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Leselupe.de > Humor und Satire
Lord Lockenlicht
Eingestellt am 13. 03. 2006 18:34


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Raniero
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Lockenlicht


Die achtjĂ€hrige Simone war schier ĂŒberwĂ€ltigt, vor GlĂŒck, an ihrem Geburtstag; mit diesem Geschenk hatte sie zwar geliebĂ€ugelt, aber nicht mehr gerechnet.
Ihre Eltern hatten es jedoch wahr gemacht und ihr zum Wiegenfest diese schöne Puppe geschenkt, eine ganz besondere Puppe, die bei ihren Freundinnen und weit darĂŒber hinaus in aller Munde war.
NatĂŒrlich trug sie auch einen unverwechselbaren bis dahin nie gehörten Namen, Lady Lockenlicht, und genauso sah sie auch aus; wie ein Miniaturabbild einer wahren Adelsdame mit den schönsten und blondesten Locken, die man sich vorstellen konnte, nur schade, dass es so viele von diesen Ladys gab, denn man war mit ihr in die Serienproduktion gegangen.
Es hatte in der Tat eine Massenproduktion eingesetzt, die fast eine Massenhysterie hervorrief, und glaubte man den Verkaufsprognosen des Herstellers, so gab es in naher Zukunft kaum noch lockenlichtfreie Haushalte im Lande, sie gehörten einfach dazu, diese Lockenlichter, wie Fernsehen oder Radio.
Simone bekĂŒmmerte jedoch diese dĂŒstere Aussicht keineswegs, war sie doch froh, endlich ihre eigenen Lady ans Herz drĂŒcken zu können, allerdings gab es einen anderen Umstand, der einen winzigen Wermutstropfen in ihre ĂŒbergroße Freude fallen ließ.
Zugegeben, sie war wunderschön, ihre Puppe, und man konnte phantastisch mit ihr spielen, doch auf die Dauer wurde es ihr mit dieser zwar einzigartigen aber auch einzigen Puppe recht langweilig.
Die findigen Hersteller hatten daran natĂŒrlich auch gedacht, im Vorfeld, und es nicht
fehlen lassen, an einer zweiten Puppe.
Als Pendant zu Lady Lockenlicht hatten sie eine weibliche Puppe mit schwarzen, glattgekĂ€mmten Haaren erfunden und diese auf den Namen GrĂ€fin Rabenstolz getauft. Diese GrĂ€fin war also schon vom Aussehen das genaue GegenstĂŒck zu Lady Lockenlicht, und es lag auf der Hand, dass sich die beiden Damen von Adel nicht riechen konnten, und hierdurch waren mit diesem ungleichen Paar TĂŒr und Tor geöffnet fĂŒr Intrigenspiele der ĂŒbelsten Art, ganz wie im richtigen Leben, damit kleine MĂ€dchen beizeiten lernten, wie es spĂ€ter einmal zugeht, unter den Großen.
Leider aber fehlte Simone diese zweite Puppe, um richtig loslegen zu können, da schellte es an der TĂŒr.
Beide Großelternpaare trafen ein, zum Geburtstagskaffee, und die Freude des MĂ€dchens war kaum noch zu beschreiben, als sie von ihren strahlenden GroßmĂŒttern gemeinsam die ersehnte schwarzhaarige GrĂ€fin ĂŒberreicht bekam.
Nun war das Paar komplett, und Simone zog sich, nachdem sie artig, aber hastig ihren Kakao getrunken hatte, zurĂŒck in ihr Zimmer, um ihre beiden adeligen Gladiatorinnen gegeneinander antreten zu lassen.

Als die Kleine des Abends in ihrem Bettchen lag, glĂŒckstrahlend aber ĂŒbermĂŒde vom Trubel des Tages, wĂŒnschten die Eltern ihr eine gute Nacht.
„Na, Simone-Schatz, zufrieden mit deinem Geburtstag?“ fragte die Mutter.
„Eigentlich ja, Mama, ich habe ja mehr bekommen, als ich gedacht hatte“.
Die Eltern blickten sich verwundert an.
„Und warum dann nur eigentlich?“ wollte der Vater wissen.
„Na, ja, die Lady Lockenlicht und die GrĂ€fin Rabenstolz sind ja sehr schöne Puppen, und ich habe auch die ganze Zeit mit ihnen gespielt, aber eigentlich..“
„Eigentlich? Kind, nun sag schon!“ wurde die Mutter ungeduldig.
„Ja, weißt du, Mama, eigentlich fehlt noch etwas, etwas sehr Wichtiges. Es fehlt ein Mann, Mama, du hast doch auch einen; ich meine, nur fĂŒr die Lady Lockenlicht, fĂŒr die GrĂ€fin Rabenstolz nicht, die ist so fies, die hĂ€tte im richtigen Leben auch keinen mitgekriegt“.
Beide Eltern mussten an sich halten, um nicht laut loszuplatzen, vor Lachen, bei der zwingenden Logik ihrer Tochter.
„Und wie soll der Mann aussehen, der Mann von der Lady Lockenlicht, der Lord Lockenlicht?“ fragte die Mutter.
„Genauso wie Papa“, antwortete Simone freudig.
Die Mutter blickte mit unglÀubigem Erstaunen von der Tochter zum Vater, dann brach sie in ein schallendes GelÀchter aus.
„Genauso wie Papa? Da hast du eigentlich Recht, Kind, warum nicht, so könnte er tatsĂ€chlich, nein, so mĂŒsste er wirklich aussehen, bei seinen Locken!“
Locken trug ihr Mann tatsĂ€chlich, in frĂŒheren Zeiten, als sie sich kennen gelernt hatten, doch so nach und nach waren ihm diese fast alle ausgegangen und immer lichter geworden, so dass man nun in der Tat in einem gewissen Sinn von Lockenlicht sprechen konnte, doch eher in der Umkehrung des Begriffes.
Inzwischen hatte ihr Mann die GedankengÀnge seiner Frau durchschaut; unfreiwillig musste er nun auch lachen.
„Das sind die Jahre, die dahingegangen sind“, sagte er mit einer gewissen Melancholie, „was soll man machen, davon bleibt kaum ein Mann verschont“.
Die Eltern gaben ihrer Tochter noch einen Gutenachtkuss und versprachen, ĂŒber ihr Anliegen nachzudenken.

Am nÀchsten Tag nahm Simones Mutter ein aktuelles Photo ihres Mannes zur Hand und schickte dieses mitsamt einer schriftlichen Anfrage an die Puppenhersteller.
Kurze Zeit spÀter schon hielt Simone eine mÀnnliche Puppe, den Prototyp des Lord Lockenlicht, in HÀnden; diese Puppe glich ihrem Vater wie ein Ei dem anderen.
Bald darauf ging Lord Lockenlicht in Serie.
Was die Prognose der kleinen Simone in Bezug auf einen eventuellen Ehemann von GrÀfin Rabenstolz betraf, so lag sie vollkommen richtig.
Weit und breit im Lande hatte sich kein Mann bereit gezeigt, sein Konterfei fĂŒr einen Grafen Rabenstolz zur VerfĂŒgung zu stellen.

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