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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Literatur: Die etwas andere Evolution
Eingestellt am 12. 05. 2008 18:26


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
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Ist es möglich, dass uns die Evolution zu leicht VerrĂŒckten gemacht hat? Zu Zeitgenossen, die lieber Hirngespinsten nachhĂ€ngen, als sich mit den RealitĂ€ten des Lebens auseinander zu setzen? Wenn diese Behauptung fĂŒr den einen oder anderen zunĂ€chst ein wenig befremdlich klingen mag – Liebhabern und Verfassern fiktiver Geschichten kommt sie wahrscheinlich gar nicht so ungelegen. TatsĂ€chlich gibt es sogar eine ganze Reihe von Hinweisen, die diese These stĂŒtzen.
FĂŒr jeden, der sich mit Evolutionsbiologie beschĂ€ftigt, kommt frĂŒher oder spĂ€ter der Tag, an dem er Bekanntschaft mit der sogenannten EvolutionĂ€ren Erkenntnistheorie macht. So wie die Fischflosse zum Wasser passt, der Fuß zum Erdboden und die Vogelschwinge zur Luft, sollen danach auch Sinne und Nervensysteme tierischer Lebewesen Organe darstellen, die im Verlauf der Evolution fĂŒr ihre Aufgabe, der Wahrnehmung der Umwelt, perfektioniert wurden. Oder wie es ein Forscher einmal sinngemĂ€ĂŸ ausgedrĂŒckt hat: "Ein Affe, der beim Sprung von Baum zu Baum den Ast verfehlt, wird bald ein toter Affe sein". Und damit keine Gelegenheit mehr haben, die Gene fĂŒr seine SehschwĂ€che weiterzugeben. Die Krönung dieser Entwicklung stellt natĂŒrlich das quasi ins Riesenhafte vergrĂ¶ĂŸerte Gehirn des Menschen dar (1).
Dieser Logik folgend sollte unsere Stammesgeschichte auf die FĂ€higkeit gezielt haben, eine möglichst unverfĂ€lschte und umfassende Abbildung der RealitĂ€t zu entwickeln. Verstehen, was wirklich Sache ist, könnte die Devise heißen. KĂŒhl und analytisch wie Mr. Spock gewissermaßen.
So weit, so gut. Allerdings kann eine solche Theorie nicht erklĂ€ren, warum wir Dinge nicht nur unter dem Wahrheitsaspekt wahrnehmen. Wie ist es zum Beispiel mit unserem Schönheitssinn? Das GefĂŒhl fĂŒr Schönheit stellt ja keine Eigenschaft des wahrgenommenen Objekts dar, sondern eine Leistung des Wahrnehmenden. Und warum haben wir diese ausgesprochene Vorliebe fĂŒr fiktive Literatur, fĂŒr erfundene, irreale Geschichten? Falls sich hier der Verdacht regen sollte, dass die EvolutionĂ€re Erkenntnistheorie möglicherweise nicht ganz vollstĂ€ndig ist – die Sache wird noch viel rĂ€tselhafter!
Denn bei unserer SchwĂ€che fĂŒr erfundene Storys handelt es sich beileibe um kein RandphĂ€nomen, vielmehr gehört sie zum Kernbereich menschlicher KulturfĂ€higkeit. Auch wenn uns keine Zeitmaschine zur VerfĂŒgung steht, die uns helfen könnte, die frĂŒhen Formen der Zivilisation in Augenschein zu nehmen, gibt es doch andere Methoden. Vor allem die Untersuchung, welche gemeinsamen Muster sich unter den heute noch existierenden traditionalen Gesellschaften feststellen lassen, die auf Grund ihrer UniversalitĂ€t als weltweit gĂŒltiges Modell der Kulturevolution dienen können. Und hier wiederholt sich ein ums andere Mal derselbe Befund: Bei JĂ€gern und Sammlern, Hirtennomaden, Gartenbauern oder archaischen Ackerbaukulturen durchdringen sich die SphĂ€ren der Produktion und die von Mythologie und Religion so vielfĂ€ltig, dass sich innerhalb dieser Gesellschaften – um hier die marxistische Terminologie zu benutzen – ökonomische Basis und ideologischer Überbau ĂŒberhaupt nicht mehr trennen lassen (2).
In diesen Kulturen schwimmt der Mensch gewissermaßen in Mythen, in erfundenen Geschichten. Dort, wo fĂŒr das westliche Denken ein geographischer Ort einen Punkt wie jeder andere bildet, besitzt er in der traditionalen Weltauffassung eine unverwechselbare IndividualitĂ€t. FĂŒr japanische Bauern stellen besondere Fels- und Landschaftsformen den Sitz von Göttern und Geistern, den Kami, dar. Und auch fĂŒr die alten Griechen war jede Quelle von einer anderen Nymphe bewohnt, zu der eine spezielle Geschichte, eine Mythe, gehörte, die sich tĂ€glich aufs Neue wiederholt.
