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Leselupe.de > Horror und Psycho
Loa - Teil 1
Eingestellt am 06. 04. 2005 10:43


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nemo
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Registriert: Aug 2001

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Hierbei handelt es sich um einen Text an dem ich seit lÀngerem arbeite.
Ich habe vor einiger Zeit, eine kĂŒrzere Version des Textes hier gepostet, der allerdings einen unfertigen Eindruck hinterlassen hat. Ich habe mich entschieden die Geschichte weiterzufĂŒhren und wollte die geneigten Leser nach ihren Eindruck fragen, um heraus zu finden, ob sich die Arbeit lohnt. Es handelt sich noch um eine Rohversion, deswegen verzeiht die Fehler, die sich in dieser Geschichte rumtummeln.

X.

Der Herbst hatte in New York Einzug erhalten und die Lunge der Stadt, den Central Park, in ein braun-gelbes Kleid gehĂŒllt. Ein leichter Wind strich ĂŒber die BlĂ€tter und StrĂ€ucher des Parks, wehte ĂŒber dem Lake, und teilte sich am Obelisk, einem grauen pockennarbigen UngetĂŒm, das in den Himmel ragte, wie ein erhobener Zeigefinger. Auf der Spitze der Ägyptischen Skulptur saß ein Rabe von beeindruckender KörpergrĂ¶ĂŸe, der, so schien es, den Sonnenuntergang beobachtete. Es war ein altes Tier; sein mit Narben verziertes Gesicht zeugte von vielen KĂ€mpfen und sein Gefieder war matt und wies kahle Stellen auf. In einer geschmeidigen Bewegung streckte er die FlĂŒgel aus und ließ sich von dem steinernen Turm fallen. Erst sah es so aus, als wĂŒrde der alte Rabe wie ein Stein zu Bode stĂŒrzen, dann manövrierte er sich in einen Luftstrom, der ihn hoch in den blutroten, dĂ€mmernden Himmel trug. Bis zum Containerhafen ließ er sich, vom Wind getragen, treiben, bis er auf einen der riesigen VerladekrĂ€ne landete, um sein Federkleid zu putzen. Gut dreißig Meter unter ihm kam ein schwarzer Lieferwagen vor einem Lagerhaus zu stehen. Vier MĂ€nner in schwarzen MĂ€nteln stiegen aus. Alle hatten sie dunkle Haut und ihre Blicke musterten die Umgebung, fast so als hĂ€tte sie etwas zu verbergen. Einer von ihnen, ein Kerl wie ein groß und breit wie ein Schrank, mit schulterlangen Rastalocken, ging auf dem Eingang des Lagerhauses zu. Er ließ den Blick noch mal von rechts nach links schweifen, klopfte drei mal und trat in das Lagerhaus ein. Wenig spĂ€ter ratterte das Rolltor des Lagers hoch und der Van wurde rĂŒckwĂ€rts hineingefahren, dicht gefolgt von den restlichen bemantelten MĂ€nnern. Die SeitentĂŒr des Transporters wurde geöffnet und zwei Kisten wurden hineingetragen. Grosse metallene BehĂ€lter, die neben einigen Gasgranaten, noch fĂŒnf Heckler & Koch MP5 Maschinenpistolen, die gleiche Anzahl an Colt Double Eagle Pistolen und die dazu passende Munition beinhaltete. Nach der zĂŒgigen Beladung verschwanden drei der Kerle in den Lieferwagen und die TĂŒr wurde schwungvoll von innen geschlossen. Der Rastamann schaute sich nochmals um, stieg dann ein und der Transporter fuhr los.
Hoch oben auf dem Kran stieg der Rabe wieder in die LĂŒfte. Die nĂ€chtliche Dunkelheit hatte sich inzwischen wie ein Leichentuch ĂŒber die Stadt gesenkt. Mit ausgestreckten FlĂŒgeln schwebte der Vogel ĂŒber dem Hudson River, der sanfte Wellen schlug. Auf der anderen Seite des Flusses, in New Jersey, war es lĂ€ndlicher und einfacher fĂŒr ihn Beute zu machen. Wenig spĂ€ter ließ er sich auf der Preisanzeige einer Tankstelle nieder. Der Flug war anstrengend gewesen und er brauchte eine Pause. Er genoss die Ruhe, die er in der hektischen Metropole nur selten fand. Aus der Dunkelheit tauchten erst zwei Lichtkegel auf, dann ein rostiger 69er Camarro, der auf die Tankstelle einbog.
Der Wagen blieb stehen, die BeifahrertĂŒr wurde aufgerissen und ein Mann stieg hastig aus. Er trug einer dieser Masken, die Motorradfahrer im Winter unter ihren Helmen anziehen. Mit gezĂŒckter Waffe stĂŒrzte er in den Tankstellenshop.
Wieder erhob sich der Rabe in die LĂŒfte. Es wurde langsam Zeit, dass er was in den Schnabel bekam.

X.

So, jetzt erst mal locker bleiben und nicht die Milch verlieren.
Kurzer Blick nach links, kurzer Blick nach rechts und die Lage ist gepeilt.
Insgesamt sechs Personen. Zwei Kassiererinnen und vier Kunden. Leichtes Spiel.
Ein paar Schritte Richtung Kasse, die Knarre aus der Jacke ziehen und ab geht’s.
„Ihr verfickten Penner, ihr geht jetzt alle auf den Boden sonst gibt’s Blut!“
Ich liebe diesen Part. Cool sein, böse aussehen und kein Mitleid zeigen.
„So du Schlampe steh auf!“
Immer diejenigen aussuchen die am meisten Angst haben.
„Pack das scheiß Geld in die Tasche und zwar schnell, sonst kannst du demnĂ€chst aus der Stirn kacken!“
Es geht schnell, sehr schön.
Blick nach draußen, alles ruhig.
Bewegung hinter mir.
Umdrehen. Zielen.
„ Was soll die Scheiße du Wichser, willst du als Held sterben?“
Waffe auf die Stirn legen und lÀcheln.
„Na kleiner , hast du Angst?“
Zittern, Stille.
Der typische Geruch von Angstschweiß, Augen die sich mit TrĂ€nen fĂŒllen.
„Peng, du bist Tot.“
Ich richte die Waffe knapp ĂŒber seine Schulter.
Ein lauter Knall, Schreie, und der Kerl bricht zusammen, bewusstlos.
Umdrehen, auf die Kassiererin zielen.
„Mach hinne sonst bist du die nĂ€chste!“
Sie heult und beeilt sich.
So, jetzt die Kohle nehmen und nichts wie raus aus dem Laden.
Draußen steht Paul und lĂ€sst den Motor aufheulen.
Rein in die Karre. Maske vom Gesicht reißen. TĂŒr zu. Und ab geht’s.
„Und wie isses gelaufen?“ fragt Paul .
„Halt’s Maul und gib Gas!“ schnauze ich.
Paul ist nicht gerade ein Genie, aber im Umgang mit allem was zwei oder mehr RĂ€der hat ist er unschlagbar.
„War ganz O.K., keine grĂ¶ĂŸeren Probleme gehabt.“ sag‘ ich.
Ich krieg wieder Kopfschmerzen. Jedes Mal wenn ich’n Ding drehe, platzt mir danach die Birne. Kommt bestimmt vom rumballern, sollte mir n’en SchalldĂ€mpfer besorgen.
„Paulie, halt bitte am Candie’s, ich muss mir was zum Qualmen besorgen, mir platzt der Kopf.“
Paulie nickt.
Er weiß, dass er mich jetzt lieber in Ruhe lassen sollte, deswegen mag ich den Kerl so.
Seitdem sein Ă€lterer Bruder Sam bei ’ner Schießerei mit den Bullen draufgegangen ist, hĂ€ngt er mit mir rum. Ich bin so’ne Art Ersatzbruder fĂŒr Ihn. Er ist noch zu Jung um alleine klar zu kommen und von mir kann er noch’n paar Tricks lernen. Er ist mit achtzehn zwar einen Kopf grĂ¶ĂŸer und drei SchrĂ€nke breiter als ich mit zweiunddreißig, aber ihm fehlt noch die Erfahrung. Das Leben ist hart, wenn man’s so lebt wie wir.
„Wir sind da.“ meldet sich Paul.
„Warte im Wagen, ich bin gleich wieder da.“
Ich nehme zweihundert Kröten aus der Tasche und ab in’s Candies.
Ein Kopfnicken reicht und der Typ an der TĂŒr lĂ€sst mich rein.
Scheiße ist der Laden voll. Ich schau mich um. Ein paar nette Weiber sind da, aber ich hab‘ heute kein Bock auf Ficken. Ich drĂ€nge mich durch die Massen Richtung Bar. Meine Birne pocht bei jedem Bassbeat. Verdammt, mĂŒssen die, die Musik so laut aufdrehen. An der Bar sitzt der Mann den ich suche. Ich geh an ihm vorbei und ein Augenkontakt genĂŒgt. Dann auf’s Klo, wo ein paar Sekunden spĂ€ter der Typ auch auftaucht.
„Was geht Alter?“ fragt er mich grinsend. Er riecht das GeschĂ€ft.
„Ich hab‘ hier zweihundert MĂ€use die nach dir gefragt haben. Hast du was gutes
da?“ frage ich.
„Ja klar, fĂŒr meinen Lieblingskunden doch immer. Wart‘ mal 'ne Sekunde.“
Er greift in seine Jackentasche und bringt ein Beutel Gras zum Vorschein.
Er wiegt‘s vor meinen Auge ab und meine hart verdienten MĂ€use wechseln den Besitzer.
„Bis demnĂ€chst Meister.“ verabschiede ich mich.
Raus aus dem Klo und wieder durch die nach Rauch und Alkohol stinkende Menge.
Mit meiner linke Schulter stoße ich jemanden an.
„He du Sack, pass mal auf! “
Ich dreh mich um. Ein Kerl wie‘n Baum schaut mich grinsend von oben herab an.
„Hast du mich gerade Sack genannt?“ frage ich ihn freundlich.
„Hast du ein Problem damit kleiner?“
Ich lĂ€chele und trete ihm in die rechte Kniescheibe. Es knackt. Er krĂŒmmt sich vor Schmerzen. NĂ€chster tritt von unten in die Fresse. Er kippt um und hĂ€lt sich das Gesicht.
Blut lÀuft zwischen seinen Fingern.
„Selber, Sack ! “ zische ich und verpisse mich schleunigst.
Am Ausgang wieder kurzes Kopfnicken und schnell in’s Auto.
„Hau‘ rein Paulie, ich will nach Hause, entspannen ist angesagt.“

X.

