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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Londoner Schatten
Eingestellt am 02. 06. 2010 14:30


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drama
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2010

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Jeden Samstagnachmittag saß er dort.
An den regnerischen Tagen meisten etwas lÀnger als sonst. Er wÀhlte stetig den selben Platz und, falls dieser besetzt war, wartete er geduldig bis die GÀste sich erhoben.
Er war der Inbegriff von UnauffĂ€lligkeit, ein Phantom, ein Schatten, ein einsamer Mann. Trotz der geschĂ€tzten Anfang dreißig, hatte er leicht schĂŒtteres Haar und fĂŒhrte die Kaffetasse so bedacht an die Lippen, wie ein alter Herr.
Ebenfalls Teil seiner bestĂ€ndigen Tradition war das StĂŒck Mandelkuchen zum schwarzen Kaffe, das, so war es mir bekannt, das schlechteste der Stadt war. Nebenbei gesagt, an regnerischen Tagen konnten es auch mal zwei StĂŒcke werden.
Er fuhr sich hĂ€ufig mit der Zunge ĂŒber die trockenen Lippen, wĂ€hrend er emsig in sein kleines schwarzes Buch schrieb. Was er Tag fĂŒr Tag auf Papier brachte? Ich hatte mir schon oft Gedanken ĂŒber mögliche Themen gemacht, konnte jedoch nie zu einer engeren Auswahl, geschweige denn zu einem Schluss, gelangen.
Er lÀchelte nicht. Nicht ein einziges mal hatte ich ihn lÀcheln sehen. Manchmal, wenn auch selten, versuchte er sich aus Höflichkeit an derartigem, doch scheiterte fortwÀhrend klÀglich.
Schatten ist es wohl nicht vergönnt zu lÀcheln.

Es war ein nasskalter Samstagvormittag, als ich in Routine aus meiner Wohnung trat und mein Gesicht gen Himmel wand. Die Wolkendecke war so dicht, dass das Licht eine AbenddĂ€mmerung vermuten lies. Es nieselte kaum spĂŒrbar. Die Pflastersteine auf der Straße glĂ€nzten regennass und der Ausdruck jedes Passanten schien so grau und trĂŒbe wie das Wetter.
Ich zog den Schal etwas höher, steckte die HĂ€nde in die Manteltaschen und machte mich auf den Weg. Ich hatte es nicht weit zu der kleinen Buchhandlung, die ich fĂŒhrte, seit fĂŒnfzehn Jahren jetzt schon. Zeit rast. Ich konnte mich finanziell zwar nicht beklagen, doch reich wurde ich auch nicht. Zeit rast, nur ich stehe still.
Noch zwei Blocks mit schönen Londoner Altbauten in engen Gassen und ich war angekommen. Vergleichbares werde ich mir nie leisten können.
Ich warf einen Blick durch das Fenster des CafĂ©s neben meiner Buchhandlung. Es war gut gefĂŒllt. Er wĂŒrde wohl heute wieder warten mĂŒssen.
Das GeschĂ€ft lief heute nicht berauschend. Genau wie in den letzten Wochen. Ich vernahm nur selten die klischeehaften Glöckchen an der LadentĂŒr. Kunden kauften in grĂ¶ĂŸeren HĂ€usern, forderten Variation, AktualitĂ€t und Rabatte. Ich war des Konkurrierens mĂŒde geworden.
Stehe still und bin mĂŒde.
Klingelingeling. Die Glöckchen an der TĂŒr klangen und rissen mich aus den grauen Gedanken.

Er trat mit gesenktem Kopf ein und sah mich erst an, als er gedankenverloren zu mir rĂŒber geschlurft war. GrĂŒne Augen, voll von trĂ€umerischem Glanz. Das schĂŒttere Haar war feucht vom Nieselregen und sah jetzt noch spĂ€rlicher aus.
"Kann ich ihnen weiter helfen?"
Er ĂŒberlegte kurz und fuhr sich dabei zwei mal mit der Zungenspitze ĂŒber die Unterlippe.
"Ja... ich bin auf der Suche nach einem Buch ĂŒber den Tod."
Wieder die Unterlippe.
"HĂ€tten sie da was fĂŒr mich?"
Es fiel mir schwer meine Gedanken zu ordnen.
"Sicher. Haben sie irgendwelche Vorstellungen zu Genre?" Meine Stimme brach am Ende klÀglich ab.
"Eigentlich nicht, nein."
Ich suchte ihm wahllos ein paar BĂŒcher zusammen und stellte sie ihm vor. Er blĂ€tterte ein wenig in einem Sachbuch und einem Liebesroman, entschied sich dann aber doch dagegen und schlurfte wieder zur LadentĂŒr. Ich blickte ihm verwirrt nach. Im TĂŒrrahmen drehte er sich noch beilĂ€ufig um und fragte: "Wovon handelt ihr Lieblingsbuch?"
Ich ĂŒberlegte kurz. Stille, bis auf das Ticken der Uhr und das Fahren der Autos durch die PfĂŒtzen auf der Straße.
"Von Liebe, einer VerÀnderung, einem Geheimnis und... dem Tod."
Er seufzte kaum merklich. "Okay, ich danke ihnen. Auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen."
Klingelingeling.

