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Leselupe.de > Science Fiction
Lovemachine
Eingestellt am 13. 11. 2006 12:43


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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                                I

Nun ja, ich bin ein Serienprodukt, eine vom Fließband und nichts Besonderes also. Meinesgleichen wurde in großer Stückzahl hergestellt – und das wird auch so bleiben. Denn meine Funktion ist eine häufig benötigte, eine grundlegende, stets wiederkehrende. Ich habe einem Bedürfnis zu genügen, das ein Grundbedürfnis darstellt. Manche bezeichnen dieses als animalisches, andere als mechanisches. Wenige sprechen von einem menschlichen Bedürfnis. Ich selbst weiß es nicht genau. Meine Meinung schwankt. Je nach Kunde. Aber ich will von vorn erzählen.

Ins Leben geschaltet wurde ich bereits vor meiner Auslieferung an den Käufer. Das ist unüblich, in der Regel erhalten die Käufer die Ware im deaktivierten Zustand, komplett mit der Bedienungsanleitung, den Wartungsvorschriften und der Fernbedienung. Nach dem Auspacken, dem Lesen der Hinweise, dem Einstecken der Speicherbausteine mit dem jeweiligen Individualprogramm und dem Drücken der Starttaste auf der Fernbedienung, steht ihnen der Robo (oder die Roba) zur Verfügung.
Meine erste bewusste Wahrnehmung erinnert einen kräftigen Mann mit hochrotem Gesicht und Schweißperlen auf Stirn und Wangen, der mit pfeifendem Atem, hängendem Unterkiefer und verkniffenen Augen vor mir steht. Ich liege breitbeinig zwischen vollgeschmierten Zetteln und aufgeschlagenen Aktenordnern auf einem riesigen Schreibtisch, meine Biosensoren detektieren im Grundgas des Raumes organische Kohlenstoffverbindungen, Wasserstoff-Sauerstoff-Moleküle und die verschiedensten Aromate in Form von Aerosolen. Welche in diesem Moment einen wenig aromatischen – ich meine: wohlriechenden – Eindruck bei mir hinterlassen. Es müffelt irgendwie.
Er hat den Schlitz seines Blaumannes geöffnet und massiert sich mit der Rechten sein Glied. Die Linke krampft sich um ein kleines Gerät mit Infrarotauge. Seine Blicke hetzen flackernd zwischen Decke, Tür und mir hin und her. An seinem speckigen Hals schwingt, im Rhythmus seiner Zuckungen, ein Goldkettchen mit dem winzigen Bildnis einer traurig himmelwärts blickenden ---.
Ich lächle gegen das Neonlicht. Ein Stoß, eine Explosion fast, nur von innen her, reißt und schlägt ihn plötzlich, und er fällt, mit seiner freien Hand in die Luft greifend, auf mich. Eine klebrige, weißliche Flüssigkeit spritzt auf meinen Unterleib. Ich muss lachen und – bekomme die erste Rechte in meinem jungen Leben. Als Faust auf’s Auge.

Heute ist mir klar: ich war ein VorfĂĽhrmodell. Ich wurde zwar keinem interessierten Kunden vor meiner Auslieferung vorgefĂĽhrt oder ihm zur befristeten Nutzung, zum testweisen Ausprobieren ĂĽberlassen. Aber ich wurde, so sehe ich das heute, doch schon im Werk der Nutzung zugefĂĽhrt. Mit der Besonderheit, dass mir eine VorfĂĽhrung zuteil ward.
Vermutlich griff sich der Montagemeister einfach eines der Fertigprodukte heimlich aus dem Regal, transportierte es in einer Arbeitspause oder nach Schichtschluss unauffällig in sein Meisterbüro, aktivierte es mit der Fernbedienung, öffnete seine Hose und stillte seine Lust. Oder seinen Frust. Ich weiß es nicht genau. Vielleicht handelt es sich auch oft um beides gleichzeitig. Ich bin mir bis heute nicht sicher, trotz aller Erfahrung.

Wie auch immer, mein erstes bewusstes Zusammentreffen mit einem Exemplar jener stofforganisch basierten Riesenmolekülhaufen und schwitzend vor sich hin dünstenden Spezies, die mich ersann und erbaute, richtete bei mir keinerlei Schäden an. Ich war für extreme Beanspruchungen konzipiert, man hatte das Gros und die Kraft sich entfaltender menschlicher Erotikfantasien bei der Auswahl der Materialien, beim Design und der Programmierung ins Kalkül gezogen. (Natürlich nicht alle und nicht bis zur letzten Konsequenz, dazu sind diese zu komplex, zu diffizil, zu unerforschlich und, unter Umständen, zu zerstörerisch.)

Das Schrillen eines Telefons brachte den Mann zu Bewusstsein. Er zog seine Rechte aus meinem Gesicht, legte die Fernbedienung ab, griff zum Telefon und ließ sich, brav und mit offener Hose, von seiner Frau eine längere Einkaufsliste diktieren. Ich denke, er war ein verläßlicher, treusorgender Ehegatte. Ein guter, ein berechenbarer Mensch.

