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Leselupe.de > Kindergeschichten
Lorie Morgenstern und der Freund aus dem Ei
Eingestellt am 25. 01. 2012 15:29


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hobbyschreiber
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Ich bitte, die kleineren Formatierungsfehler zu entschuldigen, da machte mein Textverarbeitungsprogramm irgendwie, was es wollte...



Lorie Morgenstern und der Freund aus dem Ei
Leseprobe

Zusammenfassung:
Als Lorie die 6 unterschiedlich großen Kugeln ins Wasser tut, wĂŒnscht sie sich unheimlich doll, dass aus einer ein Gongolmundy schlĂŒpfen wĂŒrde. Lories beste Freundin Pauline glaubt zwar, dass aus den Eiern, die Lorie fĂŒr ihr Taschengeld bekommen hat niemals etwas ausschlĂŒpfen könnte, doch Thadeus, Theodor, Thoben beweist das Gegenteil.
Und er kann nicht nur sprechen, sondern sich auch in alles Mögliche verwandeln.
Nur hÀlt er nichts davon, Lories neuer, ganz besonderer Freund zu sein und will ganz schnell wieder von ihr weg, um seine Artgenossen zu befreien. Denn die werden von der Firma in die Eier gesperrt.
Erst als der Gongolmundy plötzlich krank wird, glaubt Lorie seine Geschichte und will ihm helfen.



Kapitel 1

Die schlechte und die gute Nachricht

Lorie Morgenstern war fast zehn Jahre alt. Im August hatte sie Geburtstag und wĂŒnschte sich ein eigenes Pferd, oder auch einen Hund, am liebsten aber eine Ratte. Wie alle zehnjĂ€hrigen MĂ€dchen ging sie zur Schule und war genervt von den blöden Jungs und schwierigen Matheaufgaben. In ihrer Klasse gehörte Lorie zum unauffĂ€lligen Mittelmaß. Sie hatte keine langen, seidig blonden Haare wie Melissa, die andauernd Liebesbriefe bekam, und war auch kein Ass in Englisch wie die gemeine Emily.Und mit Moritz, der beim Stangenklettern das rote FĂ€hnchen von ganz oben abriss, konnte sie schon gar nicht mithalten.

Aber das war ihr auch ziemlich wurscht. Es hatte nĂ€mlich auch Vorteile unauffĂ€lliges Mittelmaß zu sein. Zum Beispiel konnte man im Deutschunterricht in der Nase bohren, ohne dass es jemand bemerkte und man wurde auch nicht zu Melissas Geburtstagspartys eingeladen und musste sich dann unheimlich den Kopf darĂŒber zerbrechen, was man ihr nun schenken sollte. Denn von der Auswahl des Geschenks hing jede weitere Einladung ab. Und außerdem war es sehr von Bedeutung unauffĂ€llig zu sein, wenn man vier große Sommersprossen auf der Nasenspitze hatte. Die gaben Lorie ein spitzbĂŒbisches Aussehen, zu dem ihre fransigen, braunen Haare und die großen HasenzĂ€hne noch beitrugen und wĂ€ren ja an sich noch nichts Besonderes gewesen.
Lories Sommersprossen tauschten aber regelmĂ€ĂŸig die PlĂ€tze.
Und zwar immer genau dann, wenn sie schwindelte. Wenn es eine besonders gewaltige LĂŒge war, schob sich die GrĂ¶ĂŸte von ihnen genau in die Mitte und begann furchtbar zu jucken. Das wusste natĂŒrlich nur Lorie und daran sollte sich ihrer Meinung nach auch so schnell nichts Ă€ndern.

Der Tag, an dem ihr großes Abenteuer beginnen sollte, war so ein strahlender Sommertag mit brĂŒtender Hitze und wolkenlosem Himmel. Schon wĂ€hrend des Unterrichts hatte Lorie sehnsĂŒchtig aus dem Fenster gestarrt und gehofft, FrĂ€ulein Mendelmeier wĂŒrde die Deutschstunde nach draußen verlegen. Wenigstens bekamen sie wieder hitzefrei und die Kinder stĂŒrmten ĂŒbermĂŒtig aus dem stickigen Klassenraum. Der Schulhof leerte sich dann aber nur schleppend. Alle standen noch herum und machten PlĂ€ne fĂŒr den Nachmittag. Lorie war wohl die Einzige, die es nicht erwarten konnte, nach Hause zu kommen. Sie hatte nicht mal Zeit, sich mit Pauline zu verabreden. Lorie wartete auf einen mĂ€chtig wichtigen Brief und sie hoffte, dass der heute endlich angekommen war. Wie vom Affen gebissen rannte sie die Straße entlang. Dabei schaukelte der Schulrucksack wild auf ihrem RĂŒcken hin und her und der SchlĂŒssel am Band um ihren Hals hĂŒpfte und klimperte bei jedem Schritt. Trotzdem Lorie so in Eile war, blieb sie wie jeden Tag am Schaufenster von Klestings Zoohandlung kleben. Dahinter lagen die Farbratten wie ein KnĂ€uel aus FellstĂŒcken in der Sonne und dösten. Ihre Lieblingsratte, die Lorie Pinka getauft hatte, reckte den Kopf und schnupperte in der Luft. Pinka war schwarzweiß gescheckt und hatte kleine, wachsame Knopfaugen, mit denen sie Lorie jedes Mal neugierig anstarrte. Fast so als wĂŒrde sie sie wiedererkennen. Lories Mutter hielt Ratten fĂŒr eklig, schmutzig und sogar ansteckend. So ein Tier kommt mir nichts ins Haus, war ihre klare und endgĂŒltige Antwort gewesen. Deshalb drĂŒckte Lorie jeden Tag nach der Schule bei Klestings sehnsĂŒchtig ihre Nase an die Scheibe. Sie stellte sich dann vor, wie sie Pinka einfach auf der Schulter aus dem Laden trug und in der Kommode vor ihrer Mutter versteckte. NatĂŒrlich ging das nicht. Eine Ratte brauchte einen großen KĂ€fig und ihre Artgenossen. Gerade als Lorie darĂŒber traurig werden wollte, erinnerte sie sich wieder an den Grund, ihres eiligen LosstĂŒrzens vom SchulgelĂ€nde. Sie löste ihren Blick von Pinka, winkte ihr zum Abschied zu und setzte ihre Beine wieder in Bewegung. Kaum im Treppenhaus angekommen, sprang sie ĂŒber den hĂ€sslichen Fußabtreter aus Filz und nahm dann die Stufen in großen DreiersĂ€tzen. Sie zog sich dabei schwungvoll am HolzgelĂ€nder um die Ecken. Als sie dann in die schmale KĂŒche ihres zu Hauses donnerte, war sie völlig außer Atem und keuchte: „Ist ein Brief fĂŒr mich gekommen?“ Frau Morgenstern stand an der KĂŒchentheke und war mit dem Mittagessen beschĂ€ftigt. Sie trug wie immer ihren blauen Hausanzug, der Lorie manchmal wirklich peinlich war. Seitdem sie ihre Arbeit in der Poststelle wegen betriebsbedingten KĂŒndigungen verloren hatte, kochte sie jeden Tag. Und bestand darauf, dass ihre Tochter auch pĂŒnktlich zum Essen erschien. Das nervte total. Statt wie die anderen Kinder noch ein wenig herumzutrödeln und sich zu verabreden, musste Lorie gleich nach Hause kommen. Und jetzt, wo es immer hitzefrei gab, hatte Frau Morgenstern das Essen sogar auf frĂŒher verlegt. In ihren Augen war 12,00 Uhr die perfekte Zeit, um sich bei einem gemeinsam eingenommenen Mahl ĂŒber den Tag auszutauschen. Egal, ob man bei diesen Temperaturen nun Hunger hatte oder nicht. Und ebenfalls egal, ob man sich mit den Personen am Tisch ĂŒberhaupt austauschen wollte. Gerade schnitt Frau Morgenstern Tomaten. Das glĂ€nzende Messer bewegte sich so schnell in ihren HĂ€nden, dass Lorie befĂŒrchtete, eine der Fingerkuppen ihrer Mutter wĂŒrde gleich abgetrennt auf der marmorierten KĂŒchenarbeitsplatte landen. Sie sah von der Schnippelei auf und bedachte ihre Tochter mit einem finsteren Blick. Den kannte Lorie nur allzu gut. „Ich weiß, ich bin zu spĂ€t“, gab sie kleinlaut zu, obwohl es sich bei ihrer VerspĂ€tung sicher nur um wenige Minuten handeln konnte.
„Aber FrĂ€ulein Mendelmeier ist mitten im Unterricht ohnmĂ€chtig geworden. Ich habe Erste Hilfe geleistet und ihr das Leben gerettet“, fĂŒgte Lorie dann an. Sie stemmte dabei voller Überzeugung die Arme in die HĂŒften und verlieh ihrem Gesicht den fachkundigen Ausdruck eines Nachrichtensprechers. Frau Morgenstern sagte dazu erst einmal gar nichts, sondern strich sich mit dem HandrĂŒcken eine ihrer hellroten StrĂ€hnen aus der Stirn. Sie seufzte leise.„Erspar mir diesen Unsinn“, antwortete sie dann mĂŒrrisch.„Ich habe den Brief auf deinen Schreibtisch gelegt. Du hast doch nicht wieder irgendwas verzapft, oder?“
Sie machte eine kurze nachdenkliche Pause und fragte dann: „Warst du heute Morgen pĂŒnktlich in der Schule?“ Lorie rollte die Augen. Das hatte ja kommen mĂŒssen.
“Ja, Mama, heute ja und morgen auch“, maulte sie und verschwand in ihr Zimmer, bevor ihre Mutter sich nach den Hausaufgaben erkundigen wĂŒrde.

