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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lila Sommer
Eingestellt am 09. 03. 2015 02:54


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TilliUlenspeel
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2015

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Lila Sommer

Peng! Isabella Fernandez knallte die Kühlschranktüre so heftig zu, dass sie sich sofort wieder öffnete und ihr mit Schwung eine Flasche Sekt entgegen rollte. Sie streifte kurz Isabellas Bauch und landete dann vor ihren Füßen, um dort mit einem lauten Klirren auf den bunten, mallorquinischen Fliesen zu zerplatzen. Sie war wütend auf ihre Tochter Luisa und deren Freund Federico.
Doch Luisa sah das alles ganz anders.
Was konnte sie denn dafür, dass ihr Herz nicht höher schlug beim dem temperamentvollen Roberto, der sie bei jeder Party mit glühenden Augen an schmachtete? Oder Juan, der in seiner Luxusvilla direkt am Meer wohnte und sie eine Zeitlang mit roten Rosen geradezu bombardiert hatte. Bis sie ihm klipp und klar erklärte, dass sie ihn niemals erhören könne, weil sie eine schwere unheilbare Krankheit hätte, die zudem auch noch hochansteckend war und sie ihn nicht der Gefahr aussetzen wollte, ebenfalls am HIV-Virus zu erkranken.
Ja – zugegeben, es war ihr im Grunde ihres Herzens zuwider, so eine Ausrede benutzt zu haben.Aber diese drastische Lüge war notwendig gewesen, fand sie. Sonst wäre sie ihn nie losgeworden. Juan hatte einfach nicht begreifen wollen, dass sie nichts für ihn empfand.
Bei Federico war das etwas anderes. Mit ihm hatte sie schon im Kindergarten zusammen gespielt und zu ihm hatte sie tiefe, wenn auch nur freundschaftliche Gefühle. Nach einiger Zeit hatte ihre Mutter daher Ruhe gegeben, weil sie oft mit Federico zusammen um die Häuser gezogen war und sie daraus geschlossen hatte, dass die beiden, weil sie sich doch schon so lange kannten, irgendwann heiraten würden.
Wenn Federico zu Besuch kam, behandelte sie ihn daher auch schon so, wie einen kĂĽnftigen Schwiegersohn. Sie bestand darauf, wenn er kam, dass Luisa sich vorher besonders hĂĽbsch machte und sie selbst verschwand in ihrer KĂĽche, um einen ihrer berĂĽhmten, leckeren Kuchen zu backen.
Luisa begann schon aufzuatmen – dachte, sie hätte jetzt endlich Ruhe, da passierte es...

Ihre Mutter, die äußerst selten zum Strand ging, hatte ihre beste Freundin Paola besucht. Da es ein drückend heißer Tag gewesen war, beschlossen die beiden gegen Abend ans Meer zu gehen, um eine Runde zu schwimmen.
In einer Sandkuhle entdeckte Isabella plötzlich Federico, der sich wild knutschend, mit freiem Oberkörper und vollem Einsatz nicht etwa einer Frau widmete, sondern gerade wieder in die welligen, schwarzen Haare eines anderen Mannes griff und ihn über sich zog.
Isabella bekam Schnappatmung bei diesem Anblick! Sie stand kurz vor einer Ohnmacht und die Lust am Schwimmen war ihr grĂĽndlich vergangen. Laut vor sich hin schimpfend, drehte sie sich abrupt um und lief den Weg zurĂĽck, den sie gekommen waren. Paola hatte MĂĽhe, ihr zu folgen. Sie verstand nicht so recht, was los war. Hatte ihre Freundin etwas gegen Schwule ?
„Nun bleib doch mal stehen!“ rief sie. „ Heutzutage ist es doch nichts schlimmes mehr, wenn sich zwei Männer lieben, Isabella.“
Doch die verlangsamte ihre Schritte kein bisschen, sondern schien im Gegenteil noch schneller zu laufen. Zuhause angekommen, knallte sie ihrer Freundin die TĂĽre vor der Nase zu und Luisa, die am Esstisch in der KĂĽche saĂź und Isabella hereinstĂĽrmen sah, erlebte zum ersten Mal, wie viel Temperament sich jahrelang in ihrer Mutter versteckt hatte. Sicher war Mamita frĂĽher auch schon mal wĂĽtend geworden. Aber hier entlud sich gerade ein Vulkan.
Zuerst verstand sie kaum ein Wort von dem, was ihre Mutter von sich gab.
Schwul ...! Sodom und Gomorrha ...! Heilige Madonna, steh uns bei... !
Doch dann stand Isabella direkt vor ihr und sagte laut und deutlich: „Damit das klar ist, dieser Federico wird unser Haus nie wieder betreten und du wirst dich von ihm fernhalten. Verstanden, Luisa ?“
„Ähem, Mamita...ich verstehe überhaupt nicht, was los ist“, wagte Luisa vorsichtig einzuwenden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter wusste sie schon lange, dass Federico lieber Männer, statt Frauen mochte. Und sie ahnte langsam, dass Isabella hinter ihr Geheimnis gekommen sein musste.
Natürlich hatten sie beide darüber geschwiegen. Im streng katholischen Spanien waren die Menschen nicht so liberal wie in vielen anderen Ländern mittlerweile.
„Du musst auch nichts verstehen! Halte dich einfach an das, was ich dir sage“, entgegnete ihre Mutter und fast sah es so aus, als wolle sie Luisa schlagen. Sie fuchtelte nämlich bei jedem ihrer Worte wie wild mit den Händen und Armen in der Luft herum, um sie zu unterstreichen.

