „missglĂŒckte Schwangerschaft“ statt „mißglĂŒckte Schwangerschaft“ schreiben und "Missachtung" statt „Mißachtung“. Den ersten Satz, der zudem so exponiert dasteht, wĂŒrde ich weglassen. Er ist mir zu explizit, er ist das, was als Urteil im Kopf des Lesers erscheinen mag. Dagegen ist der zweite Satz perfekt und eigentlich doch eine ausgezeichnete Eröffnung, oder?
„Alles, was ich anfasse, geht schief und nichts, was ich beginne, bringe ich jemals zu Ende.“

Der Text geht zwar wie im Flug durch das Leben (Kindheit und dann der spĂ€tere Mensch und seine Liebe) und stellt sich mehr als „Abriss“ denn als strukturierte Prosa dar, aber das liegt eben in der Natur des Ich-ErzĂ€hlers, der sich, so mein erster Eindruck, nicht ganz zwischen KindheitserzĂ€hlung und anschließender Erwachsenen-Liebeserfahrung entscheiden kann. Das etwas Sprunghafte im letzten Drittel (ich beschreibe es als Feststellung und nicht unbedingt als Kritik) deutet sich u.a. in SĂ€tze wie diesem an: „Auch spĂ€ter war Liebe immer eine Sache
“

Sehr schön wiederum das Ende, sprachlich fein- und scharfsinnig. Alles in allem: Große Klasse!
Ein Text, der meine Hochachtung hat.

Liebe GrĂŒĂŸe

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

lieber monfou,

vielen dank an dich fĂŒrs lesen und kommentieren.

was die orthografie anbelangt, so gestehe ich, dass ich keienswegs sattelfest bin, was die neue deutsche rechtschreibung betrifft. ich habe extra noch mal im duden nachgesehen und tatsĂ€chlich.... mißglĂŒckt schreibt man missglĂŒckt :-( danke also auch fĂŒr das schließen meiner bildungslĂŒcke :-)

auf den ersten satz allerdings bestehe ich, denn er ist der konzentrierte beginn eines abrisses, wie du so schön sagst, an dessen ende das "ich kann nicht" steht und somit ist es fĂŒr mich rund. ich erlaube mir also, ihn so stehen zu lassen...

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6249
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Knapp und dabei unglaublich prÀzise. Das ist wahre Wortkunst.

Nur einen gaaanz winzigen Stolperer gab es fĂŒr mich: Der Übergang vom Konkreten (der Englischlehrerin) zum „Einsammeln der armen Seelen" ist zu sprunghaft – sollte da nicht die erste der "Sammlung" nĂ€here ErwĂ€hung finden?

PS: Der Titel ist natĂŒrlich irrefĂŒhrend – von Liebe ist nur im letzten Drittel die Rede. Sollte im esten Drittel nicht sowas stehen wie: "Ihre Liebe (die der Mutter z.B.) ließ sie sich um mich sorgen – sorgfĂ€ltig wusch ihre Spucke jeden noch so kleinen Flecke aus dem Gesicht." (Nicht dieser Satz natĂŒlrich, aber du weißt schon: irgendwas, was das ganze zu "Liebe der Erziehungsberechtigten" deklariert.)
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

lieber jon

auch an dich einen dank fĂŒrs lesen und kommentieren.

ich denke allerdings nicht, dass die erwĂ€hnung des wortes "liebe" weiter oben von nöten ist, denn es ist definitv keine da oder besser gesagt nur so etwas, was die eltern darunter verstanden. ich meine, durch die bilder ist dies alles bereits gesagt. außerdem hat liebe fĂŒr den prot. auch immer etwas mit peinlichen situationen zu tun. auch dies meine ich, dargestellt zu haben.

und um liebe geht es letztendlich wÀhrend des ganzen textes, vielleicht nur nicht so offensichtlich ;-)

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6249
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

NatĂŒrlich (hab ich hinterher (!) auch gemerkt) geht es im ganzen Text um Liebe, oder das, was mancher dafĂŒr hĂ€lt. Aber: Nach der Überschrift wartet man auf das, was die meisten fĂŒr Liebe halten, und empfindet alles davor als Vorspiel, als ErklĂ€rung. Dann kommt das Wort endlich und innerlich geht der Schalter auf "ah jetzt!". Deshalb mein Vorschlag, das Wort schon vorn zu bringen, um den Denkschalter schon eher auf "ah jetzt!" zu stellen. Alternativ: Das Wort ĂŒberhaupt nicht benutzen und so den Leser am Ende fragen lassen: Und was hatte das mit Liebe zu tun? Bei so kurzen Texten darf man das, der Text ist noch "fast komplett" da, wenn die Frage auftaucht.. Das wirkt meiner Meinung nach sogar noch besser, weil der Leser zum Noch-mal-kurz-drĂŒber-Nachdenken „gezwungen“ wird.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Anonymus Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!