Es war jetzt 2 Jahre her, dass Paul Morgenstern die Familie ohne ein Wort verlassen hatte. Damals war fĂŒr Lorie eine Welt zusammengebrochen. Nie im Leben hĂ€tte sie erwartet, dass ihre Eltern sich jemals trennen könnten. Sie waren schon so ewig verheiratet. Lange, lange bevor Lorie auf die Welt gekommen war. Ihr Vater musste immer viel arbeiten und war dadurch nur selten zu Hause. An den Wochenenden waren sie aber eine richtige Familie gewesen. So eine Familie, die morgens im Bett Kissenschlachten machte, zusammen frĂŒhstĂŒckte und AusflĂŒge unternahm. Ganz selten gab es mal Streit zwischen ihren Eltern und wenn, dann wurde sich auch ganz schnell wieder vertragen. An dem Tag, als Lorie von der Schule kam und ihr Vater mit all seinen persönlichen Dingen aus der Wohnung verschwunden war, da wuchs die vierte Sommersprosse auf ihrer Nasenspitze. Paul Morgenstern hatte nichts hinterlassen, keine Nachricht, keine Adresse, unter der man ihn erreichen konnte, nichts. Er war einfach wie vom Erdboden verschluckt. Wenig spĂ€ter fing das mit Lories Schwindelei an. Auch ihre Mutter legte seit seinem Auszug ein mitunter seltsames Verhalten an den Tag. Die tĂ€gliche Kocherei gehörte zum Beispiel dazu, und dass sie sich jeden Monat beim Friseur die Haare fĂ€rben ließ, in den unmöglichsten Farben. Außerdem klammerte sie sich seitdem so an Lorie, dass diese das GefĂŒhl hatte, wieder ein fĂŒnfjĂ€hriges Kindergartenkind zu sein. Dann hatte Frau Morgenstern auf einer Singledampferfahrt Onkel Konrad kennengelernt. Die Fahrt hatte ihr ihre beste Freundin mit den Worten: Du musst mal raus, geschenkt. Anfangs war Lorie auch total begeistert gewesen. Endlich konnte ihre Mutter wieder lachen und Lorie kam zurĂŒck in den Genuss der Freiheiten, die eine fast ZehnjĂ€hrige nun einmal haben sollte. Dann aber war Onkel Konrad irgendwann bei Ihnen eingezogen. Es stellte sich schnell heraus, dass Lorie ihn hasste. Er war strenger, als Sportlehrer Husselmann und Lorie gab seiner Strenge mit ihrem manchmal seltsamen Verhalten genĂŒgend Anlass zum Walten. Sie sprach ĂŒberhaupt nicht gern von ihm, verschwieg sogar, dass es ihn ĂŒberhaupt gab. In Lories Augen war er nichts als ein Störenfried, der ihren Vater niemals ersetzen wĂŒrde. In der Schule erzĂ€hlte sie, dass Paul Morgenstern nach Amerika gegangen war. Er wĂ€re ein großartiger Erfinder, hatte ein riesiges Haus mit einhundert Zimmern und einen Stall mit Rennpferden. Und irgendwann wĂŒrde er kommen und sie zu sich holen. In Wirklichkeit hatte Lorie seit seinem Auszug nie wieder etwas von ihm gehört. Nicht mal zu ihren Geburtstagen rief er an. Und dafĂŒr gab es wohl keine andere ErklĂ€rung, als dass er sich nicht mehr fĂŒr seine Tochter interessierte. Der einzige Mensch dem Lorie halbwegs vertraute, war ihre beste Freundin Pauline und selbst die hatte sich mit der Schwindelei abfinden mĂŒssen.

Aber jetzt wollte sie keinen weiteren Gedanken daran verschwenden und zog schwungvoll die ZimmertĂŒr hinter sich zu. In zwei großen Schritten sprang Lorie zum Schreibtisch, wo der Brief auf dem Stapel alter Zeitschriften lag und im Sonnenlicht glĂ€nzte. Bis auf die knallrote Farbe sah er eigentlich ganz normal aus. Aber was hatte sie auch erwartet, etwa das Er sich bewegen wĂŒrde? Mit zittrigen Fingern griff sie nach dem Umschlag und las die Schrift auf der RĂŒckseite.
„Hier drin ist Dein kleiner Schatz!“, stand dort in kleinen, goldenen Druckbuchstaben.
Lorie fragte sich nun doch, ob das wirklich funktionieren wĂŒrde. Ansonsten wĂ€re es eine Gemeinheit, immerhin hatte sie fast ihr ganzes Taschengeld fĂŒr diesen Schatz geopfert. Ungeduldig zerriss sie den Umschlag und schĂŒttelte einen großen Zettel und zwei kleine PlastiktĂŒten daraus hervor. Zuerst besah sie sich die Durchsichtige. Eine blĂ€uliche FlĂŒssigkeit schimmerte darin.Aber auch nachdem Lorie die TĂŒte hoch ins Licht gehalten hatte, konnte man nichts Besonderes erkennen. Also nahm sie das Papier und faltete es auseinander.


„Hallo liebe Lorie!

Schön, dass du dich entschieden hast, einen Gongolmundy aufzuziehen.

Du musst dich ganz genau an die Anweisungen auf der RĂŒckseite dieses Briefes halten, damit er auch ausschlĂŒpft.

Wenn du etwas falsch machst, kann es sein, dass nichts passiert und dann können wir dir auch keine neuen Eier schicken.

Lies diesen Brief also genau durch, bevor du die Eier ins Wasser tust.

Wenn du alles so machst, wie wir es beschreiben, wirst du bald einen neuen, ganz besonderen Freund haben. Wir wĂŒnschen dir viel Spaß mit Deinem Gongolmundy.