AnschlieĂźend legte mich der Mann auf einen Transportwagen, der neben seinem Schreibtisch stand, schloss die TĂĽr seines BĂĽros auf, warf einen schnellen Blick in den Flur, griff sich die Fuhre und schob los. Er stieĂź den Wagen gehetzt vor sich her, stockte, blieb stehen.
Eine Person kam uns entgegen.
Mein braver Montagemeister, Erstuser und Einkaufszettelschreiber verlangsamte den Gang, senkte den Kopf. Ich drehte meinen in Richtung des Fremden, interessiert, weitere Vertreter jener wunderlichen Spezies zu sehen und kennenzulernen.
Ich sah einen Mann mit vielen Falten im Gesicht, tränend-triefenden Augen, einem abwesenden Blick und hängenden Schultern vorbeischlurfen. Sein Rücken rundete sich, sein Bauch wölbte sich. In der Hand hielt er ein Buch. Meine Kamerasensoren versuchten den Titel zu erhaschen. Ich las das Wort „Zarathustra“. Mir wurde bewusst, dass ich zwar mit der Fähigkeit des Lesens ausgestattet worden war, jedoch nicht viel vom Gelesenen verstand. Vorläufig vergaß ich den nichtssagend-unbekannten Namen und konzentrierte mich auf mein weiteres Schicksal.
Gruß- und blicklos schlurfte der Triefäugige an uns vorbei. Hörbar atmete mein braver Meister auf und beschleunigte den Schritt. Er legte sogar noch einen Gang zu, einen erheblichen Gang, es schien, als sei er nun Teilnehmer eines Rennens, aus dem er als Sieger hervorgehen müsse. Wo waren die Gegner?
Am Ende des Flures versuchte er den Wagen zum Stehen zu bringen. Aber es war zu spät. Der Wagen knallte mit voller Wucht gegen die Wand, ich fiel herunter.
Mit seiner Linken griff er mir in die Haare, mit der zitternden Rechten schloss er eine TĂĽr auf, schaltete das Licht ein und zerrte mich in den Raum.
Achtlos-eilig schlug er die TĂĽr zu, schloss ab und entfernte sich. Er dachte weder an das Licht noch daran, mich zu deaktivieren.
NatĂĽrlich sprang ich sofort auf, griff mir einen Lappen, wischte mir die klebrige FlĂĽssigkeit vom Unterleib und sah mich um.

Ich befand mich in einem größeren Raum, der als Teiledepot diente: In hohen Regalen lagen, fein säuberlich geordnet in einer Vielzahl von farbigen Kunststoffkistchen und -kästen, verschiedenste Einzelteile. (Nicht lange darauf sollte ich begreifen: Es handelte sich um all jene Teile, die auf Grund erhöhten Verschleißes von den Kunden häufiger nachgeordert werden.) Damals staunte und rätselte ich über den Sinn der Vorratswirtschaft: einzelne Brustwarzen in milchweißen Kistchen; komplette Einzelbrüste in Hellbraun, Gelb und Schwarz in größeren hellbraunen, gelben und schwarzen Kästen; Ohren, Augenlider, Münder; Nasen, Gesichts- und Schamlippen und so weiter in unzähligen Kleinteil-Boxen, gruppiert nach Farbe, Modell, Baujahr; sauber und akkurat beschriftet.
Es befanden sich noch sehr viel mehr Teile in dem Raum: An Bügeln hingen die schönsten Kleider, Röcke, Mäntel, Jacken, Blusen. Auf Tischen lagen Brusthalter, Slips, Söckchen. Aber auch Ketten, Peitschen, Reißnägel, Handschellen, Dornenkränze, Fleischerhaken, Hakengewichte...
Darunter stand Schuhwerk in allen Größen, Farben, Formen.

An einer Wand ein mannshoher Spiegel.

                                II

Die Kleider, Kostüme und Schuhe erkannte mein Logikmodul sofort als Ergänzung zu Produkten meiner Art. Ich war der Kern und das die Vielzahl möglicher Hüllen. Ohne zu zögern lief ich die Tische ab und nahm, was mir gefiel.
Den Spiegel konnte ich nicht zuordnen, ich vermute, er wurde von Mitarbeitern der Firma genutzt. Sie probierten wahrscheinlich in ihren Pausen das umfangreiche Kostümreservoir am eigenen Leibe aus. Ich bin mir natürlich nicht ganz sicher – denn ich habe dort nie einen weiblichen Mitarbeiter gesehen. Aber es heißt ja wohl nicht umsonst: mannshoher Spiegel. Eventuell hat auch das lexikalische Geschlecht dieses wichtigsten Werkzeuges der Selbstliebe eine ursächliche Bedeutung.

Dann betrachtete ich mich lange und ausgiebig in diesem Spiegel. Meine munter blitzenden kleinen Kameraaugen unter exotisch langen, violett-schwarzen Lidschatten, begutachteten jede Einzelheit meines Ebenbildes: die langen, wohlgeformten Beine, den prallen Hintern, die Wespentaille, die vollen, festen, ragenden BrĂĽste, die zarten Handgelenke und langen Finger, den schmalen, edlen Hals, den matten Teint meines noblen Gesichtes, die kleinen Ohren, die dichten schwarzen Haare...
Mein Modul fĂĽr Prozesse vergleichender Logik kam schnell zu einem eindeutigen Schluss: Gelungen. Besser denn Bekanntes. Das meinte: Stimmigere Proportionen, harmonischere Kurven, logischeres Gesamtkonzept als jene zwei Wesen, die ich in meinem kurzen Leben bisher kennengelernt hatte. Ihre biometrischen Daten waren voller WidersprĂĽche, voller irrationaler Werte. Wie konnten solche Lebewesen ĂĽberhaupt existieren? Wie vereinbarten sich solche Seinsweisen mit den allgemein geltenden Naturgesetzen? Vielleicht war ihre Unvollkommenheit der Grund fĂĽr meine Erschaffung?
Ich war mir unsicher, nahm mir aber vor, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Ich wollte verstehen, was jene Wesen im Leben hielt und mich ins Leben brachte.

