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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Liebste !
Eingestellt am 14. 10. 2003 10:02


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Liebste !
Brief an eine Unbekannte

Ich schreibe, was ich Dir nicht sagen kann.
Ich ahnte, dass ich allein war. Ich meinte zu merken, glaubte zu verstehen, zweifelte an der Vermutung und kam zu dem Schluss, an dem kein Ende abzusehen war. Kein Wunder, dass ich mich immer schon nackt f├╝hle.

Nie bist Du da, wenn ich Dich brauche. Nie kannst Du kommen, wenn ich nach Dir rufe. Nie h├Ârst Du mir zu, wenn ich Dir etwas zu sagen habe. Doch trotz allen Entt├Ąuschungen w├╝rde ich alles f├╝r Dich tun. Und noch einmal. Wieder und wieder.

Also schreibe ich einen dieser Briefe, die man ein Nochmal liest, ein Nochmal schreibt, und aus Unlust vor weiteren Nochmals schnell verschickt, s├Ąmtliche S├Ątze, Worte, Buchstaben bereuend, sobald das Kuvert die Finger durch den gelben Schlitz verlassen hat, um dann dem Postboten aufzulauern und ihm unter fadenscheinigen Begr├╝ndungen den Brief abzuluchsen. Pl├Âtzlich musst Du unerreichbar sein. Mir bleibt nichts ├╝brig, die Briefe ihrem wirren, letzten Punkt zu ├╝berlassen, sie in den Tiefen meines Schreibtischkerkers einzusperren, auf Nimmerwieder-Lesen, -Schreiben und -Verschicken. Zerrei├čen traue ich mich nicht. Die Tinte ist mein Blut.

Hin und wieder glaube ich, Dich zu entdecken, Dein ├╝berhaupt nicht und trotzdem so vertrautes Antlitz deutlich zu sehen, wie man es in dahinziehenden Wolken erkennen kann. Kurz, immer nur kurz, tauchst du auf und wehst an mir vor├╝ber. Eine blinde Taube auf der Suche nach Land, so zart, dass Morgentau ihre Fl├╝gel zu zerbrechen droht. Eine Ballerina in meinen Tiefschlaftr├Ąumen. Du hinterl├Ąsst nichts als Sandstrandtanzspuren. Auf Urlaubskatalogfotographien und in Photo-Love-Storys in Jugendzeitschriften. Hinter den optischen T├Ąuschungen der Landschaft: In z├Ąrtlich verdeckenden Winterummantelungen, Fr├╝hlingskirschenknospen, sommerlichen Eiscremezungen, frivol luftigen Herbstentkleidungen. Ich sehe Dich ÔÇô k├Ânnte es beschw├Âren ÔÇô wenn ich lange in eine Kerzenflamme tr├Ąume und betrunken in der Zukunft w├╝hle. Leere ich meinen Becher, schaust Du mir aus der Neige entgegen.
Ich renne durch die St├Ądte, verstecke mich in der Menge, suche Dich in Ecken und Winkeln der gemeinen Menschheit, die ├╝berall im Wege herumsteht, mich anstarrt und bespucken m├Âchte. (Sie wird mich nie treffen. Ich bin flink unter ihren Augen.) Oft meine ich, mitten im Irgendwo Deinen Gang zu sehen, Deine unbekannt geliebte Gestalt unter sanft dahinwehenden Kleidern zu erahnen? In diesen Minutenstunden schwillt meine Liebe an zum unermesslich schrecklichen Unma├č, denn ich kann nichts anderes mehr als nur hoffen: ÔÇ×Bitte bemerk mich nicht. Nicht jetzt. Nicht hier.ÔÇť Aber wie oft musste ich mich schon f├╝r eine Verwechslung entschuldigen? Wie oft br├╝llte ich jeden an, ob jemand Dich kenne? ÔÇÜNeinÔÇÖ, lachten sie. Nein, solch eine g├Ąbe es nicht, k├Ânne es gar nicht geben. Was ich mir f├╝r Illusionen mache? ÔÇÜNein.ÔÇÖ ÔÇô Anderes bekam ich nie zu h├Âren.
Und doch. Sie m├╝ssen l├╝gen. H├Ąufig genug glaube ich Dein schmuddeliges Gesichtchen als Spiegelung in Spritzwasserpf├╝tzen wahrzunehmen. Ich sehe Dich Liebkosungen und K├╝sse verteilen, mit den weit ausgebreiteten Armen einer Brot spendenden Elisabeth. Sehe Dich an H├Ąlsen geschmiegt, die ich am liebsten umdrehen will. In den Armen verabscheuungsw├╝rdiger Trottel, die nicht wissen k├Ânnen, was sie an Dir haben. Was sie an Dir haben, was ich niemals haben kann ...




