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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Liebesnähe
Eingestellt am 28. 09. 2011 12:27


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Winfried Stanzick
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Rezension zu:

Hanns -Josef Ortheil, Liebesnähe, Luchterhand 2011, ISBN 978-3-630-87303-9


Nach seinen wunderbaren Romanen „Die große Liebe“ (2003) und „Das Verlangen nach Liebe“(2007) legt der Schriftsteller und Pianist Hanns-Josef Ortheil mit diesem Buch den dritten Teil einer Trilogie vor von Romanen zum Thema Liebe zwischen Mann und Frau, die jeweils in sich abgeschlossen sind, sich allerdings lesen wie drei Strophen ein und desselben Liedes. Als letzte Strophe muss man sich noch dazu denken seinen autobiographischen Roman „Die Erfindung des Lebens“, denn so wie dort geht es auch in dem hier vorliegenden, seinen Leser durch die Kraft seiner Poesie bezaubernden und fesselnden Roman um die Themen von stummer und sprachlicher Kommunikation.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes und einer Frau, beide wohl schon weit über die fünfzig, die sich zufällig in einem abgelegenen und einsamen Hotel im Voralpenland treffen. Ein Haus, in dem es an nichts fehlt, und in dem man sogar in einer eigenen Buchhandlung stöbern und schmökern kann. Der Mann, Johannes Kirchner, ist ein relativ bekannter Schriftsteller, der aber seit dem Tod seiner Mutter, die er sehr liebte und mit der ihn bis zuletzt ein inniges Verhältnis verband, unter einer Schreibhemmung leidet. Er hofft, in den Tagen seines Aufenthaltes in dem Hotel zu einem neuen Projekt zu finden.

Von einem neuen Projekt träumt auch die Frau, Jule Danner. Wie Johannes Kirchner lebt sie normalerweise in München. Dort entwirft sie künstlerische Installationen, die sie dann überall auf der Welt zeigt. Als Johannes die Frau zum ersten Mal sieht, wie sie im hoteleigenen Pool ihre Bahnen zieht, notiert er auf einem Blatt: „Wer ist diese Schwimmerin? Ich habe ihr beim Schwimmen zugeschaut, und ich habe noch nie jemanden so gelöst und entspannt schwimmen sehen.“

Johannes faltet das Blatt zusammen und steckt es in die Spalte einer Holzbank, von der aus er die Schwimmerin beobachtet hat. Natürlich soll sie den Zettel finden, was sie auch tut. Denn ähnlich wie Jule, die den Beobachter natürlich gesehen hat, träumt er seit langem von d e r Geliebten:
„Seltsam, aber man konnte ihm diesen Gedanken einfach nicht austreiben: dass es auf dieser Welt einen Menschen geben musste, der ganz und gar zu ihm gehörte. Im Grunde steckte hinter diesem Gedanken ein naiver Glaube, der zu den starken Hoffnungen gehörte, die ihn am Leben erhielten. Es gab mehrere solcher Glaubensinhalte, an denen sein Leben hing, sie bildeten den festen Untergrund seiner Existenz, ohne sie hätte sich sein Leben bis in die kleinsten Momente anders gestaltet. Dann und wann gerieten diese Glaubensinhalte in Vergessenheit, und er dachte nicht mehr an sie, sie lebten aber ununterbrochen in ihm weiter, das wusste er genau.“

Und nun bricht diese Sehnsucht wieder auf. Auch bei Jule Danner, mit der Johannes bis kurz vor dem Ende des Buches kein einziges Wort redet. Ihre Botschaft schickt sie ihm auf sein Handy: „the artist is present“. Sie spielt damit an auf eine Performance der Künstlerin Marina Abramovic, die sich vor Publikum in einem großen Saal verschiedenen Menschen gegenübersetzte und diese nur durch stummes und konzentriertes Anschauen so mit sich selbst konfrontierte, dass diese nicht selten in heftiges Weinen ausbrachen. (vgl. Hier klicken)

