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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Lied für eine geliebte Frau
Eingestellt am 23. 01. 2012 11:15


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Erik Orsenna, Lied für eine geliebte Frau, C. H. Beck 2010, 153 Seiten, ISBN 978-3-406-60617-5

Erik Orsenna ist ein französischer Intellektueller, der viel in der Welt herumgekommen und in der französischen Politik als zeitweiliger Redenschreiber von Mitterand zu hohen Positionen gelangt ist. Einiges aus dieser Zeit plaudert sein Alter Ego in dem vorliegenden Roman auch aus. Doch das steht nicht im Zentrum eines Textes, der sich auf eine literarisch dichte und leidenschaftliche Weise, wie man es selten vorher gelesen hat, mit der Trauer um eine Frau befasst, die einzige Frau in seinem Leben, die er wirklich und wahrhaft geliebt hat.

Sein jüngerer Bruder hat früh geheiratet und redet immer wieder von seiner Frau als seiner „einzigen Liebe“. Der jüngere Bruder wirft dem älteren immer wieder vor, oberflächlich zu sein, wenn der, nach wenigen Monaten nur, schon wieder eine neue Frau zu den Einladungen der Familie des verheirateten Bruders mitbringt. Der verteidigt sich, obwohl er, was zwischen den Zeilen deutlich wird, in seinem Inneren spürt, dass sein Leben, seine Unruhe und Unrast so etwas wie eine uneingestandene Angst davor sind, sich wirklich liebend auf eine Frau einzulassen.

Doch eines Tages begegnet auch er seiner großen, „einzigen“ Liebe. Doch bald erkrankt die wunderbare Frau und nach nur vier gemeinsamen Jahren, zum Schluss geprägt durch hektisches und angstvolles, letztlich aber vergebliches Suchen nach einer medizinischen Lösung, stirbt sie.
„Welches Bild von ihr kann ich für immer in mir bewahren, welches Bild, das niemand mir nehmen kann, nicht einmal das Leben, das weitergeht?“
So fragt er sich und seine Leser schon am Beginn des Buches und macht sich dann, nachdem er seinen familiären Hintergrund und sein Verhältnis zu dem jüngeren Bruder, dem mit der einzigen Liebe, erklärt hat, auf die Suche nach der Verstorbenen. Er weigert sich, den Rat der traditionellen Trauerarbeit anzunehmen und loszulassen. Er sucht nach Wegen, weiterhin mit seiner wahrhaft geliebten Frau zu leben. Als gebildeter Mensch befragt er antike Mythen (Orpheus und Eurydike), das tibetanische Totenbuch, Mediziner, Philosophen und Physiker und die Religionen auf der Suche nach einer Antwort.

Und er erlebt auf eine den Leser bewegende Weise, dass, je mehr er die Geliebte sucht, auch die Nähe zu ihr wieder größer wird und ganz neu entsteht.

Orsennas Roman ist ein Buch über den Zauber der Liebe, ein überzeugendes und ehrliches Stück Autobiographie und ein erschütterndes Zeugnis großer Trauer über einen verloren geglaubten Mensch.

Orsenna ist als Romancier ganz nah an der Erkenntnis, die insbesondere der Psychotherapeut Roland Kachler in den letzten Jahren in vielen Büchern formuliert hat, nachdem er sich nach dem Tod eines Sohnes an der von Freud schon formulierten Prämisse der Trauerarbeit , dem „Loslassen“ abgearbeitet hatte. Er spricht immer wieder davon, dass die Liebe zu dem Verstorbenen eben nicht losgelassen zu werden braucht, denn sie ist das tragende Element, das aus der Trauer heraus führt und eine dauernde Verbindung zu dem Verstorbenen aufrecht erhält, ohne dass die das weitere Leben des Trauernden behindern, einschränken oder verunmöglichen würde.

Erik Orsenna findet das auf seine Weise heraus. Er kann seine einzige und wahre Liebe bei sich behalten und sich dennoch dem Leben und auch der Liebe wieder öffnen. Mich hat das Buch sehr bewegt und mich daran erinnert, jeden Tag mit meiner einzigen Liebe zu schätzen und bewusst zu leben. Nichts, auch nicht dereinst der Tod wird mir das jemals nehmen können.



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