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Leselupe.de > Kurzgeschichten
London after Midnight
Eingestellt am 15. 10. 2000 19:34


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paradise_lost
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Ramon hatte den Marquee Club nicht wie all seine Freunde gleich nach der letzten Zugabe verlassen, sondern hatte sich statt dessen noch auf einen Wodka Lemon an die Theke gesetzt. Schnell war aus dem einen ein ein zweiter und dann sogar noch ein dritter geworden. Seine Phantasie hatte in seinem Kopf aus den hypnotischen Kl├Ąngen einen Bilderteppich gewebt, Bilder voll bizarrer Sch├Ânheit, die sich nun vor seinem inneren Auge zu einem berauschenden, exstatischen Film zusammenf├╝gten. Die melancholischen Melodien hatten etwas in ihm in Bewegung gesetzt, waren bis in den tiefsten Winkel seiner Seele vorgedrungen. Sie waren der Schl├╝ssel zu Gef├╝hlen, die durch Entt├Ąuschungen und Trauer f├╝r immer verschlossen schienen,. von deren Existenz er noch nicht einmal mehr etwas geahnt hatte. All dies projezierte er auf die Leinwand seiner Selbst.

Es war kurz nach Mitternacht , die Stra├čen menschenleer, als er den Club endlich verliess. Kaum draussen h├Ârte er direkt hinter sich das schwere Eisengitter einrasten, er war allein in der Dunkelheit. In der Gegend hier gab es l├Ąngst schon keine funktionierende ├Âffentliche Telefonzelle mehr um sich ein Taxi zu rufen welches ihn h├Ątte nach Hause bringen k├Ânnen. Am Liebsten h├Ątte er sich selbst in den Allerwertesten getreten, weil er den Barkeeper nicht gebeten hatte, eines f├╝r ihn zu organisieren. Ihm fiel die U - Bahnstation am anderen Ende des Viertels ein.Der Gedanke den ganzen Weg durch die dunklen Strassen zu Fu├č zur├╝ckzulegen, machte ihm Angst, doch ihm war klar, je l├Ąnger er hier wartete, um so gr├Â├čer war das Risiko, mit einer herumstreunenden Nachtgestalt aneinanderzugeraten und darauf konnte er in seinem Zustand allemal verzichten. Er sprach ein stummes Gebet, zog den Kragen seiner Jacke bis tief unters Kinn und machte sich zu Fu├č auf den Weg.

W├Ąhrend er durch die kaum beleuchteten Stra├čen eilte, versuchte er sich ├╝ber die Angst klar zu werden, die ihn gepackt hatte und nicht mehr loslie├č. Eigentlich war er gar nicht der Typ der es so schnell mit der Angst zu tun bekam. Sein fester Glaube an die Existenz h├Âherer M├Ąchte und die Erfahrungen die ihm in dieser Beziehung zu teil geworden waren, hatten ihn immer vor panischen Reaktionen bewahrt. Aber irgend etwas war heute anders. Er beschleunigte seine Schritte, denn er konnte sich des unheimlichen Gef├╝hls nicht erwehren, als h├Ątte sich ein unsichtbares Netz der Gefahr um ihn herum zusammengezogen. Irgenwie glaubte er, wenn er schneller ginge , k├Ânnte er dem Netz entgehen, ehe es auf ihn herabfiel. Er warf einen Blick hoch zum Himmel, und sein Herz blieb stehen, als er bemerkte, da├č der Nachthimmel an dem noch vor wenigen Minuten millionen heller Sterne gefunkelt hatten pechschwarz geworden war. Er sch├╝ttelte den Kopf , ├╝berlegte, ob er dabei war seinen Verstand zu verlieren.

Er bog um eine Ecke und im selben Augenblick in dem er die vor ihm liegende Stra├če betreten hatte, zerplatzte ├╝ber ihm die Stra├čenbeleuchtung. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin, barsten um ihn herum alle Laternen , eine nach der anderen , und ein klirrender Glasregen ergoss sich ├╝ber den Asphalt. Die Stra├če war nun genauso d├╝ster wie der Himmel hoch ├╝ber ihm. Hilflos sah er sich um, konnte jedoch nichts weiter entdecken, als ein paar kleiner stechender Augen, die ihn aus einem sicheren Versteck heraus beobachteten, eine Katze, so vermutete er, die auf ihrem n├Ąchtlichen Streifzug gest├Ârt worden war. Mit vorsichtigen Schritten tastete er sich durch die Dunkelheit. Die Nacht war recht k├╝hl, doch irgendwie begann er zu schwitzen, sein Puls h├Ąmmerte in seinen Schl├Ąfen, da├č es ihn schmerzte und dann bemerkte er, da├č er verfolgt wurde.