Das Zeug knallt ja mÀchtig rein. Ich habe mir gerade das erste Köpfchen reingezogen und bin schon hammerbreit. Gott segne das THC !!
Die hÀrteren Sachen vertrage ich nicht mehr, ab und zu 'ne priese Koks oder 'ne Flasche Wodka is' noch O.K., aber ich kenne genug Jungs die von dem ganzen synthetischen Zeug in der Heilanstalt vor sich hin sabbern. Cannabis hingegen ist Natur pur.
„He Paulie, deine Blubbi ist fertig, komm schon !!“ rufe ich in den Raum.
Paulie fĂŒttert gerade seine Ratte.
Das Tier gehörte seinem Bruder und er glaubt tatsĂ€chlich, dass ein Teil von Sam in dem Vieh weiterlebt. Ich habe Paul schon oft mit der Ratte reden hören, als rede er zu einem Menschen. Es ist halt’n bisschen abgedreht.
„Paul, Essen ist fertig!“ scherze ich und greife zum Telefon.
„He, hast du die Nummer vom Pizzadienst im Kopf?“
Paul, der sich auf seinen Sessel fallen lĂ€sst, schĂŒttelt den Kopf.
„Keine Ahnung.“
„Verfickte Scheiße, wir haben jetzt drei Uhr morgens, ich bin dicht wie ein Otter und hab’nen Höllen Fresskick!“
Ich stehe auf, schwanke und gehe in die KĂŒche.
Ich mache den KĂŒhlschrank auf und mir kommen fast die TrĂ€nen.
KĂŒhlschranktĂŒr wieder zu, zurĂŒck in’s Wohnzimmer.
Paul hustet sich die Lunge aus dem Hals.
„Immer vorsichtig mein Freund.“ lache ich ihn aus. „Sei nicht immer so gierig!“
Ich kann gerade noch das Wort Arschloch an seinen Lippen ablesen, da fÀllt mein Blick schon auf das Telefonbuch.
„Unsere Rettung naht.„ sage ich und schnappe mir das Ding.
Die richtige Nummer rausgesucht, zwei Pizzen Gran Plaza bestellt und die Nacht ist gerettet.
Über die Kohle mĂŒssen wir uns die nĂ€chsten Tage nicht mehr den Kopf zerbrechen.
Tankstellen haben zwar nie sehr viel Bargeld in den Kassen, aber es reicht fĂŒrs erste.
„He du Sack, du sollst nicht pennen !!“ rufe ich Paul zu, der immer tiefer in seinem Sessel versinkt.
Langsam aber sicher bin auch ich ziemlich platt. Ich setzte mich hin und zappe durch die Fernsehlandschaft.
Ich entscheide mich fĂŒr einen Tierfilm. Kommt echt relaxend wenn man dicht ist.
„He, mach die Scheiße weg, sonst penne ich gleich wirklich ein!“ meckert Paul.
„Bleib mal locker Paulie, da kannste noch was lernen!“ meckere ich zurĂŒck.
„Was soll ich denn von beschissenen ErdmĂ€nnchen lernen können du Arsch!“
„Nicht von beschissenen ErdmĂ€nnchen, sondern ĂŒber beschissenen ErdmĂ€nnchen!“
„Und was bringt mir das?“
„Wolltest du nicht schlafen?“ frage ich und wende mich ab.
„Nein, ich will das jetzt klĂ€ren. Ich möchte jetzt gerne wissen was mir dieser Tierfilmscheiß bringen soll?“
„Ich finde es einfach nur entspannend.“ antworte ich.
„Und ich finde das einfach nur einschlĂ€fernd!“ erwidert Paul.
„Dich sollte man lieber einschlĂ€fern.“ sage ich ernst
Paul fÀngt an zu lachen.
„Mach doch was du willst!“ sagt er schließlich.
Ich packe meine Knarre aus und fange an sie zu reinigen.
Ein Klopfen an der TĂŒr.
„Mann, das ist doch endlich mal ein schneller Pizzadienst!“ staunt Paul.
Als er sieht, daß ich nicht den Anschein gebe aufstehen zu wollen, erhebt er sich aus seinem Sessel.
„Ist schon gut, ich geh schon!“ teilt er mir mit.
Ich nicke nur.
Er öffnet die TĂŒr, einige Sekunden passiert nichts und plötzlich höre ich eine mĂ€nnliche Stimme die ich zu kennen glaube.
Es ist in einem bestimmten Rauschzustand echt schwierig sein Langzeit GedĂ€chtnis zu ĂŒberreden eine gespeicherte Information auszuspucken.
Ich beuge mich nach vorne und versuche meine Neugierde zu befriedigen.
Doch Paul steht in meinem Blickfeld, so das ich nur ein in schwarz gekleidetes Bein sehen kann.
Ich lasse mich zurĂŒck auf’s Sofa fallen und mache ein dummes Gesicht.

Es gibt Menschen die es einfach verdient hĂ€tten, daß man Sie nach der Geburt im Klo ertrĂ€nkt. Und genau zu dieser Gattung gehören die Mahoney BrĂŒder.
Der Ă€ltere der beiden, Korgan Mahoney, sitzt mir gegenĂŒber und grinst mich dĂ€mlich an. WĂ€hrend sein Bruder, Bricks Mahoney, wie ein Schutzwall hinter Ihm steht und mir die Geburt einer neuen ErdmĂ€nnchen Generation verdeckt.
"Ist das dein neuer Busenfreund?" fragt Korgan lÀchelnd und zeigt mit dem Finger auf Paul.
Ich versuche cool zu bleiben und antworte "Warum fragst du ? Ist dein Bruder jetzt von Tieren auf MĂ€nner umgestiegen?"
Sein arrogantes Grinsen bleibt, und ich wĂŒrde Ihm am liebsten die Eier wegtreten.
"Was willst du von mir?" frage ich Ihn.
"Ich wollte dir Arbeit anbieten. Wie Ich gehört habe, hast du dich jetzt auf Tankstellen und LebensmittelgeschÀfte spezialisiert hast. Ich will dir nur etwas Abwechslung bieten."
Er zĂŒndet sich einen Zigarillo an, lĂ€sst mich aber nicht aus den Augen
"Es war nicht meine Idee, dich zu Fragen. Ich habe dich schon immer fĂŒr einen Versager gehalten. Aber der Boss scheint noch einiges von dir halten."
Ich hÀtte es mir fast denken können. Dieses fette Schwein Santiago hat die beiden Wichser geschickt.
"Ich arbeite nicht mehr fĂŒr Santiago." sage ich und schaue Korgan in die Augen.
Er wendet seinen Blick ab, zieht an seinem Zigarillo, und schĂŒttelt den Kopf.
"Bist du etwa immer noch Sauer, Frankie Boy?"
"FĂŒr dich immer noch Mr. Maddox!" schnauze ich ihn an und stehe auf.
"Du kannst Mr. Santiago bestellen, dass er sich seinen Job in den Arsch schieben soll!"
Mein Kopf fÀngt wieder an zu schmerzen. Das Pochen an meinen SchlÀfen macht mich Wahnsinnig.
Korgan drĂŒckt sein Zigarillo aus und schaut zu mir hoch.
Er hat endlich aufgehört zu grinsen.
"Möchtest du nicht zu erst hören wie viel der Boß dir fĂŒr den Job bietet?" fragt er
"Bist du taub, Mahoney? Ich arbeite nicht mehr..." fange ich an als er mir plötzlich andeutet leise zu sein und auf die EingangstĂŒr starrt.
Ich stocke mitten im Satz und höre Schritte im Gang.
"Das ist bestimmt der Pizza Typ." sagt Paulie leise.
Stille.
Ein leises Klicken.
Ich kenne dieses GerÀusch.
Das entsichern einer Waffe.
"Paulie geh in Deckung!" schreie ich und setze mich in Bewegung.
WĂ€hrend ich beim laufen meine Waffe nachlade höre ich ein lautes Knallen als die TĂŒre eingetreten wird. Ich springe in die KĂŒche und gehe in Deckung.
Plötzlich setzt das laute rattern einer Maschinenpistole ein.
Ich stelle mich an die KĂŒchentĂŒr und schaue vorsichtig ins Wohnzimmer.
Die Mahoney BrĂŒder sind hinter dem umgeworfenen Wohnzimmertisch in Deckung gegangen. Bricks schießt blind in Richtung Flur wĂ€hrend Korgan scheinbar mit seinem Handy rumhantiert. In der TĂŒr zĂ€hle ich vier schwer bewaffnete und vermummte MĂ€nner in schwarzen MĂ€nteln.
Ich suche Paulie und sehe Ihn aus dem Fenster auf die Feuertreppe steigen.
Wir stellen unseren Wagen immer in der nĂ€he der Feuertreppe ab, falls wir unerwĂŒnschten Besuch bekommen.
Ich blicke wieder Richtung HaustĂŒr und sehe ein rundes Objekt in den Raum fliegen.
Ich drehe mich um, renne zum KĂŒchenfenster und springe.
Ich spĂŒre wie sich Glassplitter in meine Arme bohren, und TrĂ€nen mir in die Augen schießen. Ich lande krachend auf der Feuertreppe, als gerade eine laute Explosion aus der Wohnung zu hören ist. Ich versuche aufzustehen, verliere aber das Gleichgewicht und falle wieder hin. Ich bemerke, daß ein StĂŒck Glas in meinem Oberschenkel steckt.
Ich packe es und ziehe es schreiend aus meinem Bein.
Mir wird schwindelig, und der Schmerz verbreitet sich in meinem Körper wie ein Lauffeuer in der Steppe.
Aus dem Augenwinkel nehme ich Bewegungen in der Wohnung wahr.
Ich halte mich am GelÀnder fest und ziehe mich hoch.
Ich schaue nach unten und sehe Paulie ins Auto einsteigen.
Eine Rauchwolke kommt mir aus dem zerbrochenen KĂŒchenfenster entgegen.
TrÀnengas.
Ich lege mein Körper auf das GelĂ€nder, stoße mich mit meinem unverletzten Bein ab und falle.
Ich bringe meine Arme schĂŒtzend um meinen Kopf und hoffe au einen sanften Aufprall.
Ich denke an Pizza Gran Plaza, an ErdmÀnnchen...
Und dann der Schock und Dunkelheit.

X.