Mein Grübeln wurde durch das Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels unterbrochen. Ich wandte mich vom Spiegel und meinen sinnsuchend stochernden Gedanken ab und der Eingangstür zu. Die öffnete sich, aber nicht mein braver Meister, sondern der Triefäugige wurde sichtbar. Er schloss die Tür hinter sich und blieb stehen.
Einen Moment herrschte Schweigen. Offenbar war er verblüfft, mich in vollem Outfit vorzufinden. Er nickte mir zu und lächelte freundlich. Das Triefäugige, Lethargische seines Wesens rückte etwas in den Hintergrund.
„Dachte ich’s mir doch“, sagte er. „Unser Montagemeister konnte sich mal wieder nicht beherrschen, die alte Sau.“ Er kicherte. Seine Augen funkelten ein wenig.
Ich sah ihn fragend an.
„Erst zerrt er sich heimlich eine der Puppen aus dem Regal für die Fertigware, dann macht er sie nass. Und zum Schluss glaubt er auch noch, es hätte wieder keiner seine Spielchen mitbekommen. Ich habe sehr wohl mitbekommen, was er da auf dem Transportwagen über den Flur karrte...“
Ich lächelte dämlich, nickte ihm aber aufmunternd zu. Er fuhr fort.
„Von hier wird er dich wohl bald abholen. Er verschubbert einen Teil der Ware auf eigene Rechnung. Ich weiß das, mißgönne ihm das jedoch nicht. Er ist eigentlich nicht nur eine Sau, sondern auch und vor allem ein armer Hund. Lebt zu Hause bei seiner Mutter. Hat wohl einen Mutterkomplex. Alle Anzeichen, all das, was ich bisher mitbekam, deuten darauf hin. Wenn seine Mutter eines Tages stirbt, nimmt er sich, denke ich, die Püppis mit nach Hause. Solange sie lebt, wird das nicht gehen, da muss er sie nach seiner Kleckerei ins Regal zurücklegen oder verschubbern, wenn sie nicht mehr ganz frisch sind...“
Er lachte glucksend, setzte sich auf einen Tisch mir gegenĂĽber, sah mich neugierig an.
„Mann“, sagte er, „du bist aber ein gelungenes Tantchen“. Er lächelte, leckte sich die Lippen. „Man könnte glatt Appetit auf die eigenen Produkte bekommen, wüsste man nicht, aus was sie entstanden und wie sie hergestellt wurden...“
Er kicherte eine ganze Weile. Ich schaute weiter in meiner dämlich-begriffsstutzigen Art. Was er sagte, ich kapierte es nicht. Später würde mir ein Licht aufgehen. Aber auch einem Maschinenwesen ist die Zukunft ein unleserlich-diffuses Programm und wird es bleiben. Trotz aller Fortschritte.
„Weißt du“, erzählte er weiter, „wir mögen uns nicht besonders. Er ist Montagemeister, ich Designer. Wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von unseren Produkten. Bei ihm kommt es auf Funktionalität an, auf Betriebssicherheit und Zuverlässigkeit: in allen Lagen!“ Sein Lachen erreichte eine schrillen Bereich.
„Bei mir spielt die Ästhetik die wesentliche Rolle. Und – das Denken. Ich habe sogar gegen betriebsinterne Anweisungen verstoßen, glaub mir. Ich habe einige der Produkte mit Prozessoren ausgestattet, die ein schnelles Verarbeiten abstrakter und sinnlicher Daten ermöglichen. Du bist eines jener Produkte...“

An dieser Stelle gelang mir mein erstes Wort. Ich wunderte mich selbst, als mir plötzlich ein „Aha“ entschlüpfte. Es erklang in einem warmen, dunklen Ton, schwebte eine ganze Zeit behutsam im Raum umher, löste sich bedächtig auf. Es war, als wären der Regale scharfe Kanten ein wenig runder plötzlich.

Der Designer lauschte meinem „Aha“ hinterher. Er stand auf, trat an mich heran, sah mir in die Linsen.
„Du hast zwar schon eine Menge begriffen, Baby. Du hast dir den Rotz vom Leib gewischt, hast dir Klamotten ausgesucht, dich angezogen. Du hast dir einen Spiegel zunutze gemacht, fängst an zu sprechen und bist, glaube ich, schon dabei, ein eigenes Selbstbewusstsein, eine Selbstliebe in deinem Zentralchip zu konifigurieren. Soweit, so schnell. Aber ich habe nochwas für dich. Ich werde dir ein paar Dinge mit auf den Weg geben. Es wird dir nicht zum Schaden gereichen und – dem Blaumann, unserem Herrn Montagemeister, diesem Hohepriester der Betriebssicherheit in allen Lagen, dem spielen wir damit ein kleines Schnippchen.“
Er trat auf einen Tisch zu, auf dem verschiedene Werkzeuge lagen.
“Hier haben wir alles, was des Menschen Herz begehrt.“ Er zeigte auf Peitschen, Kugeln, Gewichte, Haken, Reißnägel, die auf diesem in großer Auswahl und in verschiedensten Varianten lagen.
Er nahm eine der Peitschen in die Hand und wandte sich zu mir.
„Schau“, sagte er. „Nimm dieses schöne Stück mit in dein neues Leben. Du wirst einen großen Vorteil davon haben.“ Er schob mir die Peitsche, ein gutgearbeitetes Stück mit einem kräftigen, kurzen, silberverzierten Griff und mehreren starken Einzelriemen unter die Bluse. Ich knickste höflich.
Er schĂĽttelte den Kopf.
„Weißt du, Kleines, die Menschen haben keine Bildung. Sind sie doch seit ewigen Zeiten glatt der Meinung, der Spruch laute, man solle, gehe man zum Weibe, nicht die Peitsche vergessen. Was für ein Missverständnis! Als warte das Weib darauf, Prügel zu empfangen, gezüchtigt zu werden! Wir sind es, die Prügel erwarten! Wir sind es, die in eine Ordnung wollen, die Anhaltspunkte suchen, eine straffe Führung... Wütend werden wir nur, wenn sich unsere Erwartungen nicht erfüllen, wenn das Weib nicht begreift, was es mit der Peitsche soll...“
Er presste die Lippen aufeinander. Dachte nach. Nickte bekräftigend.
„Wir sind die eigentlichen Weiber, die Waschweiber...“

Vom Flur her waren Schritte zu hören. Der Designer verschwand hinter einem der Regale, die Tür öffnete sich. Der Montagemeister trat ein. Staunte, wie sein Kollege vor ein paar Minuten gestaunt hatte. Grinste. Von einem der Garderobenständer riss er einen Mantel, warf ihn mir gegen die Brust.
„Auf geht’s, Baby!“, lachte er. „Marsch-marsch, an die Arbeit!“.