Mit dieser unsichtbaren Welt stand der Mensch in stĂ€ndigem Kontakt. Fast jede einzelne LebensĂ€ußerung hatte auch rituelle Bedeutung. Die Dinge erforderten es, zur richtigen Zeit und in der richtigen Art verrichtet zu werden. Unser Kirchenjahr stellt einen Reflex dieser uralten Traditionen dar.
Um sich zu ernÀhren, reichte es bei weitem nicht, einfach nur die Nahrungspflanzen auszusÀen. Die Erde war eine Göttin, der Himmel ein Gott und der Regen sein Samen. Fruchtbarkeit war die Folge der göttlichen Hochzeit. Um im Einklang mit der Natur zu bleiben, die kosmische Ordnung aufrecht zu erhalten und die Götter an ihre Pflichten zu erinnern, vollzogen Priester und Priesterin in vielen Kulturen diese Vereinigung auf Erden in kultischer Form nach.
Auch alltĂ€gliche TĂ€tigkeiten und solche, fĂŒr die es VorlĂ€uferformen bei den Tieren gibt, wurden mit derartigen Storys umwickelt. Die australischen Aborigines besetzten und verteidigten nicht einfach nur ein Territorium. Nach ihrer Auffassung wurde ihnen das Land von den Ahnen verliehen, verbunden mit der Aufgabe, alle rituellen Pflichten zu erfĂŒllen, die fĂŒr den Fortbestand von Flora und Fauna unerlĂ€sslich waren (3).
Ein anderes Beispiel stammt von D. S. Wilson (4). Auf den malaiischen Inseln lebt das Volk der Chewong, das vom Sammeln, Jagen und Hackbau lebt. Eine ihrer Glaubensvorstellungen besagt, dass jemand, der sich weigert, seine Nahrung mit jemandem zu teilen, der hungrig ist, den Zorn der ĂŒbrigen Natur auf sich zieht und daher in Gefahr lĂ€uft, von einem Tiger angefallen oder von einer Schlange gebissen zu werden. Diese Tiere können jedoch auch als unsichtbare Geister auftreten und einen MissetĂ€ter mit Fieber oder anderen Infektionskrankheiten strafen.
Bei uns stellt das Einziehen von Abgaben und Steuern und die Umverteilung an die Gesellschaft einen rein politischen oder ökonomischen Akt dar. Nicht so in den archaischen Kulturen, denn wie gesagt: Eine Trennung von Ökonomie und Mythos besteht hier noch nicht. Abgaben sind hier keine Abgaben, sondern Opfer, die den Göttern dargeboten werden. Wo es sich um Nahrungsopfer handelt, werden sie von den Ritualteilnehmern stellvertretend fĂŒr die Götter verzerrt – nach einem VerteilungsschlĂŒssel, den die Priester festlegen (5). Auch hier funktioniert der Prozess der Umverteilung nicht ohne weiteres, sondern setzt eine Geschichte, eine Göttermythologie, und ein daran angepasstes Ritual voraus.
Besonders dramatisch vollziehen sich in diesen Gesellschaften oft Heilungsprozeduren. Die Verabreichung lindernder Medizin stellt dabei eher eine Nebensache dar, wÀhrend im Zentrum ein schamanistisches Psychodrama steht, in dessen Verlauf sich der Heiler auf eine Traumreise begibt, um mit den krankheitsauslösenden Geistern Kontakt aufzunehmen oder gar mit ihnen zu kÀmpfen (6).
Das Handeln des Menschen auf diesem Kulturniveau wurde durch eine Unzahl von fiktiven Geschichten, von Hirngespinsten, wenn man so will, gesteuert. Die UniversalitÀt, das Auftreten in jeder untersuchten Gesellschaft, lÀsst vermuten, dass dem eine angeborene Tendenz zu Grunde liegt.
Die FĂ€higkeit zu objektiver und möglichst realistischer Erkenntnis stellt offensichtlich nur einen Strang unserer psychischen Evolution dar. Mindestens genauso wichtig scheint so etwas wie ein "Story-Instinkt" gewesen zu sein. So faszinierend dieser Aspekt auch ist – es dĂŒrfte keine ganz leichte Aufgabe sein zu klĂ€ren, wie dieser Instinkt sich entwickeln konnte und mit welchen Selektionsvorteilen er verbunden war. Immerhin gibt es dazu aber schon eine Reihe theoretischer AnsĂ€tze. Festgehalten sei hier, dass unsere Neigung zu Geschichten alles andere als ein unbedeutendes PhĂ€nomen darstellt, sondern eine Veranlagung, die sich tief in die Arbeitsweise unseres Gehirns eingeprĂ€gt hat und wahrscheinlich in frĂŒherer Zeit das Überleben sicherte.