Die Stirn des alten Priesters legte sich in Falten. Er war unzufrieden, denn der Einsatz war nicht nach Plan verlaufen. Zwei MĂ€nner hatten sie verloren. Das hatte man davon, wenn man Amateure mit wichtigen Jobs betraute. Die MĂ€nner waren zwar allesamt erfahrene WiederstandkĂ€mpfer der FRRA gewesen und hatten einen großen Anteil am Sturz Aristides gehabt, aber scheinbar waren sie mit diesem speziellen Auftrag ĂŒberfordert gewesen. Na, ja immerhin hatten sie jemanden dabei, den er fĂŒr seine Zwecke benutzen konnte, auch wenn es dadurch zu unerwĂŒnschten Verzögerungen kommen wĂŒrde. Der alte Mann kniete nieder und begann mit lauwarmen HĂŒhnerblut Zeichen auf den Betonboden zu malen, dabei verfiel er in einem monotonen Gesang, der an den Kahlen SteinwĂ€nden des leeren Raumes wiederhallte. Dann schloss er die Augen und hob die HĂ€nde in einer kreisenden Bewegung in die Luft. Die Ärmel seines algengrĂŒnen Umhangs rutschten herunter und auf der dunklen Haut seines Unterarms kamen noch dunklere TĂ€towierungen zum Vorschein.
Einen Raum weiter saß ein Mann gefesselt an einem Stuhl.
Er hatte ein harte, kantige Visage mit breiten Wangenknochen. StrĂ€hnen seines schwarzen Haares fielen ihm ĂŒber die geschlossenen Augen. Sein Kopf hing vornĂŒber und ein Speichelfaden baumelte unmotiviert an seiner Unterlippe. Ein Halogenleuchter war ihm gegenĂŒber aufgestellt worden; helles, kaltes Licht strahlte ihm ins Gesicht.
Wenige Schritte entfernt stand ein Mann mit Rastalocken an einem Tisch und fĂŒllte eine Spritze mit einer grĂŒnlichen FlĂŒssigkeit. Er hatte seinen Mantel abgelegt und unter einem engen, schwarzen Pullover zeichnete sich ein muskulöser Oberkörper ab. Um seine Schulter herum war ein Holster gebunden, aus dem der Knauf seiner Pistole lugte. Er begutachtete die Droge, die sich in der Spritze befand durch das Licht und ein lĂ€nglicher Schatten legte sich auf sein vernarbtes Antlitz.
Aus dem Nebenraum drang leise der Gesang des Priesters. Der Rastamann legte die Spritze vorsichtig auf den Tisch und griff in seine Hosentasche, aus der er ein PĂ€ckchen Tabak holte. Er drehte sich eine Zigarette und behielt dabei den Typen auf dem Stuhl im Auge, der nun den Kopf leicht hin und her bewegte und dabei unverstĂ€ndlich vor sich hin murmelte. Der Gesang verstummte und wenig spĂ€ter betrat der Priester den Raum. Ein glĂ€nzender Transpirationsfilm hatte sich auf seinem Gesicht gelegt und vereinzelt rannen salzige Tropfen Schweiß durch die Schneisen seiner Falten, wie eine reißende Flutwelle durch einen Flusslauf.
Er nickte dem Rastamann zu, der seine gerade angezĂŒndete Zigarette zu Boden schnippte und drauf trat. Der Mann auf dem Stuhl stöhnte auf. Die Zeit war gekommen dem Kerl die Droge zu verabreichen und mit dem Ritual zu beginnen.

X.

Es scheint ein Naturgesetz zu geben, das besagt, dass man immer dann wach wird, wenn ein Traum gerade anfÀngt interessant zu werden.
Eben noch liege ich im Bett mit einer asiatischen Schönheit und setze zum finalen Stoß an, und schon sickern Stimmen durch meine vernebelten Gedanken, die sich einfach nicht mit meinem Traum vereinbaren lassen. Ich versuche mich umzudrehen um diesen Stimmen zu entkommen, doch ein stechender Schmerz im rechten Bein, bringt mich zurĂŒck in die RealitĂ€t.
Ich öffne die Augen, aber ein helles Licht blendet mich und zwingt meine Augenlieder sich reflexartig zu schließen. Ich höre Stimmen, kann sie aber nicht verstehen. Mir wird klar, dass ich auf einem harten Stuhl sitze und meine HĂ€nde hinter meinen RĂŒcken festgebunden sind.
Ich versuche mich auf die Stimmen zu konzentrieren.
Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwie hört es sich Französisch an.
Ich öffne erneut die Augen, diesmal langsamer um sie an das Licht zu gewöhnen, aber die Lampe scheint mir genau ins Gesicht. Wer immer mich hier festhÀlt, möchte nicht gesehen werden.
„Was wollt Ihr Penner von mir?“ ich versuche cool zu klingen aber meine Stimme zittert.
Keine Antwort.
Ich spĂŒre wie jemand den linken Ärmel meine Hemdes zurĂŒckzieht und ich ahne schlimmes.
„Ihr verfickten Affen! Ich reiß euch die Eier ab und steck sie euch in’s Maul!“ schreie ich.
Sekunden spĂ€ter bohrt sich langsam die Nadel einer Spritze in eine meiner Venen und ich fĂŒhle wie sich eine heiße FlĂŒssigkeit in meine Blutbahn verteilt.
Mein Arm prickelt als wÀre er eingeschlafen.
Ich werde mĂŒde, versuche aber dagegen anzukĂ€mpfen.
Und wieder Dunkelheit.

Ich schwebe, auf einem Klodeckel stehend, ĂŒber die Straßen New-Yorks.
Auf dem Ding ist Micky-Maus beim pinkeln abgebildet;
sieht aus wie ein Airbrush, ziemlich gute Arbeit.
Ein strammer Wind weht mir in’s Gesicht und treibt mir TrĂ€nen in die Augen.
Seltsamerweise verspĂŒre ich keine Angst, ich fĂŒhle mich eher euphorisch, als hĂ€tte ich mit irgendetwas eingeschmissen.
Das Empire State Building zieht an meiner linken vorbei und ich frage mich ob ich den Flug lenken kann. Ich konzentriere mich und siehe da, das verdammte Ding fliegt tatsĂ€chlich durch reine Gedankenkraft. Ich gebe richtig Gas und rase mit einem Höllentempo durch die Hochhausschluchten. Ein HochgefĂŒhl ĂŒberkommt mich und der Geschwindigkeitsrausch pumpt mir Adrenalin in die Blutbahn.
Erst jetzt fĂ€llt mir auf, daß die Stadt verlassen zu sein scheint.
Keine Autos blockieren die Strassen, keine Menschenmassen die sich auf den BĂŒrgersteigen drĂ€ngen.
Ich fliege Richtung East-River und drossel mein Tempo ein wenig.
Plötzlich verÀndert sich meine Umgebung.
Es wird dunkel. Es wird Nacht.
Ich stehe mitten in einem Sumpfgebiet.
Knietief im stinkenden Wasser, versuche ich mir die MĂŒcken vom Leib zu halten.
Langsam geht mir die ganze Sache auf die Nerven.
In der Ferne sehe ich ein flackern.
Ein Feuer.
Ich setzte mich in Bewegung und stampfe durch das trĂŒbe Wasser.
Als ich mich nÀhere, sehe ich mehrere schwarze menschlich Formen die anmutig um ein Lagerfeuer tanzen. Sie scheinen zu singen, es ist eine Art Gebet, eine Litanei.
WĂ€hrend ich sie beobachte fĂŒhle ich wie meine Glieder schwerer werden und meine Augenlieder sich schließen.
Eine Welle der MĂŒdigkeit ĂŒberrollt mich wie eine Tsunami.
Und wieder Dunkelheit.

X.

Als ich diesmal aufwache, traue ich mich nicht die Augen zu öffnen.
Etwas hat sich aber verÀndert.
Ich liege seltsam weich und ein penetranter Geruch bohrt sich in meine NasenflĂŒgel.
Ich bewege mich und ein brennender Schmerz gibt mir zu verstehen, dass es meinem Bein immer noch nicht sehr gut geht. Mit meiner rechten Hand greife ich in etwas, dass sich verdĂ€chtig nach Essensresten anfĂŒhlt.
Ich sammle meine Gedanken, und durch die Dunkelheit meiner GehirngÀnge kriecht eine Erkenntnis.
Vorsichtig öffne ich die Augen und sehe meine Vermutung bestÀtigt.
Ich schiebe den Deckel des MĂŒllcontainer, in dem ich stecke, zurĂŒck, und klettere mit sehr viel mĂŒhe heraus.
Es ist Nacht und ich befinde mich in einer abgefuckten Gasse.
Ich habe wohl ein paar Penner geweckt, die mich jetzt unglÀubig anstarren. Ich werfe Ihnen nur einen abschÀtzigen Blick zu und sie schauen weg.
Ich habe jetzt echt die Schnauze voll. Mir tut alles weh und ich fĂŒhle mich wie ausgekotzt. Die Wunde an meinem Bein hat sich entzĂŒndet und klebt an meiner Jeans, so dass jeder Schritt zu Qual wird.
Ich mache eine kurze Bestandsaufnahme. Ich habe kein Handy dabei und mein Portemonnaie liegt noch in der Wohnung, allerdings habe ich noch einen zerknĂŒllten Hundert Dollar Schein in der Tasche. Was ich jetzt brauche ist ein Arzt und ein Telefon.
Das Krankenhaus kann ich vergessen, weil ich keine Sozialversicherungskarte habe aber ich kenne jemand der mir noch ein Gefallen schuldet.
Ich humpele bis zu nĂ€chstgrĂ¶ĂŸeren Strasse und winke ein Taxi heran.
Als Taxi Fahrer, wĂŒrde ich bestimmt nicht anhalten um mich mitzunehmen so wie ich jetzt aussehe, aber es ist dunkel und ich habe GlĂŒck.
Im Taxi komme ich endlich dazu die vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen.
Ich lehne mich etwas zurĂŒck und lege mein Bein in eine ertrĂ€glichen Lage.
Alles hatte mit dem Besuch der Mahoney BrĂŒder begonnen.
Das konnte nur bedeuten, dass Santiago seine dicken Wurstfinger im Spiel haben musste.

Humberto JosĂ© Santiago, auch das fette Schwein Santiago genannt, verfĂŒgt ĂŒber einen derart gigantischen Leibesumfang , dass dieser schon in Metern statt in Zentimetern gemessen werden muß. Seine KörperfĂŒlle scheint auch in direkter Relation zu seinem Ego zu stehen und das macht diesen Mann wohl so gefĂ€hrlich. Wenn er einen Raum betritt, fĂŒllt er Ihn nicht nur durch seine unĂŒbersehbare PrĂ€senz aus, sondern auch durch sein unerschĂŒtterliches Selbstvertrauen, das es einem schwer macht Ihm zu widersprechen.
Er ist der geborene Manipulator, eine Puertoricanische Version Machiavellis.
Auch mich hatte dieser Mann fasziniert, der es perfekt verstand mir Honig um den Mund zu schmieren, und mir eine goldenen Zukunft in seiner Organisation prophezeite.
Es dauerte drei Jahre bis ich Ihn durchschaute.
Ich hatte mich in dieser Zeit vom Laufburschen, Fahrer bis zum Vertrauensmann Santiagos hochgearbeitet und erst dann erkannte ich sein wahres Gesicht.
Er ist gar nicht so darauf besessen ReichtĂŒmer anzuhĂ€ufen wie es in dieser „Branche“ ĂŒblich ist, sondern es ist das MachtgefĂŒhl wonach es Ihm dĂŒrstet. Das GefĂŒhl andere Menschen zu benutzen und sie, wenn nötig, zu vernichten.
Von DrogengeschĂ€ften ĂŒber Prostitution bis hin zu Waffendeals mit Kopftuch-TrĂ€gern, vor nichts schreckt er zurĂŒck. Er hat Verbindung zu der wichtigsten Mafia Familie der Stadt, den Cipones, zu den Japsen und zu den Kolumbianern. Er kennt die Reichen und die Wichtigen, die Aufsteiger und diejenigen die gerne wichtig wĂ€ren. Er ist wie eine Spinne, die Ihr Netz ĂŒber die Stadt gesponnen hat. Er interessiert sich nicht fĂŒr Frauen, verabscheut öffentliche Auftritte und liebt es das Geschehen aus dem Schatten zu lenken.
Sein einziges Hobby, soweit ich das beurteilen kann, ist das Sammeln und Handeln mit Antiken KunststĂŒcken. Sein ganzes Haus ist voll mit Relikten vergangener Tage; alte Statuen die grimmig dreinschauend, die RĂ€ume bewachen, Vasen mit kunstvoll gezeichneten Drachen und sein ganzer Stolz, ein Zimmer voller altertĂŒmlicher Waffen.
Ich hatte einmal die Ehre diesen Raum zu sehen und ich kam mir vor wie in einer Mittelalterlichen Waffenkammer.
Ich möchte nicht behaupten, daß ich mir aufgrund meiner bisherigen Taten einen Freischein fĂŒr’s Paradies verdient hĂ€tte, aber fĂŒr Santiago sieht’s am Tage des JĂŒngsten Gerichts verdammt dĂŒster aus. Wenn er dort auf die Seelen derjenigen trifft, die er auf dem Gewissen hat, dĂŒrfte es im Fegefeuer eng werden.