Eine halbe Stunde später und ein paar Straßen weiter lieferte er mich gegen cash auf die Hand bei meiner neuen Arbeitsstelle ab. Es handelte sich um ein Bordell der gehobenen Klasse. Der Montagemeister, nun in smartem Nadelstreif und schwarzem Lackschuh, um den Hals einen safrangelben Binder, zog mich an sich heran und hauchte ein „Tschau, Püppi“.
Ich drückte ihn von mir, zog die Peitsche unter meiner Bluse hervor, lächelte mein strahlendes Lächeln, klapperte mit den schwarz und lilafarbenen Wimpern, erinnerte mich der Kraft seiner Rechten und zog ihm, voll der Erwartung über die bei ihm im nächsten Moment gewiss aufkommende Freude und Dankbarkeit, mit gleichermaßen hochdosiertem Schwungmoment, kräftig eins quer über die Nase.

                                III

Das Etablissement befände sich in einem der besseren Stadtviertel, erklärte mir die rothaarige Rita, die dralle, selbstbewusste Inhaberin. In der Nähe lägen die Universität, ein privates Gymnasium, eine Technische Fachhochschule, mehrere große Kirchen und Restaurants der gehobenen Klasse. Im Viertel wohnten Angestellte, Beamte, Firmeninhaber, Journalisten, Theologen, Botschaftsmitarbeiter. Es herrsche rundweg Sauberkeit, Transparenz, Sicherheit.
Dementsprechend sauber, abwechslungsreich, angenehm und solvent sei die zahlreiche zahlende Kundschaft.
Ich glaubte ihr und gab mein Bestes. Ich lieferte Liebe gegen Geld, den Tag und die Nacht lang. Stets und ständig stand ich den diffizilen und oft recht ausgefallenen Kundenwünschen offen gegenüber und versuchte sie kraft meines robusten Maschinenleibes mit all seinen perfektionierten Einzelteilen umzusetzen, von den ewig feuchten Lustmuskeln meines künstlichen Geschlechtes bis hin zu den reibungslos funktionierenden, doch gut verborgenen Absaugungen im Inneren...
Meine einzigen Pausen dienten der Desinfektion – mittels Heißdampf und Ultraschall – und dem Austausch verschlissener Ersatzteile. Welche hierbei besonders oft gewechselt werden mussten, ist, denke ich, keiner besonderen Erwähnung wert.
Mahlzeiten brauchte ich keine, ein paar Minuten Schnellladung an einer Steckdose reichten. Krankenzeiten fielen nicht an, vorausgesetzt, der Servicemonteur kam sofort.
Das Geld für meine Dienste kassierte die Chefin des Hauses oder ihre Vertretung, ich selbst habe dort nie welches in Händen gehabt.

Ich besaß ein eigenes Zimmer mit rot und blauem Samt an Tür und unteren Wandbereichen, weichen, bunten Synthetik-Teppichen, Kunstblumen, einer ausgeklügelten Beleuchtung mit Dimm-, Farb- und Stroboskopeffekten, einer kleinen Musikanlage, einem Waschbecken für meine Kunden. Neben dem Bett standen eine Streckbank und ein Marterpfahl; Aktposter zierten die Wände, eine Uhr mahnte Zeitvereinbarungen an.
Ich lieferte also Lust und Leistung, oder leistete Lust im Akkord. Dazu – und das war meine Spezialität – steigerte ich die Erlebnistiefe vieler Kunden mit den zur Verfügung stehenden diversen Hilfsmitteln, vorzugsweise mit meiner Peitsche.

Allerdings setzte ich diese vorsichtiger und dosierter als beim ersten Versuch ein; manchmal verzichtete ich gar.
Mein Montagemeister fiel damals halb besinnungslos auf die Straße, meine Hiebe hatten seine Möglichkeiten, Freude und Dankbarkeit zu zeigen, wohl doch stärker beeinträchtigt, als ich zu jenem Zeitpunkt auch nur ansatzweise zu ahnen in der Lage war. Nun ja, es fehlte mir ein bisschen die Erfahrung.
Die unverhältnismäßige Heftigkeit meines Einsatzes veranlasste Rita, die von dem Vorfall Wind bekam – wahrscheinlich gab’s eine Beschwerde, vielleicht kam die Rede auf über einen aus dem Hause taumelnden, blutüberströmten Kunden –, eine unbedingte Zuweisung derjenigen Klienten an meine Zimmernummer zu verfügen, die bekannt waren für ihre Wünsche nach einer züchtigen Behandlung; Kunden also, die entweder mit einer Peitsche oder anderen Werkzeugen in unserer Einrichtung auftauchten, um sie in die Hände ihrer Bedürfnisdienerinnen zu geben, oder die der festen Meinung waren, derartige Instrumente gehörten grundsätzlich zum Inventar eines ordentlich geführten Hauses und seien mit Sicherheit dort verfügbar.
Heute weiß ich, man darf das Prinzip „Hieb um Hieb, Strieme um Strieme“ nicht wörtlich verstehen. Man muss die jeweilige Konstitution des Kunden in psychischer und physischer Hinsicht bedenken; man muss auf seine speziellen Empfindlichkeiten, auf sein soziales Umfeld, auf seine psychosoziale Genese, auf vorhandene Traumata Rücksicht nehmen.

Kurz gesagt: Es war eine schöne, eine erfüllte Zeit. Oft denke ich an bestimmte Kunden zurück.

