Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
250 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Lieutenant Flavio
Eingestellt am 01. 08. 2007 00:17


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hedwig Storch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Im Jahre 1830 schreibt der junge Theodor Mundt (*1808; †1861) die Wahrheit ĂĽber Goethes im Vorjahr erschienenen Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre: “Wir mĂĽssen ehrlich sein, und, um dem Dichter nicht unrecht zu tun, die Wanderjahre sogleich, auch in ihrer jetzigen Gestalt noch fĂĽr ein unausgearbeitetes Fragment, das nur in einzelnen Partien mehr oder weniger ausgebildet und vollendet erscheint, erklären.“

Wie kann ein 22-Jähriger es wagen, einen 81-Jährigen zu tadeln. Mundt rüttelte am Sockel. Darf der denn das?

Wir wollen an zwei kleinen Beispielen zeigen, dass Mundts Rezension durchaus verständlich sein kann.
Erstes Beispiel: Erich Trunz bezeichnet 1950 die Wanderjahre einfach als Rahmenerzählung mit eingelegten Novellen. Spätestens, wenn wir im Roman bis zur Novelle „Der Mann von funfzig Jahren“ vorgedrungen sind, fragen wir uns: Was wird hier eigentlich gespielt?
Hatten die Novellen bis einschließlich „Wer ist der Verräter?“ scheinbar keinen direkten Bezug zur Rahmenerzählung, so gilt das für „Das nußbraune Mädchen“ Nachodine nicht mehr. Gut, denken wir. Endlich schreibt Goethe so, wie wir wollen. Gleich erhalten wir vom Dichterfürsten den nächsten Dämpfer: Als die Novelle zu Ende ist und es mit der Rahmenerzählung weitergeht, ist sie noch gar nicht zu Ende. Der Schluss kommt erst viel viel später. Prima Einfall, resignieren wir, weil es Goethe ist. Wir gewöhnen uns an die neue Erzähltechnik und finden sie endlich originell.

Zweites Beispiel: Wir schmökern weiter und stoßen auf die erwähnte Novelleneinlage „Der Mann von funfzig Jahren“. Der Sohn des Majors wird darin „Lieutenant“ und „Sohn“ genannt. Erst ziemlich am Ende der Novelle, nach vielen eng bedruckten Seiten, kommt heraus, dass er auch einen Namen hat: Flavio. Wir schlucken und putzen die Leselupe. Was hat unser Goethe nur wieder verzapft? Es kommt noch toller. Der Roman handelt ja von Entsagenden. Wenn also Hilarie und die schöne Witwe, zwei weibliche Figuren aus dem „Mann von funfzig Jahren“, der körperlichen Liebe zu Flavio entsagen – passt das haarscharf ins Konzept. Wenn aber der Wanderer Wilhelm Meister wandert und weiter wandert und die zwei Damen einfach so trifft, dann sind zwar auch hier Novelle und Rahmenerzählung verkoppelt – aber gewaltsam und für den Leser keinesfalls nachvollziehbar. Ebenso wird der Leser vor den Kopf gestoßen, wenn die Baronin, eine weitere Dame aus dem „Mann von funfzig Jahren“, unvermittelt Makarie, „die schweigsamste aller Frauen“, hinzuzieht. Und wie Wilhelm über jene Papiere Kenntnis von den Vorgängen in der Novelle erhält, in der er per definitionem ja nicht drin ist! Und überhaupt.
Mittlerweile hatten wir uns daran gewöhnt, dass Wilhelm die Novellen-Manuskripte als Einschlaflektüre aufs Nachttischchen bekommt. Dann plötzlich schlampt „der Redakteur dieser Bogen hier“ und präsentiert die Novelle dem strapazierten Leser und nicht Wilhelm. Sperrige Sache, dieser „Archivroman“. Volker Neuhaus fand 1968 jene schöne Bezeichnung. Vermutlich hat er sich bei der Rubrizierung nicht anders zu helfen gewußt. Und wie an der Stelle Mignon aus den „Lehrjahren“ in die „Handlung“ mittelbar herein geholt wird – zum Schreien. Das könnte Eckermann zusammengeschustert haben, nachdem er Grünes Licht vom Olymp herab bekam.

Sie müssen jetzt alles, was oben steht, aus Ihrem Kurzzeitgedächtnis radikal streichen. Wer Goethe wieder liest, findet auf alle scheinbaren Ungereimtheiten akzeptable Antworten. Der Roman gehört ja zu unseren „heiligen Büchern“. Wir dürfen nicht weiter so garstig drüber reden! Die „Wanderjahre“ sind „fragmentarisch genug , um anzureizen“, sind „hinlänglich barbarisch, um aufzufordern“, sind „hinlänglich zart, um zu besänftigen“:
Wilhelm erzählt uns z.B. aus dem Observatorium von Makarie und der Venus: „An der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen sich teilendem Gewölk, einen Stern blinken, der immer aufwärts getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölb sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und alles zu umschließen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf; schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in meinem Auge, und wie ich nun hinblicke - der Morgenstern, von gleicher Schönheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit, wirklich vor mir!“

Träume können schöner als Wirklichkeiten geraten. Darum schreiben Schreiber auch. Mit dem obigen Goethe-Zitat ist es bewiesen – der Zeitroman die „Wanderjahre“ ist ein ungewöhnliches Buch - bedeutend, beeindruckend, großartig, wegweisend, Epoche machend. Alle üble Nachrede prallt an solch einem Denkmal ab. Gero von Wilpert übernahm den Terminus „Zeitroman“ - eine Wortschöpfung Clemens Brentanos aus dem Jahre 1809 - als Kategorie für die „Wanderjahre“.

258. Geburtstag: Am 28. August 1749 wurde Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt am Main geboren.

Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden
Roman (1829)

Neuere Ausgabe: Reclam 1986, ISBN : 978-3-15-007827-3, 9,60 Eur[D]

Hedwig Storch 8/2007

__________________
Hedwig

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!