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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Liripipium
Eingestellt am 01. 11. 2008 09:53


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Der Jean-Paul-Biograph Hanns-Josef Ortheil str├Ąubt sich eingangs seiner Besprechung des Romandeb├╝ts
"Die unsichtbare Loge" zun├Ąchst, die Handlung in diesem "Dickicht, wo vieles Undurchschaubare passiert", knapp zu skizzieren. Dieses Negativurteil, einfach so aus Ortheils Buch herausgegriffen, verbietet eigentlich, Ihnen Jean Pauls Romanerstling als Lekt├╝re zu empfehlen. Zumindest erscheint die Buchempfehlung nun als so etwas wie eine k├╝hne Unternehmung.

Warum eigentlich soll auch ein angestaubtes Werk, das anno dunnemals im Januar 1793 in Berlin erschien, in unserem von hypermodern-digitaler Kultur strotzendem 21. Jahrhundert noch gro├č besprochen werden? Weil wir Jean Paul als unser "Erbe" nach wie vor verehren m├╝ssen? Nein. Weil die Naturverbundenen unter den Lesern mit Menschen, die aus dem waldigen Fichtelgebirge kommen, instinktiv innerlich verbunden sind? Nein. Vielmehr ist es die ungeahnte dichterische Kraft des 29-j├Ąhrigen Autors, die aus dem Roman-"Dickicht" heraus zu uns spricht. Das Romankapitel "Auferstehung" soll als "Beweis" f├╝r die Behauptung hergenommen werden.

Zuvor noch ein paar klitzekleine Beobachtungen zur Sprache Jean Pauls. "Es war ein reiner Oktobermorgen, der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel zu F├╝├čen,..." (S. 88, Seitenangaben in runden Klammern beziehen sich auf die unten angef├╝hrte Quelle). Keine Frage, Jean Paul kann schreiben, denn wir sehen, wenn wir die Augen schlie├čen, das Herbst-Bild. Spazieren wir weiter durch den Roman. Kurzweilige Vergleiche, wie z.B. das Leben, so lang "wie das ├Ągyptische Alphabet" (S. 268) ringen uns nach kurzem Besinnen ein Schmunzeln ab. Auch mit der Beschreibung von Gustavs, des Helden, Kopf, dieser "Moosbank froher Gef├╝hle" (S. 140) sind wir - guten Willens - einverstanden. Sogar das zusammengesetzte merkw├╝rdige Verbum "hinaufsinken" (S.172) nehmen wir dem Dichter im poetischen Prosa-Kontext klaglos ab. Wir stutzen allerdings, wenn "die sehr grob verk├Ârperte Professorin" (S. 116) auftritt. Zugegeben, bei "Liripipium" (S. 294) dann m├╝ssen wir nachschlagen: "Kapuze, im Mittelalter an Universit├Ąten getragen" (S. 1259).

Kommen wir nun endlich geradewegs zur Auferstehung. Walter H├Âllerer schreibt, Jean Paul sei "ein Genie der Idylle, mit der gro├čen Sehnsucht nach der ewigen troglodytischen [H├Âhlenbewohner] Zeit" (S. 1331).
Gustav, der Held dieser Lebensbeschreibung, wird ganze acht Jahre von einem jungen Herrnhuter, dem Genius, pietistisch - unter der Erde in einem Verlies - erzogen. Danach erfolgt die Auferstehung des Zehnj├Ąhrigen (S. 62 bis 64). Was sieht Gustav, als er unserer Welt zum ersten Mal ins Gesicht blickt?
"Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Alt├Ąren, den Bergen, ÔÇô der eisgraue Winter mit dem schneewei├čen Chorhemd ÔÇô der sammelnde Herbst mit Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf ÔÇô der feurige J├╝ngling, der Sommer, der bis nachts arbeitet, um zu opfern ÔÇô und endlich der kindliche Fr├╝hling mit seinem wei├čen Kirchenschmuck von Bl├╝ten, der wie ein Kind Blumen und Bl├╝tenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete alles mitbetet,..." Und "Eine Fl├Âte hob oben ein inniges liebendes Rufen an, und der Genius sagte, selber ├╝berw├Ąltigt: 'Es ruft uns heraus aus der Erde, hinauf gen Himmel; geh mit mir, mein Gustav.' Der Kleine bebte vor Freude und Angst." Gustav ruft: "Gott steht dort". Gustav vermutet, er habe gleichsam eine Himmelfahrt hinter sich. "Die ersten zwei Seligen", die in diesem Himmel ihm entgegengehen, sind seine Eltern.

Ende des "Beweises". Falls Sie auf den Geschmack gekommen sein sollten, dann greifen Sie bitte - trotz des oben leichtsinnig herausgefischten Negativurteils - doch ruhig einmal zur "Unsichtbaren Loge".

Jean Paul Friedrich Richter wurde am 21. M├Ąrz 1763 in Wunsiedel geboren und starb am 14. November 1825 in Bayreuth.

Die B├╝cher
Quelle:
Norbert Miller (Hrsg.): Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung. in: Jean Paul: S├Ąmtliche Werke. Abteilung I. Erster Band. S. 7 - 469. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Lizenzausgabe 2000 (┬ę Carl Hanser M├╝nchen Wien 1960 (5.,korr. Aufl. 1989), ISBN 978-3-446-10745-8).
1359 Seiten. Mit einem Nachwort von Walter H├Âllerer (S. 1313 - 1338), Bestellnummer 14965-3

Eine weitere Ausgabe:
Jean Paul: Unsichtbare Loge. Text der Erstausgabe von 1793 mit den Varianten der Ausgabe von 1826, Erl├Ąuterungen, Anmerkungen und Register. 495 Seiten. Verlag edition text + kritik, ISBN: 978-3-88377-089-5

Sekund├Ąres:
Hanns-Josef Ortheil: Jean Paul. S. 44 - 49. Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1984. 158 Seiten, ISBN 3-499-50329-8

Der Text im Internet
Der Text bei Gutenberg: Die unsichtbare Loge
Der Text bei Zeno.org: Die unsichtbare Loge

__________________
Hedwig

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