Johannes hat dies auch vor einiger Zeit gesehen und versteht die Botschaft sofort. Ihre Begegnungen nehmen an Intensität zu, doch beide folgen einem Plan, der sagt, dass alles ohne Worte zu geschehen habe, bis am Ende die Erfüllung kommt.
Sowohl Johannes als auch Jule treffen sich immer wieder mit Katharina, der Buchhändlerin des Hotels, die lange Zeit in München eine Buchhandlung hatte, in der sowohl Johannes als auch Jule oft Gast waren. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes Georg hat sie sich in das Hotel zurückgezogen. Sie stellt zwischen ihnen Zusammenhänge her, und gibt Johannes auch eine Ausgabe des japanischen Kopfkissenbuches, dessen szenische Umsetzung Jule schon seit längerem plant. Nun ist der fantasierte „Geliebte“ des "Kopfkissenbuches“ plötzlich Realität geworden.

In einer stillen, und gerade deswegen sehr prickelnden, überaus poetischen und zärtlichen Weise nähern sich die beiden Geliebten einander an. Sehr viel Persönliches wird deutlich, und mit jedem Kapitel mehr wird dem Leser klar, welche Verbindungen es zwischen Katharina, Johannes und Jule gibt.

„Liebesnähe“ ist der absolute Höhepunkt einer wunderbaren Trilogie, die ich nur empfehlen kann, und erzählt von der Liebe als das, was sie für manche Menschen sein kann: ein stilles Wunder, dessen Sprache die sofort verstehen, die sie trifft, unvorbereitet und das ganze Leben umkrempelnd. Wie ein Gast, auf den man ein Leben lang gewartet hat, kommt die Liebe. Wenn man dann nur auch bereit ist, ihn zu erkennen und zu empfangen …




Version vom 28. 09. 2011 12:27

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jon
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Klingt nach massivem Unsinn in schöner Sprache

Die Rezi ließ sich recht gut lesen; ich glaube, ich habe auch eine Vorstellung vom Klang des Ganzen bekommen (auch wenn du wieder hauptsächlich vom Inhalt erzählt hast). Ich habe auch keine Infos vermisst. Also im ganzen recht gut.

Ein paar kleine Stolperer fand ich dort:

quote:
Als letzte Strophe muss man sich noch dazu denken seinen biographischen Roman „Die Erfindung des Lebens“, denn auch in dem hier vorliegenden, seinen Leser durch die Kraft seiner Poesie bezaubernden und fesselnden Roman geht es um die Themen von stummer und sprachlicher Kommunikation.
Das irrtiert. Nach "dazu gehört auch" erwarte ich nach dem "denn" die Erklärung, warum die Biografie auch dazugehört. Statt dessen teilst du mit, worin es in dem "vorliegenden Buch" (also "Liebesnähe") geht. Es ist aber doch nicht dessen Inhalt sondern der der Biografie, die diese Zuordnung rechtfertigt.


quote:
Er hofft in den Tagen seines Aufenthaltes in dem Hotel zu einem neuen Projekt zu finden.
Komma nach "hofft"


quote:
Auch sie lebt normalerweise in München und entwirft künstlerische Installationen, die sie überall auf der Welt zeigt.

Sowas wird normalerweise als "auch sie lebt dort und auch sie macht das" gelesen. Natürlich fällt der Widerspruch schnell auf und man sortiert den Satz neu, aber gestolpert ist man trotzdem erstmal.


quote:
Als Johannes die Frau zum ersten Mal sieht, wie sie im hoteleigenen Pool ihre Bahnen zieht, notiert er sich auf einem Blatt: „Wer ist diese Schwimmerin? Ich habe ihr beim Schwimmen zugeschaut, und ich habe noch nie jemanden so gelöst und entspannt schwimmen sehen.“
Da er das Blatt als Kommunikationsversuch hinterlässt, würde ich das "sich" rauslassen. Man müsste sonst nämlich den Gedankengang erwähnen, warum er eine ursprünglich nur für sich gemachte Notiz plötzlich umwidmet.