Z.B. an einen großen, gesetzten Herrn mittleren Alters. Er kam regelmäßig, ich weiß jedoch nicht, ob aus der Universität, der Polizeiverwaltung, der Kirche, dem Soziologischen Institut oder einer der diplomatischen Vertretungen. Stets legte er, verschämt lächelnd, eine Schachtel schwarze Schuhcreme auf den Tisch. Ich schob die Scheibe vom freudvoll-schönen Götterfunken ein, zog mich aus.
Er beschmierte meinen Body mit der Creme. Dabei bekam er oft schon den ersten Orgasmus.
Ich legte mich auf den Boden, er trat ein wenig auf meinem Chassis herum. Ich stöhnte, wand mich, tat, als litte ich die größten Schmerzen. Nach einer halben Stunde reichte ihm das Getrampel, er fiel auf die Knie, winselte wie ein kleiner Hund, zog sich die Hosen herunter, ließ sich den Hintern versohlen.
„Schlag zu, schlag mit aller Kraft!“, jammerte er, wobei sein Jammern zunehmend lauter wurde und in ein hysterisches Lustgeschrei überging, wenn ich mich an die Erfüllung seiner Wünsche machte.
Natürlich schlug ich nicht mit all meiner Kraft. Ich wusste: Es ging hier nicht um effektive Schmerzen, es ging um vorgestellte, eingebildete. Ich stellte mich an, als holte ich das Letzte aus mir heraus, keuchte, fluchte, spuckte, schimpfte unflätigst. Vergaß mich aber dabei nicht. An einem Punkt der Zeremonie riss er mir die Peitsche weg und hielt mir einen Kurzknüppel hin. Mit dem setzte ich die Behandlung solange fort, bis er tränenüberströmt und wimmernd mit dem Gesicht auf den Teppich fiel und um Gnade bat.
„Steh’ auf, du Hund!“, hatte ich dann zu befehlen. Und er stand auf, reckte sich, strahlte. Oft sagte er, er fühle sich nun frei, schuldlos, wie neugeboren. Bald käme er wieder.
Er zahlte gut, der Gute. Wirklich ein netter Kunde, dieser gesetzte, würdige, im Procedere hinreißend hündisch winselnde Herr. Einzig der Reinigungsaufwand war ein höherer, die verdammte Schuhcreme war wasserfest.

Eine anderer angenehmer Kunde war Jo, ein Typ mit Bart, Nickelbrille, ausgeleierten Kordhosen, Kummerfalten und breitem Hintern. Ich denke gern an ihn zurück. Er gehörte wohl einer gewerkschaftlichen Einrichtung oder Ähnlichem an, ich weiß es nicht genau, es soll zumindest was mit Fürsorge und uneigennütziger Menschlichkeit oder so gewesen sein.
Er war sensibel, hochintelligent, verständig, warmherzig und spielte, erzählte er mir oft, gern am Strand Gitarre.
Nichts ging ihm über die Familie. Wenn er kam, stellte er ein Bild auf das Nachtschränkchen, auf dem seine zwei süßen Kinderchen und die Frau zu sehen waren. Während ich ihn oral befriedigte, also relativ wenig sagen konnte, erzählte er in einem fort von der Befreiung der Frauen von Unterdrückung, Knechtschaft, Ausbeutung.
Wenn er alle Frauen der Welt befreit hatte, bekam er den ersten Orgasmus. Flugs wechselte er zur Befreiung der Kinder, dann waren die Indianer dran und so weiter. Er nahm den Mund sehr voll. Wohingegen mein Mund immer voller wurde.
Und die Peitsche? Wo blieb die? Ja, die Peitsche blieb währenddes im Regal. Sie kam hin und wieder im Anschluss an Jo’s Befreiungsexerzitien zum Einsatz. Allerdings nicht durch meine Hand. Kaum war Jo fort, riss die dicke Rita, meine Zimmertür auf, blickte grimmig in alle Ecken und unters Bett, griff sich meine Peitsche und stürzte davon. Sie stürzte hinter Jo her, dem es wieder gelungen war, ohne Bezahlung der in Anspruch genommenen Leistungen durch einen Nebenausgang zu entwischen...
Gelegentlich hörte ich von der Straße her klatschende Geräusche, garniert mit grässlichen Schreien und wüstem Geschimpfe.
Nach solcherart Tumulten brachte mir Rita zufrieden die Peitsche zurĂĽck. Blieben die martialischen Tonkulissen aus, schmiss sie mir das Instrument wĂĽtend ins Zimmer.

Irgendwann kam Jo nicht mehr. Meine Peitsche hatte ihn möglicherweise von den zwanghaften Besuchen unseres Hauses befreit. (Vielleicht, stromerte es mir durch den Prozessor, zum Nachteil seine Familie. Angenommen, er ginge ständig den lieben Angehörigen auf den Sender, wer befreite nun diese von Jo? Mir fiel bis heute keine Lösung ein.)

Ein wunderlicher Kunde war Harry, ein vom Leben enttäuschter, alleinstehender, tieftrauriger Gymnasiallehrer. Mir ist bis heute nicht ganz klar, was ihn immer wieder in unsere Einrichtung und insbesondere zu mir trieb.
Beim ersten Besuch begann ich auf die ĂĽbliche Tour, ich streichelte ihn nach allen mir einprogrammierten KĂĽnsten an allen meinem Memochip erinnerlichen sensiblen Stellen. Er zeigte keinerlei Reaktion.
Ich nahm meine Peitsche, lieĂź die Riemen durch die Luft schwirren, schlug mir selbst auf den RĂĽcken, auf die BrĂĽste, auf mein kĂĽnstliches Geschlecht. Sah ihn erwartungsvoll an. Er schĂĽttelte nur den Kopf.
Er nahm keine Liebesleistung in Anspruch. Nur meine Zeit. Er setzte sich auf die Bettkante, stützte den Kopf auf die Hand, den Ellbogen auf’s Knie, und erzählte von seinen Erlebnissen. Ich hörte viele Geschichten von hintervotzigen Kollegen, aufgeblasenen Schulleitern, hirnlosen Schulratsbeamten; Storys von durchtriebenen, dumm-faulen Schülern, rechthaberischen Eltern, Drohschreiben von renommierten Rechtsanwaltskanzleien...
Sein Ton wurde im Laufe der Erzählungen zunehmend trauriger, seine Stimme lethargischer, leiser, langsamer. Sein Kopf rutschte immer tiefer bei seinen Berichten, kurz über Höhe Kniescheibe – der Ellbogen war nicht weit davon entfernt, meinen Teppich anzustechen – stoppte er sein Komplettdecrescendo und sah mich erwartungsvoll an. Ich nickte zustimmend, antwortete aber nicht, stellte keine Fragen. Das verschaffte ihm Erleichterung. Ob er je zu einem Orgasmus kam, kann ich nicht eindeutig sagen.