Die Stimme des Taxifahrers reißt mich aus meinen Gedanken.
„Wir sind da, Sir.“, sagt er mit einem unĂŒberhörbaren indischen Akzent.
Mein Kopf lehnt an der beschlagenen Scheibe und ich raffe mich auf obwohl ich auf der Stelle einschlafen könnte.
„Das macht 14 Dollar und 10 Cent, Sir“ sagt er und kramt eine große Brieftasche auf der FahrertĂŒr.
Ich steige aus, und das Brennen in meinem Bein macht mich fast wahnsinnig.
Ich bezahle, warte auf mein RĂŒckgeld und halte mich am Taxi fest.
Als es losfĂ€hrt, schwanke ich etwas, kann mich aber noch gerade so auf den FĂŒĂŸen halten.
Zum GlĂŒck ist es nicht mehr weit. Ich gehe, mein Bein hinter mir her schleifend, durch ein kleines weißes Gartentor. Ich spĂŒre leichten Regen an meinen Kopf prallen.
Als ich an der EingangstĂŒr des Hauses stehe, hoffe ich kurz, dass ich auch das richtige erwischt habe. Einen grĂ¶ĂŸeren Spaziergang, traue ich mich nicht mehr zu.
Ich schiele auf den Namen auf dem Briefkasten.
„Matthew Zuckerman“ steht dort.
„Da haben wir noch mal Dusel gehabt, Mr. Maddox“ murmele ich vor mich hin.
Ich drĂŒcke auf die Klingel und warte.
Ich höre Schritte im Hausflur und bete, dass es Matthew ist, und nicht seine Frau.
Seit er vor fĂŒnf Jahren geheiratet hat, habe ich ihn nicht mehr gesehen.
Ich weiß, dass er jetzt eine eigene Praxis besitzt, und recht erfolgreich ist, aber seine
Frau, Catherine, konnte ich noch nie leiden. Matthew und ich, sind seit der Schulzeit dicke Freunde. Ich habe ihm zwar immer erzĂ€hlt, ich wĂŒrde fĂŒr einen Sicherheitsdienst arbeiten, aber ich glaube, er wusste recht gut, wie ich meine MĂ€use verdiente. Nach der Hochzeit, wo ich mich so besoffen habe, dass ich der Braut auf die Schuhe gekotzt habe, ist unser Kontakt abgebrochen. Ich weiß, dass Catherine, damit zu tun hat, na ja, ist ihr gutes Recht. War vielleicht auch besser fĂŒr Matt.
Die TĂŒr öffnet sich.
Er sieht noch genauso aus wie frĂŒher; vielleicht nur etwas stabiler.
„Hast zugenommen. Man merkt das ‘ne Frau im Haus ist.“ sage ich und versuche zu lĂ€cheln.
„Ach du Scheiße !! Frank, was ist los mit dir?“ fragt er scheinbar ĂŒberrascht mich zu sehen.
„Ich war gerade mit dem Hund spazieren, als ich mir dachte, ich könnte doch mal meinen alten Freund, den Juden, besuchen.“
Matthew lÀchelt, legt meinen Arm um seine Schulter und trÀgt mich ins Haus.
„Ich bin kein Jude mehr. Ich bin jetzt Buddhist.“ sagt er ernst.
„Willst du mich verarschen?“
„Klar doch.“ sagt er mir und zeigt mir ein Stuhl, auf den ich mich setzen soll.
Er schaut sich meine Wunde an und schĂŒttelt den Kopf.
„Ich stelle dir keine Fragen, möchte aber gerne etwas klar stellen.“
Er ĂŒberlegt kurz.
„Also, ich werde dir helfen. Die Wunde muss genĂ€ht werden, da heißt...“
Ich unterbreche ihn.
„Ich dachte du bist Tierarzt! Wieso nĂ€hen? Kannst du sie nicht einfach desinfizieren und ein Pflaster drauf knallen?“
„Die Wunde musst genĂ€ht werden. Da gibt es kein wenn und aber. Eine Fleischwunde bei einem Menschen, ist nicht viel anders als eine bei einem Pferd. Vertrau mir einfach.“
Er holt kurz Luft.
„Also, noch mal von vorne. Ich werde dir helfen und keine Fragen stellen. Wir werden gleich in meine Praxis fahren. Catherine werde ich von einem Notfall erzĂ€hlen. Du weißt ja, was sie von dir hĂ€lt oder?“
Ich nicke kurz.
„Dort werde ich deine Wunde behandeln und dich dann nach Hause fahren.“
Ich schĂŒttele den Kopf.
„Das wĂ€re keine gute Idee.“ sage ich kraftlos.
„Gut wir haben morgen Sonntag, dass heißt, du kannst in der Praxis ĂŒbernachten. Aber Morgen bist du weg. Ist das O.K.?“
Ich nicke wieder.
„Warte hier.“ sagt er und geht die Treppe hoch.
Eigentlich der richtige Augenblick fĂŒr einen coolen Spruch der Marke: „Ich geh noch mal ‚ne Runde um den Block.“
Aber ich fĂŒhle mich kraftlos und leer, und lasse es lieber bleiben.
Was danach alles passiert, nehme ich nur noch durch einen Schleier aus MĂŒdigkeit wahr; die Autofahrt im Regen, der Aufzug, die Praxis, die Spritze. Ich lege mich hin, schließe die Augen und schlafe ein.

X.

Ich wache mal wieder auf. Diesmal fĂŒhle ich mich nicht ganz so beschissen wie beim letzten mal. Ich stehe auf und versuche vorsichtig mein Bein zu belasten. Es tut zwar weh, aber es geht. Eine hĂ€ssliche, violett gefĂ€rbte Wunde, an dessen Ende zwei FĂ€den, wie die FĂŒhler eines Insekten, ragen, ziert nun mein Oberschenkel.
Ich ziehe die Hose an, die Matthew mir da gelassen hat, trinke einen Schluck Wasser und verlasse die Praxis. Den SchlĂŒssel werfe ich in den Briefkasten. Es hat aufgehört zu regnen und nur vereinzelt sind noch Wolken am blauen Himmel zu sehen. Ich blicke auf die Uhr und stelle entsetzt fest, dass es schon zwei Uhr Nachmittags ist. Ich habe verdammt lange gepennt, aber ich hatte es auch nötig. Ich besorge mir einen Hot-Dog um meinen Hunger zu stillen. WĂ€hrend ich das Ding in meinen Mund stopfe, denke ich ĂŒber meine nĂ€chsten Schritte nach. Als erstes werde ich versuchen Paul zu finden, um zu sehen ob es ihm gut geht. Dann werde ich mal Santiago einen Besuch abstatten; ich möchte rausfinden, was der Scheiß von gestern sollte. Ich muss mir jetzt erst einmal einen fahrbaren Untersatz besorgen. Da ich kaum noch Kohle in der Tasche habe, bleibt mir nichts anderes ĂŒbrig als eine Karre zu klauen. Ich suche mir einen alten Chrysler aus, der in einer dunklen Seitenstrasse steht. Zu meinen besten Zeiten habe ich kaum eine Minute gebraucht um einen Wagen zu knacken. Diesmal dauert es ein wenig lĂ€nger aber es klappt. Die Karre springt an und ich mache mich vom Acker. Ich schalte das Radio ein und wĂ€hrend Elvis rockt, was das Zeug hĂ€lt, genieße ich den erfrischenden Fahrtwind der mir ins Gesicht blĂ€st. Ich fahre ĂŒber den Lincolnzubringer in Richtung Eastside. Ich vermute das Paul bei seiner Mutter ist. Dort verkrischt er sich normalerweise, wenn die Kacke am dampfen ist. Seit dem Tod Ihres zweiten Mannes, Pauls Stiefvater, der beim Versuch eine Sattelitenantenne auf dem Dach des Hauses zu befestigen, stĂŒrzte und starb, und dem unglĂŒcklichen Ableben von Sam, war Paul ihr ein und alles.
Als ich vor dem abgewrackten Haus stehen bleibe, kommen alte Erinnerungen hoch. Caruso, damals Santiagos engster Vertauter, hatte mich mit Sam und Paul bekannt gemacht. Sie wuschen gerade ihren alten Chevy als wir ankamen. Man merkte sofort, dass die beiden Geschwister waren; obwohl Paul ganze zwei Köpfe grĂ¶ĂŸer war als sein Ă€lterer Bruder, konnte man es an ihren Augen und dem kantigen Kinn erkennen. Sie machten sofort einen netten Eindruck auf mich, und es dauerte nicht lange bis wir Freunde wurden.
Wir fĂŒhrten ein paar Jobs fĂŒr Santiago durch, wobei sich schnell rausstellte, dass wir ein gutes Team waren. Ich habe den beiden mehr vertrau, als ich meinen Eltern vertrauen wĂŒrde und sie haben mich nie enttĂ€uscht. Es ist verdammt schwierig gute Freunde zu finden und verdammt beschissen, einen von ihnen zu verlieren.
Als ich mich dem Haus nÀhere, sehe ich Pauls Mutter die Veranda fegen.
Ich schlendere so cool wie möglich auf sie zu, wohlwissend, dass gleich ein krÀftiges Gewitter losbrechen wird.
Sie sieht mich und ihre Augen werden zu strengen Schlitzen.
Sie holt Luft und faucht mich giftig an.
„Was willst du hier, du Schweinepriester?“
Ich lÀchele krampfhaft und versuche ruhig zu bleiben.
“Ich muss mit Paul sprechen.“, sage ich nĂŒchtern.
„Du hast schon Sam auf dem Gewissen ! Reicht dir das nicht?“
Aua, das tut weh.
Sie holt wieder aus und schreit mit bebender Stimme, ich solle mich gefÀlligst verpissen.
Am liebsten wĂŒrde ich jetzt auch losbrĂŒllen, aber zum GlĂŒck gerade Pauls Gesicht im TĂŒrrahmen auf. Er legt seine gewaltigen HĂ€nde sanft auf den RĂŒcken seiner Mutter, beruhigt sie und bringt sie in die KĂŒche. Ich bleibe im Flur stehen und warte. Als Paul wieder auftaucht, lĂ€chelt er.
„Alles klar bei dir?“ fragt er grinsend.
„Das gleiche wollte ich dich auch gerade fragen!“
„Es tut mir leid mir leid wegen Mutter...“ fĂ€ngt Paul an.
Ich winke mit der Hand ab und die Sache ist gegessen.
Er macht mir Zeichen, ihm ins Wohnzimmer zu folgen.
Wir flĂ€zen uns hin, und ich erzĂ€hle ihm, was mir seit dem Überfall passiert ist.
Als ich fertig bin, schaut er mich leicht betrĂŒbt an.
Ich lÀchele und versichere ihm, dass ich nicht sauer bin, dass er sich verpisst hat.
„Ich habe versucht dich auf dein Handy anzurufen, aber du hattest es wohl nicht dabei.“
Ich nicke zustimmend.
„Was hast du jetzt vor?“ fragt Paul mich.
Ich schaue ein Augenblick lang zu Decke hoch und denke nach.
“Erst werde ich Santiago fragen, was er mit der Sache zu tun hat und dann mal schauen, dass ich in meine Wohnung komme, ein paar Sachen rausholen:“
“Die Bullen waren da. Die haben die Wohnung abgesperrt, aber Nachts wirst du wohl reinkommen.“ er mach eine kurze Pause, zieht an seiner Kippe.
“Soll ich dich begleiten. Ich meine zu Santiago. Vielleicht kannst du Hilfe gebrauchen?“
Ich schĂŒttele den Kopf.
„Ne, ist schon in Ordnung. Mit Santiago werde ich sicherlich besser fertig, als mit deiner Mutter.“ sage ich und zwinkere ihm zu.
Er antwortet schmunzelnd „Das denke ich mir.“, dann wieder mit ernster Miene,
„Kann ich sonst irgendetwas fĂŒr dich tun? Brauchst du ‚ne Karre?“.
„Ein Auto habe ich! Was ich brĂ€uchte wĂ€re ’ne Knarre und ein bisschen Kleingeld!“
„Sollst du bekommen.“ sagt Paul, steht auf und verschwindet kurz.
Ich zĂŒnde mir eine Zigarette an und atme den Rauch tief ein.
Paul erscheint im TĂŒrrahmen und schmeißt mir ’ne TĂŒte auf dem Schoß.
Ich checke den Inhalt : eine 45er und ein paar Scheine.
„Du hast was gut bei mir!“ bemerke ich und mache mich auf.
Ich klopfe Paul freundschaftlich auf die Schulter.
„Pass auf dich auf, Alter!“ sagt er.
„Klar doch, ich bin die Vorsicht in Person!“
Er begleitet mich zur TĂŒr. Erneute Umarmung.
Ich zwinkere noch kurz seiner Mutter zu, die mich grimmig anstarrt, als wollte sie mich auffressen und steige in den Chrysler. Zuerst muss ich aber die Karre loswerden.

