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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lisa
Eingestellt am 18. 04. 2002 23:25


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Der Denker
Wird mal Schriftsteller
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"Tu das nicht, Lisa."
Seit sie aus seinem Haus gest├╝rmt war, rannte ich hinter ihr her und redete ohne Pause auf sie ein. Den ganzen Weg hatte sie gegen die Tr├Ąnen angek├Ąmpft. Sie wollte niemandem zeigen wie sehr sie verletzt war. Sie lief den Weg von Martins Wohnung bis zu ihrer eigenen, die am anderen Ende des Viertels lag. Jeder Stein war ihr vertraut, normalerweise genoss sie den langen Spaziergang, doch heute wollte sie nur so schnell wie m├Âglich zu Hause sein. Er hatte Schluss gemacht, nach so langer Zeit, hatte sie einfach abserviert.
Vor ihrem Haus kramte sie in Hektik den Wohnungsschl├╝ssel heraus und schloss mit zitternder Hand auf.
Ohne ihn hatte nichts mehr einen Sinn - ich wu├čte, dass sie das glaubte. Schnell lief sie die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf, an der verdutzten Nachbarin vorbei, riss die T├╝re auf, warf sie hinter sich zu und lie├č sich aufs Bett fallen.
Nun da sie glaubte, alleine zu sein, brach alles heraus. All ihr Schmerz, die Verzweiflung und die Wut entluden sich in Tr├Ąnen und Wutschreien. Nach einer Weile wurde sie ruhiger, setzte sich noch immer weinend auf und nahm eine Tablettenschachtel aus dem Nachtisch. Seit der Arzt ihr diese Schlaftabletten verschrieben hatte, weil sie oft nicht einschlafen konnte, bef├╝rchtete ich genau diese Situation.
"Das ist der falsche Weg!" Sie h├Ârte mich nicht, nat├╝rlich nicht. Aber ich konnte doch nicht einfach tatenlos zusehen.
"Willst du nicht noch einmal dar├╝ber schlafen", versuchte ich Zeit zu gewinnen. "Ach, warum h├Ârst du mich denn nicht", rief ich verzweifelt - und f├╝r eine Weile schien es, als sei ich zu ihr durchgedrungen.
Sie hielt inne, starrte auf die Tablettenschachtel in ihrer Hand. Ich kniete vor ihr nieder, um ihr Gesicht zu sehen, wollte es in beide H├Ąnde nehmen, ihr die Tr├Ąnen wegwischen, sie tr├Âsten und ihr zeigen, dass ich f├╝r sie da war.
Dieser Anblick brach mir fast das Herz - wenn ich nicht unf├Ąhig w├Ąre zu weinen...
Gedankenverloren wollte ich ihr ├╝ber die Wange streicheln und verfluchte mich als meine Hand durch die zarte Haut fuhr wie durch ein Hologramm. Sie drehte die Schachtel in ihren H├Ąnden, schniefte und rieb sich die Augen.
Ich kannte Lisa seit ihrer Geburt, war ihr sofort zugeteilt worden und hatte sie fortan immer begleitet. Ich wusste um die dunklen Seiten ihres Lebens, kannte ihren Schmerz und die Unsicherheit, die sie plagte. Ich hatte schon oft Angst um sie gehabt, doch diesmal wusste ich, dass sie es bitterernst meinte, ich wusste, dass sie glaubte, diesen Schmerz ├╝ber ihre heute verlorene Liebe nicht ertragen zu k├Ânnen. In diesem Moment dachte sie, dass es nie wieder so sch├Ân sein k├Ânne wie mit Martin.
Sie riss die Schachtel mit einem Ruck auf und verstreute die Tabletten auf dem Boden.
"Lass das liegen!" Doch sie h├Ârte mich nicht, nahm meine Gegenwart nicht wahr, sondern kroch durch mich hindurch auf dem Boden herum, um sie Tabletten einzusammeln.
Ein kalter Luftzug fuhr mir durch das Haar. Es war dunkler geworden und ich sp├╝rte die Anwesenheit des Todesengels.
"Gib auf. Lass sie ihren Frieden finden", h├Ârte ich die eisige, k├Ârperlose Stimme.
"Nein! Lass sie! Noch ist es nicht zu sp├Ąt!" Ich wollte seine Anwesenheit nicht akzeptieren, wollte ihre Seele nicht an ihn verlieren. Noch war ihre Zeit nicht gekommen, noch war ihr junges Leben nicht vorbei, das wusste ich. Ich hoffte es zumindest.
Aus dem Schatten, den der Vorhang an die Wand warf, l├Âste sich eine gro├če, schwarz umh├╝llte Gestalt. Sie trug eine Kapuze und darunter schien statt des Gesichtes nur ewige Dunkelheit und Vergessen.
"Du wirst sie nicht aufhalten k├Ânnen. Sie ist zu entschlossen. Sie kann dich doch nicht einmal h├Âren", sprach er ohne Emotion und schwebte n├Ąher.
"Ich warne dich! Bleib ihr vom Leib!" Ich war aufgesprungen und stellte mich der wallenden Kutte entgegen.
Er blieb abrupt stehen. "Was? Willst du den Tod aufhalten?"
Es war mir v├Âllig klar, wie aussichtslos das schien. Und doch hoffte ich, den Todesengel ├╝berzeugen zu k├Ânnen, dass sie aus einer Kurzschlusshandlung dazu bereit war, ihr Leben einfach aufzugeben. Und es lag an mir, sie davon zu ├╝berzeugen, dass ihr Leben noch lange nicht vorbei war, das noch so viel vor ihr lag. So viele sch├Âne Dinge, die sie noch zu erwarten hatte.
"Lass ihr doch noch ein bi├čchen Zeit", flehte ich ihn an.
"Ihre Zeit hier auf der Erde ist vor├╝ber."
Ich griff bittend seinen Umhang. "Gib ihr eine letzte Chance und mir einen letzten Versuch!"
Der Todesengel schwieg. Er schien mich anzustarren. Dann blickte er hin├╝ber zu ihr, sie war gerade mit einem Glas Wasser zur├╝ckgekehrt, und wieder zu mir.
"Einen letzten Versuch? Was willst du tun?" fragte er mich erstaunt.
"Du wirst sehen." Ich drehte mich zu Lisa um und hielt meine Hand an ihre Schl├Ąfe:
"Erinnere dich..."