Das Team von Polylux Entertainment



Lorie blickte noch einmal nachdenklich auf die beiden PlastiktĂŒten und drehte dann den Zettel um.



1. Nimm ein ausreichend großes GefĂ€ĂŸ und
fĂŒlle es mit kaltem Leitungswasser.

(Am besten ist ein Aquarium, ein Eimer oder
eine große SchĂŒssel reichen aber auch)



2. Gib die blaue NĂ€hrflĂŒssigkeit aus
der durchsichtigen TĂŒte in das GefĂ€ĂŸ und
warte, bis sie sich vollstÀndig aufgelöst hat.



3. Gib nun vorsichtig die Gongolmundyeier aus
der anderen TĂŒte dazu.

(Es mĂŒssen immer mehrere Eier sein.
Die Wahrscheinlichkeit,
eines befruchteten Eies ist sehr gering.)





4. Denke dir einen Namen fĂŒr Deinen Gongolmundy
aus und sage ihn laut vor dir her. Dabei musst
du dir fest wĂŒnschen, dass er schlĂŒpft.



5. Decke das GefĂ€ĂŸ mit etwas ab, damit er nach dem
SchlĂŒpfen nicht entwischen kann und lass es ĂŒber
Nacht in der NĂ€he des Fensters stehen.



Wenn du alles richtig gemacht hast, wird der Gongolmundy am nĂ€chsten Morgen in der FlĂŒssigkeit schwimmen. Du musst ihn erst nach drei Tagen fĂŒttern. Bis dahin lebt er von der NĂ€hrlösung. Pass auf, dass er dir bis dahin nicht entwischt, denn noch kann er außerhalb des Wassers nicht ĂŒberleben.

Lorie ließ den Zettel sinken und fragte sich laut: „Und womit soll ich ihn nach drei Tagen fĂŒttern? Was frisst so ein Gongolmundy denn?“ Davon stand nichts weiter in der Anleitung. Vielleicht war ja doch Alles nur Quatsch, wie Pauline gesagt hatte. Einen Versuch war die Sache jedoch wenigstens wert. Lorie schlich zu Onkel Konrads Krimskrams Kammer und suchte dort nach einem passenden GefĂ€ĂŸ. Sie durchwĂŒhlte das unterste Fach des Holzregals und fand ein altes, verkalktes Goldfischglas, dessen Scheibe so trĂŒbe war, dass man kaum noch hindurch gucken konnte.

Der wunderliche Konrad hatte eine Menge von solch unbrauchbarem Zeug. Er war ein leidenschaftlicher Handwerker und schraubte und bastelte stĂ€ndig an irgendetwas herum. Lorie hasste es besonders, wenn sie ihm bei solchen gĂ€hnend langweiligen TĂ€tigkeiten zur Hand gehen musste. Ihre Mutter verlangte das oft. Es sollte sie nĂ€her zueinander bringen, bewirkte aber genau das Gegenteil. Lorie stellte sich dann meistens absichtlich total blöd an und Onkel Konrad war mehr damit beschĂ€ftigt, ihre Fehler auszubĂŒgeln und seiner VerĂ€rgerung lautstark Ausdruck zu verleihen, als dass er mit seinem Projekt vorankam. Einmal hatten sie ein Vogelhaus gebaut, das durch Lories aufgezwungene Hilfe, eher als windschiefes Hexenhaus durchging. Zu ihrem Erstaunen fĂŒhlten sich die Kohlmeisen darin trotzdem wohl und ein ganz klein wenig war sie dann doch stolz darauf. Was aber nicht hieß, dass sie Onkel Konrad nun mit anderen Augen sah. Er konnte gut VogelhĂ€user bauen. Aber er blieb weiterhin der grummelnde Störenfried, der sich gern fĂŒr immer verabschieden könnte, ohne dass es ihr etwas ausgemacht hĂ€tte.

Lorie schleppte das Goldfischglas also ins Bad, ließ dort bis zum Rand Wasser hineinlaufen und hievte es dann mit aller MĂŒhe in ihrem Zimmer auf den Schreibtisch. Der feuchte Boden machte einen verwaschenen Regenbogen aus der Zeichnung, auf die Lorie es gestellt hatte. Nach einer kurzen Verschnaufpause, nahm sie die durchsichtige TĂŒte, schnitt eine Ecke ab und goss die FlĂŒssigkeit darin langsam ins Goldfischglas. Das klare Wasser fĂ€rbte sich blĂ€ulich, als wĂŒrde man ein Schaumbad hinzugeben. Lorie wartete, bis sich alles vollstĂ€ndig aufgelöst hatte, und öffnete dann die andere TĂŒte. Sie lugte hinein und konnte etwa fĂŒnf kleine KĂŒgelchen erkennen. Noch einmal griff sie zum Zettel.



3. Gib nun vorsichtig...



4. Denke dir einen Namen...



Wie sollte ihr Gongolmundy eigentlich heißen?

Flipper oder Balduin oder vielleicht Otto? Sie verschloss die TĂŒte wieder und blickte nachdenklich durch ihr Zimmer. Es musste schon ein besonderer Name sein. Schließlich war der Gongolmundy ja auch was Besonderes, wenn er wirklich schlĂŒpfen sollte. An der Figurensammlung im Regal blieben ihre Augen hĂ€ngen. Lorie besaß eine ganze Armee an Nilpferden und SchlĂŒmpfen aus Überraschungseiern und sonstigem, dekorativen Nippes. Allen voran natĂŒrlich Pferde: Shetlandponys, Friesen und Araber, mit oder ohne Reiter, liegend und stehend, und sogar steigend. Ihr LieblingsstĂŒck war aber ein handflĂ€chengroßer Löwe aus grĂŒnem Glas mit funkelnden Kristallaugen. Er war ein Geschenk ihres Vaters. Lorie hatte ihn damals sogar mit ins Bett genommen und sich im Schlaf fast an seiner scharfen MĂ€hne geschnitten. Beim Gedanken daran lĂ€chelte sie versonnen und beschloss, den Gongolmundy Leo zu nennen. Ganz vorsichtig streute sie die KĂŒgelchen ĂŒber die WasseroberflĂ€che. Es waren sechs unterschiedlich kleine, farblose Eier und sie sanken leicht wie Schneeflocken auf den Grund des Goldfischglases. Lorie machte ein ernstes Gesicht und starrte hypnotisierend darauf. Sie wĂŒnschte sich unheimlich doll, dass aus einem der Eier ein Gongolmundy schlĂŒpfen wĂŒrde, und sagte feierlich: „Du sollst Leo heißen.“ Dann schloss sie die Augen und sagte es noch einmal. Als sie sie wieder aufmachte, lagen die KĂŒgelchen aber unberĂŒhrt da, nur ein paar LuftblĂ€schen schwirrten nach oben. Lorie blickte auf den Zettel. Sie hatte vergessen, eine passende Abdeckung bereitzulegen. Ihre BĂŒcher wĂŒrden nass werden und im Zimmer fand sich auf den ersten Blick nichts Anderes. Die PlastiktĂŒte aus ihrem Turnbeutel fiel ihr ein. Sie schnitt ein paar kleine Löcher hinein, damit der Gongolmundy wenigstens genug Luft bekam, legte die TĂŒte auf das Goldfischglas und spannte ein langes Zopfband darum. Eine ganze Weile saß sie dann einfach nur da, beobachtete die KĂŒgelchen und Ă€rgerte sich, dass sie nun eine ganze Nacht lang abwarten musste, als die TĂŒr zu ihrem Zimmer aufgerissen wurde.
„Das Essen ist fertig, gehst du dir bitte die HĂ€nde waschen.“
Erschrocken fuhr Lorie zusammen. „Ja Mama, sofort“, antwortete sie und sah Frau Morgensterns ausladendem Po in graublauer Jogginghose hinterher, der sich wieder in Richtung KĂŒche entfernte. Dann nahm sie ihr Turn-Hemd,legte es ĂŒber das Goldfischglas und folgte ihrer Mutter.