Luisa wollte schon wortlos in ihr Zimmer gehen, da wurde ihr auf einmal bewusst, dass sie das alles nicht einfach so hinnehmen konnte - und wollte...
Federico war ihr bester Freund, ihr Vertrauter seit Jahren. Was Isabella von ihr verlangte, war ja verrĂĽckt !
„Mamita, bitte...“ fing sie an, aber ihre Mutter wollte sich auf keine Diskussion einlassen.
„Nein, Schluss jetzt! Darüber brauchen wir nicht mehr zu reden.“ Isabella, die schon auf dem Weg nach oben ins Bad gewesen war, drehte sich auf der Treppe noch einmal um.
„Ich habe Kopfschmerzen und werde mich nach dem Duschen gleich hinlegen.“ Mit blitzenden, noch immer zornigen Augen sah sie Luisa an. Ihre Stimme erhob sich wieder. „Und du versprichst mir, dass du ihn nie wiedersehen wirst!“
„Das kann ich nicht, Mamita!“ schrie Luisa zurück. Ihre Gefühle bahnten sich einen Weg. Sie konnte es nicht widerspruchslos hinnehmen, was ihre Mutter von ihr verlangte.
„Luisa, Federico ist krank! Ich will gar nicht daran denken, was für schlimme Krankheiten er außerdem noch hat. Darüber diskutiere ich jetzt auch nicht weiter mit dir!“

Kurz schlichen sich ein schlechtes Gewissen und SchamgefĂĽhle bei Luisa ein, weil sie bei dem Wort Krankheit sofort an ihre schlimme LĂĽge denken musste, die sie als Verteidigung benutzt und zweckentfremdet hatte, um Ruhe vor Juan zu haben.
Das war dumm gewesen. Sie schwor sich, nie wieder eine Krankheit fĂĽr etwas zu missbrauchen, um etwas positives fĂĽr sich daraus zu gewinnen.
Völlig außer sich und verzweifelt schnappte sie sich kurz entschlossen ihr Handy und ihre Haustürschlüssel und rannte hinaus.
Isabella hörte nur noch das aufröhren von Luisas Motorrad. Dann war es still.