X.

Der Baron hatte den Ruf des Priesters gehört. Er zog an seiner Zigarre und genoss es den Rauch in seinen Lungen zu spĂŒren. Er saß im Schneidersitz auf einer Gruft aus Marmor und beobachtete den Tanz der Irrlichter, die in der feuchtwarmen Luft des Friedhofs ihre Choreographie auffĂŒhrten. Einige Minuten spĂ€ter blies er den Rauch in den Sternenlosen Himmel, um dann erneut an seiner Zigarre zu ziehen, doch diese war zwischenzeitlich ausgegangen. Er blickte vorwurfsvoll auf den Tabakstumpen in seiner Hand, sprang plötzlich in einer blitzschnellen, fließenden Bewegung auf, stob nach vorne und griff nach einem der Irrlichter. Ein boshaftes Grinsen zeichnete sich auf seiner schwarzen Visage wieder und auch der Totenkopf, der auf seinem Gesicht gemalt war, schien zu lĂ€cheln. Nachdem er die Zigarre wieder in den Mund gesteckt hatte, fĂŒhrte er sie in seine geschlossen Hand. Ein leises Knistern, dann hauchte der Baron mit einigen tiefen ZĂŒgen wieder Leben in die Zigarre. Langsam öffnete er die Hand und das Irrlicht flog leicht schwankend davon.
Der Baron griff nach einem abgetragenem Zylinder, der noch auf der Gruft lag, und setzte ihn sich auf.
Er freute sich darauf, endlich mal wieder am Leben der Menschen teilnehmen zu können, auch wenn es vorerst durch die Augen eines Sterblichen sein wĂŒrde. Doch wenn alles so lief, wie der Priester ihm versprochen hatte, wĂŒrde er bald seine Maske zurĂŒckbekommen und dafĂŒr sorgen können, dass seine Macht wieder stieg. NatĂŒrlich wĂŒrde er auch die Gelegenheit nutzen ein wenig zu feiern. Zu selten war er in den letzten Jahren dazu gekommen in menschlicher, vor allem in weiblicher, Gesellschaft, zu trinken. Menschen konnten so dekadent sein. Das gefiel dem Baron an ihnen, wie die Tatsache, dass sie sterben konnten.

X.

Als ich den Club betrete, spĂŒre ich die Blicke an mir haften, wie MĂŒcken in einem Spinnenetz. Ich weiß, dass die HĂ€lfte der Jungs, die mich gerade ausgiebig mustern, nur auf einen Grund warten mich abzuknallen. Aber so leicht mach ich es euch nicht, Jungs!
Die Luft ist schlecht und durchschwÀngert vom Gestank kalten Rauchs.
Ich gehe auf die massige Silhouette Santiagos zu, der in einer dunklen Ecke des Lokals sitzt. Langsam weicht der Schatten aus seine Gesicht und ich sehe, dass er lÀchelt.
In seinem Mundwinkel hÀngt der alte Stummel einer Zigarre, der aussieht, als hÀtte Churchill daran schon genuckelt.
Ich setze mich hin und schau ihm in die Augen.
„Ich wĂŒrde dir gerne sagen, dass du gut aussiehst, Frank, aber das wĂ€re ein LĂŒge und du weißt was ich vom lĂŒgen halte.„
Ich denke mir meinen Teil und so kĂŒhl wie es nur geht spreche ich ihn auf die gestrigen Ereignisse an.
„Ich will wissen, warum und von wem meine Wohnung in Schutt und Asche gelegt
worden ist!“
„Vergiss den Vorfall. Das waren nur ein paar Nigger, die etwas zurĂŒck haben wollen, was ihnen nicht mehr gehört.“
Er holt ein Streichholz hervor, das er an dem Tisch anzĂŒndet und seinem Stummel wieder Leben einhaucht.
„Die hatten es nicht auf dich abgesehen. Sie waren hinter Korgan und Bricks her.“ sagt er und zieht krĂ€ftig an seiner Zigarre.
WĂ€hrend er den Rauch zwischen uns pustet, holt er erneut aus.
„Aber keine Angst, die werden mit dem Problem schon fertig.“ sagt er und lĂ€chelt, da er weiß, dass mir die BrĂŒder Mahoney ziemlich egal sind.
Zumindest scheinen sie ja noch zu leben, schade.
Auf einmal fĂŒhle ich mich mĂŒde.
„Irgendjemand hat mich festgehalten und irgend ein Scheiß in die Blutbahn gepumpt. Ich denke es war eine Art Wahrheitsserum. Ich dachte nur du solltest, darĂŒber Bescheid wissen.“ sage ich wĂ€hrend ich Anstalten mache aufzustehen.
Plötzlich wird mir schwindelig und es wird mir schwarz vor Augen.
Ich bin in einem dunklen Schleier aus Ohnmacht gefangen und merke, wie mein Körper sich selbstÀndig bewegt und ich höre meine Stimme, obwohl ich nicht spreche.
„Alles klar mit dir, Maddox?“ fragt Santiago.
„Besser könnte es mir gar nicht gehen.“ höre ich mich sagen und dann „Santiago, du hast etwas, das uns gehört.“.
Ich habe das GefĂŒhl ĂŒber mir selber zu schweben und sehe den ĂŒberraschten Gesichtsausdruck Santiagos.
„Du hast uns etwas weggenommen und dafĂŒr wirst du Sterben!“
Ich stehe auf und ziehe meine Knarre.
Ich frage mich was diese verfickte Scheiße soll und wĂŒrde am liebsten weglaufen, aber ich bin nicht mehr Herr meines eigenen Körpers und zum Zuschauen verdammt.
Als ich an meinen Arm herunterschaue, sehe ich schwarze, verschrumpelte Haut;
meine HÀnde, alt und vertrocknet und die FingernÀgel, lang und scharf wie Rasiermesser.
Ich trage ein abgenutzten schwarzen Anzug und meine FĂŒĂŸe sind nackt.
Was soll die Scheiße?
WĂ€hrend ich mir zusehe, wie ich Santiagos Gorillas, einen nach dem anderen ĂŒber den Haufen schieße, bekomme ich es langsam mit der Angst zu tun.
„Ich will die Maske zurĂŒck!“ schreie ich, mit einem giftige Tonfall in der Stimme.
Plötzlich habe ich das GefĂŒhl zu fallen.
Alles wird dunkel um mich herum und die GerĂ€uschkulisse der Schiesserei entfernt sich immer mehr, bis nur eine angenehme Stille ĂŒbrig bleibt.
Es vergeht eine Ewigkeit und plötzlich befinde ich mich wieder in einem Sumpf.
Doch diesmal, keine Musik, kein Tanz, nur ein alter Mann, der am Feuer sitzt und nachzudenken scheint.
Als ich mich nÀhere, hebt er sein faltiges Gesicht.
Er lĂ€chelt und erst jetzt, sehe ich, dass in der Dunkelheit hinter ihm jemand steht, nein, vielmehr schwebt. Eine dĂŒrre Gestalt, in einem schwarzen, altmodischen Frack gekleidet und einem Zylinder auf dem Kopf. Auf dem Gesicht der Erscheinung ist ein Totenkopf gemalt.
Seltsamerweise verspĂŒre ich keine Angst, vielmehr durchströmt eine drogenĂ€hnliche Euphorie meinen Geist.
Der alte Mann greift in eine Ledertasche, die an seiner HĂŒfte baumelt, und holt eine Strohpuppe hervor. Mit monotoner Stimme beginnt er zu singen. Er legt die Puppe vor sich hin und wirft eine Handvoll weißes Pulver ins Feuer.
Nach der Korpulenz der Puppe zu beurteilen, soll es sich dabei wohl um Santiago handeln.
Der Alte Mann greift erneut in seine Ledertasche und holt ein reich verziertes Messer heraus. Er setzt das Messer unter dem Kopf der Puppe an und fÀngt an sie bis zum Unterleib aufzuschneiden. Sein Gesang intensiviert sich und wird immer lauter.
Die Gestalt hinter ihm beginnt im Takt des Liedes zu wippen.
Mein Blick wendet sich wieder der Puppe zu und ich sehe, dass aus der aufgeschnittenen Stelle Insekte herauskriechen; Spinnen, TausendfĂŒssler, Maden und KĂ€fer, erst langsam, dann strömend, wie Wasser aus einem Bootsleck. Der dunkle Teppich aus Ungeziefer kommt auf mich zu aber ich kann mich nicht bewegen. Ich spĂŒre wie sie sich ihren Weg unter meinem Hosenbein bahnen und zielstrebig an meinem Bein herauf krabbeln. Es dauert nicht lange und ich bin bis zum Hals mit Insekten bedeckt. Was eben noch wie Euphorie schien, wird jetzt zu blanker Panik.
Ich stoße einen stummen Schrei aus und merke wie etwas in meinem Mund kriecht, dann in meine Nase, in meinen Ohren.
Ganz unvermittelt dann, erlange ich die Kontrolle ĂŒber meinen Körper wieder.
Ich wische mir mit hektischen Bewegungen die Insekten vom Leib und laufe los. Äste schlagen mir durch das Gesicht und ich fĂŒhle warmes Blut ĂŒber meine Wangen laufen. Ich verdrĂ€nge den Schmerz und laufe immer weiter durch das sumpfige Gebiet.
Die Luft pfeift durch meine Lungen und das Atmen fÀllt mir immer schwerer.
Mein Fuß verfĂ€ngt sich in einer Wurzel und mit rudernden Armen gehe ich zu Boden.
Mit den HĂ€nden voraus, lande ich in den feuchten Matsch, doch wider erwarten fĂŒhlt sich der Schlamm ungewöhnlich warm an. Ich öffne die Augen und sehe, dass ich in einer Blutlache liege. Ich hebe den Blick und ein Bild des Grauens baut sich vor mir auf.
Mein Atem stockt und ich habe mĂŒhe den Brechreiz zu unterdrĂŒcken.
„Verfluchte Scheiße !“ sage ich leise, wĂ€hrend mir langsam das Ausmaß der ganzen Situation klar wird. Vor mir liegt ein sĂ€uberlich, vom Halsansatz bis zum Bauchnabel, aufgeschlitzter Santiago, der mich mit leeren Augen gen Decke starrt.
Aus der Schnittwunde quellen saftige GedĂ€rme und Innereien, eingelegt in einer rotbraunen Soße. Ich schaue mich um und brauche einige Sekunden um zu begreifen, dass ich in Santiagos Haus bin, besser gesagt, in seinen heiligen AusstellungsrĂ€umen, in dem die fette Sau, seine Sammlung aus KunstgegenstĂ€nden aufbewahrt.
Ich raffe mich auf und mein Blick fĂ€llt auf eine zertrĂŒmmerte Glasvitrine, unweit von Santiagos massigen Überresten. Vorsichtig nĂ€here mich und stoße mit dem Fuß gegen ein Messer. Es ist das Messer, mit dem der alte Mann, die Puppe aufgeschnitten hatte.
Ein kalter Schauer fÀhrt mir durch die WirbelsÀule.
Ich lasse das Messer liegen und gehe zur Vitrine.
Sie ist leer aber auf dem Holzrahmen klebt ein kupfernes Schild.
„Totenkopfmaske aus Lihue, Hawai (Baron Samedi)“
Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf, bis mir schwindelig wird.
Was ist los mit mir?
Werd’ ich wahnsinnig?
Bin ich es vielleicht schon?
Auf jeden Fall wird’s Zeit sich hier zu verpissen.
Ich nehme die Beine in die Hand, eile in den Flur und hetze die Treppe hinunter in die pompöse Eingangshalle von Santiagos Villa. Dort liegen zwei von seinen MĂ€nnern. Einem von beiden fehlt die linke GesichthĂ€lfte und das Auge hĂ€ngt, nur noch vom Sehnerv gehalten, auf dem blanken Wangenknochen. Der andere liegt glĂŒcklicherweise auf den Bauch. Die EingangstĂŒr ist auf und ich riskiere einen Blick nach draußen. Alles ruhig. Ich schlĂŒpfe durch die TĂŒr und laufe hinkend den kiesbesetzten Weg entlang, bis zum großen, gusseisernen Eingangstor des Anwesens. Der blutrot gefĂ€rbte Himmel verrĂ€t mir, dass die Sonne Bald untergehen wird. Ich muss mir jetzt erst mal einen Unterschlupf suchen und nachdenken.