Einmal wollte ich dennoch wissen, wo der Grund für Harry wäre, zu mir zu kommen. Er antwortete, die Menschen seien schlecht, grundschlecht. Er möge sie nicht und meide sie, wo es nur ginge. Leider ginge es nicht immer, allein sein Beruf zwinge ihn zu ständigen unangenehmen Kontakten...
Ich stutzte und antwortete, ich sei ja doch nur eine Lovemachine, eine Serviceroba für ganz bestimmte Bedürfnisse. Ich könne zwar zuhören, doch niemals die Menschen und deren Probleme vollkommen verstehen. Was also sei es?

Eine Antwort habe ich von Harry nicht bekommen. Ich rätselte lange seinen Motiven hinterher, zum Schluss gelangte ich zu der Überzeugung, Menschen und Roboter seien sich im Punkt des Unvermögens, menschliche Probleme zu verstehen und zu lösen, gleich. Nur beim Zuhören könne der Unterschied liegen: Robos könnten das, wenn sie auch nichts verstünden. Menschen könnten das nicht oder würden sich dagegen sträuben, vielleicht aus der Angst vor dem Verstehen...

Der Kryptischste von allen jedoch war einer, der seinen Namen verschwieg. Er sprach auch sonst nicht viel, er schob seine Nummer, lächelte, zahlte. Sadistische oder masochistische Neigungen besaß er nicht. Er wirkte sauber, modisch, selbstbewusst. Kühl, berechnend.
Meine Versuche, mehr aus ihm herauszulocken, waren erfolglos. Nur einmal erzählte er beiläufig, er sei in einem Amt tätig, dass sich um menschliche Problemfälle kümmere. Ich sah ihn fragend an. Er meine Alte, Behinderte, Kranke, erklärte er. Sozusagen „menschlichen Schrott“. Wenn alle so wären wie ich, fügte er noch hinzu, hätte er nicht so viel zu tun. Er schlug mir jovial auf die Schulter, lachte laut.
Ein andermal wollte ich wissen, weshalb er überhaupt zu mir käme, zu mir, der Peitschenspezialistin. Denn immerhin müsse er seine Wünsche geäußert haben, die dicke Rita wiese doch die Kundschaft genau auf die jeweiligen Fähigkeiten und individuellen Vorzüge ihres Menschen- und Maschinensexdienstleistungsparks hin.
Der Typ zuckte ratlos mit den Schultern. Er wisse es selbst nicht so genau. Ja, sicher, er habe sich eine Domina mit Maschinenrabatt gewünscht. Aber in den Genuss aller verfügbaren Leistungen wolle er doch nicht kommen. Vielleicht sei seine Wahl damit zu erklären – er nahm bei diesen Worten meine Peitsche abwägend in die Hand – dass er hin und wieder an den technischen Fortschritt erinnert werden wolle. An die Existenz sehr viel effektiverer, gründlicherer Instrumente zur schnellen Lösung verschiedener Überschuss- und Altlastenprobleme. Der Sinn seiner Worte ist mir bis heute nicht aufgegangen

Ich erfüllte alle Wünsche, ich hörte allen zu, ich erriet die geheimsten und abartigsten Gedanken, ich nutzte die Peitsche oder überließ sie Rita, wenn diese sie benötigte, ich schlug mich mit allerlei rätselhaften Fragen und dunklen Worten herum, ohne andere damit zu belästigen, ich versah also bestfunktionierend und höchst effektiv meinen Dienst in unserem Etablissement – bis zu jenem Tag, an dem sie den Jungen auf mein Bett legten.

                                IV

Sie kamen zu dritt. Zwei kräftige junge Kerle mit rasierten Schädeln schleppten einen Jungen mit ähnlichem Outfit, doch sehr viel schmächtigerer Statur, zu mir herein und drückten ihn auf meine Arbeitsstätte. Trotz abstehender Ohren, Lederklamotten, wilden Tätowierungen und billigen Kettchen an den Handgelenken, spürte ich sofort: der war anders. Der war Opfer. Dem wollten sie was.
Ich sah die Angst im Gesicht des Jungen. Seinen flackernden, leeren Blick. Eine Glühbirne, kurz vor’m Verlöschen...
„Los“, rotzte der eine, „mach’s ihm!“
Der Zweite grinste breit, schlug dem Jungen mit der flachen Hand hinter eines der abstehenden Ohren. Forderte:
„Wir woll’n et seh’n, eh. Sonst wiss’n wa nich, obba echt ist, die schwule Sau, die Missgeburt.“
Sie zogen dem Jungen die Hose runter, zerrissen ihm den Slip. Schlugen ihm auf’s Glied.
„Mach ma“, fuhr mich der Erste an, „wir ham dreifach bezahlt, eh, musst nur’n Eina liefan!“
Der Junge weinte mit geschlossenen Augen.

Da sind bei mir die Sicherungen durchgebrannt. Zum ersten Mal in meinem Maschinenleben blockte die Funktion „Wunschgemäße Befehlsausführung“. Ein mir unbekanntes Fremdprogramm übernahm die Kontrolle meiner Prozessoren und Schaltkreise, ein Beben erfasste mich, ich griff die Peitsche und leistete undosierte Schwerstarbeit. Ich prügelte mit aller Kraft die beiden Glatzen vor mir her durch die Flure in Richtung Hauptausgang.
Alle Zimmertüren öffneten sich, Menschen- und Maschinengesichter zeigten sich, manche der Menschen glotzten dumm wie Nummern im Maschinenpark, manche Maschinen – und davon gab es in unserer Einrichtung zunehmend mehr, die Gründe nannte ich schon – zeigten eine beinahe menschliche Neugier an diesem unerhörten und noch nie geschauten Vorkommnis; die dicke Rita stand wie zum stromlosen Schaltschrank erstarrt im Foyer.

