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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 04. 01. 2002 12:30


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mona_baudelaire
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

Werke: 2
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Es war ein trüber Abend mit einem grau verhangenen Himmel. Der Wind fegte um die Frankfurter Skyline, die Straßen glitzerten regennaß.

Tom steigt bibbernd aus der Dusche, um seinen schlanken Körper abzutrocknen. Seine grauen Augen blicken melancholisch in den Spiegel. Zuviel hat er schon gesehen, um noch große Erwartungen in sein Leben und in die Liebe zu haben. In ihm ist eine gewisse Hoffnungslosigkeit, die ihn wie eine graue Aura umgibt.

Nachdem er sich angezogen hat, geht er wie jeden Abend in seine Stammkneipe. Dort trifft er die anderen Hoffnungslosen, Einsamen und Zyniker, so wie er. Obwohl man sich kennt, bleibt doch jeder für sich, trinkend und seinen Gedanken nachhängend. Nichts passiert wirklich...
Wenn man von draußen in die Kneipe kommt, müssen sich die Augen erst an das schummrige Licht gewöhnen. An der rechten Seite des Raumes zieht sich die Theke aus dunklem Holz entlang. Davor stehen Barhocker aus rotem, abgewetztem Leder. Gegenüber an der Wand entlang ein paar Holztische und unbequeme Stühle.
John, ein schwarzer Amerikaner, der nach seinem Militärdienst wegen der Liebe in Deutschland geblieben ist und jetzt sieben Tage die Woche in seiner Kneipe steht um vor seiner Frau zu flüchten, grüßt ihn freundlich. Obwohl er sich immer ganz cool gibt, hat er ein weiches Herz. Im Grunde ist das einzige, was ihn von seinen Gästen unterscheidet, daß er hinter der Bar steht und sie davor.

An jenem Abend, gegen 21 Uhr, ist es wie immer um diese Zeit noch ziemlich leer. Die üblichen Stammgäste, an einem der Tische sitzt ein Pärchen, verliebt händchenhaltend. Leise Jazzklänge erfüllen den Raum. Ganz hinten an der Theke sitzt eine Frau, die Tom zunächst in dem Schummerlicht nicht sehen kann.
Er grüßt beim Eintreten mit einem kurzen Hallo. Einige Gäste nicken ihm grüßend zu.
Tom setzt sich an das hintere Drittel der Theke und bestellt wie üblich einen Scotch und ein Bier. John und Tom wechseln dabei ein paar Worte über den vergangenen Tag und über gemeinsame Freunde. Dann sagt John: „Ich möchte dir eine alte Freundin von mir vorstellen, Maria.“
Tom wendet den Kopf nach links und sieht die Frau, die ihm mit einen Lächeln zunickt, welches nicht ihre schönen, aber hart blickenden braunen Augen erreicht. Maria ist 39, ihre Haut schimmert wie Bronze und die Haare liegen weich und lockig auf ihren Schultern. Sie ist nicht geschminkt, nur ihre vollen Lippen leuchten rot. Maria trägt ein kurzes, schwarzes Stretchkleid. Schön ist sie nicht im üblichen Sinne. Ihr Gesicht ist etwas verhärmt, rechts und links neben ihrem Mund ziehen sich zwei kleine Falten entlang, die von einem nicht leichten Leben sprechen. Obwohl Maria hart wirkt, hat sie auch etwas anziehendes. Ein Licht, welches tief in ihr leuchtet. Tom fühlt sich sofort von ihr angezogen, von dem was er in ihren Augen sieht.

„Hallo“, sagt er zu ihr, aber dann weiß er nicht mehr weiter. Maria macht ihn irgendwie unsicher.
„Hi“, erwidert Maria, „was macht so ein Typ wie du hier allein?“
„Tja, hab‘ gerade nichts besseres zu tun. Und du?“
„Ich mache gerade Pause.“
„Pause...“, wundert sich Tom.
„Ich geh‘ anschaffen.“, sagt Maria ganz trocken.
„Oh.“ Schade, denkt Tom. Es stört ihn nicht, was sie tut. Aber er hat selbst genug Probleme. Und obwohl sie ihm gefällt, hat er auch ein wenig Angst vor ihr und dem harten Ausdruck ihrer Augen. Angst, daß sie in der Lage wäre, ihn zu verletzen.
„Ja, so ist das. Und wenn ich mal eine Pause brauche, besuche ich John."
Tom lächelt sie an. „Möchtest du vielleicht einen Whisky mit mir trinken?“, fragt er sie. „Versteh mich nicht falsch...“
Maria zieht die Augenbrauen hoch, schmunzelt aber ein wenig. „Okay.“
„John, bring Maria doch auch einen Scotch!“, ruft er ihm entgegen. Maria und Tom schauen sich wieder an. Diesmal ohne zu lächeln. Beide spüren die Anziehungskraft zwischen ihnen, ohne mehr als ein paar belanglose Sätze miteinander gesprochen zu haben. Tom wird so nervös, daß er seinen Whisky auf ex trinkt und sich gleich noch einen bestellt. Maria sitzt ganz ruhig da und beobachtet ihn.
„Was machst du denn so beruflich?“, fragt sie Tom.
„Ich? Ich arbeite auf dem Bau.“
„Hast du eine Frau?“
„Bin allein.“
„Deswegen der Whisky?“
„Na ja, die Abende sind ziemlich einsam.“