Am Esstisch versammelt, ĂŒberbrachte Onkel Konrad eine freudige Nachricht.
„Die Firma hat mir fĂŒr die nĂ€chsten zwei Wochen Urlaub genehmigt“, verkĂŒndete er und blickte lĂ€chelnd in die Runde.

Onkel Konrad arbeitete als Buchhalter in einer kleinen Firma. Er hatte einen sehr netten Chef, der es ihm erlaubte, zur Mittagspause die Arbeit zu verlassen und seine Pause auch noch zu nehmen, wie es ihm passte. So etwas nannte sich Gleitarbeitszeit. Und die dĂ€mliche Gleitarbeitszeit war daran schuld, dass Lorie jeden Tag mit diesem Langweiler am Tisch sitzen und einen auf glĂŒckliche Familie machen musste. Sie begutachtete gleichgĂŒltig seinen braunen Schlips, der ihn irgendwie noch strenger aussehen ließ. Mit Onkel Konrad musste man so aufpassen, wenn sie ihn beschwindelte, konnte er richtig wĂŒtend werden.

„Ich habe mir gedacht, wir könnten mal alle zusammen eine Reise machen. Die erste Woche nach Italien. Meine liebe Marta, da wolltest du doch schon immer hin. Und die letzte Woche“, er brach ab und wandte sich erwartungsvoll an Lorie, wobei sich seine buschigen, grauen Augenbrauen so weit nach oben zogen, dass es aussah, als wĂŒrden sie gleich unter seinem noch grauerem Haaransatz verschwinden: „nach Disneyland.“ Als Lories Reaktion nichts weiter als ein Nicken war, zogen sich die Brauen wieder tief in die Stirn und er fragte: „Freust du dich denn gar nicht?“
„Doch natĂŒrlich freue ich mich“, gab sie kleinlaut zurĂŒck und kratzte sich unauffĂ€llig an der Nasenspitze. Warum wollen die plötzlich mit mir in den Urlaub fahren?, dachte sie aber und versuchte ein breites Grinsen. Weil das nicht so recht gelingen wollte, schob sie sich lieber eine ĂŒbervolle Gabel Spagetti in den Mund.
WĂ€hrend Lorie kaute, sagte ihre Mutter: „Das ist eine tolle Idee, Konrad.Einen richtigen Urlaub zu machen, wie eine Familie. Lorie ist sicher einfach zu ĂŒberrascht von deinem Vorschlag, um sich zu freuen. Ich finde die Idee jedenfalls wunderbar.“ Sie drĂŒckte seine Hand, aber der dunkle Gesichtsausdruck verschwand dadurch nicht. Die ganze Zeit starrte er Lorie an wie ein Gedankenleser und sie fĂŒhlte sich, als wĂŒrde sein Röntgenblick geradewegs ein Loch in ihre Stirn brennen. Entgegen ihrer sonstigen Haltung zum Thema Hausarbeit, sprang sie sofort vom Stuhl auf, als ihre Mutter sie bat, den Tisch abzurĂ€umen.

Diese Urlaubsidee kam mehr als ungelegen, dachte Lorie, wĂ€hrend sie die Teller auf ihrem Arm in die KĂŒche balancierte. Wo wĂŒrde sie denn den Gongolmundy lassen? Und ĂŒberhaupt was dieses Getue von wegen Familienreise plötzlich sollte? Onkel Konrad zwei ganze Wochen durchgĂ€ngig ertragen zu mĂŒssen, mit diesem Gedanken konnte sich Lorie alles andere als anfreunden.

Am Abend hörte sie die Beiden in der KĂŒche streiten.
„Man versucht es und versucht es. Das ist doch Zeitverschwendung“, grollte Onkel Konrads tiefe, aufgebrachte Stimme bis zu ihrer TĂŒr. Sofort hatte Lorie sein wĂŒtendes Gesicht vor Augen und wie er immer ganz rot wurde, wenn er am Meckern war. Da hatte sie es, die konnten gut auf sie verzichten. Lorie drĂŒckte sich ihr Kopfkissen auf die Ohren und beobachtete still das Goldfischglas. Die Stimmen aus der KĂŒche wurden leiser und irgendwann kam dann ihre Mutter ins Zimmer und setzte sich zu ihr aufs Bett. Sie legte vorsichtig ihre Hand auf Lories Schulter und flĂŒsterte: „Glaubst du nicht, so ein Urlaub wĂŒrde uns allen gut tun. Konrad hat es wirklich lieb gemeint. Er ist nur enttĂ€uscht.“ Lorie drehte sich zur Seite und murmelte in das Kopfkissen: „Ja, bestimmt.“ Ihre Nasenspitze begann zu kitzeln. „Siehst du“, antwortete Frau Morgenstern und setzte hinzu: „Am Montag werden wir losfahren. Das wird ganz sicher toll“, wobei sie jedoch selbst nicht besonders ĂŒberzeugt davon klang. Schon Montag also, aber davor lagen noch zwei ganze Tage Schule und das Wochenende.
Zeit genug, damit Lorie sich einen Plan machen konnte. Mit denen gemeinsam in den Urlaub fahren, war wirklich das Letzte, das sie sich fĂŒr ihre lang ersehnten Sommerferien wĂŒnschte.



