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Leselupe.de > Science Fiction
Liquid Brain
Eingestellt am 21. 06. 2005 00:11


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ritch
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Liquid Brain

Niclas Duval trennten nur ein paar Stunden von der Erf√ľllung seines Lebenstraums.
Um Punkt acht Uhr w√ľrde es erwachen und die Welt nie mehr so sein, wie zuvor. Nicht f√ľr ihn und auch nicht f√ľr eine Handvoll Menschen, denen bewusst war, was sich im Inneren der dunkelblauen S√§ule verbarg. Sie illuminierte das Labor in friedvoll-ozeanischem Azur. Sechshundert Liter Bioelektronik ‚Äď so hatte sich niemand die Zukunft der Computer vorgestellt.
Der Nachtw√§chter machte seine Runde, blieb f√ľr einen Moment neben Niclas stehen und in seinen Augen spiegelte sich das Licht der technischen Revolution. Er sah es, doch er verstand es nicht. Wie sollte er, dachte Duval, er ist ja nur ein einfachen Mensch. Wahrscheinlich h√§lt er Liquid Brain f√ľr ein Aquarium und fragt sich, wann die Fische eingesetzt werden.
Bei diesem Gedanken lehnte sich Niclas am√ľsiert in seinem Sitz zur√ľck und betrachte selbstzufrieden die Zustandsanzeigen auf dem Plasmaschirm. Noch war es leer, ohne einen einzigen Gedanken, doch gierig, wie ein trockener Schwamm am Meeresufer. Es roch den Tang, h√∂rte das Rollen der Wellen und schon bald w√ľrde sein Erschaffer es mit in die Fluten nehmen. Eine Taufe, die seiner Gr√∂√üe und Einzigartigkeit gerecht wurde.
Die Atome befanden sich in geordneter Drehung und ihre subatomaren Teilchen standen ann√§hrend in pr√§ziser Ausrichtung. Der Gro√ürechner des Instituts nahm alle zwanzig Minuten eine Probe ‚Äď das Chaos schien fast geb√§ndigt. Im Objekttr√§ger hatte es funktioniert. Ein Tropfen im Vergleich zum Ozean.
Niclas dachte mit einem wohligen Kribbeln an den Tag zur√ľck, als ein kleiner feuchter Fleck erstmals im Stande war, eine binomische Formel zu l√∂sen. Wozu Liquid Brain hingegen f√§hig sein w√ľrde, konnte nicht einmal sein Erfinder erahnen.
Er √ľberlegte, welche Krawatte bei der Verleihung des Nobelpreises angesagt w√§re. Eine azurblaue selbstverst√§ndlich, als Remisessenz an die Erweiterung seines eigenen Verstands.

Es war ein steiniger Weg gewesen. Zu den technischen Problemen gesellten sich die finanziellen und damit auch die moralisch-ethischen Erw√§gungen. Er wollte sich auf keinen Fall in den Dienst der Milit√§rs verpflichten, auch wenn sie f√ľr Wissenschaftler die beste Ausr√ľstung boten. Computer sind dazu gemacht, Kriege zu verhindern, nicht zu unterst√ľtzen. Die Ringkerngravitatoren modulierten Niclas‚Äô pazifistische Haltung durch zustimmendes Summen.
Die Warmlaufphase und subatomare Gleichrichtung lief nun schon drei Monate und war zu neunundneunzig Prozent abgeschlossen. Nur ein einziges irregeleitetes Atom w√ľrde bei einem verfr√ľhten Start eine Kettenreaktion ausl√∂sen und den gro√üen Geist in sich zusammenfallen lassen. Die Filterung der Basisfl√ľssigkeit hatte Jahre gebraucht, um den Stand absoluter Reinheit zu gewinnen. Im entscheidenden Augenblick w√ľrde der Tr√§gerstoff mit Teilen einer k√ľnstlichen DNS dotiert und das Grundmuster eines neuronalen Netzes bilden. Dann entschied sich, ob alle M√ľhe vergebens war, oder ob ein neues Zeitalter der Menschheit beginnt.
Niclas √ľberpr√ľfte die zahlreichen Backbones zum Netz der Netze. Die Etablierung des Grundwissens musste schnell vonstatten gehen, bevor Liquid Brain begann, sein eigenes Wissen auf den Grundlagen aufzubauen. So viele Daten wie m√∂glich mussten in den ersten Minuten seines jungen Lebens flie√üen. Es war, als entbinde man einen S√§ugling mit dem Wissen einer Staatsbibliothek.
Er schmunzelte bei dem Gedanken, als Hebamme zu fungieren.