"Ah da bist du ja Kleines", lachte Lisas Gro├čvater, als sie die T├╝re ├Âffnete, kaum gro├č genug, um an die T├╝rklinke zu fassen.
"Hallo, Opa!"
Er breitete seine Arme aus und sie rannte ihm entgegen.
"Ich hab dich ganz doll lieb", brummelte Opa, dr├╝ckte sie fest an sich und strahlte ├╝ber das ganze Gesicht.
"Und ich hab dich ganz sehr viel mehr lieber."
Da lachte ihr Opa und Lisa kicherte auch. Er setzte sie wieder ab und nahm sie bei der Hand.
"Na, wollen wir in die Stube gehen?"
Lisa war wie immer sehr aufgeregt und sprang wild umher, als sie das h├Ârte. "Au ja!"
Dann gingen sie zu Opa in die Werkstatt, wo ├╝berall Holzbl├Âcke, St├Ąbe, Stoffrollen, Werkzeuge, h├Âlzerne Puppen und Miniaturm├Âbel herumstanden. Opa war fr├╝her einmal Puppenmacher gewesen. Mit der Zeit hatte er zwar sein Gesch├Ąft aufgeben m├╝ssen, aber es machte ihm so viel Freude, neue Puppen zu entwerfen, da seine Enkelin ihm immer kleine selbst erfundene Theaterst├╝ckchen vorf├╝hrte. Er kreierte zusammen mit ihr die fantastischsten Wesen und mit Lisas unglaublicher Fantasie waren ihnen keine Grenzen gesetzt. So hatten sie gute und b├Âse Zauberer geschaffen, liebliche Prinzessinnen mit zugeh├Ârigen heldenhaften Rittern in schillernder R├╝stung, gewaltige, schuppige Drachen, gro├če K├Ânige, Elfen, Schrate, Trolle und Riesen. Daneben hatten sie auch viele neue Wesen gebastelt, wie die neugierigen Blumboldlinge, schlecht gelaunte Meckerzwerge und zwergenhafte Gewitterm├╝mmler.
Den ganzen Nachmittag s├Ągten und bastelten sie, wenn sie bei Opa war, wobei das S├Ągen nat├╝rlich er ├╝bernahm und sie dann klebte, bemalte und Stoff schnitt.
Au├čerdem brachte sie dem Opa fast jedes Mal Zeichnungen mit, wie ihre neuste Kreatur aussehen sollte und der Opa verstand es„ aus den bunten Kreisen und Strichen die Figur herauszulesen und nachzubauen.
Und wie an jedem Abend kam Opa auch diesmal in den Genuss einer Theatervorstellung. Nachdem sie zusammen einen Pudding gegessen hatten - diesmal waren Opa und Lisa besonders froh und der Pudding besonders lecker, weil nicht mal die Milch ├╝bergekocht war, wie sonst ├╝blich - begann Lisa mit ihrer Vorf├╝hrung.
Opa war diesmal noch begeisterter als sonst. Er rief dem Helden immer zu, er solle sich vor dem Drachen in Acht nehmen, aber der Dummkopf h├Ârte ja nie auf ihn.
Sie lachten zusammen den ganzen Abend, bis Lisa einschlief und Opa sie zu Bett brachte.


