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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Linoleum
Eingestellt am 10. 12. 2001 13:40


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The Girl Who...
Routinierter Autor
Registriert: Dec 2001

Werke: 29
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Ich starre so oft ich kann auf den Boden und z├Ąhle die gr├╝nen und wei├čen Quadrate. Das Linoleum ist verschrammt und zerkratzt, Ergebnis von vierzig Jahren schleifender Abs├Ątze. Ich starre auf den Boden, weil ich sonst sie ansehen m├╝sste.
Dinge f├╝hlen ist l├Ąngst nicht alles, sagt sie.
Ich nicke und verfolge eine Rille im Boden mit den Augen. Denke an einen spanischen Gitaristen. El Mariachi.
Zu wissen wer du bist, sagt sie, ist auch nicht das Ma├č aller Dinge.
Ich nicke wieder und versuche, meine Wimpern zu z├Ąhlen.
Psychologie ist eine Farce, sagt sie. Erfundene Theorien f├╝r ausgedachte Leiden.
Ich nicke wieder.
Au├čer in meinen Tr├Ąumen bin ich nie gl├╝cklich, sagt sie.
Sie erz├Ąhlt mir all dies w├Ąhrend der Stunde, die ich auf dem harten orangenen Plastikstuhl neben ihrem Bett verbringe. Sie erz├Ąhlt es mir w├Ąhrend ich sie mit warmen M├╝sli f├╝ttere. Der Doktor hat gesagt, ihre Geschmacksnerven registrieren nichts mehr, trotzdem weigert sie sich, etwas anderes zu essen als dieses M├╝sli, ihre Lieblingssorte.
Ihre leeren blauen Augen starren durch die Decke. Sie sind umrandet von Haut die knittrig ist wie Zellophan. Ihre Haare h├Ąngen in schlaffen Str├Ąhnen um ihr Gesicht herum. Graue Reben. Sie sieht nichts mehr.
Einst traf ich einen Mann, sagt sie. Das ist Jahre her. Ich traf diesen Mann auf der Landeskirmes, wo ich mit meiner Familie war.
Ihre Worte sind nuschelig.
Dieser Mann zog mich zur Seite und k├╝sste mich! sagt sie. Er k├╝sste mich so lange. Und dann schubste er mich zur├╝ck in die Masse von Leuten.
Ihre Augen leuchten auf, ich muss l├Ącheln. Sie kann mein L├Ącheln nicht sehen.
Jeden weiteren Kuss, sagt sie, habe ich mit diesem einen Kuss verglichen. Sogar die von Johann. Johann hat nie so gek├╝sst.
Ich sage, Wow, dass muss Liebe gewesen sein.
Ich sage, ich wei├č genau was sie meinen.
Ich sage, ja ja, das ist wahr.
Dann ist die Stunde vor├╝ber, die Krankenschwester kommt herein und nickt mir zu. Ich stelle die M├╝slischale zur Seite und t├Ątschle ihre Hand. Bis morgen, sage ich.
Sei ein gutes M├Ądchen, sagt sie zu mir.
Die Krankenschwester teilt die Bedr├╝ckung, die dieser Ort in mich hineinbrennt. Ich gehe den Gang entlang, schneller und schneller bis ich hinaus in die Sonne springe und mich auf den Rasen fallen lasse. lasse die W├Ąrme der realen Welt diese langsam tickenden Minuten von mir abkratzen.
Dann gehe ich wieder rein. Ins n├Ąchste Zimmer.
__________________
He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

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