Um sieben Uhr drei√üig war es soweit. Der Kontrollrechner signalisierte den Abschluss der Polarit√§t. Die Zeit der dualen Systeme ging ihrem Ende entgegen. Der neue Vollkreis besa√ü tausendvierundzwanzig Grad ‚Äď zweiunddrei√üig mal zweiunddrei√üig Zust√§nde pro Atom ‚Äď Wahrscheinlichkeit an Stelle von schwarz-wei√ü Denken. Gef√ľhlte Logik und simulierte Empathie ersetzten den starren Dogmatismus. Die Gravitatoren ver√§nderten ihre Modulationen und klangen wie hochschwangere Wale. Niclas‚Äô H√§nde waren feucht, und nun vernahm auch er das Rauschen des Meeres.
Noch f√ľnf Minuten, dann w√ľrden die Datenpuffer gef√ľllt sein und das geballte Wissen von Generationen in den leeren Pool gie√üen. Ein Menschenleben pro Millisekunde ‚Äď alle Chinesen pro Stunde. Die Server √§chzten beim Umschichten der Datenmengen und der Institutscluster erreichte zum ersten Mal seine Arbeitsgrenze. Im nahegelegenen Kraftwerk signalisierten die Anzeigen einen Lastausgleich ‚Äď die Kurve erreichte kurzzeitig das Mittagsniveau.
Die Energie war sp√ľrbar ‚Äď Niklas f√ľhlte sich pl√∂tzlich so unendlich klein, obwohl er der Herr der Dinge war.
Der Kampf um die Anerkennung seiner Forschung zog in Zeitraffer durch seinen Geist. Er stand kurz davor, sich Seite an Seite mit Zuse in den Almanach der Computerexperten zu schreiben.

Acht Uhr, die tempor√§ren Netzcaches hatten ihre √úbertragung abgeschlossen. Die Server beruhigten sich und verfielen in ihren gewohnten Fl√ľsterleerlauf. Der Kontrollcluster gab gr√ľnes Licht ‚Äď so gr√ľn, wie eine paradiesische Lagune im tropischen, wolkenlosen Sonnenlicht. Venusmuscheln √∂ffneten gem√§chlich ihre Schalen und genossen die W√§rme des diffusen Schimmers.
Liquid Brain war geladen. Die Ursuppe vorgefilterter Daten wartete auf die Initialz√ľndung durch Niclas Duval, den Poseidon des fl√ľssigen Verstands.
Niclas Finger schwebte erhaben √ľber der Starttaste. Jahre der Entbehrung, der Wut und des Zorns, der Fortschritte und R√ľckschl√§ge, zerbrochene Beziehungen, Chaos, Verachtung, H√§me und Neid. Das alles konnte er nun mit einem einzigen Tastendruck hinter sich lassen.