Ramon h├Ârte leichte Schritte wie von einer Frau ├╝ber das zerbrochene Glas knirschen. Sie folgte ihm im Abstand von nur wenigen Metern, wenn er ging, ging auch sie, blieb er stehen, so blieb sie ebenfalls stehen.Beschleunigte er seine Schritte, so tat sie es ihm gleich, ging er langsamer, tat sie es ebenfalls. Nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, schien sie genug von diesem Spiel zu haben und begann aufzuholen. Ramon versp├╝rte den Drang einfach davonzulaufen, doch wagte er dies nicht, da er kaum etwas sah. Instinktiv wu├čte er da├č es sich um eine ganz besondere Begegnung handelte, die alles was er bisher erlebt hatte in den Schatten stellen w├╝rde, zu au├čergew├Âhnlich waren die Umst├Ąnde. In seinen Gedanken versuchte er sich die Frau vorzustellen, die sich ihm jetzt schnell n├Ąherte und dann stand sie direkt vor ihm.


Sie schien seiner Phantasie entsprungen zu sein. Sie war gro├č f├╝r eine Frau, vielleicht sogar etwas gr├Â├čer als er selbst. Langes blondes Haar umrahmte ein attraktives Gesicht mit einer frechen Nase und einem ungemein sinnlichen Mund. Das faszinierendste an ihr waren jedoch die beiden unterschiedlich farbenen Augen. Selbst in dieser fast vollst├Ąndigen Finsternis schien es ihm als w├╝rden kleine goldene F├╝nkchen darin tanzen. Er zwang sich zur Ruhe, unf├Ąhig den Blick von ihren Augen zu nehmen, und er sp├╝rte ein seltsames kribbeln in sich aufsteigen. Sie sprach kein Wort betrachtete ihn nur mit einem strahlenden L├Ącheln, und er sp├╝rte wie das Eis in seinem Innersten mit einem mal zu schmelzen begann, sp├╝rte wie sich wohlige W├Ąrme in seinem Herzen ausbreitete und ein lange vermisstes Gef├╝hl der Ruhe die Rastlosigkeit der vergangenen Jahre vertrieb. Das alles geschah in weniger als einem Augenblick, im n├Ąchsten trat sie auf ihn zu, legte ihm die Arme um den Nacken, ber├╝hrte sanft seine Lippen mit den Ihren und zog ihn mit sich in ein verwirrendes Gef├╝hl von Geborgenheit, Vertrautheit und wilder Begierde. Er f├╝hlte sich dem Wahnsinn nah, zugleich jedoch durchstr├Âmte ihn ein berauschendes Gl├╝cksgef├╝hl. ÔÇ×War dies alles nur ein Traum ?ÔÇť schoss es ihm durch den Kopf. Er f├╝hlte ein leichtes Fr├Âsteln und ein flaues Gef├╝hl das sich in seiner Magengegend austzbreiten begann. Sie l├Âste sich von ihm, hielt fest seine H├Ąnde, neigte leicht den Kopf und musterte ihn mit echter Zuneigung im Blick. Dann als h├Ątte sie seine Gedanken gelesen, begann sie mit ihm zu reden ÔÇ× Nein, was geschieht, geschieht wirklich, es passiert hier und jetzt. Ein Geschenk .....ÔÇť sie machte eine kurze Pause wie um ihren Worten den n├Âtigen Nachdruck zu verleihen, obwohl es dies ├╝berhaupt nicht bedurft h├Ątte. Jede Silbe, jeder Buchstabe, fand den richtigen Addressaten in ihm, l├Âste ihn aus seiner Erstarrung und hob ihn einer Feder gleich vom Boden und trug ihn dem Himmel entgegen. ÔÇ× Was daraus wird liegt an uns selbst, ob wir es zu sch├Ątzen wissen, behutsam damit umgehen. oder ob wir es betrachten und irgendwann nur achtlos in die Ecke werfen.ÔÇť Dann k├╝sste sie ihn wieder, verlieh ihren Worten mit der Sanftheit des Kusses Nachdruck, lie├č ihn sp├╝ren dass sie es ernst meinte. Er versank in ihr, ├Âffnete sich und lie├č sie ein, zeigte ihr all seine Verletzlichkeit, seine Tr├Ąume und den Hass auf sich selbst. Gleichzeitig drang er mit jeder Ber├╝hrung weiter in sie, erkundete ihre Zweifel, ihre ├ängste und ihre W├╝nsche. Indem sie einander entdeckten, sp├╝rten sie beide, obwohl sie es nicht verstanden, dass dies eine ganz besondere Begegnung war, deren Zustandekommen ihnen f├╝r immer unerkl├Ąrlich bleiben w├╝rde, doch dies spielte keine Rolle. Sie sp├╝rten,dass sie den Menschen getroffen hatten, der f├╝r sie vorbestimmt worden war und dass sie ihr Schicksal f├╝r eine Weile selbst es in der Hand hielten, fest entschlossen, es nicht mehr loszulassen.
Gemeinsam richteten sie ihren Blick gen Himmel, waren wie hypnotisiert von den glitzernden und blinkenden Sternen die nun wieder ganz ungew├Âhnlich und merkw├╝rdige zu ihnen herabfunkelten und blitzten. Sie lauschten voller Heiterkeit und Zufriedenheit in die Nacht hinaus, die nun ihre Schrecken f├╝r sie verloren hatte.

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