X.

Wer immer auf die Idee gekommen ist dieses beschissene Drecksloch „Hotel Royal“ zu nennen, muss entweder Blind oder besonders Zynisch gewesen sein. Das Einzige was an dieser Absteige das Attribut „königlich“ verdient, sind die Kakerlaken und vielleicht noch der giftgrĂŒne Schimmelfleck an der Decke, bei dem ich den Eindruck nicht loswerde, dass er jede Stunde grĂ¶ĂŸer wird. Ich sollte vielleicht lieber nicht mehr einschlafen, sonst wache ich noch auf und bin mit einer weichen, pelzigen Haut aus Schimmelpilz ĂŒberzogen. Ich genehmige mir noch einen Schluck aus der Whisky Flasche und genieße den Rausch, der hilft zu vergessen. Zwei Tage sitz ich nun schon in diesem Drecksloch. Zwei Tage in denen ich immer wieder mein Gesicht in der Glotze sehen musste. Das Gesicht eines gesuchten Mörders. Gesucht fĂŒr den Mord an den geschĂ€tzten, wohlhabenden KunsthĂ€ndler Humberto JosĂ© Santiago. Ein Menschenfreund, der sich durch groszĂŒgige Spenden immer wieder fĂŒr die BedĂŒrftigen eingesetzt hat. Ein Menschenfreund, das ich nicht lache. Ich setz die Pulle wieder an. Der Whisky fließt die Speiseröhre hinunter und verbreitet seine wohlige WĂ€rme, wĂ€hrend die Gedanken betĂ€ubt werden. Alles nur wegen diesem verfickten Messer, auf dem die Bullen meine FingerabdrĂŒcke gefunden haben. Je mehr ich mir darĂŒber den Kopf zerbreche, umso weniger verstehe ich die ganze Sache. Alles spricht dafĂŒr, dass ich Santiago aufgeschlitzt habe, aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Die Schiesserei im Klub habe ich noch vor Augen. Das GefĂŒhl kontrolliert zu werden, als wĂ€re mein Geist von irgendetwas zurĂŒck gedrĂ€ngt worden, die eigenartigen TrĂ€ume, die mich seit der Geschichte in meiner Wohnung heimsuchen. Irgendwas geht mit mir ab. Irgendetwas Krankes und ich habe keinen Schimmer, was das ist. Ich habe das GefĂŒhl, ich werde verrĂŒckt. Ich hasse es die Kontrolle zu verlieren. WĂ€hrend im Fernsehen eine scharfe Blondine in einem engsitzenden Sportbody, ein futuristisches FitnessgerĂ€t anpreist und dabei immer wieder den Hintern ausstreckt, als bettle sie darum, in der HĂŒndchenstellung gevögelt zu werden, rolle ich mich aus dem Bett, um eine Stange Wasser zulassen. Auf dem Weg zum Klo, werfe ich einen Blick durch das schmutzige Fenster, wo ich direkt auf die Leuchtreklame eines Sex-Shops schaue. Es ist eine stĂŒrmische, verregnete Nacht, dĂŒster und kalt. Der plĂ€tschernde Regen verstĂ€rkt meinen Harndrang und ich gebe ihm nach. Ich stĂŒtze mich mit einer Hand an der Wand ab und als der Pissestrahl sich in und um die KloschĂŒssel herum ergießt, seufze ich erleichtert. WĂ€hrend ich meinen LĂŒmmel ausschĂŒttle, klopft es plötzlich an meiner ZimmertĂŒr. Meine Bewegung stockt. Mein erster Gedanke: Scheiße die Bullen! Ich packe meine Nudel wieder ein und gehe so leise wie möglich aus dem Bad. Wieder klopft es. Ich schleiche zum Nachttisch und greife nach meiner Knarre. Der Alkohol mach meine Bewegungen unsicher und ich verfluche mich dafĂŒr, dass ich eine halbe Flasche Johnny Walker in mir reingeschĂŒttet habe. Wer kann das sein?
„Mr. Maddox?”
Eine weibliche Stimme. Jung und irgendwie schĂŒchtern.
Ich stutze. Es klopft wieder.
„Mr. Maddox, sind sie da?“
Klopfen gehört eigentlich nicht zum Standardprogramm der Bullen.
„Wer sind sie?“ frage ich und versuche meine Stimme so kĂŒhl wirken zu lassen wie möglich.
„Mein Name ist Marie Lafache. Ich möchte Ihnen helfen.“
Lafache. Lafache. Der Name sagt mir nichts.
„Gehen sie ein Schritt von der TĂŒr weg.“
Ich öffne die TĂŒr und mit der Waffe im Anschlag, werfe ich einen Blick nach draußen. Im dĂ€mmrigen Licht des Flurs erkenne ich eine junge Frau. Sonst ist keiner im Gang. Mit einem Nicken gebe ich ihr zu verstehen, dass sie in das Zimmer kommen soll. Erst jetzt erkenne ich, dass es sich eigentlich mehr um ein MĂ€dchen, als um eine Frau handelt. Vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt. Sie hat eine kakaobraune Haut, schulterlanges, welliges, schwarzes Haar, dunkle Augen und hohe Wangenknochen, die ihrem Gesicht etwas geheimnisvolles verleihen. Alles in allem ein hĂŒbsches Ding. Sie trĂ€gt eine abgetragene Armeejacke, die vor Regenwasser trieft, und schaut mich mit nervösem Blick an.
„Wie willst du mir helfen?“ frage ich ein wenig herablassend.
„Ich weiß, was mit Ihnen los ist, was mit ihnen passiert ist.“, sagt sie und senkt ihren Blick auf meine Waffe.
„Zieh deine Jacke aus, du erkĂ€ltest dich noch.“, sage ich, lege meine Knarre auf den Nachttisch und setze mich auf die Bettkante. Sie legt ihre Jacke ab und enthĂŒllt einen sportlichen Körper. Unter einem neutralen, weißen T-Shirt erahne ich kleine, feste BrĂŒste und auch ihr knackiger Arsch ist auch nicht ohne. „Setz dich hin und erzĂ€hl mir, was du weißt.“
Sie nimmt auf einen Sessel platz und die Art wie sie sich bewegt, verrÀt mir, das sie angespannt ist.
„Was ich Ihnen erzĂ€hlen möchte, klingt vielleicht ein wenig verrĂŒckt. Haben sie schon mal was von Voodoo gehört?“
Ich nicke. „Schwarze Magie, hat irgendetwas mit Puppen und Nadeln zu tun.“
Sie lÀchelt zaghaft.
„Eigentlich ist Voodoo oder Vodoun eine Religion, die ihre Wurzeln zwar in West-Afrika hat, aber sich erst im 16ten Jahrhundert in ihrer heutigen Form entwickelt hat .“ Ihre Stimme verfestigt sich. „Damals wurden Sklaven aus vielen Teilen Afrikas dorthin verfrachtet, und aus den diversen Glaubensrichtungen, wie dem Islam, dem Katholizismus und dem Naturglauben einiger afrikanischen StĂ€mme, entstand der Voodoo. AnhĂ€nger des Voodoos glauben an ein Pantheon von verschiedenen Göttern oder Geistern, sogenannte Loas, die mehr oder weniger alle Aspekte des Lebens abdecken. So gibt es zum Beispiel Erzulie, die Loa der Schönheit und der Schöpfungskraft, oder Baron Cimetiere, der Loa des Todes.“ Sie greift nach ihrer Jacke und holt eine zerknirschte Packung Camel hervor. „Stört sie das, wenn ich rauche?“, fragt sie und ich schĂŒttle den Kopf.
Sie zĂŒndet sich ihre Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug und fĂ€hrt fort.
„Das mit der Magie, was sie vorhin erwĂ€hnten, ist auch ein Teil des Voodoos. Aber man sollte da unterscheiden. Es gibt gute Priester, die Houngans, das sind die MĂ€nner, Mambos heißen die Priesterinnen, die weiße Magie wirken, meistens handelt es sich dabei um Heilungszauber, oder Rituale, um sich das Wohlwollen einer Loa zu sichern. Bokors hingegen sind Priester, die dem dunklen Pfad des Voodoos folgen. Sie können Anderen schaden zufĂŒgen, und schrecken auch vor Menschenopfer nicht zurĂŒck. Das sind die Jungs mit den Puppen und den Nadeln. Sie verehren die Guede, dunkle Loas, wie Baron Cimetiere, Baron Samedi oder Madame Brigitte.“
Ich hebe die Hand, um sie zu unterbrechen.
“Ich weiß ja deine MĂ€rchenstunde zu schĂ€tzen, aber was hab’ ich damit zu tun?“, frage ich sie. Langsame lichtet sich der Alkoholnebel in meinen Gedanken und ich frage mich, wie dieses MĂ€dchen mich finden konnte.
„Eine weitere FĂ€higkeit dieser Priester ist die Aufrufung der Loas.“ fĂ€hrt sie fort, als hĂ€tte ich sie nicht unterbrochen, „Sie stellen ihnen ihren oder fremde Körper zur VerfĂŒgung, die von der Loa in Besitz genommen werden kann. DafĂŒr mĂŒssen diese“ sie macht mit ihren Fingern AnfĂŒhrungszeichen in die Luft „ KörpergefĂ€ĂŸe unter Droge gesetzt werden.“
Mein Blick wandert zu dem Einstich in meinem linken Arm.
„Ich weiß, das muss sich alles ein wenig seltsam in ihren Ohren anhören, aber wiir gehen davon aus, dass Baron Samedi von ihnen Besitz ergriffen hat, um...“
„Moment, Moment.“ unterbreche ich sie. „Was heißt wir?“
„Meine Großmutter und ich. Sie ist eine Mambo, eine weiße Magierin.“
Ich schließe die Augen und schĂŒttle den Kopf. Diese GefĂŒhl die Kontrolle zu verlieren, das Licht, die Spritze, meine Visionen, der Typ am Feuer, all das schwirrt in einem Höllentempo durch meinen Kopf.
Es dauert einige Sekunden, bis ich mich wieder fasse. Die Augen zu Schlitzen geformt, fixiere ich Marie, die meinen Blick verstÀndnisvoll erwiedert.
Ich weiß nicht warum, aber ich habe das GefĂŒhl, dass ich diesem MĂ€dchen trauen kann, und bisher hat mich mein GefĂŒhl nie enttĂ€uscht, außer bei Santiago.
„Dieser Name, Baron Samedi, stand auch auf einem Schild in Santiagos Haus. Irgendeines seiner KunstgegenstĂ€nde wurde wohl geklaut. Ich habe es zumindest nicht.“, sage ich.
Marie nickt wissend. „Es handelt sich dabei um Baron Samedis Totenmaske, darauf hat er es abgesehen. Mit dieser Maske könnte ein Bokor ein Ritual durchfĂŒhren, um den Baron auf unsere Welt holen. Das bedeutet nichts Gutes und deswegen bin ich hier.“
Ich schaue sie fragend an.
„Es gibt da etwas, dass sie wissen mĂŒssen. Hat sich eine Loa in einen Wirt eingenistet, kann sie immer wieder von ihm Besitz ergreifen. Ich möchte ihnen unsere Hilfe anbieten, um das zu verhindern, im Gegenzug möchte ich, dass sie mir helfen, die Maske zu finden und sie zu zerstören.“
„Darf ich eine Zigarette haben?“, frage ich sie.
Sie wirft mir die Packung herĂŒber, aus der ich die letzte Zigarette herauskrame.
Ich zĂŒnde sie an und schaue Marie an.
“Wie hast du mich gefunden?“, frage ich.
„Wie ich Ihnen bereits sagte, ist sie eine Mambo. Sie verfĂŒgt ĂŒber gewisse KrĂ€fte.“
„Gut, dass sie nicht bei der Polizei ist.“, sage ich und puste den Rauch gen Decke.
„Nenn mich Frank. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich siezt.“