Lisa musste pl├Âtzlich l├Ącheln, als sie sich an ihren Gro├čvater erinnerte. Die Zeit mit ihm war einfach herrlich gewesen.
"Sch├Ân, eine positive Erfahrung, aber sie musste so viel Schlimmes erleiden." Der Todesengel streckte den Arm aus und Dunkelheit stieg ihr aus seinem ├ärmel in Augen, Ohren, Mund und Nase. "Erinnere dich, Lisa..."

"H├Ąh├Ą. Guck dir die an", h├Ârte sie einen Jungen hinter sich sagen. Sie ging weiter und tat als schmerzten sie die Worte und Blicke nicht. Lange schon hatte sie aufgeh├Ârt sich zu fragen, was mit ihr nicht in Ordnung war und warum sie von den Mitsch├╝lern nicht akzeptiert wurde.
Mittlerweile war sie schon ungef├Ąhr sechs Jahre an dieser Schule und war es inzwischen fast gewohnt, dass man ├╝ber sie herzog. Im Gang setzte sie sich auf eine freie Bank und zog ein Buch aus ihrer Tasche. Hinter diesem Schutzwall f├╝hlte sie sich sicherer und hoffte, man w├╝rde sie so einfach ├╝bersehen.
In die fantastischsten Abenteuer vertieft fiel es ihr leichter, das Lachen, die gemeinen Bemerkungen und die Fingerzeige der Sch├╝ler zu ignorieren.
Sie las gerne solche Geschichten. Weit weg von ihrer Welt. Dort gab es niemanden, der sie ├Ąrgerte. Nein, dort war sie sogar eine m├Ąchtige Magierin oder Kommandantin eines gewaltigen Raumschiffes, wenn sie es wollte. Sie hatte viele Freunde, darunter riesige Drachen, ganze Kriegerheere, oder die Au├čerirdischen der gesamten Milchstra├če.
Seit sie auf dieser Schule war, hatte sie begonnen, ihre Gef├╝hle immer besser abzuschirmen. Sie wollte keinem zeigen, was sie f├╝hlte, wie sehr sie die Bemerkungen der Anderen verletzten.
Anfangs war es noch schwer gewesen, da schaffte sie kaum, ihre verr├Ąterischen Tr├Ąnen zur├╝ckzuhalten. Aber inzwischen hatte sie das einigerma├čen unter Kontrolle. Bemerkungen wie "Sieh dir mal die h├Ą├čliche Pute an." oder "Captain, wir sind auf eine fremde Rasse gesto├čen.", quittierte sie inzwischen nur noch mit einem Heben der Augenbraue.
Wenn sie durch die G├Ąnge der Schule lief, konzentrierte sie sich darauf, immer m├Âglichst finster zu blicken, damit sich keiner mehr an sie herantraute. Mit der Zeit nahmen die Bemerkungen ein bi├čchen ab. Es machte wohl keinen Spass mehr, wenn Lisa nicht in Tr├Ąnen ausbrach.
Leider hatte sie durch diese Abschottung auch keine Freunde. So blieb ihr nichts Anderes ├╝brig, als ihren Kummer f├╝r sich zu behalten.