quote:
Sie spielt damit an auf eine performance der Künstlerin Marina Abramovic, die sich vor Publikum in einem großen Saal verschiedenen Menschen gegenübersetzte und diese nur durch stummes und konzentriertes Anschauen so mit sich selbst konfrontierte, dass diese nicht selten in heftiges Weinen ausbrachen. (vgl. Hier klicken

Klammer an Ende fehlt. (Diesem Element entnehme ich, es ist ein Text fürs Netz, oder?)
Ich gehe mal davon aus, dass "performance" groß geschrieben werden muss. Soweit ich weiß, wird das mit englischen Substantiven immer gemacht, in dem Fall kommt aber noch dazu, dass das Wort längst komplett im deutschen Sprachgebrauch angekommen ist (so wie Baby oder Action). Allerdings bin da nicht 100%ig sicher.

quote:
Johannes hat dies auch vor einiger Zeit gesehen und versteht die Botschaft sofort.
Der Glückliche! Ich nicht. Aber das nur mal am Rande …

quote:
Ihre Begegnungen nehmen an Intensität zu, doch beide folgen einem Plan, der sagt, dass alles ohne Worte zu geschehen habe, bis am Ende die Erfüllung kommt
.
Und noch ein "am Rande": Künstler! So ein Quatsch, ich hoffe, die erleben nach den ersten paar gewechselten Sätzen ihr ihnen zustehendes blaues Wunder …

quote:
Sowohl Johannes als auch Jule treffen sich aber immer wieder mit Katharina, der Buchhändlerin des Hotels,

Heißt das "aber", dass sie sich mit ihr (über einander) unterhalten? Denn treffen tun sich die beiden ja offenbar auch …

quote:
und gibt Johannes auch eine Ausgabe des japanischen Kopfkissenbuches, dessen Szenen Jule in einem Projekt umsetzen will. Doch nun ist der fantasierte „Geliebte“ des Kopfkissenbuches“ plötzlich Realität geworden.
Moment! Wieso "doch"? "Sie gibt ihm ein Buch, doch nun ist der Fantasierte real."? Oder meinst du "Sie gibt ihm das Buch, dessen szenische Umsetzung Jule schon seit längerem plant, wobei der Fantasierte nun Realität geworden ist."?

quote:
in welchem Zusammenhang Katharina, Johannes und Jule stehen.
Können Personen in einem Zusammenhang stehen? Es kann Verbindungen zwischen ihnen geben, ja, und eine Sache der einen Person kann im Zusammenhang mit einer Sache einer andere Person stehen (z. B.: Jule hatte einen Unfall und Johannes hat später das Auto des Unfallgegners gekauft) – aber Personen hängen (semantisch gesehen) nicht zusammen, oder? (Es sei denn, sie hängen im Wortsinne und zwar aneinander oder gemeinsam.)

quote:
„Liebesnähe“ ist der absolute Höhepunkt einer wunderbaren Trilogie, die ich nur empfehlen kann und erzählt von der Liebe als das, was sie ist: ein stilles Wunder, dessen Sprache die sofort verstehen, die sie trifft, unvorbereitet und das ganze Leben umkrempelnd.
Komma nach "empfehlen kann"
Am Rande: Das, was sie auch ist/sein kann. Bei anderen schlägt sie eher turbulent und "laut" zu. Um ehrlich zu sein, glaube ich eher, Liebe äußert sich eher darin, den anderen in sich einzulassen, indem man ihm so viel wie möglich von sich mitteilt, die Türen öffnet statt ihn raten zu lassen. Diese Art "Liebe", wie hier beschrieben, erinnert doch eher an die Anschwärmerei von Unerreichbaren, die man sich zurechtdenkt und deren Reaktionen man sich passendinterpretiert.

quote:
Wie ein Gast kommt die Liebe, auf den man ein Leben lang gewartet hat.

Sorum klingt es komisch, der Attributivsatz folgt normalerweise dem zu bestimmenden Substantiv/Ausdruck. Man erwartet deshalb "auf die man gewartet hat" und stolpert bei „den".


So, genug gekrümelkramt für heute! Ich hoffe, es ist halbwegs brauchbar.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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