ÔÇÜSeht, was sich da an Eure Herzen bettet!ÔÇÖ will ich ihnen zuschreien. ÔÇÜSeht diese Sch├Ânheit, die ihr abschleckt und hinunterschlucken werdet, als sei sie eine S├╝├čigkeit, die es an jeder Stra├čenecke und nach jedem Kinderarztbesuch gibt. Und Ihr ├╝berlegt, ob Ihr Pfand heraus bekommt!!ÔÇÖ

Ich sollte es l├Ąngst besser wissen. Du bist die Pl├Ątzchendose, an die man nie herankommt. F├╝r die man sein Leben lang zu klein ist. Ich habe Dich in zu vielen H├Ąfen gefunden und trotzdem nie meine N├Ąhe an Deiner gerieben. Ich segelte um die Sonne, taute die Pole mit meinem Leib und buddelte mich zum Mittelpunkt meiner Welt. Dort habe ich mein Bild von Dir gefunden. Wo sonst h├Ątte es sein sollen?

Aber ist es nicht die Geduld, die Erfahrung bringt. Und Erfahrung bringt Hoffnung. Und Hoffnung, sagt der erste Heilige zum letzten Narren, l├Ąsst nicht zuschanden werden.
Ich suche Dich weiter. Und sei es, um mich selbst zu finden. Sei es, um selbst nicht gefunden zu werden. Das schaffe ich und wei├č es von den Leuten, die mich st├Ąndig nie erreichen. Als verr├╝ckt Entr├╝ckter halte ich mich gut. Ich bin der Narrenritter, der um das Herz der K├Ânigin k├Ąmpft.
Ich will Dir endlich dienen k├Ânnen. Pr├╝fe Deinen unbekannten Lakaien. Ich sehne mich nach Deiner nie vernommenen, mir aber mit jeder Nuance bekannten Stimme, nach ihrem Klang, der mir im Kopf schwingt. Deine sch├Âne Stimme aus kraftvollen Lippen, Deine Stimme mit den gr├╝nen Augen, mit den langen Wimpern und den empfindlichen Ohren. Deine Stimme, aus der sich Dein Haar auf Deine Schultern herabwellt, so voll, nach Fr├╝hling und Freiheit duftend, nach dem Himmel und ÔÇô wenn alles andere zutreffen sollte ÔÇô dann meinetwegen auch nach Festiger. Endlos lang wallt es an Dir herab. Hinab auf die Gr├╝bchen Deiner Lenden. Hinab auf Deine H├╝ften, so beweglich, so verlockend lockend, allgegenw├Ąrtig. Deine herrlich vollen Br├╝ste, die nicht unerw├Ąhnt bleiben d├╝rfen, da sie so perfekt in meinen H├Ąnden zu liegen kommen k├Ânnten, ÔÇŽ wenn sie h├Ątten gelegt werden ... k├Ânnen ... w├╝rden ÔÇŽ Ach! Wenn wir uns jemals lieben k├Ânnten!!!
Auf der heftig schleudernden Waschmaschine, in den in Grund und Boden benebelten Weinn├Ąchten meiner Wohnung. Zwischen den siffigen M├╝lltonnen der Hinterh├Âfe, frei f├╝r die Blicke der Nachbarschaft. Unter bl├╝henden Kirschb├Ąumen, deren Zweige Bl├╝ten auf uns nieder regnen lie├čen, weil die Erde von der Wucht unserer Liebe erbeben w├╝rde. W├Ąhrend unseren Spazierg├Ąngen inmitten hoher Weizenfeldernachmittage, wo wir unsere gewaltige Lust der Sonne ... entgegenschreien k├Ânnten!!!! Der Wald entlaube sich auf uns, unsere ungez├╝gelte Nacktheit hielte er f├╝r unz├╝chtig. Gefesselt an den R├Ąndern des Alls! Das Universum wundsto├čend! Galaxien flutend! Welten zeugend! Das alles k├Ânnten wir, wenn es unser Uns jemals geben w├╝rde ...
Was w├╝rde mit uns geschehen?

Wir w├╝rden vergl├╝hen. Nicht wahr?
Lieblos in K├Ąlte verpuffen.
Mit jedem ausgezogenem Kleid. Mit jedem Fortwerfen einer Decke. Mit jeder gel├Âsten Umarmung.
So viel W├Ąrme zu verschenken. So viel Hitze zu vergeuden. So viel Glut!
Gibt es Nachtspeicher f├╝r Liebe?