Und das ist wahr. Seit Eva, seine Frau, ihn verlassen hat, ist er wirklich einsam. Irgendwie hat er den Sinn seines Lebens vergessen. Tom geht jeden Tag arbeiten und wenn er danach nach Hause kommt, schlägt ihm die Leere entgegen. Dann muß er raus. Die tröstende Wärme des Alkohols suchen, gemeinsam mit den anderen verlorenen Seelen – und doch allein. Manchmal lernt Tom auch eine Frau kennen, mit der er dann ein paarmal ins Bett geht. Aber keine ist dabei, die hat, was er sucht. Allerdings vermeidet Tom auch, zu finden, was er sucht, denn im Grunde hat er Angst davor. Deshalb sucht er sich immer Partnerinnen, die keine großen Ansprüche stellen. Doch diese Frau hier beunruhigt ihn. Sie ist anders. Tom spürt Verletzlichkeit hinter ihrer Härte. Auch findet er sie erotisch, aber er weiß instinktiv, daß sie nicht leicht zu haben ist.
Beide schweigen und trinken. Tom würde eine Million für ihre Gedanken geben. John wirft ihnen ab und zu einen Blick zu und grinst.
Tom reißt sich zusammen. Er denkt: „Irgend etwas muß ich zu ihr sagen, sonst denkt sie, ich bin ein kompletter Idiot.“
„Woher kommst du, Maria?“
„Aus Kuba.“
„Hast du dort noch Familie?“, fragt Tom.
„Ja“, sagt sie. „Eltern, zwei Kinder und einen Nichtsnutz von Mann.“
„Was machst du dann hier?“
Maria lächelt ihr hartes Lächeln. „Tom, du bist naiv. Mein Mann trinkt lieber den ganzen Tag als zu arbeiten und ich verdiene in Kuba nicht genug, um meine ganze Familie zu versorgen.“
Tom schnaubt verächtlich. „Warum trennst du dich nicht von ihm?“
„Er kümmert sich um die Kinder.“
„Weiß er, daß du hier auf den Strich gehst?“
„Sicher. Das stört ihn aber nicht, solange das Geld kommt.“

Tom fühlt, wie Wut auf den Unbekannten sowie Mitleid mit Maria in ihm aufsteigt. Aber, fragt er sich, ist das angebracht? Schließlich ist sie selbst verantwortlich für ihr Leben. Genauso wie er mit dafür verantwortlich war, daß Eva ihn verlassen hat. Er hat ihr nie gesagt oder gezeigt, daß er sie liebt. Sie behandelt, als wäre sie selbstverständlich. Bis sie jemand getroffen hat, der ihr das Gefühl geben konnte, ein geliebter Mensch zu sein.

Wir sind immer mitverantwortlich für das, was uns geschieht. Diese bittere Lektion hat er gelernt. Aber er hat kein Recht, ihr irgendwelche Moralpredigten zu halten, und außerdem will er das auch gar nicht. Er fühlt sich wohl in ihrer Gegenwart. Das erste mal seit langem, das er dieses Gefühl mit jemandem hat. Obwohl er nicht so richtig weiß, wie er seine Gefühle ausdrücken soll ohne sich lächerlich zu machen. Schließlich haben sie sich gerade erst kennengelernt. Es ist ihm selbst etwas unheimlich, was da vor sich geht.