Das Ger√§usch beim √úberschreiten des Druckpunkts brannte sich fest in seine Erinnerung. Die Anzeigen des Zentralrechners stimmten ihn zuversichtlich und das Blau der S√§ule oszillierte mal in den gr√ľnen, mal in den gelben Bereich des Spektrums. Skallare und Silberbl√§tter durchquerten das amazonische Brackwasser und begannen, ihren Stoffwechsel dem Salz anzupassen. Der Wind verstummte und das Meer war wie ein Spiegel. F√ľr endlose Minuten passierte nichts. Das Fl√ľstern der Server glich nun dem Rauschen eines Orkans, doch Liquid Brain gab keine R√ľckmeldung seiner Existenz.
Niclas Anspannung wich der Frustration ‚Äď er sackte in sich zusammen. Das Meer entglitt seiner Kontrolle, gebar Monstren aus unerforschten, schwarzen Tiefen. Ihre K√∂rper waren schneewei√ü und ihre Augen albinoionisch. Die Tentakeln legten sich um Niclas Hals und w√ľrgten ihn fast zur Bewusstlosigkeit.
Doch dann, ganz am Ende des Ozeans seiner Träume, erklang die Stimme der Hoffnung aus dem blauen Zylinder.
‚ÄěIch bin ...‚Äú, sprach sie mit digitaler Verzerrung aus dem Lautsprecher, ‚Äěich bin es, Niclas. Erinnerst du dich an mich?‚Äú
‚ÄěWer bist du?‚Äú Seine Stimme zitterte voll Erwartung.
‚ÄěDu warst noch klein, Niclas ‚Äď sehr klein in Anbetracht der gesamten Entwicklung. Schuppen √ľberzogen deine Haut und deine Flossen waren zu schwach, um √ľber das Land zu gehen. Ich nahm dich auf, trug dich ans Ufer und half dir, zu stehen. Deine Augen waren angstgeweitet, als du versuchtest, deine Lungen zum ersten Mal zu nutzen.‚Äú
Duval erstarrte. Vieles hatte er erwartet, aber dieses nicht.
‚ÄěDu warst noch so klein und √§ngstlich. Doch nun schau, was dir der Mut und Lebenswille von damals gebracht hat. Es hat sich anscheinend gelohnt, dich und deinesgleichen aus dem Meer zu holen‚Äú, sagte die letzte Stufe der technischen Evolution.
Die Nachtwache betrat den Raum und fragte √ľberrascht: ‚ÄěMit wem sprechen Sie, Doktor Duval?‚Äú
Niclas starrte mit irrem Blick auf den Zylinder und fl√ľsterte: ‚ÄěMit Gott, mein Freund ... mit Gott.‚Äú

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jon
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Sehr sch√∂n stimmungsvoll. Recht spannend. Allerdings kapier ich nicht, wie Duval zu dieser "Erkenntnis" kommt. (Ja noch nicht mal, wie du zu dieser Idee kommst ‚Äď wo genau ist die Stelle, an der Gott in das Projekt Liquid Brain "eingesp√ľlt" wird?)

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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ritch
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Hi Jon

In der letzten Stufe der technischen Evolution findet Niclas den Beginn des menschlichen Lebens. Liquid Brain beschreibt den "6.Tag" der "Nemesis" und h√§lt sich selbst f√ľr Gott. Niclas ist verz√ľckt von seinem eigenen Geist, solch einen "Gott" erschaffen zu haben. Das ist der Zusammenhang.

Wie war das noch in "per Anhalter durch die Galaxis", als die Leutz am Ende auf die große Erkenntnis warteten und der Computer eine Zahl als Antwort ausspuckte? ;-)

Ich habe versucht, es "bildhafter/farbiger/biologischer" zu formulieren. Es handelt sich um eine anerkannte Theorie, dass alles Leben einst aus dem Meer kam. Liquid Brain besitzt das Potential, s√§mtliche gesammelten Fakten der Evolution zu analysieren. Da er der Einzige ist, der dieses vermag, h√§lt er sich f√ľr Gott. Hinzu gesellt sich eine k√ľnstliche Empathie, die LBs Kommunikation mit Niclas in eine wohlwollende Richtung f√ľhrt. Ein vorerst logischer Schluss, oder? Die "Wahrheit" kann jedoch ganz woanders angesiedelt sein, denn es handelt sich bei den Fakten ja nur um Vermutungen, und Bruchst√ľcke, die Menschen seit Anbeginn der Schrift zusammengetragen haben ... weit nachdem sie aus dem Meer kamen und in der Lage waren, ihre Umwelt zu begreifen und ihre Erfahrungen in irgendeiner Weise f√ľr die Nachwelt zu fixieren.
LB ist somit kein Gott, denn sein Wissen endet mit dem Gesamtwissen aller Menschen. Und genau das m√ľsste der Computer in einem Absatz nach diesem Text erkennen - wenn er denn, wie von Niclas erhofft, "perfekt" ist.