Eine Stunde spĂ€ter ging ich in die Mittagspause und besuchte, wie ĂŒblich, das CafĂ© nebenan. Ob er wohl wieder dort saß? Er tat es. Ich hielt kurz inne, bevor ich zu seinem Stammplatz trat.
"Und wovon handelt ihr Lieblingsbuch?"
Er erschrak ein wenig und kleckerte Kaffee auf sein dunkelgrĂŒnes Kort-Jackett. Kurz bereute ich mein spontanes Handeln.
"Es... es handelt vom Leben. Genau wie ihres." Er versuchte sich an einem LĂ€cheln, nahm einen Bissen von seinem Mandelkuchen und wies auf den Stuhl neben sich.
"ErzÀhlen Sie doch bitte einem Autor ein wenig von Literatur."
Ich schmunzelte, nahm Platz und bestellte mir einen Kaffee.
"Ich weiß nur soviel, dass diese die Menschen zum trĂ€umen bringt. Eine Kunst die sie beherrschen, Herr...?"
"Watson, Peter Watson mein Name. Und die BuchhĂ€ndlerin heißt?"
"Eva Moore. Freut mich."
Ein HĂ€ndeschĂŒtteln folgte, bevor er fortfuhr.
"Ob ich diese Kunst beherrsche? Genau diese Frage beschÀftigt mich seit geraumer Zeit. Ich hatte ihn. Einen Erfolg. Ein Buch, das die Menschen geliebt haben. Eins. Nicht mehr. Ein Folgendes mag mir nicht gelingen. Ich schreibe, streiche durch, schaffe Welten, lösche sie wieder."
Er tat Zucker in den schwarzen Kaffee. Einen Löffel, zwei Löffel, drei Löffel, vier Löffel. Mir war nie aufgefallen, dass er so viel nahm.
"Eine Schreibblockade?"
"So etwas in der Art, ja."
Ich betrachtete seine perfekt manikĂŒrten FingernĂ€gel.
"Ich sehe Sie jeden Samstagnachmittag an diesem Tisch sitzen, mit Kaffee und Mandelkuchen, schreibend und trÀumend. Warum?"
"Weil..." Er biss sich auf die Unterlippe. "...weil ich nie ein besonders guter Autor war. Bis auf einen Samstagnachmittag vor drei Jahren, an dem ich mit Kaffe und einem ungenießbaren Mandelkuchen den ersten Satz zu meinem Bestseller schrieb. Ich verfasste das Buch in diesem CafĂ©, an diesem Tisch. Jeden Samstag. Ein zweites sollte folgen. NatĂŒrlich. Welchen Wert hat schon ein 'one hit wonder'? Doch..." Er brach ab.
Ich holte tief Luft. Die Fragen um den einsamen Mann schienen sich zu lichten, doch spĂŒrte ich, dass die Sachlage deutlich komplexer war, als das PhĂ€nomen mit dem Mandelkuchen.
Ich zĂŒndete mir eine Zigarette an und zog gedankenverloren daran.
Die grĂŒnen Augen beobachteten mich.
"Rauchen kann zum Tode fĂŒhren."
Ich schmunzelte ĂŒber die Anspielung auf die BĂŒcher. Seine Miene regte sich jedoch nicht. Vielleicht war es ihm noch nicht einmal vergönnt zu schmunzeln.
"Ein verzweifelter Autor also. Ich kenne sonst nur verzweifelte Leser. Ich bin siebenundvierzig und weniger vom Leben entmutigt. Darf ich fragen, wie alt sie sind?"
"Ich lebe seit 29 Jahren ein wenig erfreuliches Leben, bis auf diesen einen beruflichen Erfolg. Doch entspricht bei mir beruflich auch privat, da das, was ich bin, mit nicht vielem anderem auszuzeichnen ist. Ergo, das Schreiben ist ich. Ist ihnen mein Standpunkt nun ein wenig verstÀndlicher?"
Sein Gesichtsausdruck war traurig - traurig und trÀumerisch zugleich.
"Ja, das ist er. Ohne Zweifel."
Ich hatte meine Zigarette gÀnzlich vergessen und die Asche fiel auf den Tisch.
"Und wenn ich Ihnen, Frau Moore, jetzt noch anvertraue, dass mir nicht mehr allzu viel Zeit bleibt, um aus dem, was ich bin, mehr, als ein 'one hit wonder', zu machen, wĂŒrden die auch dies verstehen?"
"Ich verstehe."
Ich verstand und mein VerstĂ€ndnis, mein MitgefĂŒhl, lĂ€hmte mir Glieder und Denken. Ein Mann, ein Schatten, der seit drei Jahren jeden Samstag Kuchen isst, der ihm nicht schmeckt, nur um seinen verzweifelten BemĂŒhungen einen Durchbruch zu verleihen, bevor er vom Tod eingeholt wird, hatte meinen Respekt. Egal, wie sehr seine Welt aus den Fugen geraten war.
Ich drĂŒckte meine Zigarette aus.
Draußen hatte es letztendlich doch angefangen richtig zu regnen und dicke Tropfen prasselten gegen die Fensterscheibe, perlten an ihr herab.
"Was fehlt Ihnen?"
"Krebs. Ein Tumor im Darm. Aussichtslos. Die Blockade macht mir jedoch mehr zu schaffen. Ist das zu glauben?!"
Er sah mir plötzlich tief in die Augen und berĂŒhrte meinen Arm - ganz leicht.
Ein Schauer durchging mich.
"Bitte, Frau Moore, versprechen Sie mir, in ihrem Leben niemals alles auf eine Karte zu setzten."
Zaghaft legte ich meine Hand auf seine.
"Ich verspreche es." Meine Stimme bebte.