X.

Der dunkle Himmel liegt tief und bedrohlich ĂŒber den Straßenschluchten von New York. Unaufhörlich trommelt der Regen gegen die Karosserie des alten VW KĂ€fers. Ich schaue mit leerem Blick durch die nasse Scheibe und versuche zu verstehen in was fĂŒr eine Scheiße ich da reingeschliddert bin. Voodoo, schwarze Magie, Besessenheit, ich komme mir vor wie in einem schlechten Horrorfilm.
Neben mir sitzt Marie, die konzentriert auf die Strasse starrt. Eine vereinzelter Tropfen Wasser lĂ€uft bedĂ€chtig von ihrem Haar herunter auf ihre Wange, wo es einen kleinen glĂ€nzenden Streifen auf ihrer Haut hinterlĂ€sst. Ist sie der Grund, warum ich bei diesem Hokus-Pokus Mist mitmache? Oder tue ich das weil sie mir eine ErklĂ€rung fĂŒr die Ereignisse der letzten Tage geliefert hat, eine ErklĂ€rung, die zwar unglaublich klingt, aber zumindest die Zweifel an meine geistige Gesundheit ein wenig beiseite schiebt. Vielleicht suche ich aber auch nur einen Grund den Jungs, die mir die Scheiße eingebrockt haben, mal richtig der Arsch aufzureißen. Ich war schon immer ein wenig rachsĂŒchtig. Ich rechne zwar nicht damit, dass die Bullen so schnell von mir ablassen werden, aber irgendwann wird schon Gras ĂŒber die Sache wachsen. Zur Not schlage ich mich bis Mexico durch, oder auf irgendeine einsame Scheißinsel.
Ein Blitz zerreißt die dichte Wolkendecke, kurz darauf folgt dröhnender Donner. Obwohl es Nacht ist und in Strömen regnet, ist das Leben in der Stadt noch lĂ€ngst nicht erloschen; verlangsamt ein wenig, aber immer noch pulsierend, unregelmĂ€ĂŸig pochend, wie ein altes, krankes Herz. Latino Nutten, die unter dem Vordach eines Drugstores Schutz vor dem sinnflutartigen Niederschlag suchen. Freier, aus ihren Wagen stierend, auf der Suche nach dem schnellen Fick oder einen Blow-Job. Junkies, zitternd vor KĂ€lte oder dem Entzug, betrunkene Penner. Wieder ein Blitz. Eine Wolkenformation, die aussieht wie das Gesicht eines Engels, wie einer dieser kindlichen, pausbĂ€ckigen Engel, die an Weihnachten Hochkonjunktur haben. Er schaut betrĂŒbt auf die graue Betoneinöde unter sich. Grollender Donner, wie ein wĂŒtender Aufschrei. Der Regen peitscht noch stĂ€rker gegen die Windschutzscheibe des kleinen deutschen Autos. „Beschissene Gegend hier.“, sage ich, mehr zu mir selbst, als fĂŒr andere gedacht. Maria lĂ€chelt und entblĂ¶ĂŸt eine Reihe tadelloser ZĂ€hne. „Och, man gewöhnt sich dran. TagsĂŒber ist es eigentlich ganz nett.“, sagt sie und lenkt den Wagen vorwĂ€rts in eine ParklĂŒcke rein.
Ich steige aus und folge Marie bis in einen mit Graffiti beschmierten Hauseingang. Sie kramt einen SchlĂŒssel aus ihrer Jackentasche hervor und öffnet die TĂŒr. Als wir den befliesten Flur betreten, weht mir der Duft von Kohl entgegen, vermischt mit dem Geruch von kaltem Zigarettenrauch. Wenig spĂ€ter steh ich in einer kleinen, aufgerĂ€umten KĂŒche und werde von Maries Großmutter gemustert. Sie ist klein und durch das Alter gebeugt, als hĂ€tte sie im laufe ihres Lebens, viele schwere Lasten zu tragen gehabt. Ihr Teint ist wesentlich dunkler als der von ihrer Enkelin und in ihrem faltigen, wettergegerbten Gesicht stecken zwei kleine schwarze, durchdringende Augen, die mich zu durchleuchten scheinen.
„Grand-MĂšre, das ist er“, sagt Marie. „Frank, das ist meine Großmutter Maman BĂątard.“
Ich begrĂŒĂŸe sie mit einem Nicken.
Die alte Frau schließt die Augen und schnĂŒffelt in der Luft.
„Oh, oui, je le sens le Baron, son odeur de tombeau, son odeur de la mort.“
Sie geht um mich herum und murmelt unverstÀndliches Zeug vor sich hin.
„Einen Kaffe, Frank?“, fragt Marie und zieht ihre tropfende Jacke aus.
„Ja, bitte“, antworte ich, wĂ€hrend ich die alte Schachtel beobachte, die einen Wedel aus bunten Federn aus ihren mit Blumen bemusterten Kittel zieht. Sie fuchtelt mit dem Ding vor meinen Gesicht rum und langsam frage ich mich, ob ich nicht besser im Hotel geblieben wĂ€re, um mich weiter zu betrinken, solange bis die Bullen mich gefunden hĂ€tten.
WĂ€hrend die Kaffeemaschine röchelt wie ein Asthmakranker Hund, entledige ich mich meiner nassen Lederjacke und nehme auf einem durchgesessenem Sofa platz. Das kleine Wohnzimmer ist eingerichtet wie ein völlig ĂŒberladener Esoterikladen. Überall stehen finster dreinblickende Holzfiguren mit Haaren aus Stroh, EinmachglĂ€ser in denen irgendetwas undefinierbares schwimmt und jede menge GrĂŒnzeug. Inmitten dieses Sammelsuriums aus okkultem Krimskrams mit Dschungelflair steht ein kleiner tragbarer Fernseher, als letzte Bastion der Moderne. Über dem Bildschirm flimmern Cartoonroboter, die sich fröhlich und ohne Ton auf die MĂŒtze hauen. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und frage mich, welche Kinder wohl um kurz nach zwölf noch Zeichentrickfilme gucken.
Marie setzt sich mit zwei qualmenden Kaffeetassen zu mir.
„Na, bist du nicht ein wenig zu alt fĂŒr so was?“, fragt sie.
Ich lÀchle, das erste Mal seit langem und schaue sie an.
Sie hat sich umgezogen und trÀgt jetzt eine weite Adidas Trainingshose und einen schlabberigen Wollpullover.
„Du hast echt Schneid, muss ich sagen. Immerhin bin ich ein gesuchter Mörder.“
„Na ja, eigentlich hast du ihn ja nicht wirklich getötet, ich meine irgendwie schon, aber irgendwie auch wieder nicht.“
Sie schlurft einen Schluck heißen Kaffee, verzieht das Gesicht und pustet in die Tasse.
„Hast du vorher schon jemanden getötet?“, fragt sie.
„Zweimal“, antworte ich. „Beides mal hatte ich aber keine andere Wahl. Entweder die oder ich.“
„Und wie fĂŒhlt sich das an?“
Ich genehmige mir einen Schluck Kaffee und verbrenne mir die Lippen.
„ErzĂ€hl mir was ĂŒber dich.“, sage ich und tue als hĂ€tte ich ihre Frage nicht gehört.
Marie zieht ihre Beine auf das Sofa, dann ihren Pullover ĂŒber die Knie.
Aus der KĂŒche dringt das Gemurmel von Maries Großmutter.
„Na ja, da gibt es nicht viel zu erzĂ€hlen. Mein Mutter ist gestorben als ich fĂŒnf war. Meinen Vater kenne ich nicht, er hat sich verpisst bevor ich geboren wurde. Aufgewachsen bin ich hier, in dieser gemĂŒtlichen Gegend, bei meiner Oma.“
Sie reißt die Plastikfolie einer neuen Camel Packung auf, hĂ€lt mir die Packung hin.
Ich schĂŒttle den Kopf und sie zĂŒndet sich eine an.