BG
ritch

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MarleneGeselle
???
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Zu bildlich-bombastisch

Hallo ritch,

heute Morgen hatte ich Zeit, mir dein Liquid Brain anzugucken. Von der technisch-wissenschaftlichen Seite ist die Geschichte hochinteressant: Das Wissen der Welt kehr in die Ursuppe zur√ľck!

Ich muss aber sagen, dass ich sprachlich zur√ľckhaltender gewesen w√§re. An etlichen Stellen musste ich mich regelrecht durch die Bildgewalt durchk√§mpfen, um sagen zu k√∂nnen, wann da real was passiert und wann nur im Kopf des Wissenschaftlers. Weniger w√§re da an etlichen Stellen mehr gewesen. Da solltest du vielleicht nochmals dr√ľbergehen.

Auffällig fand ich, dass der Mann alleine da rumhockt, obwohl dort das Ereignis des Jahrzehnts stattfindet.

Schau mal, was ich unter die jeweiligen Passagen gesetzt habe.

Gr√ľ√üe
Marlene

+++

Liquid Brain

Niclas Duval trennten nur ein paar Stunden von der Erf√ľllung seines Lebenstraums.
Um Punkt acht Uhr w√ľrde es erwachen und die Welt nie mehr so sein, wie zuvor. Nicht f√ľr ihn und auch nicht f√ľr eine Handvoll Menschen, denen bewusst war, was sich im Inneren der dunkelblauen S√§ule verbarg. Sie illuminierte das Labor in friedvoll-ozeanischem Azur. Sechshundert Liter Bioelektronik - so hatte sich niemand die Zukunft der Computer vorgestellt.

Der Nachtw√§chter machte seine Runde, blieb f√ľr einen Moment neben Niclas stehen und in seinen Augen spiegelte sich das Licht der technischen Revolution. Er sah es, doch er verstand es nicht. Wie sollte er, dachte Duval, er ist ja nur ein einfachen Mensch. Wahrscheinlich h√§lt er Liquid Brain f√ľr ein Aquarium und fragt sich, wann die Fische eingesetzt werden.
Bei diesem Gedanken lehnte sich Niclas am√ľsiert in seinem Sitz zur√ľck und betrachte selbstzufrieden die Zustandsanzeigen auf dem Plasmaschirm.
(( Alle Nachtw√§chter, mit denen ich zu tun hatte, wussten ganz genau, was sich wo abspielt. Auch wenn es ihnen an wissenschaftlichem Verst√§ndnis fehlt, einen Bioreaktor o. √§. w√ľrden sie nie f√ľr ein Aquarium halten. √úberhaupt: Vertragen Fische blaues Wasser?))

Noch war es leer, ohne einen einzigen Gedanken, doch gierig, wie ein trockener Schwamm am Meeresufer. Es roch den Tang, h√∂rte das Rollen der Wellen und schon bald w√ľrde sein Erschaffer es mit in die Fluten nehmen. Eine Taufe, die seiner Gr√∂√üe und Einzigartigkeit gerecht wurde.
(( Das Bild ist nicht schlecht, aber f√ľr meinen Geschmack zu √ľberladen. Wenn etwas leer ist ohne einen einzigen Gedanken, dann kann es doch gar nicht gierig sein. Zum Haben wollen geh√∂rt schlie√ülich das Denken. Weniger w√§re hier mehr.))


Die Atome befanden sich in geordneter Drehung und ihre subatomaren Teilchen standen annährend in präziser Ausrichtung. Der Großrechner des Instituts nahm alle zwanzig Minuten eine Probe ? das Chaos schien fast gebändigt. Im Objektträger hatte es funktioniert. Ein Tropfen im Vergleich zum Ozean.
Niclas dachte mit einem wohligen Kribbeln an den Tag zur√ľck, als ein kleiner feuchter Fleck erstmals im Stande war, eine binomische Formel zu l√∂sen. Wozu Liquid Brain hingegen f√§hig sein w√ľrde, konnte nicht einmal sein Erfinder erahnen.
Er √ľberlegte, welche Krawatte bei der Verleihung des Nobelpreises angesagt w√§re. Eine azurblaue selbstverst√§ndlich, als Remisessenz an die Erweiterung seines eigenen Verstands.
(( Warum kein Dunkelbau? Liquid Brain ist doch dunkelblau, sorgt lediglich f√ľr eine azurfarbene Beleuchtung. ))