Ihre Mutter interessierte sich sowieso nur f├╝r das, was in ihrem Zeugnis stand und Lisa tat ihr auch den Gefallen und sorgte f├╝r gute Noten. Aber in ihrem Inneren litt sie unter der mangelnden Akzeptanz ihrer Mitsch├╝ler. Sie bekam Magenkr├Ąmpfe und ├ťbelkeit. Jeden Morgen musste sie darum k├Ąmpfen, in die Schule zu gehen, sich wieder dem Terror dieser kleinen Monster aussetzen. Sie musste akzeptieren, dass Lehrer ├╝ber solche Neckereien und Scherze hinwegsahen, auch wenn sie ihr wehtaten.
Aber wirklich tief verletzt worden, war sie von ihrer Freundin Beate. Sie war damals die erste, die sich an Lisa herantrauten. Zuerst blieb es bei vereinzelten, kurzen Gespr├Ąchen, dann sahen sie sich immer ├Âfter und stellten sogar schnell viele Gemeinsamkeiten fest. Bald verbrachten sie fast jede Pause zusammen, trafen sich auch nachmittags und wurden richtig dicke Freunde.
Endlich glaubte Lisa, eine Gef├Ąhrtin au├čerhalb ihrer Fantasiewelten gefunden zu haben, jemanden der ihr beistand, dem sie alles erz├Ąhlen konnte.
Beate w├╝rde wieder ein wenig Freude in ihr Leben bringen. Bis Beates andere Freundinnen bemerkten, dass sie dauernd mit der Au├čenseiterin Lisa zusammen war und sie darauf ansprachen. Von da an redeten Lisa und Beate kaum mehr miteinander. Beate sah demonstrativ in eine andere Richtung, wenn Lisa sich n├Ąherte und bald existierte Lisa f├╝r Beate einfach nicht mehr. Das war jetzt wieder ein Jahr her und Lisa hatte den Verrat ihrer einzigen und besten Freundin zwar akzeptieren m├╝ssen aber nie wirklich verstanden.


Als Lisa die Erinnerungen an die Grausamkeit ihrer Mitsch├╝ler und den Verrat ihrer Freundin wieder in den Sinn kamen, fing sie an zu schluchzen. Sie warf sich auf das Bett und blickte weinend zur Decke, als k├Ânne diese ihr helfen. Sie hatte keine wirklichen Freunde im Leben und nun stie├č sie ihr Freund, der Mann, den sie liebte, auch noch weg.
"Es war eine harte Zeit f├╝r sie und dass sie Beate traf, war einfach Pech. Aber auch Lisa wird Freunde gewinnen, echte Freunde. Sie ist so ein lieber Mensch, sie wird ihr Gl├╝ck finden." Ich war ├╝berzeugt davon, dass meine Vorhersage zutreffend war, auch wenn es mich noch einige M├╝he kosten w├╝rde, ihr das Selbstvertrauen wiederzugeben, welches ihr ihre Mitsch├╝ler so gr├╝ndlich genommen hatten.
Dunkel raunte es mir in den Nacken: "Menschen. Sie klammern sich gerne an ihrem ├ťbel fest, machen aus jedem kleinen Missgeschick eine Trag├Âdie und ├╝bersehen all zu gerne ihr Gl├╝ck."
Ich verstand, was er meinte, ich hatte es zu oft erlebt. Doch ich wollte nicht akzeptieren, dass Lisa aus ihrem Ungl├╝ck heraus eine Dummheit beging. Ich lie├č sie sich noch einmal an die Begegnung mit Martin erinnern.

