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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Liebesspiele im Schatten
Eingestellt am 10. 07. 2005 21:31


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Billenstone Nati
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2004

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Liebesspiele im Schatten

Der KinderlĂ€rm vom Ufer wurde immer leiser. Sie schwammen stumm in gleichmĂ€ĂŸigen ZĂŒgen dahin. Die Mittagssonne schien ihnen unbarmherzig auf den Kopf. Hans lies sich von seinem Schwimmnachbarn anspornen. Zuerst schwamm er hinter diesem. Er schien in seinem Alter zu sein. So dachte er. Denn er hatte, so wie er, eine lichte Stelle am Hinterkopf. Gerade so licht, um sich darauf immer wieder einen Sonnenbrand zu holen. Aber Hans wusste dies mit einer Kappe zu verhindern. Zuerst wollte er ganz gemĂ€chlich bis zur Mitte der vor ihnen liegenden Insel schwimmen. Er hatte gerade davor, gemeinsam mit seiner Frau, den mitgebrachten Wurstsalat mit Tomaten verzehrt, den sie beide so liebten. Dazu aßen sie am liebsten tĂŒrkisches Fladenbrot. Abgerundet wurde dieses spezielle Sommergericht fĂŒr den Badebesuch am See mit einem kĂŒhlen Blonden. Sie liebten diesen leicht bitteren Geschmack nach einem wĂŒrzigen Gericht. Beides wurde stets mit der KĂŒhltasche zum See transportiert.
Wenn er so ausgiebig gegessen hatte, gedachte Hans stets eine kleine Runde zu schwimmen oder rund um den See zu spazieren. So hielt er es die ganzen Jahre, die sie an diesem herrlichen Ort verbrachten. Nach dem Essen zu ruhen hielt er fĂŒr ausgemachten Blödsinn. ZurĂŒckzuziehen in das GartenhĂ€uschen, das sie den ganzen Sommer ĂŒber gemietet hatten, wie es seine Frau tat, kĂ€me fĂŒr ihn niemals in Frage. Sich zwei gute Stunden zu bewegen hielt er fĂŒr angemessen.

„Wissen sie“ begann der Schwimmnachbar ganz unverhofft, als Hans in gleicher Höhe schwamm „ich schwimme meist eine Stunde vor dem Essen. Ich versuche mich damit in Form zu halten. Ich bin schon zweiundsechzig und kann mit Stolz behaupten, einen Waschbrettbauch zu haben, wie in weit JĂŒngere nie gehabt haben.“ Dabei versuchte er im tiefen Wasser mit Ruderbewegungen wie ein startender Schwan seinen Bauch zum Beweis aus dem Wasser zu heben. Was ihm auch beinahe gelang.
Hans sah gleichzeitig bewundernd und abwertend auf seinen Schwimmnachbarn. Mit seinen zweiundfĂŒnfzig Jahren hatte er MĂŒhe, ihm in gleicher Höhe einigermaßen zu folgen. Der Schwimmnachbar schnalzte mit der Zunge und fuhr fort. “Mit meiner makellosen Figur ist es unglaublich leicht an die Weiber ran zu kommen. Und man bekommt genau die, die das Selbe wollen - nĂ€mlich Sex. Sie alle wollen genau das eine. Sex!“
Hans sah in nur mehr verĂ€chtlicher Haltung auf den sexgierigen ZweiundsechzigjĂ€hrigen. „Jede andere Frau“, fuhr der Triebhafte fort, “wĂ€re nicht so kritisch. SĂ€he ĂŒber ein kleines BĂ€uchlein oder einen gebeugten Gang hinweg. Die Frauen, die ich suche, erwarten kein CharakterhĂ€schen mit Kuscheleigenschaften oder HausmannsqualitĂ€ten. FĂŒr die Weiber zĂ€hlt allein der Körperbau und natĂŒrlich die damit verbundene Ausdauer.“ Er lachte und aus seinem Mund blitzten makellos aufgefĂ€delt, zweiunddreißig weiße ZĂ€hne.
„Wissen sie“, fuhr der Waschbrettbauchbesitzer fort. „Frauen sind erbarmungslos, unaufhörlich verlangen sie von uns, sich ihnen unter Beweis zu stellen. StĂ€ndig wollen sie GestĂ€ndnisse und sind selbst keinen Deut anders. Ich spreche aus Erfahrung. Habe einiges hinter mir.“
Hans nickte er hatte MĂŒhe, kein Wasser zu schlucken. Die Strecke nagte an seinen Reserven. Aus Freundlichkeit gegenĂŒber seinem Schwimmnachbarn und weil die Insel schon nĂ€her war als das zurĂŒckliegende Ufer, dachte er jedoch nicht an Umkehr.
Er konnte jetzt unmöglich schlapp machen, dieser Wichtigtuer war ganze zehn Jahre Àlter als er. Dieser Gedanke spornte die allerletzten Kraftreserven in Hans an.