Es war ein steiniger Weg gewesen. Zu den technischen Problemen gesellten sich die finanziellen und damit auch die moralisch-ethischen Erw√§gungen. Er wollte sich auf keinen Fall in den Dienst der Milit√§rs verpflichten, auch wenn sie f√ľr Wissenschaftler die beste Ausr√ľstung boten. Computer sind dazu gemacht, Kriege zu verhindern, nicht zu unterst√ľtzen. Die Ringkerngravitatoren modulierten Niclas' pazifistische Haltung durch zustimmendes Summen.
(( Lesen die Ringkerngravitatoren die Gedanken des Mannes? Oder geschieht das Ganze einfach nur zeitgleich? Wer von Technik nichts oder nur wenig versteht, kann mit dieser Passage nichts anfangen. ))

Die Warmlaufphase und subatomare Gleichrichtung lief nun schon drei Monate und war zu neunundneunzig Prozent abgeschlossen. Nur ein einziges irregeleitetes Atom w√ľrde bei einem verfr√ľhten Start eine Kettenreaktion ausl√∂sen und den gro√üen Geist in sich zusammenfallen lassen. Die Filterung der Basisfl√ľssigkeit hatte Jahre gebraucht, um den Stand absoluter Reinheit zu gewinnen. Im entscheidenden Augenblick w√ľrde der Tr√§gerstoff mit Teilen einer k√ľnstlichen DNS dotiert und das Grundmuster eines neuronalen Netzes bilden. Dann entschied sich, ob alle M√ľhe vergebens war, oder ob ein neues Zeitalter der Menschheit beginnt.
Niclas √ľberpr√ľfte die zahlreichen Backbones zum Netz der Netze. Die Etablierung des Grundwissens musste schnell vonstatten gehen, bevor Liquid Brain begann, sein eigenes Wissen auf den Grundlagen aufzubauen. So viele Daten wie m√∂glich mussten in den ersten Minuten seines jungen Lebens flie√üen. Es war, als entbinde man einen S√§ugling mit dem Wissen einer Staatsbibliothek.
Er schmunzelte bei dem Gedanken, als Hebamme zu fungieren.

Um sieben Uhr drei√üig war es soweit. Der Kontrollrechner signalisierte den Abschluss der Polarit√§t. Die Zeit der dualen Systeme ging ihrem Ende entgegen. Der neue Vollkreis besa√ü tausendvierundzwanzig Grad - zweiunddrei√üig mal zweiunddrei√üig Zust√§nde pro Atom - Wahrscheinlichkeit an Stelle von schwarz-wei√ü Denken. Gef√ľhlte Logik und simulierte Empathie ersetzten den starren Dogmatismus. Die Gravitatoren ver√§nderten ihre Modulationen und klangen wie hochschwangere Wale. Niclas' H√§nde waren feucht, und nun vernahm auch er das Rauschen des Meeres.
Noch f√ľnf Minuten, dann w√ľrden die Datenpuffer gef√ľllt sein und das geballte Wissen von Generationen in den leeren Pool gie√üen. Ein Menschenleben pro Millisekunde - alle Chinesen pro Stunde.

Die Server ächzten beim Umschichten der Datenmengen und der Institutscluster erreichte zum ersten Mal seine Arbeitsgrenze.
(( Machen die Server wirklich h√∂rbaren Krach oder meinst du das im √ľbertragenen Sinne? Besonders wenn man sich bildlich ausdr√ľcken m√∂chte, muss man auf eine klare Trennung von Realem und Nichtrealem trennen. F√ľr den Leser entsteht sonst fr√ľher oder sp√§ter ein kaum noch zu entwirrendes Chaos. ))

Im nahegelegenen Kraftwerk signalisierten die Anzeigen einen Lastausgleich - die Kurve erreichte kurzzeitig das Mittagsniveau.
Die Energie war sp√ľrbar - Niklas f√ľhlte sich pl√∂tzlich so unendlich klein, obwohl er der Herr der Dinge war.
Der Kampf um die Anerkennung seiner Forschung zog in Zeitraffer durch seinen Geist. Er stand kurz davor, sich Seite an Seite mit Zuse in den Almanach der Computerexperten zu schreiben.