Mit diesen Worten begann eine Art samstÀgliche Freundschaft.
Er erzÀhlte. Ausschweifend, nahe legend und gern.
Er lies mich in Welten eintauchen oder Erkenntnisse gewinnen, indem ich einfach nur da saß, vor meinem Kaffee, und zuhörte.
Er brachte mich ohne ein Wort zu sagen dazu, das rauchen aufzugeben.
Er lies mich laut auflachen und im nÀchsten Moment die TrÀnen hinunter schlucken.
Und immer blickte ich in diese grĂŒnen Augen eines achtzehn Jahre jĂŒngeren Mannes, traurig und vertrĂ€umt zugleich.
Immer öfter machte ich schon frĂŒher Pause, um wieder seinen ErzĂ€hlungen zu folgen.
Auch an dem heutigen Samstag, unser erstes GesprĂ€ch befand sich schon vier Monate zurĂŒck, konnte ich es wieder kaum erwarten. Mit einem kindlichen Leichtigkeit legte ich Dinge beiseite, trug den Lippenstift auf und schloss die LadentĂŒr ab.
Klingelingeling.

Ich betrat das wahrscheinlich sĂŒĂŸeste CafĂ© Londons.
Es war zu erwarten gewesen.
Er hatte sich die letzten Wochen schon so mĂŒhselig bewegt, die Tasse nur mit Anstrengung heben können.
Doch er war immer erschienen, fast dreieinhalb Jahre lang, ohne einen einzigen Tag zu fehlen.
Kein Arzttermin, keine Fernsehsendung, kein Londoner Verkehr und erst recht keine Erkrankung hatten ihn je davon abhalten können.
Der Stuhl war leer.
Ich wusste, da war ich mir so sicher, wie noch nie in meinem Leben, dass es nur eine ErklÀrung gab.
Der Regen prasselte, mein Atem ging schwer und meine Gedanken fanden keinen Halt.
Alles war taub.
Mein Inneres war leer, ein Vakuum. Nichts, was es mehr erfĂŒllen konnte.
Ich setzte mich schließlich auf den ehemaligen Platz des einsamen Mannes, legte Papier und Stift vor mich und winkte die Kellnerin heran.
"Einen schwarzen Kaffe und ein StĂŒck Mandelkuchen, bitte."

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