Und nun stand sie in ihrer KĂĽche, vor sich auf dem Boden einen Haufen Scherben und ihre Tochter war weg.
Sie bĂĽckte sich, um hinter dem Vorhang des alten Einbauschrankes, das Kehrblech und den Handfeger hervorzuholen, welche sie im unterstem Regal aufbewahrte und begann dann vorsichtig damit die Glasscherben aufzusammeln.
Sie hoffte, dass Luisa nicht gleich zu Federico gefahren war. Das sie aber auch kein bisschen verstanden hatte, was Isabella ihr hatte klarmachen wollen.
Heilige Madonna, wie konnte der Herr sie nur so strafen? Ihre Tochter befreundet mit einem Homosexuellem! Was die Leute sagen würden, wenn das raus käme... ? Sie musste Luisa mit allen Mitteln von ihm fernhalten. Das war ihre Pflicht!
Dabei hatte sie immer gedacht, dass Federico eines Tages ihr Schwiegersohn werden wĂĽrde. Wie konnte sie denn nur so blind gewesen sein, fragte sie sich.
Und was war mit Luisa los? Warum legte sie sich so ins Zeug für ihn, wo er doch – wie sich jetzt herausgestellt hatte – überhaupt keine Ambitionen gezeigt hatte, um sie zu werben.
Sie begrüßte es, dass Luisa mit 18 noch Jungfrau war. Zumindest ging sie stark davon aus. Das hätte jetzt auch noch gefehlt. Ihre Tochter der Ehre beraubt und dann noch mit diesem Federico befreundet... !

Isabella beschloss, sich das Zimmer ihrer Tochter einmal grĂĽndlich anzusehen. Welche Geheimnisse hatte sie vor ihr. Warum verteidigte sie Federico so ?!
Es war wirklich sehr heiß in diesem Sommer. Eigentlich wollte sie nur eins. Unter die Dusche und dann schlafen. Aber erstens war sie gerade viel zu aufgeregt und außerdem wollte sie nun unbedingt wissen, was Luisa eventuell noch alles vor ihr verbarg, wenn sie schon die Homosexualität ihres Freundes vor ihr geheim gehalten hatte.
Sie betrat die kleine Kammer ihrer Tochter, die von lila Farben dominiert wurde. Der Teppich, die Vorhänge, der Lavendel auf der Fensterbank, die Schleifen an dem Stuhlkissen vor ihrem Schreibtisch, die Bettwäsche. Alles in den verschiedensten Lilatönen.
Das letzte Mal war sie vor einem halben Jahr bei Luisa im Zimmer gewesen, aber nur kurz, um ihr einen hĂĽbschen BlumenstrauĂź zum Geburtstag auf ihren Tisch zu stellen.
Es hatte sich nichts verändert. Oder doch ?
Was war das fĂĽr ein Foto in dem Bilderrahmen auf ihrem Nachttisch ?
Neugierig nahm sie das Bild in die Hand und betrachtete es.
Luisa in inniger Umarmung mit Daniela, der Tochter ihrer besten Freundin Paola !
Das wäre nicht unbedingt schlimm gewesen, wenn es sich nur um ein unschuldiges Freundschaftsfoto gehandelt hätte.
Aber im Bruchteil einer Sekunde hatte Isabella die offenstehende Schublade wahrgenommen und was sie da sah, lieĂź sie erstarren. Noch ein Foto von Luisa und Daniela.
Diesmal völlig in einem tiefen, hingebungsvollem Kuss versunken.

Und auf einmal wurde ihr vieles klar.
Darum also nie ein Freund, den man normalerweise irgendwann den Eltern vorstellte. Auf Luisas Partys waren auch fast immer nur Mädchen eingeladen, ausgenommen natürlich Federico. Logisch, dass sie sich so für ihre Freundschaft mit Federico einsetzte. Sie war lesbisch !
Isabella setzte sich aufs Bett. Jetzt verstand sie sogar, warum es ausgerechnet Lila sein musste, als sie Luisa gefragt hatte, welche Farben sie gerne fĂĽr ihr Zimmer haben wollte.

Lila, die Farbe der Lesben und Schwulen.

Die Symbolfarbe Lila als eine Mischung von Rot und Blau fĂĽr das sogenannte dritte Geschlecht.

Sie liebte ihre Tochter. Aber konnte sie sich damit abfinden, dass sie sich zu Frauen hingezogen fĂĽhlte?
Würde sie über ihren Schatten springen können, um Luisa nicht zu verlieren? Konnte man vielleicht ihre Krankheit heilen ?
Lange saß sie auf dem Bett ihrer Tochter und war ganz in ihre Gedanken versunken. Dann hörte sie irgendwann plötzlich ein Motorengeräusch vor dem Haus.
Luisa war nach Hause gekommen.

Was sollte sie jetzt tun ?





© Tilli Ulenspeel
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Die Menschen lassen sich lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik bessern.
(Georg Bernhard Shaw)

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