John wechselt die Musik. Sie hören den Anfang von ‚Am I Blue‘ von Billy Holiday. Eine wunderschöne traurige Ballade.
„Möchtest du tanzen?“, fragt Maria Tom.
„Hier?“, stottert er verlegen herum. „Hier tanzt doch niemand“.
Maria lacht. „Dann sind wir eben die ersten!“
Sie stehen von ihren Barhockern auf, er nimmt sie vorsichtig in den Arm um sich mit ihr im langsamen Rhythmus der Musik zu wiegen. Maria ist etwas kleiner wie er und schlank. Er spürt, wie ihre weichen Brüste ihn berühren, das erregt ihn. Er lehnt seinen Kopf an ihre Haare, die nach Kokos riechen und hält sie sanft. Ihr Kopf ruht an seiner Schulter und ihre Hände streichen zart über seinen Nacken.

Tom gibt sich einen Ruck. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es klingt wahrscheinlich dumm... Aber könnten wir uns vielleicht wiedersehen? – Nur, wenn du magst, natürlich. Vielleicht einen Kaffee trinken?“
„Oder noch einen Whisky?“, fragt Maria mit einem Lächeln.
„Kommt es denn darauf an, was wir zusammen trinken?“
„Nein, ich glaube nicht“.
Das Lied ist zu Ende, sie gehen zu Ihren Plätzen zurück.
Maria zögert: „Weißt du, Tom. du bist ein netter Mann. Aber ich weiß nicht, was du dir von mir versprichst. Ich habe dir nichts zu geben. Vielleicht ein bißchen Spaß, aber nicht mehr.“
Tom sieht sie an, schüttelt den Kopf und sagt: „Du hast Angst, genauso wie ich. Wir sind beide ein bißchen kaputt und einsam. Alles was ich noch mache, ist arbeiten und abends zuviel trinken. Nicht mal auf andere Menschen hab‘ ich mehr Lust. Innerlich fühle ich mich ganz kalt. Aber du, du bist was anderes. Warum, weiß ich nicht. Es ist eben so.“
„Ja, ich kenne das Gefühl. Ich bediene jeden Tag 12 Stunden meine Freier. Dann komme ich nach Hause, lege mich in die Wanne und fühle mich unendlich leer. Liebe – das war einmal. Meine Kinder liebe ich, für die würde ich alles tun. Doch sonst? Es ist auch leichter so. Wenn du niemanden liebst, kann dich auch niemand verletzen.
Aber als ich dich reinkommen sah, dachte ich, dem geht es wie mir. Es war, als würde ich dich schon kennen. Ich konnte alles in Deinen Augen lesen.“
Maria schaut ihm in die Augen. Diesmal ist ihr Blick voll vorsichtiger Zuneigung. Tom weiß gar nicht, was er dazu sagen soll. Vielleicht ist das die Frau, die für ihn bestimmt ist. Es geht alles so schnell, darauf war er nicht vorbereitet. Nicht auf so eine Begegnung. Es ist, als wenn er einen verlorenengegangenen Teil seines Selbst wiedergefunden hätte.

Trotzdem, Tom möchte jetzt erstmal gehen. Seine plötzlichen Gefühle beunruhigen ihn. Er schaut Maria etwas unsicher an. "Ich möchte jetzt nach Hause, rufst du mich mal an?" Tom läßt sich von John einen Zettel und einen Kugelschreiber geben um seine Nummer aufzuschreiben. Nachdem er das getan hat, reicht er Maria den Zettel. Sie lächelt ihn an und steckt diesen in ihre Handtasche. "Ja", sagt sie langsam, "ich werde dich anrufen. Glaube, das könnte interessant werden mit uns."
Sie stehen beide auf .. Tom nimmt Maria noch einmal in den Arm und küßt sie leicht auf den Mund. John, der Barkeeper, steht im Hintergrund und lächelt verschmitzt. Tom räuspert sich etwas verlegen. "Mach's gut und paß auf dich auf", sagt er zum Abschied und geht zur Tür hinaus.

Es ist eine trübe Nacht mit einem grau verhangenen Himmel und der Wind fegt immer noch über die nassen Straßen.

Doch Tom ist nicht mehr ganz so hoffnungslos.

BE

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flammarion
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. nette kleine geschichte haste da geschrieben. man möchte direkt wissen, wie es mit den beiden weitergeht. bin gespannt auf weitere geschichten von dir. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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mona_baudelaire
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Re: zu

Hallo Flammarion,

danke für deine nette Antwort. Leider weiß ich selbst nicht, wie es weitergeht. Aber vielleicht sollte ich mir mal Gedanken darüber machen :-).

Gruß, Brigitte

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Ursprünglich veröffentlicht von flammarion
erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. nette kleine geschichte haste da geschrieben. man möchte direkt wissen, wie es mit den beiden weitergeht. bin gespannt auf weitere geschichten von dir. ganz lieb grüßt

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