Kapitel 2

Ein nervtötender Nörgelfritze

Als Lories Wecker am nĂ€chsten Morgen klingelte, bekam sie kaum die Beine aus dem Bett. Ihre Augen fĂŒhlten sich an, als hĂ€tte jemand sie mit Honig verklebt und Lorie brauchte eine ganze Weile, um sie ĂŒberhaupt aufzubekommen. Die grellen Sonnenstrahlen, die durchs Fenster herein fielen, machten die Sache nicht leichter. Nachdem Lorie fast ĂŒber ihre Hausschuhe gestolpert wĂ€re, fĂŒhrte ihr erster Weg natĂŒrlich zum Goldfischglas. Die PlastiktĂŒte schien unberĂŒhrt. Sie lugte von der Seite in das Glas hinein und konnte erkennen, dass die Eier genauso wie gestern aussahen. Sie waren nur ein wenig ausgeblichen und faserig, wie Sachen nun mal aussahen, wenn sie eine ganze Nacht lang im Wasser gelegen hatten. Es waren aber nur noch fĂŒnf KĂŒgelchen und Lorie war sich ziemlich sicher, dass es gestern noch sechs gewesen waren. Sie kniete sich vor den Schreibtisch und verrenkte den Hals, um sich die von der TĂŒte bedeckte OberflĂ€che des Goldfischglases besser ansehen zu können. Da war das sechste KĂŒgelchen doch. Es schwamm wie eine Miniseerose am verkalkten Rand des Glases und klebte da fest. Gerne hĂ€tte Lorie einfach die TĂŒte heruntergenommen und das KĂŒgelchen herausgefischt, aber sie erinnerte sich an die Worte in dem Brief, dass man aufpassen musste, dass der Gongolmundy nicht entwischte. Allerdings fand sie ĂŒberhaupt keine Spur von ihm. Bis auf das nach oben gestiegene Ei, deutete nichts auf sein SchlĂŒpfen hin. Vielleicht war er aus dem Glas entkommen und versteckte sich jetzt irgendwo in ihrem Zimmer? Bevor Lorie die PlastiktĂŒte nĂ€her untersuchen konnte, kam wieder einmal ihre Mutter herein und mahnte: , „Es ist kurz vor 7:00 Uhr. Du musst in die Schule.“
„Mama, heute ist der vorletzte Schultag“, brummte Lorie genervt und schlurfte ins Badezimmer.
Die Zahnpasta schmeckte widerlich. Lorie strich sich schnell mit der BĂŒrste durch das Haar, bis es eine einigermaßen passable Frisur abgab, und begutachtete kurz ihre Sommersprossen. Bevor Sie zurĂŒck in ihr Zimmer schlurfte, streckte sie sich noch selbst die Zunge raus. Ihre EnttĂ€uschung darĂŒber, dass an diesem Morgen, kein besonderer Freund im Goldfischglas geschwommen hatte, hielt sich in Grenzen. Der logische, klare Menschenverstand sagte einem ja auch, dass so etwas allerhöchstens im MĂ€rchen passierte. Und weil sie nun eh nicht mehr an diesen besonderen Freund glaubte, nahm sie die PlastiktĂŒte ab und angelte das sechste KĂŒgelchen heraus. Es blieb an ihrem Zeigefinger kleben und ließ sich ohne weiteres zu Tage befördern. Mit dem bloßen Auge konnte man aber ĂŒberhaupt nichts richtig erkennen. Also zog Lorie mit der freien Hand die Schreibtischschublade auf und kramte nach ihrer Lupe. Dann hielt sie den Zeigefinger ins Licht und blickte durch das VergrĂ¶ĂŸerungsglas. Das KĂŒgelchen war tatsĂ€chlich wie ein echtes Ei, nur nicht ganz so oval, wie die von den HĂŒhnern und es hatte einen lĂ€nglichen, feinen Riss genau in der Mitte, wo etwas vom oberen Teil fehlte. Ganz so wie ein Ei, aus dem etwas ausgeschlĂŒpft war. Es hatte also geklappt, das bewies diese zerbrochene Schale und der Gongolmundy musste sich irgendwo in ihrem Zimmer verstecken. Ein zweiter Blick ins Goldfischglas brachte keinen Aufschluss. Wo könnte er nur sein? Außerhalb des Wassers wĂŒrde er doch nicht ĂŒberleben. Lorie kramte auf dem Schreibtisch herum, untersuchte das Fensterbrett und schob die Gardine zur Seite, musste aber dann los, ohne ihn gefunden zu haben.

Ihre beste Freundin Pauline wartete auf dem Schulhof. Sie war die Einzige, der Lorie etwas erzÀhlt hatte und deshalb fragte sie, kaum dass Lorie vor ihr stand: ,
„Und ist der Brief mit deinem Gongodingsda angekommen?“
Pauline war der Meinung, dass alles nur der Scherz irgend so einer Firma war, die damit Kindern, die dumm genug waren das Taschengeld stahl.
„Ja, Pauline und ich glaube, er ist sogar ausgeschlĂŒpft.“ Vor lauter Aufregung bekam Lorie rote Flecken auf den Wangen. Pauline hob anerkennend die Augenbrauen.
„Echt? Zeig mal her!“
„Das geht nicht. Er ist entwischt und jetzt muss er irgendwo in meinem Zimmer sein.“
„Du spinnst doch“, sagte Pauline enttĂ€uscht und tippte sich an die Stirn. Ihre FingernĂ€gel waren heute hellrosa lackiert.
„Nein, ehrlich, ein Ei ist aufgeplatzt. Ich habe es auf der WasseroberflĂ€che gefunden.Er muss irgendwie aus dem Goldfischglas entkommen sein“, erwiderte Lorie ratlos und sah ihrer Freundin dabei fest in die Augen, um zu unterstreichen, dass sie diesmal wirklich kein bisschen flunkerte.
„Vielleicht findet ihn Deine Mutter und wirft ihn in den Papierkorb.“ Pauline zog eine Fratze.
Lorie schubste sie leicht und erwiderte beleidigt: „Du wirst schon sehen, wenn ich ihn gefunden habe, bringe ich ihn mit zur Schule.“
„Dazu ist morgen aber die letzte Gelegenheit, dann sind nĂ€mlich Ferien“, trĂ€llerte Pauline.
„Das ist noch das grĂ¶ĂŸte Problem.“ Lorie ließ die Schultern hĂ€ngen.
„Warum das? Möchtest du etwa lieber weiter zur Schule gehen?“
Sie schĂŒttelte den Kopf und sagte: , „Onkel Konrad hat zwei Wochen frei bekommen und jetzt wollen die mit mir in den Urlaub fahren, Italien und Disneyland“, mit einer Verachtung in der Stimme, als wĂ€re das die grĂ¶ĂŸte Strafarbeit, die man einem nur aufbrummen konnte.
„Ja klar, ich verstehe. Ist ja logisch, dass du darauf keine Lust hast. Ich kann gern fĂŒr dich einspringen“, antwortete Pauline belustigt und Lorie verdrehte die Augen.
„Du verstehst gar nichts. Erstens will ich nicht mit denen verreisen und zweitens weiß ich nicht, was ich dann mit dem
Gongolmundy machen
soll.“ „Mensch Lorie, wenn da ĂŒberhaupt einer ausgeschlĂŒpft ist. Bestimmt ist nur die Schale zerbrochen.“ Pauline hakte ihre Freundin unter. „Aber ich bin mir ganz sicher. Er muss irgendwo in meinem Zimmer sein.“
„Komm jetzt, die Stunde fĂ€ngt gleich an“, gab Pauline zurĂŒck und zog Lorie mit sich zum Haupteingang.