1. Oeser, Erhard u. Seitelberger, Franz (1995): Gehirn, Bewusstsein und Erkenntnis. Darmstadt.
2. Bargatzky, Thomas (1997): Ethnologie. Hamburg.
3. Herbig, Jost (1986): Am Anfang war das Wort. MĂŒnchen.
4. Wilson, David S. (2002): Darwin’s Cathedral. Chicago.
5. Harris, Marvin (1991): Menschen. Stuttgart.
6. Dennett, Daniel C. (2006): Breaking the Spell. Penguin Books.


Version vom 12. 05. 2008 18:26

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Penelopeia
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Ein interessanter Beitrag. Ich teile die - eigentlich hinlÀnglich bekannten - Ansichten jedoch nicht. Konkret: Ich habe ernsthafte Zweifel an solchen Postulaten wie

- Macht der Mythen in alten Kulturen
- Koinzidenz von Mythos und Produktion in frĂŒhen Gesellschaften
- Drang zu ObjektivitÀt in "modernen" Gesellschaften etc.

Mythen dĂŒrften eine Begleiterscheinung aller Kultur sein. Götterbilder desgleichen. Von ObjektivitĂ€t zu reden ist relativ mĂŒĂŸig - in Anbetracht unserer beschrĂ€nkten Wahrnehmung ...

Was ist ein Mythos? Ich bin, da ich fĂŒr vieles mathematische Funktionen bemĂŒhe, zum Bild des Durchschnittswertes gekommen. Ein Mythos ist also, in Ă€ußerster VerkĂŒrzung, nichts weiter als ein Durchschnittswert fĂŒr eine Menge nichtrepĂ€sentabler, zufĂ€lliger Einzelwerte. Diesen "Durschnittswert" wird es fĂŒr einen Zeitraum x immer geben, er lebt desgleichen, d.h. er verĂ€ndert sich, gelegentlich sogar sprunghaft. Dann wird der sogenannte "Mythos" durch einen anderen abgelöst...

WÀre es u.U. sinnvoller, bei solchen Themen den Ansatz zu wÀhlen: Worin unterscheiden sich moderne Gesellschaften nicht von archaischen?

LG

P.

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Volker Hagelstein
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Also, mit Mathematik lieferst du selber ein sehr passendes Stichwort im Sinne meiner Position.
Nach Auffassung der EvolutionĂ€ren Erkenntnistheoretiker stellt Mathematik ein Ă€ußerst erfolgreiches Instrument der Erkenntnisgewinnung dar, weshalb die Wissenschaften auch in einem erheblichen Maß mathematisiert sind. Die EvolutionĂ€re Erkenntnistheorie beim Wort genommen, mĂŒssten wir Menschen dann doch geradezu einen Heißhunger nach Mathe verspĂŒren. Im Alltag ist davon allerdings nicht viel zu spĂŒren. Denn welches Schulfach ist so verhasst wie dieses? Außerdem haben psychologische Studien ergeben, dass Menschen oft sogar massive Probleme haben, mit Wahrscheinlichkeiten angemessen umzugehen und die richtigen SchlĂŒsse zu ziehen.
Und umgekehrt: Welcher Streifen aus den letzten zehn Jahren war so erfolgreich wie Herr der Ringe, die reinste Kommerz- und Synthetikmythologie? Daran meine ich ablesen zu können, dass der "Story-Instinkt" in uns immer noch sehr wach ist.

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