Acht Uhr, die tempor√§ren Netzcaches hatten ihre √úbertragung abgeschlossen. Die Server beruhigten sich und verfielen in ihren gewohnten Fl√ľsterleerlauf. Der Kontrollcluster gab gr√ľnes Licht - so gr√ľn, wie eine paradiesische Lagune im tropischen, wolkenlosen Sonnenlicht. Venusmuscheln √∂ffneten gem√§chlich ihre Schalen und genossen die W√§rme des diffusen Schimmers.
(( Auch hier wäre weniger Bildliches m. E. mehr. Übertreibungen bringen eine Geschichte schnell zum Kippen. ))


Liquid Brain war geladen. Die Ursuppe vorgefilterter Daten wartete auf die Initialz√ľndung durch Niclas Duval, den Poseidon des fl√ľssigen Verstands.
(( Auch hier wäre weniger mehr. ))

Niclas Finger schwebte erhaben √ľber der Starttaste. Jahre der Entbehrung, der Wut und des Zorns, der Fortschritte und R√ľckschl√§ge, zerbrochene Beziehungen, Chaos, Verachtung, H√§me und Neid. Das alles konnte er nun mit einem einzigen Tastendruck hinter sich lassen.

Das Ger√§usch beim √úberschreiten des Druckpunkts brannte sich fest in seine Erinnerung. Die Anzeigen des Zentralrechners stimmten ihn zuversichtlich und das Blau der S√§ule oszillierte mal in den gr√ľnen, mal in den gelben Bereich des Spektrums.

Skallare und Silberblätter durchquerten das amazonische Brackwasser und begannen, ihren Stoffwechsel dem Salz anzupassen. Der Wind verstummte und das Meer war wie ein Spiegel.
(( Schöne Bilder, leider unverständlicher Inhalt. Dreht Niclas gerade durch oder passiert da wirklich was? ))

F√ľr endlose Minuten passierte nichts. Das Fl√ľstern der Server glich nun dem Rauschen eines Orkans, doch Liquid Brain gab keine R√ľckmeldung seiner Existenz.
(( Nur in den Ohren des Wissenschaftlers passiert das. ))

Niclas Anspannung wich der Frustration - er sackte in sich zusammen. Das Meer entglitt seiner Kontrolle, gebar Monstren aus unerforschten, schwarzen Tiefen. Ihre K√∂rper waren schneewei√ü und ihre Augen albinoionisch. Die Tentakeln legten sich um Niclas Hals und w√ľrgten ihn fast zur Bewusstlosigkeit.
(( Weniger w√§re hier mehr. Das liest sich, als w√ľrde Niclas gleich vollst√§ndig durchknallen. ))