Der Unterricht dauerte endlos. Lorie war ĂŒberhaupt nicht bei der Sache und FrĂ€ulein Mendelmeier bestrafte sie mit Extraaufgaben, und das einen Tag vor den Ferien. In der ersten großen Pause war sie ziemlich geknickt. Sie schlug sich mit den Gedanken an den bevorstehenden Urlaub herum. Vielleicht war der Gongolmundy dann ja schon groß genug, dass sie ihn mitnehmen konnte. Wenn er bis dahin nicht schon gestorben war, oder ihre Mutter ihn wirklich in den Papierkorb geworfen hatte. Pauline war Lorie auch keine Hilfe. Sie wĂŒrde ihr erst glauben, wenn sie den Gongolmundy mit eigenen Augen gesehen hatte. Zum GlĂŒck gab es wieder hitzefrei und Lorie rannte noch schneller, als am Vortag nach Hause. Diesmal blieb sie auch nicht bei Klestings stehen, um Pinka guten Tag zu sagen. Wie erwartet war ihre Mutter dabei, alles fĂŒr den Urlaub zu organisieren. Als Lorie durch die TĂŒr kam, stand sie mit einer langen Liste vor den halbgepackten Reisetaschen im Flur und ĂŒberprĂŒfte deren Inhalt.„Schön, dass du endlich da bist“, sagte sie und wollte ihrer Tochter die Liste ĂŒbergeben, bevor diese ĂŒberhaupt die Jacke ausziehen konnte.
„Kann ich das nicht spĂ€ter machen?“ Vorsichtig schob sich Lorie an ihrer Mutter und den Taschen vorbei.
„Jeder kĂŒmmert sich hier um einen Teil und deine Aufgabe ist es, mir beim Packen zu helfen. Deine Reisetasche habe ich schon herausgesucht und vor dein Bett gestellt“, sagte Frau Morgenstern nachdrĂŒcklich. Sie hatte Lorie an der Schulter gegriffen.
„Lass mich zuerst mein Zimmer aufrĂ€umen, sonst finde ich die Sachen gar nicht, die ich mitnehmen will“, redete sich Lorie heraus und ihre Mutter gab sich vorerst damit zufrieden.
Und natĂŒrlich rĂ€umte Lorie auf. Oder besser gesagt, sie rĂ€umte alles heraus und herum auf der Suche nach dem geschlĂŒpften Gongolmundy und so ganz nebenbei warf sie ein paar Sachen in ihre Reisetasche. Am Ende sah ihr Zimmer aus, als hĂ€tten Einbrecher es verwĂŒstet und in der Tasche befanden sich zwei dicke Pullover, ein angebissener, alter Schoko-Osterhase und ihr Mathebuch. Von eigentlich Gesuchtem aber nicht die geringste Spur. Ärgerlich und geschafft ließ sich Lorie auf ihren Drehstuhl fallen, war aber auch genauso schnell wieder oben. Sie hatte sich auf irgendwas Nasses gesetzt und beugte sich herunter, um zu erkennen, was es war. Auf dem zerschlissenen Polster kauerte ein blauer, pelziger Wurm und Lorie fuhr angewidert zusammen.
„Was soll denn das, glaubst du vielleicht du siehst besser aus? Und ĂŒberhaupt, sich einfach so auf einen draufzusetzen, als wĂ€r das angenehm.“
Der Wurm hatte sich zu seiner vollen GrĂ¶ĂŸe aufgerichtet. Die war ungefĂ€hr die einer Ratte. Überall auf seinem haarigen Körper waren bunte Spiralen und seltsame Blumenmuster.
„Und dieser schreckliche Raum. Hier findet man sich ja nicht mal zurecht und alles.“ Lories brauchte eine Minute, um die Situation zu erfassen, dann machte ihr Herz vor Freude einen Sprung. Da war der Gongolmundy also und er konnte sogar sprechen, auch wenn er das nicht gerade freundlich tat. UnablĂ€ssig beschwerte er sich und Lorie musste ihm einfach ins Wort fallen, um zu bemerken: “Du bist doch geschlĂŒpft. Ich wusste es. Du bist also Leo, mein Gongolmundy.“ Darauf stellte er seinen zotteligen, blauen Haarschopf auf und brauste los:“Was heißt hier Dein Gongolmundy und ĂŒberhaupt ist mein Name nicht Leo.“
„Aber ich habe dich mir gewĂŒnscht und Leo genannt“, sagte Lorie fest und der Wurm blieb einen Moment still.
„Ich heiße aber Tadeus, Theodor, Thoben“, sagte er dann nicht mehr ganz so zornig.
„Cool, mein eigener Gongolmundy. Kannst du auch zaubern oder die Zeit anhalten oder so was?“ Aufgeregt sprang Lorie um den Stuhl herum. „Ich muss dich unbedingt Pauline zeigen.“ Der Wurm sah ihr dabei zu und fing wieder an zu meckern.
“Bestimmt bin ich nicht Dein Gongolmundy und ĂŒberhaupt fĂŒhle ich mich hier gar nicht wohl und zaubern kann ich auch nicht und alles. Und wer ist Pauline und wer bist eigentlich Du?“
„Oh, du hast Recht“, sagte Lorie. „Entschuldige. Auch, dass ich mich auf dich draufgesetzt habe. Ich bin Lorie“. Sie hielt ihm die Hand hin und er nahm mit glitschigen Pfoten ihren Daumen. Lorie sah, dass er nur vier Finger hatte und daran waren so etwas wie SaugnĂ€pfe. Fast hĂ€tte sie sich wieder vor ihm geekelt.
„Und wie ich schon gesagt habe, heiße ich Tadeus, Theodor, Thoben.“
„Aber so einen Namen kann man sich doch gar nicht merken“, stellte Lorie unbeeindruckt fest.
„Was heißt hier so einen Namen kann man sich nicht merken. Ich heiße so, wie ich heiße und wie ich will und ĂŒberhaupt und alles.“
„Wir könnten uns doch auf Theo einigen.“
Gerade als er darauf etwas gewiss nicht Freundliches antworten wollte, kam Frau Morgenstern ins Zimmer, um zu prĂŒfen, wie weit das AufrĂ€umen vorangekommen war. Lorie reagierte geistesgegenwĂ€rtig, setzte sich schnell halb auf den Stuhl und starrte Ihre Mutter erschrocken an. Ebenso entsetzt sah diese aus, als sie sich dem Chaos gegenĂŒbersah.
„Oh Gott, was ist denn hier passiert? Du wolltest doch aufrĂ€umen“, stammelte sie und machte einen weiteren Schritt ins Zimmer. Lorie setzte sich beinahe wieder auf den Gongolmundy. Sie hörte ihn leise glucksen und versuchte sich mit den HĂ€nden seitlich abzustĂŒtzen.
„Was bitte machst du hier eigentlich?“, fragte Lories Mutter, wĂ€hrend ihre Augen ĂŒber das Durcheinander schweiften.
„Ich packe meine Sachen.“
Diese Antwort war wenig ĂŒberzeugend und Lorie schluckte.
„Aber dafĂŒr musst du doch nicht alles auf den Kopf stellen.“
Frau Morgenstern ging zur Reisetasche. Nachdem sie einen Blick hineingeworfen hatte, sagte sie verdattert: „Ist das alles, was Du mitnehmen willst? Wir fahren in den Urlaub nach Italien und du willst dort mit Pullovern herumlaufen? Und warum sitzt du da eigentlich so komisch?“
„Ich Ă€h, ich habe mich an der Hose nassgemacht“, stotterte Lorie.
„Nass gemacht? Wie denn das?“ Frau Morgenstern trat wieder nĂ€her. Schnell drehte sich Lorie um und hielt ihrer Mutter den Po entgegen, damit diese den Gongolmundy nicht entdecken wĂŒrde. Dabei ĂŒberzeugte sie sich gleich, ob es ihm gut ging. Sein zerzauster Haarschopf war etwas plattgedrĂŒckt, aber er wollte schon wieder lospoltern. Mit strengem Blick bedeutete Lorie ihm, leise zu sein.
„Da ist ein Fleck, ja. Hoffentlich geht der wieder raus. Ist irgendwie schleimig“, stellte Frau Morgenstern angeekelt fest und Lorie rutschte ein StĂŒck weg, weil Ihre Mutter nun an dem Fleck herumwischte.
„Mama, lass das doch“, empörte sie sich.
“Gib die Hose zum Waschen und rĂ€um hier bloß auf!“
Frau Morgenstern wartete bis ihre Tochter sich umstĂ€ndlich ausgezogen hatte, dann nahm sie die Jeans entgegen und ging hinaus. Lorie atmete tief durch und sagte dann zu dem Wurm: „Meine Mutter darf dich auf keinen Fall sehen.“
„Ich werde hier sowieso nicht lange bleiben. Ich muss nĂ€mlich meine Mission erfĂŒllen und alles. Und ĂŒberhaupt lasse ich mich nicht behandeln, wie einen Besitz“, stellte er patzig fest.Lorie nahm ihn behutsam hoch, aber er strampelte fĂŒrchterlich. Weil er so glitschig war, wĂ€re er ihr beinahe aus der Hand geflutscht. Sie setzte ihn auf den Schreibtisch und wischte mit einem Taschentuch ĂŒber den Stuhl. „Wie bist du denn eigentlich aus dem Glas gekommen?“, fragte sie dabei und er regte sich sofort wieder auf.
„Was heißt hier aus dem Glas gekommen und warum werde ich denn ĂŒberhaupt da drin eingesperrt?“ „Jetzt hör doch mal auf zu meckern, so verstehe ich doch gar nicht, was du sagst“, schimpfte jetzt Lorie und er machte eine betretende Miene. „Ich kann mich verwandeln, in was ich will und alles“, sagte er und schien dabei sehr stolz.
„Cool, ist ja stark. Zeig doch mal. Verwandle dich in einen Stift“, forderte Lorie eifrig und pikste ihn mit dem Finger. Der Gongolmundy verschrĂ€nkte seine flaumigen Arme vor der Brust.
„FĂŒr dich verwandle ich mich nicht und ĂŒberhaupt verwandle ich mich nur, wenn ich will und in einen Stift schon gar nicht und alles.“ „Und was ist mit der NĂ€hrlösung, ich denke ohne die kannst du in den ersten drei Tagen nicht leben“, fiel Lorie ein.
Er plusterte sich auf und antwortete: „Alles Quatsch und ĂŒberhaupt bin ich bestimmt nicht aus dem Ei gekommen.“ „Woher denn dann?“ „Aus deinem Wunsch. Dein Wunsch hat mich befreit.“, sagte er.
„Befreit? Aus dem Ei meinst du?“, fragte Lorie verwundert. „Ja, da drin haben die mich eingesperrt“, sagte er vorwurfsvoll, als mĂŒsste sie das doch wissen.
„Aber wer hat dich denn da eingesperrt, etwa die Leute von der Firma?“
Bevor er darauf antworten konnte, kam es aus dem Flur: „Lorie, Essen!“
Unentschlossen drehte sie sich zur TĂŒr.
„Warte hier auf mich. Ich bin gleich wieder da und dann musst du mir alles richtig erklĂ€ren“, sagte sie dann und ging hinaus.

