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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Liselotte von der Pfalz - Autonomie im Lamento
Eingestellt am 03. 11. 2018 12:33


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Arno Abendschön
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In der Barockzeit war Zwangsverheiratung von F√ľrstenkindern nichts Ungew√∂hnliches. Politisch-dynastische Gr√ľnde f√ľhrten zu manchen Ehen, die keineswegs auf Zuneigung der Brautleute beruhten und zwangsl√§ufig oft unharmonisch verliefen. Der Fall der Liselotte von der Pfalz (1652 ‚Äď 1722), Tochter des pf√§lzischen Kurf√ľrsten, ist ein besonders krasses Beispiel. Knapp neunzehnj√§hrig musste sie den Hof in Heidelberg verlassen, um den ihr bis dahin unbekannten Philippe d‚ÄôOrl√©ans, den j√ľngeren Bruder Ludwigs XIV., zu heiraten. Mit der √úbersiedelung in das fremde Land war auch der Wechsel der Konfession verbunden, die Calvinistin wurde Katholikin, ohne ihre reformierten √úberzeugungen jemals aufzugeben. Die Ehe wurde zur permanenten Katastrophe. Ihr Mann war offen homosexuell und bis an sein Ende 1701 abh√§ngig von seinen Geliebten, die ihrerseits Liselotte fortw√§hrend zu schaden suchten. √úber Koitus und Kinderzeugen schreibt sie tief frustriert 1718 an ihre Halbschwester Louise:

‚Äě ‚Ä¶ denn es ist in allem im anfang und end ein gar he√ülich und gefehrliches und schmutziges handwerk, so mir nie gefallen. M. de Chasteautier sagt als, da√ü, wenn man jemands den heurat verleyden wolle, m√ľsse man mich davon <reden machen> worauf die Rotzenheuserin antwort, da√ü ich nie recht geheurat gewesen und nicht w√ľ√üte, was ein rechter heurat sei mit einem mann, von dem man verliebt ist und der einem wieder liebt, da√ü dies alles endert und anderst macht.‚Äú

Von ihren drei Kindern mit Philippe erreichten zwei das Erwachsenenalter und wurden ihrerseits aus dynastischen Gr√ľnden verheiratet, im Fall des Sohnes gegen Liselottes ausdr√ľcklichen Willen. Die famili√§ren Spannungen untergruben ihre Stellung am Hof und das Verh√§ltnis zum K√∂nig, die anfangs ertr√§glich gewesen waren. Verheerend wirkte sich auch ihr Hass auf Madame de Maintenon aus, die letzte M√§tresse und sp√§tere heimliche Ehefrau des Sonnenk√∂nigs. All das kulminierte im Pf√§lzischen Erbfolgekrieg, als franz√∂sische Armeen unter Berufung auf angebliche Anspr√ľche der Kurf√ľrstentochter gro√üe Teile S√ľdwestdeutschlands verw√ľsteten. Liselotte war ohne Einfluss auf die Kriegspolitik, unter deren Folgen sie sehr litt.

Von ihren siebzig Lebensjahren hat sie gut f√ľnfzig unter solchen Bedingungen am franz√∂sischen Hof verbracht. Wie hat sie es ausgehalten? Sie ging viel spazieren, sie ritt gern und ging zeitweise auf die Jagd. Sie liebte Hunde und das Theater. Schon als junge Ehefrau wollte sie in ein Kloster eintreten, der K√∂nig verbot es, ebenso wie sp√§ter die √úbersiedelung zu ihrer Tochter an den Lothringer Hof. In ihren Briefen taucht ab und zu die Utopie einer R√ľckkehr nach Deutschland auf. Sie wei√ü, dass das nie geschehen und sie ihre Verwandten im Leben nicht mehr sehen wird. Stattdessen schreibt sie ihnen jahrzehntelang Briefe. Saint-Simon charakterisiert sie in seinen Erinnerungen so:

‚ÄěOft aber mied sie schmollend die Gesellschaft, wo sie wegen ihrer schroffen und ungeselligen Art wie auch wegen ihrer bissigen Bemerkungen gef√ľrchtet war, und verbrachte dann in einem Raum, den sie sich ausgesucht hatte und dessen Fenster mehr als zehn Fu√ü √ľber der Erde lagen, den ganzen Tag damit, die Portr√§ts der Pf√§lzer Kurf√ľrsten und anderer deutscher F√ľrsten, mit denen sie die W√§nde vollgeh√§ngt hatte, zu betrachten; und jeden Tag ihres Lebens schrieb sie mit eigener Hand ganze B√§nde von Briefen, von denen sie auch selbst Kopien anfertigte und aufbewahrte.‚Äú

Liselotte schrieb also vor allem Briefe, es sollen etwa 60.000 gewesen sein, von denen rund 5.000 erhalten blieben. Alt und krank analysiert sie 1721 in einem Brief an Louise die Funktion dieser Korrespondenz f√ľr sie:

‚ÄěIch kann nicht leben, ohne gar nichts zu tun; arbeyten noch spinnen kann ich ohnm√∂glich, allezeit plauderen were mir unertr√§glich und w√ľrde mir mehr schaden, als das schreiben; allezeit lesen kann ich auch nicht, mein Hirnkasten ist zu verwirrt, umb mich im lesen zu applizieren k√∂nnen; schreiben amusiert mich und gibt meinen trauerigen gedanken distraction.‚Äú

Der Arzt hat ihr nun das n√§chtliche Schreiben verboten, das sie lange Zeit, wie sie der Halbschwester gesteht, ‚Äěbis um 4 oder 5 morgens‚Äú betrieben hatte. Dass ihr Bienenflei√ü der ministeriell angeordneten Post√ľberwachung jahrzehntelang viel Arbeit machte, wusste sie. Sie nahm durchaus R√ľcksicht, √ľbte Selbstzensur und trieb gleichzeitig ihr Spiel mit den Kontrolleuren. Sie schrieb den deutschen Verwandten Intimstes √ľber die anderen Gro√üen am franz√∂sischen Hof. Dabei f√§llt im Lauf der Zeit eine gewisse Ambivalenz ihrer Urteile auf, gerade auch √ľber ihren Mann, ihre Kinder oder den K√∂nig.