"Lisa?"
Sie blickte verwirrt von ihrem Buch auf. "W-was? Wie?"
Der Junge lachte. Aber Lisa merkte es sofort. Es war kein b├Âsartiges Lachen. Im Gegenteil, es wirkte sympathisch.
"St├Ârt es dich, wenn ich mich ein wenig zu dir setze?"
Sie sah in skeptisch an. "Oh... Nun...klar...warum nicht?"
Martin setzte sich neben sie und l├Ąchelte. Unwillk├╝rlich musste sie zur├╝ck l├Ącheln.
"Was liest du da", wollte er wissen.
Sie wusste nicht ob sie der Sache trauen sollte. Wahrscheinlich w├╝rde er sie auslachen, doch trotzdem antwortete sie: "Es geht um die Reisen eines Raumschiffes zu fremden Welten mit Au├čerirdischen und so."
Martin nickte und blickte auf den Einband. "Ja, der Band ist gut. Obwohl ich die ersten zwei Teile besser fand."
Lisa schaute ihn verbl├╝fft an. "Du... du..."
Martin grinste. "Ja. Ich."
Das war der Tag, an dem Lisa die Liebe kennenlernte. Es war so sch├Ân, dass sie den ganzen Tag an ihn und sein L├Ącheln denken musste. Selbst in ihren Tr├Ąumen war er bei ihr.
Es blieb auch nicht bei diesem einen Gespr├Ąch. Martin kam jede Pause zu ihr, wartete nach Schulende auf sie und begleitete sie nach Hause, obwohl Lisa wusste, dass er am anderen Ende des Viertels wohnte.
Schlie├člich nahm Martin sie mit auf ihr ersten Partys. Ein erster, noch sehr sch├╝chterner Kuss und dann nach ein paar Wochen fragte er sie, ob sie mit ihm gehen wollte...


Da kehrte wieder Lisas wundersch├Ânes L├Ącheln zur├╝ck, dass sie schon fast vergessen hatte. Das war damals so sch├Ân gewesen mit Martin. Sie umarmte ihr Kissen und kuschelte sich fest hinein.
"Siehst du. Sie hatte es nur vergessen." Auch ich l├Ąchelte.
"Menschen vergessen zu schnell. Noch hast du nicht gewonnen, wir werden sehen!"
Der Todesengel wies erneut mit seinem langen Ärmel auf sie. Ich ahnte, was er vor hatte. Sie sollte sich an diesen Abend erinnern, als Martin mit ihr Schluss gemacht hatte.

"Ach nee, Lisa. Ich hab heute keinen Bock drauf."
Lisa stand fertig zum Ausgehen in der Wohnzimmert├╝re. "Wie meinst du das?"
Martin rutschte auf dem Sofa herum. "Ich will einfach nicht schon wieder mit dir ausgehen!"
Sie lehnte sich entt├Ąuscht an die T├╝r. "Ich dachte, du gehst gerne mit mir ins Theater."
Martin setzte sich auf. "Nun h├Âr mal! Wir machen das schon fast jede Woche einmal, mir steht es einfach bis hier. Das ist doch stressig!"
"Schrei doch nicht so." Erschrocken schaute sie ihn mit weit ge├Âffneten Augen an.
Martin hatte sich irgendwie ver├Ąndert. Sie wusste nicht, wie er sich so grundlegend wandelt konnte, aber das war nicht der Martin, den sie in der Schule kennengelernt hatte.
"Du nervst!" Seine Worte trafen sie hart. Trotzdem setzte sie sich zu ihm und streichelte durch sein Haar.
Er entzog sich ihren Liebkosungen und blickte m├╝rrisch zu Boden.
"Lisa?" Er machte eine lange, sehr bedeutungsvolle Pause. "Lisa, ich glaube... ich glaube, das hat keinen Sinn mehr mit uns beiden..."
Da wusste sie es. Wie sehr hatte sie gehofft, dass er das nicht sagen w├╝rde. Es gab eine andere in seinem Leben.
"Martin..." Weiter kam sie nicht, denn der Schmerz schn├╝rte ihr die Luft ab.
ÔÇťGeh jetzt, bitte!"
Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie aus seinem Haus.