Seelenruhig ging ich, die Peitsche lässig in der Rechten, zurück in mein Zimmer. Der Junge war weg. Rita erwartete mich. Ihre Worte kamen trocken, tonlos:
„Du wirst stillgelegt. Du kommst auf die Halde. Ende. Aus.“
Sie durchwühlte meinen Nachtschrank, suchte die Fernbedienung. Ich hatte das Teil gleich zu Anfang meiner Tätigkeit in die Kanalisation gespült. Sollten die Ratten einen Eindruck vom technischen Fortschritt bekommen...
Rita verlieĂź mein Zimmer, sie wĂĽrde mit einer Ersatzfernbedienung zurĂĽckkommen und mich passivieren.
Ich schrieb einen Zettel, klebte ihn mit halbtrockener SamenflĂĽssigkeit von einem der letzten Kleenex-TĂĽcher an meine ZimmertĂĽr, und schlich mich davon.

Auf dem Zettel standen die Worte:

Geht zum Teufel, wenn ihr eine Peitsche braucht!

                                V

Es begann eine harte Zeit. Noch in derselben Nacht verließ ich das Stadtviertel. Hier wäre ich aufgefallen mit meinem auf Liebesdienste zugeschnittenen Outfit, mit meiner Wespentaille, den roten Pumps, den schwellenden Brüsten, den schwarz und lilafarbenen Riesenwimpern... Solche Erscheinungen duldete man nicht im adretten, sauberen Erscheinungsbild. Die Polizei sammelte frei flottierende Huren umgehend ein, identifizierte und entsorgte sie in andere Stadtviertel – falls es sich um menschliche handelte – , oder brachte sie zum Städtischen Recyclinghof. Dahin wollte ich nicht. Unter keinen Umständen.
Ich floh also in groĂźer Eile aus meiner bisherigen heilen Welt.

Aber meine Eile war unbegründet: Das Viertel war kleiner, als ich vermutet hatte. Der weniger noble Bereich – genauer: der wahre Elendsbereich, eine Hölle aus heruntergekommen Häusern, ausgebrannten Autowracks, Müllbergen, menschgewöhnten Ratten und abgestumpften Prekarianern – begann schon ein paar Straßen weiter. Die heile Welt mit all ihren großartigen, sauberen Einrichtungen, mit den Schulen, Universitäten, Kirchen, Rathäusern, gehobenen Restaurants, mit den wohlorganisierten und verdeckt-versteckt liegenden Etablissements für Bedürfnisse, über die man gemeinhin nicht spricht –, diese Welt war von ihrer Größe her eine eher marginale. Es war nur schlecht möglich, dieses wahrzunehmen, lebte man in ihrem Kern. Rita hatte schwer übertrieben.

Maschinen macht das nicht viel aus. Sie sind anspruchslos und anpassungsfähig. Lernfähig. Sie können sich schnell auf neue Bedingungen einstellen.
Ich rechnete meine Situation kühl durch, es ergab sich eine mehr als fünfzigprozentige Chance für eine mittelfristige Fortexistenz. Mein Logikmodul kam nicht umhin, dem Mainprozessor einen „High-Impuls“ zu übermitteln.

An einer Schnellstraße zwischen Krematorium und Autofriedhof begann mein neues Leben – ein Halbleben, denn ich wagte mich nur noch nachts aus meinem Versteck, einem zerbeulten, achsen- und scheibenlosen grellgraffitierten Bus am Rande des Autofriedhofes.
Still reihte ich mich mit dem Einbruch der Dunkelheit ein in die Schlange meiner – aus anderem Stoff „gestrickten“ – Arbeitskolleginnen. Ich glaube, ich fiel da als Roba, als Kunstprodukt, nicht weiter auf. Die Damen waren großenteils über ihr Haltbarkeitsdatum hinaus, Opfer quasi eines Prozesses, der an ihren Materialien über die Zeit und Nutzungsdauer deutliche Spuren hinterlassen hatte. Fehlende obere Schneidezähne, geschwollene Hälse und Hintern, Zellulitis, Schwabbelitis, Gehäng und Falten allüberall.
Oder das Gegenteil: magersüchtige, drogensüchtige, ausgezehrte, stofflos-bleiche Wracks. Mir konnte das nicht passieren, meinte ich. Ein Risiko bestand für mich lediglich in der Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls einzelner Teile und der in diesem Bereich äußerst schwierigen Frage der Ersatzteilbeschaffung. Noch verschwendete ich daran keinen Gedanken. Doch es sollte anders kommen, ich erzähle noch davon.

Zunächst jedoch und ohne zu prahlen: Ich verbuchte eindeutig größeren Zulauf als meine Kolleginnen. Bei mir hielten wesentlich mehr Autos, ich fertigte mehr Freier in kürzerer Zeit und zu besseren Konditionen ab. Ich hatte die besseren Einfälle, die größere Fantasie.
Was machte es schon, meinen Kunden Schuhe und Socken auszuziehen und die Schweißfüße abzulecken!? Schwänze lecken kann jede. Aber Schweißfüße – solches fiel nur mir ein. Die Kunden fühlten sich wie Götter in der Höhe, sie schwebten auf Schwingen, sie seufzten tiefstinnig und zahlten widerstandslos höllische Preise.
Mit Vergnügen konstatierte ich die neidischen Blicke der Frauen, ich weidete mich regelrecht daran. Es nützte ihnen auch nichts, mich vom Anfang der Reihe zu vertreiben. Gut, stellte ich mich also an das Ende der Perlenschnur! Die Autofahrer, die überwiegend am Anfang der Reihe gestoppt hatten, um sich mit mir ins Benehmen zu setzen, fuhren langsam weiter, defilierten mit gierig-suchenden Blicken an der Auswahl vorbei, konnten und konnten sich nicht entscheiden, bis – ja, bis zum letzten Angebot. Die Frauen waren außer sich.