Was sind Gehalt und Ertrag einer Existenz, die sich so im Briefeschreiben verwirklichte? Die Korrespondenz dieser nach der Quantit√§t gr√∂√üten deutschen Briefautorin hat zwar gro√üen kulturhistorischen, aber kaum literarischen Wert. Ihre Brieftexte sind das Gegenteil von Kunstprosa. Liselotte schreibt, wie sie mit den Adressaten ‚Äď es sind zumeist Frauen ‚Äď reden w√ľrde. Es ist im Wesentlichen das Dauerlamento einer Ungl√ľcklichen, die sich selbst zum Durchhalten auffordert und in den Antworten Zuspruch und Aufmunterung erwartet und empf√§ngt. Auf diese Weise baut sie sich eine geistige Gegenwelt zum H√∂fisch-Materiellen auf, das sie unbefriedigt l√§sst. Sie erreicht auf diesem Umweg die ihr einzig m√∂gliche Art von Autonomie.

Liselottes Horizont umfasst durchaus auch Unpers√∂nliches. Gelegentlich schreibt sie √ľber Literatur, Staat oder Religion. Ihre Kritik des Klerus f√§llt vernichtend aus. Aus einem Brief von 1719 an Louise:

‚ÄěWer sich etwas guts von pfaffen und m√∂nchen versicht, wird wohl betrogen. Nichts in der Welt ist schlimmer, als dass ‚Ķ n√§mblich pfaffen und m√∂nchen; wollen allezeit regieren. Alle geistliche, in welcher religion es auch sein mag, seind ambitieux und wollen allezeit regieren, wo sie sein; das gibt ihnen der teufel ein, sie zu ertappen.‚Äú

Nach dem Tod des Sonnenk√∂nigs 1715 scheinen ihre letzten Jahre etwas leichter. Ihr Sohn ist jetzt Regent f√ľr den minderj√§hrigen Ludwig XV. Dennoch neigt sich die Waage zur negativen Lebensbilanz. Liselotte schwankt zwischen Altersdepression und Gottergebenheit. Eineinhalb Jahre vor ihrem Tod schreibt sie der Halbschwester:

‚ÄěK√∂nnte ich jemands zu etwas gut sein, w√ľrde meine gesundheit mir lieb sein; allein, liebe Louise, dies gl√ľck habe ich leyder nicht, bin also das leben satt, ergebe mich in den willen des allm√§chtigen und schleppe mein leben so fort, bis es gottes wille sein wird, mich davon zu erl√∂sen.‚Äú

Liselotte schrieb weder f√ľr die √Ėffentlichkeit noch f√ľr die Nachwelt. Dennoch wurden ab 1788 immer wieder Sammlungen ihrer Briefe ver√∂ffentlicht, wissenschaftlich untersucht und auch ideologisch missbraucht. Sie wurde die Kronzeugin der deutschen Nationalbewussten des 19. Jahrhunderts und diente auch, indem von franz√∂sischer Sittenverderbnis die Rede war, diskreter Homophobie. Dabei blieb unbeachtet, dass Liselotte aufgrund ihrer gesamten Lebenssituation nicht objektiv sein, nicht objektiv berichten konnte. Sie setzt die Pfalz mit Deutschland gleich und blendet in der verkl√§renden Erinnerung an ihre Jugend die allgemeine Misere nach dem Drei√üigj√§hrigen Krieg v√∂llig aus. Sie idealisiert so sehr, dass es zum Lachen reizen kann, z.B. wenn sie 1722 Louise √ľber die Nachtigallen in Frankreich schreibt:

‚ÄěIch glaube, ich habe Euch schon gesagt, da√ü sie bei weitem nicht so starke stimmen haben, noch so lang schlagen, als bei uns. Alle tier, v√∂gel und vierf√ľ√üige tier, seind kleiner und schw√§cher hier, als bei uns; das wildbret hat auch den rechten geschmack nicht, ist drucken und zehe.‚Äú

Liselotte war der Prototyp des ohnm√§chtig Einsamen, der nur die Luft einer von ihm selbst erzeugten Atmosph√§re atmet. All das Schreiben hat dann eine Tendenz zum Unfruchtbaren. Allerdings ist Liselotte auf eine andere Weise doch fruchtbar gewesen - sie war die Stammmutter vieler europ√§ischer Monarchen. Ihr Urururenkel Louis Philippe wurde B√ľrgerk√∂nig der Franzosen. Aber das ist eine andere melancholische Geschichte.

(Zitate der Liselotte nach dem Auswahlband von Helmuth Kiesel in dessen reformierter Orthographie. Das Saint-Simon-Zitat in der √úbersetzung von Norbert Schweigert.)

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