Wieder begann sie zu weinen. Es zerriss mir das Herz, sie so leiden zu sehen.
"Dieser verfluchte Idiot. Wieso erkennt sie nicht, was f├╝r ein Trottel er ist? Wegen dem will sie sich umbringen? Er verdient es nicht, dass du dir das wegen ihm antust, Lisa", sprach ich sie erneut an, obwohl ich wusste, dass das nicht viel brachte.
Der Todesengel schnaubte mir eisige Luft ins Gesicht. "Du siehst, Schutzengel," sagte er fast abwertend. "Sie will nicht mehr, er hat ihr Herz gebrochen."
"Das kann aber nicht der Grund daf├╝r sein, dass sie sich das Leben nimmt." Ich war verzweifelt, denn ich wollte sie nicht verlieren.
"Bitte", forderte ich ihn auf, "hilf mir! Nimm sie nicht mit! Die Entscheidung liegt doch bei dir! Du hast es in der Hand."
Er sch├╝ttelte den Kopf. "Nein. Nicht ich. Diese Entscheidung muss Lisa selbst treffen."
"Verdammt!" Die weibliche Stimme kam vom Bett. "Was zum Teufel...", rief Lisa.
Sie schnappte sich den Tablettenberg und rannte damit zur Toilette. Ungeachtet des Todesengels, den ich einfach im Zimmer stehen lies, lief ich hinter ihr her, das Schlimmste bef├╝rchtend. Wie war ich erleichtert als ich die Toilettensp├╝lung h├Ârte.
"Was um alles in der Welt f├Ąllt mir ein", schimpfte sie, rieb sich die roten Augen und kehrte in ihr Zimmer zur├╝ck.
"Was ist passiert?" V├Âllig verwirrt folgte ich ihr jeden Schritt durch die Wohnung.
"Lisa hat sich entschieden", raunte mir der Todesengel ins Ohr.
Gemeinsam sahen wir sie, Fotos von ihr und Opa, von Mama und Papa, auch einige von Martin aus einem Karton kramen.
"Hat sie es geschafft", fragte ich den Todesengel, doch als ich mich umdrehte, war nichts als der Schatten der Vorh├Ąnge an der Wand zu sehen. Ich sah wieder zu Lisa und war unbeschreiblich gl├╝cklich.
Es war so befreiend, sie wieder lachen zu sehen.
Pl├Âtzlich f├╝hlte ich etwas Ungewohntes auf meinem Gesicht. Unsicher tastete ich auf meine Wange und f├╝hlte die Tr├Ąnen. Und ich dachte, Engel k├Ânnen nicht weinen...





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"Ist das alles, was ich bin? Ist da sonst gar nichts mehr?"


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willow
Guest
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Hallo Dede,

erst einmal gratuliere ich zum schriftlichen Teil des Abis... keine Sorge, das Schlimmste hast du eindeutig hinter dir, das M├╝ndliche wird jetzt locker laufen, glaub mir.

Schon komisch, deine Geschichte nach langer Zeit wieder zu lesen, ich wei├č zwar, was passieren wird, obwohl ich nicht mehr alle Einzelheiten im Kopf hatte. Die Sequenz mit dem Opa fehlte mir im Ged├Ąchtnis v├Âllig.