So genau ich wei├č ÔÇÜIch lebeÔÇÖ, so sicher wei├č ich: Wir kennen und kannten uns. Immer wieder wurde und werde ich f├╝r Dich neu geboren werden. In fr├╝heren Zeiten lie├č ich Dich vor mir an Mama Wolfs Zitze saugen. Wir sprangen gemeinsam Hand in Hand aus dem Haupt unseres Vaters. Unsere jungfr├Ąuliche Mutter wurde einst durch unsere Geburt entjungfert.
Eben daher w├╝rde ich jederzeit f├╝r Dich sterben, Dir nach meinem Tod den Weg weisen. Sei es Walhalla, sei es Nirwana oder Styx: Vergi├č alle F├Ąhrm├Ąnner! Alles St├╝mper! Mein Boot ist sicherer als alle anderen. Ich wei├č, wie Kater schnurren. Ich wei├č, wie Espenlaub zittert. Ich w├╝sste mit Argusaugen ├╝ber Dich zu wachen und Krokodilstr├Ąnen nach Dir zu weinen. In meinem Leben werde ich mich niemals sicher f├╝hlen. Aber in Deinem ... vielleicht.
Und w├╝sste ich, dass mein Tot Dein Leben voraussetze, nichts k├Ânnte mir so leicht von der Hand gehen. Ich w├╝rde in die H├Âlle sto├čen, dem Teufel orpheusgleich die Ohren zerharfen, um Dich aus dem Keller herauszusprengen. Ich w├╝rde ... Ich w├╝rde ... wenn es m├Âglich werden ... k├Ânnte ... Allein Deine Existenz w├╝rde N├Âtigung f├╝r mich sein. Doch hier ist der Haken:
W├╝rde, W├╝rde. ÔÇô Zuviel der W├╝rde.

Ich nehme meine Liebe auf Lunge, um nicht an ihr zu ersticken. Kein Schmerz, kein Leiden. Keine Zeit zur Zeit. F├╝r mehr. Ich darf Dir keinen Schlafsand aus den Augen streicheln. Ich darf Dein Herz nicht an meiner Hand sp├╝ren. Darf Deinen sicherlich zuckers├╝├čen Mund nicht schmecken. Aber, und das ist so sicher wie meine Liebe: Ich k├Ânnte Deinen Geschmack sofort erkennen, sobald seine weiche Zunge mich sanft umspielt. Das wei├č meine Geduld genau. Und Rechtbehalten ist schlimm.

Manchmal denke ich: Es ist Zeit. Zeit zu schlafen. ÔÇÜGute Nacht, alter Freund. Schlaf Dich zu Deinen traumhaft sch├Ânen Tr├Ąumen. Morgen wird ein neuer Tag sein, auf den Du Dich freuen darfst, weil er wahrhaftig sein wird. Gr├╝ble nicht mehr, was gewesen, was w├Ąre, was sein w├╝rde oder k├Ânnte. Deine Herzdame ist eine Lady Joker. Man sieht sie nicht im Stapel, trotzdem ist sie in jedem Spiel dabei. Deine K├Ânigin dient nur dem Feinde! Und du glaubst, du hast das HerzAss im ├ärmel, das Dich Dinge sehen l├Ąsst, die nicht sind. Es ist schwarz, verdreht und blattstielig.ÔÇÖ ÔÇô Was man halt so denkt. Kurz vorm Einschlafen.
So stelle ich mich schlafend in meinem brennenden Bett und habe feuchte Tr├Ąume. Meine Barden singen an Deinem Fenster die Lieder aus vertrauten Zeilen. Oden, die nur f├╝r uns geschrieben worden sind. Ich schrieb sie mit Tinte auf Font├Ąnen.

Ich wollte nie ein Leben ganz ohne Sorgen.
Ich will kein Leben ganz ohne Leid.
Ich will einen blutigen, rotbew├Âlkten Morgen,
an dem es dornige Rosen schneit.
Der Narr ist tot!
Lang lebe der Narr!!!

Ich werde weiterhin die Raben fragen und beobachten, wie mein Bart um den Altar w├Ąchst. Als verr├╝ckt Entr├╝ckter halte ich mich gut. Ich bin der Narrenritter, der um das Herz der Exil-K├Ânigin k├Ąmpft.
Ein kleiner Engel fliegt vorbei, der seinen Pfeil wieder aus mir herausziehen m├Âchte. Doch ich lasse ihn nicht, rupfe ihm die Federn aus und versohle ihm den Hintern, wobei ich lauter weine als er.

Liebste! Ich erwarte Dich am Anfang.
Ich werde Wurzeln z├╝chten.



Januar 1997
├╝berarbeitet im Juli 2003

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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