Am Tisch wurde die Urlaubsplanung durchgegangen. Lorie schob lustlos die Erbsen auf ihrem Teller herum und beteiligte sich nur, wenn sie gefragt wurde. Sie war froh, dass ihre Mutter schon fast alles selbst organisiert hatte und sie nur noch einmal auf das Zimmer aufmerksam machte, und dass sie ihre Tasche packen sollte. Ihre Gedanken drehten sich nur um den Gongolmundy, der zu ihrem Entsetzen aber vom Schreibtisch verschwunden war, als sie in ihr Zimmer zurĂŒckkam.
„Theo, Theo wo bist du?“, rief sie laut und stĂŒrzte umher.
„Ich heiße Tadeus, Theodor, Thoben und ĂŒberhaupt könntest du vorher anklopfen“, kam es vom Ende des Bettes, wo die halbgepackte Reisetasche stand. Lorie erkannte eine zweite, buntgesprenkelte Tasche, die ihr ganz sicher nicht gehörte. Sie ging heran und sagte:
„Immerhin ist das noch mein Zimmer. Wo bist du denn? Etwa diese Reisetasche?“ Das fremde Ding bekam einen leichten Fußtritt und schimpfte:
„Aua, was soll denn das? Hast du keine Augen im Kopf und alles?“
Mit einem Plopp löste sich die Tasche auf und am Boden lag der Gongolmundy in einer kleinen PfĂŒtze. „Das passiert immer, wenn ich mich verwandle. Es ist sehr peinlich und alles“, sagte er und deutete mit seinen Saugknopffingern auf den schleimigen Fleck.
Lorie hob ihn hoch und setzte ihn wieder auf den Schreibtisch.
„Hier ist es so schon schmutzig genug. Verwandle dich doch bitte nur, wenn ich es dir sage“, murrte sie und beseitigte seine Hinterlassenschaft.
„Ich verwandle mich nur, wenn ich es will und ĂŒberhaupt muss ich auch auf Reisen gehen und alles“, krĂ€hte der Gongolmundy.
„Hör endlich auf zu meckern. Ich habe fast mein ganzes Taschengeld fĂŒr dich ausgegeben“, sagte Lorie missmutig. Sie hatte sich unter einem ganz besonderen Freund etwas anderes vorgestellt und begann enttĂ€uscht das Zimmer aufzurĂ€umen. Dieser Tadeus, Theodor, Thoben schien ein nervtötender Nörgelfritze zu sein.
„Weil die mich entfĂŒhrt haben und alles“, antwortete er und ruderte unbeholfen mit den Armen. „Ich muss auch verreisen und ĂŒberhaupt muss ich ganz schnell hier weg.“
„Ich muss morgen erst mal zur Schule und dann fahren wir in den Urlaub“, sagte Lorie abweisend.
„Aber ich kann nicht hier bleiben. Ich muss doch meinen Freunden helfen und alles. Und ĂŒberhaupt vermiss ich sie ganz doll.“ Lorie ging zum Schreibtisch und begutachtete den kleinen Wurm skeptisch. „Wo sind denn deine Freunde, hĂ€?“
„Diese Leute halten sie gefangen und sperren uns in die Eier ein“, antwortete er und ließ die Schultern hĂ€ngen.
„Die Leute, denen ich mein Taschengeld geschickt habe?“
„Bestimmt die ja.“ Lorie schĂŒttelte den Kopf. „Ach Blödsinn. Du bist jetzt mein Gongolmundy und morgen werde ich dich mit zur Schule nehmen. Pauline wird vielleicht Augen machen.“
Sie nahm ihn hoch und legte ihn in die Papierschachtel, in der sie sonst ihre liebsten Dinge aufbewahrte.
„Willst Du mich hier drin einsperren? Und ĂŒberhaupt muss ich doch verreisen und alles. So darfst du mich nicht behandeln“, schimpfte er auch noch, als der Deckel schon geschlossen war. Aber Lorie war so genervt von seiner ewigen Meckerei, dass sie ihm einfach keine Beachtung mehr schenkte und irgendwann war aus der Pappschachtel auch kein Ton mehr zu hören. Der Gongolmundy schien eingeschlafen zu sein. Lorie hatte ihr Zimmer fast in den Normalzustand versetzt, nur ein paar Klamotten und einzelne Socken lagen noch auf dem Boden herum, als sich in der Schachtel wieder etwas regte.„Schnell, lass mich raus! Ich brauche ganz dringend blau und alles. Und ĂŒberhaupt werde ich mich sonst verwandeln.“
Lorie stutzte. Hatte sie gerade richtig gehört, dass er blau brauchte? Was hatte man sich denn DARUNTER nun vorzustellen? Ganz sicher war das nur ein Trick, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Lorie öffnete trotzdem den Deckel der Schachtel und blickte dem Gongolmundy, der artig darin hockte herausfordernd entgegen.
„Was ist nun schon wieder?“, fragte sie betont verĂ€rgert und blitzte ihn an.
„Ich brauche blau und alles und das ganz schnell. Ich merke schon, wie es unterm Fell kribbelt.“
Lorie zog hörbar die Luft ein und erwiderte: „ Wenn ich gewusst hĂ€tte, dass Du so eine elende NervensĂ€ge bist, hĂ€tte ich mein Taschengeld lieber fĂŒr neue Scoubidou BĂ€nder ausgegeben.“ Der Gongolmundy machte ein komisches quietschendes GerĂ€usch, fast wie eine Badeente und antwortete mit angestrengter Stimme: „Schnell, schnell ich brauche blau. Und ĂŒberhaupt kann ich es sonst nicht mehr aufhalten.“
„Was soll denn blau sein. Was weiß ich, was Du jetzt von mir willst. Blaue Farbe, oder was?“ Lorie zuckte mit den Schultern und wollte sich dann einfach von ihm wegdrehen, aber da bemerkte sie, dass mit ihm wirklich etwas nicht in Ordnung war. Er atmete ganz schnell und hechelnd und von seinem haarigem Körper, der jetzt irgendwie ganz farblos aussah tropfte diese schleimige FlĂŒssigkeit, die er beim Verwandeln hinterließ.
„Oh nein, zu spĂ€t!“, presste er hervor und dann knurrte er plötzlich wie ein wĂŒtender Hund, nur viel leiser.