Nach wie vor finde ich die Geschichte gut, weil sie diesen Dialog zwischen Todes- und Schutzengel als Kern enth├Ąlt, aus der Sicht des Schutzengels. Lisa, die eigentliche Protagonistin, spielt eine untergeordnete Rolle, wichtig ist der Kampf der beiden Engel um das eine Leben. Das fand ich als Idee auch schon damals super.

Vielleicht k├Ânnte man die Geschichte vor allem bez├╝glich es Dialogs der beiden Engel noch ein wenig ausbauen, vielleicht eine Grundsatzdiskussion daraus machen. Gut finde ich, dass beide Engel einfach nur ihren Job machen, sie bekriegen sich nicht, haben eigentlich nichts gegen einander, verhalten sich im Prinzip kollegial. Das w├╝rde ich noch ein wenig ausbauen, unterstreichen.

Ich freue mich, wenn du jetzt wieder ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben findest... und die Hoffnung auf DE habe ich auch noch nicht aufgegeben...

Ganz lieber Gru├č,

willow

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[aZrael]
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Hallo DeDe.

Klasse, deine neue Geschichte. Die Thematik und vor allem die Art der Erz├Ąhlung haben mich sehr gefesselt.
Alleine, wie du die emotionale Entwicklung der Geschichte angelegt & gestaltet hast, ist einfach spitze.

Auch die Idee mit der Einflu├čnahme ├╝ber die Erinnerungen ist genial... denn oft handeln wir ja nach Erfahrungen, die wir gemacht haben....

Nur kommt mir der Schlu├čsatz irgendwie bekannt vor: "Und ich dachte, Engel k├Ânnen nicht weinen... "
lie├č mal das ende vom ersten Kapitel von "Dunkles LIcht"...

Ich freue mich schon darauf, mal wieder etwas von dir zu lesen. Und ach ja: liebe gr├╝├če an Willow *g*

mfg, [aZrael]


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Die klimatischen Bedingungen in der H├Âlle sind sicher unerfreulich, aber die Gesellschaft dort w├Ąre von Interesse.

Oscar Wilde (1854-1900), ir. Schriftsteller

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Hall├Âchen ihr zwei.

Nachdem ich den G├Âttern genug geopfert habe, funktioniert jetzt auch mein PC wieder und ich kann euch antwoten...

@willow: Danke, danke... Ja, das sagst du jetzt so Naja, ich werds schon ├╝berstehen...irgendwie... Danke dir auch, dass du sie nochmal gelesen hast und nochmals f├╝r deine Hilfe, als ich sie geschrieben habe. Ja, du hast recht, ich k├Ânnte das mal versuchen noch zu verbessern, wenn ich mich dazu aufraffen kann... :P
Was DE angeht... kein Kommentar... (frag mich nicht, warum ich das dann hier erst hinschreibe...)

@[aZrael]: Hall├Âchen, aZrael,
Danke auch dir. Das ist mir jetzt ehrlich peinlich... ich hab das bestimmt nicht bewusst gemacht...vielleicht finde ich noch eine andere M├Âglichkeit f├╝r das Ende... hoffentlich nicht woanders geklaut...
Mán sieht und liest sich vielleicht auch.



Liebe Gr├╝├če,
dede
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[aZrael]
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uppps... sorry dede, wollte dir keinen diebstahl unterstellen.... vielmehr f├╝hlt sich mein ego geschmeichelt, da├č meien geshcichte vielleicht so viel eindruck hinterlassen hat, als da├č schon gro├če schreiber anleihen ihr entnehmen ... nochmal sorry

aZrael
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Gro├če Schreiber... *lach*

Hallo aZrael,

jetzt schl├Ągts aber dreizehn.
Gro├če Schreiber! Ich fasse es nicht!
Damit setze ich mich jetzt nicht auseinander, aZrael...

Ja, irgendwie muss der Satz wohl h├Ąngen geblieben sein. Danke dir nochmals, dass du mir das nicht ├╝bel nimmst.

Und entschuldige dich nicht.


Liebe Gr├╝├če,
dede
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