Er dachte an seine Annabelle. Sie war das KuscheltĂŒchlein, er der KuschelbĂ€r.
Sie hatten viele gemeinsame Interessen. Sex, spielte in ihrer fast fĂŒnfundzwanzigjĂ€hrigen Ehe in den letzten Jahren eher die Nebenrolle. FĂŒr sie zĂ€hlten Werte wie Respekt und WertschĂ€tzung. In ihrer anstĂ€ndigen Beziehung sind ZuverlĂ€ssigkeit und Treue eine Tugend, die nicht hinterfragt werden musste.

„Sind sie verheiratet?“ Hans hatte nicht die kleinste Chance zu antworten, so schnell fuhr sein Begleiter fort. “Wissen sie, ich war zweimal verheiratet. Meine erste Frau war ein Engel, sie hatte blonde Locken und die Figur einer Göttin. Sie wollte unbedingt Kinder, aber es hat nicht geklappt. Sie flĂŒchtete in eine fĂŒr uns nicht existierende Welt. Hatte schwere Depressionen. Suizid, verstehen sie! War ihr letzter Ausweg.“
FĂŒr Bruchteile von Sekunden hatte Hans Mitleid mit ihm. „Ich war jung, hatte wieder meine ganze Freiheit vor mir“ mit dieser Aussage hob er HansÂŽ Mitleid mit einem Schlag wieder auf.
„Wissen sie“ hob der Wortheld, mit einer LautstĂ€rke, die völlig unnötig war, wieder an. „Mit meinem Aussehen kann ich sie mir aussuchen. Ich brauch nicht mal zu suchen, sie werfen sich reihenweise an mich. Gerade hier am See...

...und er tanzte seinen Tango, mit erhobener Brust und MĂ€nnerstolz....

Das Gebiet mit den GartenhĂ€uschen ist sehr weitlĂ€ufig rund um den See. Drei Wochen verbringen Hans und seine Frau schon die herrlichen Sommertage hier, aber dieser Flachbauchschwimmer ist ihm noch nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war er so mit seinen Weibergeschichten beschĂ€ftigt, dass er sich, außer seinen Auszeiten am See, nur im GartenhĂ€uschen herumwĂ€lzte, dachte Hans abfĂ€llig.

Hans blieb immer weiter zurĂŒck. Er kĂ€mpfte mit KrĂ€mpfen, abwechselnd in der linken oder rechten Wade. Er wĂŒrde auf dieser Insel erst mal anstĂ€ndig rasten. Nach Möglichkeit weit weg von diesem Großmaul, der seine Frauengeschichten in balzender Selbstverherrlichung ausschmĂŒckend weiter kreierte, der nicht merkte, dass er lĂ€ngst SelbstgesprĂ€che fĂŒhrte.
Unerwartet unterbrach der Angeber seine Prahlereien. Der alte Amor riss einen Arm in die Höhe und winkte ekstatisch zur Insel.
Am Ufer stand winkend eine Frau. Hans konnte ihr Aussehen nicht ausmachen. Seit Jahren war er BrillentrÀger. Da auch er nicht vor kleinen Eitelkeiten gefeit war, verbat er sich die Brille zumindest beim Schwimmen im See. Aber ihr Aussehen machte ihn nicht im Geringsten neugierig. Er konnte sich vorstellen, wie diese Art von Frauen aussah.
Abermals winkte der augenfĂ€llig Sex begierige, diesmal mit beiden Armen und rief aus LeibeskrĂ€ften nach Annabelle. „ Das ist Annabelle, meine hinreißende Sexgöttin“ lachte er zu Hans nach hinten und strahlte ĂŒber sein ganzes grimassenartiges Gesicht.

Hans verspĂŒrte eine Hitzewelle. Sie ĂŒberzog ihn ganz unerwartet, von der Kopfhaut bis zu den Zehenspitzen. Alles rund um ihn verzog sich, in eine einzigartige Stille. Es war ihm, als wĂŒrde er auf Watte brennen. Er vergaß auf die Schwimmbewegungen. Er vergaß, dass er keine Kraft mehr hatte. Er vergaß seine KrĂ€mpfe und dass er unter Wasser nicht atmen konnte. Einzig denken konnte er noch.

An seine Annabelle.

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