Lorie bekam richtig Angst vor ihm. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie tun sollte. Der Gongolmundy knurrte und quietschte in den unmöglichsten Tönen und das schleimige Zeug tropfte nun schon ĂŒber den Rand der Pappschachtel. Dann wurde er dicker und dicker wie ein Luftballon beim Aufblasen und sah bald auch aus wie einer und dann schwebte er sogar aus der Schachtel nach oben an die Decke des Zimmers. Dort hing er dann wie ein Lampenschirm und Lorie beobachtete all das mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und hĂ€tte am liebsten geschrien. Aber sie riss sich zusammen, weil sonst sofort ihre Mutter vor der TĂŒr stehen wĂŒrde. Es war schon verwunderlich, dass diese von dem Knurren nicht aufgeschreckt worden war. Lorie stolperte wie in Zeitlupe rĂŒckwĂ€rts zum Fenster. Aus der Ballongestalt des Gongolmundys stĂŒlpten sich jetzt Arme und Beine und sein Wurmkopf, der nur noch wie ein winziger Pickel aus dem Ballon hervorgeschaut hatte, wuchs ebenfalls zu einem breiten RiesenschĂ€del. Jetzt hatte Lorie so große Angst vor diesem Anblick, dass sie zu ihrem Bett stĂŒrzte und wie ein kleines Kind unter die Decke kroch. Zitternd schmulte sie darunter hervor und beobachtete, wie der Gongolmundy sich weiter verwandelte, bis er ein riesiger, blauer Berg aus Fell war, der von der Decke in die Mitte des Zimmers heruntertropfte. Ja, er tropfte und als alle seine Einzelteile heruntergetropft waren, fĂŒgten sie sich am Boden wieder zusammen. Diese Szene war wie aus einem Gruselfilm, den Frau Morgenstern ihrer Tochter niemals erlaubt hĂ€tte, sich anzusehen. Und trotzdem sah Lorie jetzt dabei zu und es passierte direkt vor ihren Augen, in ihrem Zimmer. Der Gongolmundy, oder was immer er jetzt auch war erhob sich. Er war nun so groß, dass er mit seinem monströsen SchĂ€del fast gegen die Lampe stieß. Lorie rutschte noch weiter unter ihre Decke und sah dabei zu wie er sich gierig im Zimmer umsah. Sie traute sich nicht dieses haarige Monster anzusprechen. Es hatte ĂŒberhaupt nichts mehr mit dem kleinen Wurm gemein, auch wenn das Gesicht, das Lorie jetzt erkennen konnte, weil er sich zu ihr herumgedreht hatte, gar nicht so furchtbar aussah. Es erinnerte sie ein bisschen an das KrĂŒmelmonster aus der Sesamstraße und genauso hungrig sah er auch aus. Er schnĂŒffelte an ein paar GegenstĂ€nden, Lories Schreibtischlampe zum Beispiel, an ihren Hausschuhen, an dem Regal mit den Figuren. Aber er schien einfach nicht das Passende zu finden. Dann roch es einfach nur in der Luft, wie ein Hund, der eine FĂ€hrte aufnahm und Lorie befĂŒrchtete nun, es könnte sich fĂŒr sie als leckere Vorspeise entscheiden. Sie machte sich vorsichtshalber ganz dĂŒnn unter ihrer Decke. Gleich darauf drehte er sich aber zum GarderobenstĂ€nder, an dem ihre dĂŒnnen Jacken und die HalstĂŒcher hingen. Dann quietschte und knurrte er wieder so komisch und begann wie ein Wilder an Lories blauer Kapuzenjacke herumzulecken. Dieses Bild war so unglaublich, dass Lorie sich die Augen reiben musste. Da stand also ein ponygroßes, haariges Monster in ihrem Zimmer und leckte an ihrer Jacke, wie an einem Softeis. Eins war schon mal klar, die Jacke wĂŒrde Lorie nicht mehr anziehen können. Dieses Ding in das sich der Gongolmundy verwandelt hatte leckte und leckte und verteilte seinen ekligen, schleimigen Speichel auf dem Stoff. Von dem schnalzenden GerĂ€usch wurde Lorie schon ganz schlecht und sie wollte sich abwenden. Dann aber bemerkte sie, dass das Monster das blau von der Jacke leckte. TatsĂ€chlich leckte es die Farbe herunter. Die Jacke wurde mit jedem Zungenschlag grauer und das Monster selbst bekam dafĂŒr wieder ein sattes blaues Fell, bis es schon bald genauso blau war, wie der Gongolmundy eigentlich ausgesehen hatte. Die seltsamen Spiralen und Muster leichteten auch wieder aus seinem borstigen Haaren hervor. Als er auch das letzte bisschen Farbe heruntergeleckt hatte, begann die Verwandlung von neuem. Zuerst stĂŒlpten sich Arme und Beine wieder nach innen, dann der Kopf, so dass es wieder wie ein großer blauer Ball aussah. Und der schrumpfte dann zurĂŒck auf WurmgrĂ¶ĂŸe. Als dann der Gongolmundy in seiner richtigen Gestalt vor dem GarderobenstĂ€nder saß, traute sich Lorie unter ihrer Decke hervor.
„Meine GĂŒte, was war denn das?“, fragte sie vorsichtig vom Bett aus. An ihn heranzugehen, das schien ihr doch noch zu gefĂ€hrlich.
„Das passiert, wenn mir das blau ausgeht.“, antwortete er betrĂŒbt.
„Ich hab richtig Angst vor Dir gehabt.“, sagte Lorie.
„Wie oft brauchst du denn etwas Blaues?“
„Es hĂ€ngt damit zusammen, wie oft ich mich verwandle und alles. Aber genau abschĂ€tzen kann ich es nicht und ĂŒberhaupt merke ich es immer erst ganz kurz vorher.“
„Oh man, das glaubt mir doch kein Mensch.“
Lorie stand vom Bett auf und begutachtete ihre ehemals blaue Jacke. Nur noch um die Öffnungen, aus denen die BĂ€nder fĂŒr die Kapuze rausguckten, war ein wenig blau zu sehen. Der Rest hatte eine Farbe, die im Kleiderkatalog unter grau meliert fallen wĂŒrde.
„Wenn du dich in dieses Ding verwandelst, wĂŒrdest du mir dann etwas tun?“, fragte sie.
Der Gongolmundy wiegte den Kopf. „ Nein, ich glaube nicht. Aber ich kann es auch nicht garantieren und ĂŒberhaupt kann ich mich immer an nichts erinnern und alles.“
Lorie nahm ihn vom Boden auf und hielt ihre HandflĂ€che, auf der er nun saß ganz dicht vor ihre Augen. „ Du bist schon ein komischer ganz besonderer Freund. Wenn ich das alles Pauline erzĂ€hle, fĂ€llt sie glatt in Ohnmacht. Hast du denn jetzt genug blau gehabt, oder muss ich jetzt Angst haben, dass du dich wieder jeden Augenblick in dieses Monster verwandelst?“
„Nein, nun dĂŒrfte ich wieder eine Weile auskommen und alles. Aber wirst Du mir nun helfen zu meinen Freunden zu kommen?“, fragte er und blickte ihr mit seinen leuchtend bunten Augen fest entgegen. Lorie setzte ihn zurĂŒck in die Papierschachtel und zuckte die Schultern.
„Jetzt muss ich erst mal Pauline anrufen. Die glaubt mir doch kein Wort, Mensch.“
Damit ging sie hinaus zum Telefon. NatĂŒrlich glaubte Pauline kein Wort und Lorie musste dreimal versprechen, den Gongolmundy morgen unbedingt mit zur Schule zu bringen. Sie hoffte nur, er wĂŒrde sich nicht mitten im Unterricht in das blauhungrige Monster verwandeln. Sowas ließ sich nĂ€mlich nur schwer verstecken.




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©D. Frank

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