__________________
:nemo

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MDSpinoza
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Nette Geschichte, a pain in the ass to read, Dein VerhÀltnis zur Rechtschreibung ist, Àh, etwas distanziert, das macht die Lekture nicht gerade leicht...
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Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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nemo
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Naja, wie gesagt, die Geschichte ist bisher noch nicht korrigiert worden. Das mache ich (oder lasse es machen), wenn die Story soweit beendet ist.

gruss / nemo
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:nemo

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Vieillir
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Hi Nemo,

ich habe mich erstmal nur bis zu Seite 4 deiner Geschichte „durchkĂ€mpfen“ können. Aus ZeitgrĂŒnden, weil ich bereits in den ersten Abschnitten schon so einiges fand was mir an deiner Geschichte nicht gefiel.
Das mit der Rechtschreibung wurde ja bereits erwĂ€hnt, deshalb will ich die mal völlig außer Acht lassen. Daneben gibt es auch einige ganz seltsame SatzgefĂŒge, die ich ebenfalls nicht weiter kommentieren möchte. Du sagtest ja du willst die Geschichte spĂ€ter noch mal durchgehen.

Alles in allem fehlt mir in deinem Text die Konsequenz. Die Figuren wirken nicht immer ihrem Alter entsprechend und sind sehr klischeeĂŒberladen. Das muß nicht unbedingt negativ bewertet werden, allgemein sind solche Charaktere ja sehr beliebt. Meinen persönlichen Geschmack treffen diese Typen, in all ihrer Durchschaubarkeit ĂŒberhaupt nicht. Vor allem diese ununterbrochene FĂ€kalsprache ist mehr als abgedroschen, und langweilt deshalb mit jedem Satz mehr, weil man nach und nach die Hoffnung verliert irgendwann auch mal ein gescheites Wort zu hören. Und das ist eigentlich der Grund warum ich ein Buch lese. Der Einfallsreichtum des Autors.

Das alles ist aber, wie ich schon erwĂ€hnte auch eine Frage des Geschmacks. Ich mische mich ohnehin ungern in den Inhalt einer Geschichte ein und wenn sie dir so gefĂ€llt und du ein Publikum findest, denke ich schon dass es sich lohnen wĂŒrde weiter an der Story zu arbeiten. Etwas mehr Tiefe wĂŒrde ihr nicht schaden. Das muß nicht bedeuten, dass du aus deinen Charakteren Sensibelchen machst, aber du solltest eventuell mehr Geschichten erzĂ€hlen und weniger Szenen schildern. Gerade am Anfang eines Textes solltest du den Leser erstmal etwas einlullen ehe du ihn gleich in Endlosszenen schickst an denen er vollkommen unbeteiligt ist, weil er niemand kennt der dort agiert.

Der erste Abschnitt mit dem Raben war um ehrlich zu sein sehr langweilig, dabei hat er Potential. Aber du verlierst dich im schnöden Schildern des Geschehens. Besonders als der Lastwagen ins Spiel kommt. Dazu jetzt genaueres:

Auf der Spitze der Ägyptischen Skulptur saß ein Rabe von beeindruckender KörpergrĂ¶ĂŸe, der, so schien es, den Sonnenuntergang beobachtete. Es war ein altes Tier; sein mit Narben verziertes Gesicht zeugte von vielen KĂ€mpfen und sein Gefieder war matt und wies kahle Stellen auf.

Warum lÀsst du den Raben nicht einfach den Sonnenuntergang beobachten? Warum scheint es nur so? Verstehe ich nicht ganz.
Sich den Raben vorzustellen fĂ€llt etwas schwer. Besonders die kahlen Stellen. Hast du eine Ahnung wie dick so ein Rabengefieder ist und wie Feder um Feder aufeinander liegen? Kahle Stellen sind vielleicht dort möglich wo die Federn feiner und weicher sind. Eventuell an der Brust, am Hals oder am Kopf. Jede andere Stelle halte ich fĂŒr mehr als unwahrscheinlich. In diesem Punkt solltest du dich sicherheitshalber noch mal genau erkundigen. UnabhĂ€ngig davon ob es nun möglich ist oder nicht, halte ich dieses Bild weiterhin fĂŒr schwer vorstellbar. Ich kann mir einen Hund mit kahlen Stellen vorstellen, eine Katze usw
 Aber ein Rabe
 der könnte womöglich gar nicht mehr fliegen


Etwas weiter stĂŒrzt dieser dann wie ein Stein zu Boden
 Kann ich mir auch nicht vorstellen. Vielleicht mangelt es mir hier ja an Phantasie, keine Ahnung.

Dann folgt die Szene mit den MantelmÀnnern, die ihre Umgebung fast so mustern als hÀtte sie etwas zu verbergen.
Warum fast?
Dem folgt dann dieses lange hin und her in diesem Lagerhaus. Erst die vielen Blicke links und rechts. Die TĂŒr geht auf, rĂŒckwĂ€rts fĂ€hrt der Van rein. Die TĂŒr wird geöffnet. Kisten werden getragen, geöffnet, metallne BehĂ€lter, Gasgranaten, Maschinenpistolen. Es wird zĂŒgig beladen. Die TĂŒr wird schwungvoll von innen geschlossen. Dann wird sich wieder umgeschaut, dann eingestiegen und endlich fĂ€hrt der Transporter der eben noch ein Van und zu Anfang ein Lieferwagen war fort. (ich habs ja nicht so mit Autos aber unter einem Transporter stelle ich mir was anderes als unter einem Van vor. Vielleicht irre ich ja)
Wie dem auch sei. Das alles geschieht ohne auch nur ein einziges Bild zu bekommen. Ich weiß nicht was das fĂŒr eine Lagerhalle ist, wie es darin aussieht, was darin vor sich geht, wer darin vor sich geht
 warum niemand was sagt, nicht mal bestĂ€tigend nickt als er den Inhalt der Kisten sieht
 da passiert gar nichts und das gleich ganz am Anfang. Da war ich ehrlich gesagt schon ziemlich gelangweilt. Da gabs keine Spannung, da gabs nichts zu sehen


Der Vergleich mit dem Leichentuch wĂ€re vielleicht ganz nett gewesen, wenn es sich nicht gerade um New York gehandelt hĂ€tte und LeichentĂŒcher nicht weiß wĂ€ren.


„Ihr verfickten Penner, ihr geht jetzt alle auf den Boden sonst gibt’s Blut!“

Diesen Spruch finde ich absolut „blöde“. Was soll das heißen, sonst gibt’s Blut? Ich gebe zu darĂŒber mag man sich streiten können aber
 genauso gut könnte man ja sagen: Sonst gibt’s Eingeweide
 oder Sonst gibt’s Hirnsaft. Verstehst du was ich meine? Diese Drohung ergibt fĂŒr mich keinen Sinn da das Blut ja bereits da ist. Die Frage ist doch wo es landet, nicht ob es das gibt oder nicht.

Ich bin so’ne Art Ersatzbruder fĂŒr Ihn. Er ist noch zu Jung um alleine klar zu kommen und von mir kann er noch’n paar Tricks lernen.

Sorry aber Ersatzbruder? Das ist ja fast so schlimm wie der Vater den ich nie hatte. Nichts gegen eine solche Bindung aber lass den Leser doch lieber selbst zu diesem Schluss kommen, das wĂ€re nicht nur weniger klischeelastig, es wĂŒrde der Geschichte auch einen weiteren Reiz geben. Ich mag es nicht wenn mir jemand so was vorkaut.


„Ich hab‘ hier zweihundert MĂ€use die nach dir gefragt haben. Hast du was gutes
da?“ frage ich.


Das scheint mir etwas viel Geld fĂŒr Gras. Das wĂ€r ja fast ne EinkaufstĂŒte voll



„Selber, Sack ! “ zische ich und verpisse mich schleunigst.

Das ist ja drollig, wie alt war der Kerl? 32?

„He Paulie, deine Blubbi ist fertig, komm schon !!“ rufe ich in den Raum.
Paulie fĂŒttert gerade seine Ratte.


Blubbi
 nicht möglich!

„Verfickte Scheiße, wir haben jetzt drei Uhr morgens, ich bin dicht wie ein Otter und hab’nen Höllen Fresskick!“

Was ist ein Fresskick?

Ich kann gerade noch das Wort Arschloch an seinen Lippen ablesen, da fÀllt mein Blick schon auf das Telefonbuch.

Ich bin zwar kein Amerikakenner aber im Fernsehen rufen die immer die Vermittlung an ehe sie ein Telefonbuch suchen
 und wer so einen Hunger hat


„Bleib mal locker Paulie, da kannste noch was lernen!“ meckere ich zurĂŒck.

Meckere ich zurĂŒck
 und dann diese ganze Unterhaltung ĂŒber diesen Tierfilm. Anders umgesetzt wĂ€re sie vielleicht glaubhaft, so wirkt sie eher albern.

Sein arrogantes Grinsen bleibt, und ich wĂŒrde Ihm am liebsten die Eier wegtreten.

Wohin soll die Reise denn gehen?


"Paulie geh in Deckung!" schreie ich und setze mich in Bewegung.

Das sind mir zu viele Worte fĂŒr ein sonst so eingespieltes Gangsterteam. „Paulie Deckung!“, sollte ausreichen.

Wir stellen unseren Wagen immer in der nĂ€he der Feuertreppe ab, falls wir unerwĂŒnschten Besuch bekommen.

Die machen es ihren Feinden leicht, kein sehr narrensicherer Plan.

Ich packe es und ziehe es schreiend aus meinem Bein.

Das macht er jetzt aber nicht wirklich? Gerade im Oberschenkel
 Ich weiß ja nicht wie es weitergeht, aber das ist schon ein arg leichtsinniges Verhalten von jemandem der scheinbar noch nicht vor hat zu sterben.


So weit, so gut. Nimm mir meinen „Verriss“ nicht ĂŒbel. Es wird alles weniger heiß gegessen als es gekocht wird.
Wie gesagt, wenn dir die Story gefĂ€llt, lohnt sich eine Überarbeitung. Da lĂ€sst sich sicher was draus machen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Vieillir

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