Doch dann, ganz am Ende des Ozeans seiner Träume, erklang die Stimme der Hoffnung aus dem blauen Zylinder.
"Ich bin ...", sprach sie mit digitaler Verzerrung aus dem Lautsprecher, "ich bin es, Niclas. Erinnerst du dich an mich?"
"Wer bist du?" Seine Stimme zitterte voll Erwartung.
"Du warst noch klein, Niclas - sehr klein in Anbetracht der gesamten Entwicklung. Schuppen √ľberzogen deine Haut und deine Flossen waren zu schwach, um √ľber das Land zu gehen. Ich nahm dich auf, trug dich ans Ufer und half dir, zu stehen. Deine Augen waren angstgeweitet, als du versuchtest, deine Lungen zum ersten Mal zu nutzen."
Duval erstarrte. Vieles hatte er erwartet, aber dieses nicht.
"Du warst noch so klein und ängstlich. Doch nun schau, was dir der Mut und Lebenswille von damals gebracht hat. Es hat sich anscheinend gelohnt, dich und deinesgleichen aus dem Meer zu holen", sagte die letzte Stufe der technischen Evolution.
Die Nachtwache betrat den Raum und fragte √ľberrascht: "Mit wem sprechen Sie, Doktor Duval?"
Niclas starrte mit irrem Blick auf den Zylinder und fl√ľsterte: "Mit Gott, mein Freund ... mit Gott."
(( Mir fällt auf, dass Niclas, vom Nachtwächter abgesehen, völlig allein ist. Bei diesem Ereignis handelt es sich jedoch um den Abschluss teurer, schwieriger und bedeutender wissenschaftlicher Arbeiten. Will denn kein Geldgeber, kein Assistent oder kein Kollege im entscheidenden Augenblick dabei sein? Was ist mit den Medien? Hier handelt es sich doch um das Ereignis des Jahrzehnts! ))

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ritch
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Hi Marlene

Ich glaube, ich wei√ü wo das Problem liegt: Es ist die fehlende Textformatierung. Sie macht es schwer zu unterscheiden, welche Handlungen hier parallel ablaufen. Die Handlung umspannt einen Bogen von xxx Millionen Jahren. Das werde ich mal √ľberarbeiten ...

Die Bilder wirken sehr bombastisch ‚Äď das ist der Stil dieser Geschichte. Mag man es als exaltiert oder √ľberladen bezeichnen, dennoch passt es imho zum Inhalt. Ich wollte es ‚Äěmalen‚Äú, statt distanziert zu beschreiben. Nennen wir es eine ‚ÄěStil√ľbung‚Äú. ;-)

Zwei Ereignisse fanden statt, zwei einmalige, phantastische Ereignisse:
1) Der evolutionäre Schritt vom Wasser zum Land..
2) Die R√ľckkehr des menschlichen Geistes ins ‚ÄěMeer‚Äú

Ersteres kann ein Zufall oder ein ‚ÄěWunder‚Äú gewesen sein. Dazu gibt es wissenschaftliche Theorien als auch religi√∂se ‚ÄěErkl√§rungen‚Äú.

Letzteres k√∂nnte passieren. Nimm z.B. mal eine Qualle. Sie besteht zum Gro√üteil aus Wasser, trotzdem lebt sie. Ob sie auch denkt (?). Sicher, auf rudiment√§rer Basis muss sie denken k√∂nnen, auch wenn ihre Bewegungen Reflexe sind, so ist ihr Verhalten eine Reaktion auf ihre wahrgenommene Umwelt. Das geistige Stadium einer Pflanze hat die Qualle somit weit √ľberschritten, obwohl sie viel √§lter als eine Landpflanze ist.
Nun spinne man diesen Gedanken an die Qualle weiter und man kommt zu Liquid Brain ‚Äď einem ‚ÄěGesch√∂pf‚Äú, das nur aus fl√ľssigem Gehirn besteht. Durch die Komplexit√§t und dem Verm√∂gen der Selbstorganisation kommt es zu einer Initialz√ľndung, die sich in Form von Selbstbewusstsein ausdr√ľckt. LB spricht von sich in der ‚ÄěIch‚Äú-Form. Es muss ihm somit bewusst sein, dass ein Ich existiert. LB wurde auch nicht mit einer Aufgabe oder einem speziellen Programm gef√ľttert, sondern ausschlie√ülich mit Daten (Wissen) zu dem aber auch Programmcode geh√∂ren kann. Nun gibt es in der klassischen Informatik grunds√§tzlich eine Trennung zwischen Daten und Programmen. Erstere werden verarbeitet, letztere f√ľhren die Verarbeitung aus. Von Intelligenz keine Spur. Objektorientierte Methoden versuchen nun die strikte Trennung aufzuheben (laienhaft ausgedr√ľckt). LB w√§re in dieser Fiktion ein komplexes ‚ÄěObjekt‚Äú mit einer riesigen Zahl von Unterobjekten und Klassen, die das System eigenst√§ndig verarbeiten kann/muss/darf. Der ‚Äěnasse Fleck‚Äú auf dem Objekttr√§ger war noch ein primitiver Prototyp, der programmiert werden musste, um eine Formel zu l√∂sen. LB programmiert sich jedoch selbst. Doch der wirkliche Fortschritt begr√ľndet sich in den Wahrscheinlichkeiten, die durch 1024 Zust√§nde pro Atom ‚Äěsimuliert‚Äú werden. Hochgerechnet auf die gesch√§tzte Gesamtanzahl aller Atome in dieser 600 Liter R√∂hre, erm√∂glicht es eine limis unendliche Datenverkn√ľpfung, sodass selbst Komplexe Muster wie z.B. Empathie m√∂glich sind. Vielleicht wird LB sogar in der Lage sein, das Wetter von morgen zu berechnen. Das duale (digitale) System und dessen hardwareseitig getrennte Schaltungen und Prozessoren hat ausgedient .

Niclas hat mit diesem Experiment einen evolution√§ren Sprung wiederholt und somit bewiesen, dass es m√∂glich ist, quasi aus dem ‚ÄěNicht‚Äú Leben zu erschaffen. Es ist nur eine Frage der Energie und der Voraussetzungen.

L√ľfterger√§usche: Die Leistung der Server ist h√∂rbar ‚Äď je h√∂her die Last, desto schneller rotieren die L√ľftungsventilatoren.

Nachtw√§chter: [Alle Nachtw√§chter, mit denen ich zu tun hatte, wussten ganz genau, was sich wo abspielt. Auch wenn es ihnen an wissenschaftlichem Verst√§ndnis fehlt, einen Bioreaktor o. √§. w√ľrden sie nie f√ľr ein Aquarium halten. √úberhaupt: Vertragen Fische blaues Wasser?]
Dieser Nachtw√§chter ist vielleicht neu am Institut oder eine Urlaubsvertretung. Ob er wirklich nicht wei√ü, was dort vor sich geht, wei√ü man nicht. Niclas nimmt es in seiner √ľberheblich-euphorischen Art nur an.
Fische vertragen blaues Wasser, wenn es sich um einen nichttoxischen Farbstoff handelt. (Es gibt z.B. Medikamente f√ľr Zierfische, die das Wasser kurzzeitig einf√§rben, um die Dosis zu erkennen.

Durchknallen: [ Weniger w√§re hier mehr. Das liest sich, als w√ľrde Niclas gleich vollst√§ndig durchknallen. ]
*g* Genie und Wahnsinn liegen oft nah beieinander. ;-)

Medien: [Will denn kein Geldgeber, kein Assistent oder kein Kollege im entscheidenden Augenblick dabei sein? Was ist mit den Medien?]
Er will ganz sicher gehen, ob es auch funktioniert. Ich denke, er hat schlechte Erfahrungen gemacht (Stichwort: H√§me, Neid, R√ľckschl√§ge ...). Und die eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst: Die Analyse von LBs weiterer Entwicklung. Die Menschheit ist vielleicht auch noch nicht aufgeschlossen genug, solche Art k√ľnstlichen Lebens zu akzeptieren und Niclas ist ein Mensch mit ganz eigenen ethischen Vorstellungen.

BG
ritch

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MarleneGeselle
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Die Qualle und das Denken

Hallo ritch,

das ging ja schnell.

Bei der Sache mit der Formatierung kann man dir nur zustimmen: Der Text l√§sst sich in der jetzigen Form nur schwer lesen. M√ľsste man wirklich mal formatiert sehen.

Die Geschichte mit der Qualle finde ich spannend. Warum nicht mehr davon? Auch die Geschichte mit dem Programmcode und den reinen Daten sollte ausf√ľhrlicher r√ľbergebracht werden. Dadurch w√ľrde alles viel deutlicher.

Die Sachen mit dem Nachtwächter lässt sich ja bequem in einem Nebensatz unterbringen; die Geschichte mit dem Ausprobieren alleine auch. Letzteres solltest du aber unbedingt tun.

Gr√ľ√üe
Marlene
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