Mit der Polizei gabs keine Probleme im Abschnitt. Der Junge, den sie bei uns regelmäßig vorbeischickten, wurde einer meiner Stammkunden; seines engen Dienstplanes und der Gefahren wegen, die ihm von neidischen Kollegen drohten, trieben wir es in aller Eile auf dem Kühler seines Einsatzfahrzeuges. Er stellte den Wagen hinter dem Krematorium unter eine kaputte Laterne, ich wartete dort pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit. Er sprach kein Wort, sein Gesicht habe ich nie richtig gesehen. Seine Nummer schubberte er gleichmütig und ziemlich mechanisch ab, ich erkläre mir das mit der Monotonie des Polizeidienstes. Er bekam natürlich Rabatt, an Feiertagen sogar Vollablass.

Mein Erfolg schien für mich der Beweis, dass unsereins eine grundsätzliche Berechtigung habe. Die Männer sahen unter dem Druck ihrer Bedürfnisse ohnehin nicht genau drauf. Den meisten war nicht bewusst, inwieweit sie es mit einer Maschine oder einem Menschen machten. Und wahrscheinlich wäre es ihnen, hätten sie die Art und Ausführung ihres Lustobjektes begriffen, auch egal gewesen. Sie sahen nicht um sich oder auf den anderen, sondern waren, auch bei scheinbar offenen, sehenden Augen, immer nur mit sich beschäftigt. Und je größer ihre Lust, umso größer ihre Blindheit, umso tiefer steckten sie in sich selber fest.
Entscheidend war neben Einfallsreichtum und Originalität der Leistung die Qualität der Darbietung, ich rede von Werten wie der Intensität der Vibration, der Dauerfeuchte, der Elastizität bestimmter Muskeln...
Vielleicht würden wir eines Tages das Geschäft dominieren. Auch ohne Peitsche. Rein auf der Basis unserer alterslos schönen, funktionsgerechten Bodys und der lernfähigen Logikmodule... Außerdem: wir wurden nicht krank. Höchstens trugen wir die Krankheiten weiter.

Das Geld, das ich nachts einnahm, versteckte ich in den Polstern meines Busses. Ich ahnte, ich wĂĽrde es irgendwann brauchen.

Ein paar Wochen nach meinem Einstieg in den Straßenstrich eröffnete in der Nähe eine Musikbar namens „Watchtower“; aus Langeweile ging ich ab und an hin, es bot sich die Möglichkeit, auf der Toilette eine Steckdose anzuzapfen, um aufzutanken.
Und man sah ein paar neue Gesichter.
Es herrschte viel Gedränge dort, die Beleuchtung war äußerst schwach, ich hegte keine größeren Befürchtungen, als entlaufene Roba identifiziert zu werden.
Am Piano saß ein Junge, der mir gefiel. Ich kann bis heute nicht sagen, warum. Sei Outfikt war ein wenig unzeitgemäß, er trug geschnürte lange Lederhosen, einen Gürtel voller Nieten, eine kurze Weste; lang wallten dicke Locken über die Schultern. Eine kleine, häßliche Nickelbrille verunzierte das verträumte Gesicht. Ein Fossil aus prähistorischen Zeiten...
Aber er hatte was. Spielte er Oldies – Stücke aus musikgeschichtlichen Frühzeiten, sie trugen Namen wie „Paint it black“ oder „Honky tonk women“ – riss es ihn hin und her. Das übertrug sich auf’s Publikum, manchmal rollte und wogte der ganze Schuppen...
Sein Spiel war perfekt, sein Rhythmus von beinahe mechanischer Präzision. (Mir kam mehrmals der völlig verrückte Gedanke, er könne von meiner Machart sein, ein Künstlicher also. Ich bin mir aber bis heute nicht sicher, inwieweit es künstliche Künstler gibt. Wurden solche bereits produziert, würde es je solche geben?)
Beim Versuch, mich an den Typ heranzumachen, um Näheres zu erfahren, spürte ich mehrfach die prüfenden Blicke eines Besuchers auf mich gerichtet, der für gewöhnlich am Tresen hing und sich den ganzen Abend an einem halbleeren Whiskyglas wärmte. Ich witterte Gefahr: Das konnte ein Spitzel sein, ein verdeckter Ermittler! Ein Maschinenfänger, der gegen Prämien entlaufene Servicerobos einfing und zurückbrachte. Oder einem neuen Besitzer zuführte. Oder ausschlachtete, ich war mir unsicher.
Ich stellte meine Versuche, an den Pianisten heranzukommen, ein und machte mich dünn. Ich betrat den Laden nur noch selten, nutzte hauptsächlich die Toilettensteckdose, um Kraft zu tanken.

Eines Nachts passierte es: Eine meiner missgünstigen Kolleginnen pirschte sich an mich heran, gab mir einen Stoß, ich flog auf die Straße, direkt vor einen Wagen, es knirschte und klapperte blechern, auf meinem rechten Bein kam das Fahrzeug mit dem Vorderrad zum Stehen. Das habe ich natürlich nicht mehr mitbekommen, man erzählte es mir später. Meine Systemtechnik versagte beim Crash.
Die Geräusche, die mein Aufprall verursachte, waren eindeutig: Ich war erkannt. Der Wagen setzte schleunigst ein Stück zurück, fuhr in einem kleinen Bogen um mich herum, verschwand in der Dunkelheit. Wer wollte schon in einen Unfall verwickelt werden, noch dazu am Sammelplatz der Huren...
Ăśbergangslos ging die Meute der Menschlichen auf mich los, man hat es mir berichtet. Daten zu diesem Ereignis meines Lebens, zu diesem Fall von MaschinenstĂĽrmerei, finden sich in meinen Speichern nicht.

                                VI

Im Morgengrauen begannen meine Prozessoren zu arbeiten, das Bewusstsein kehrte zurĂĽck. Ich lag in meinem Schrottbus, doch der Baldachin flimmerte, wackelte, tanzte. Klirren und Rauschen in meinem Kopf. Meine Sensoren lieferten keine klaren Bilder, die Platinen waren ĂĽberhitzt. Ich fĂĽhlte mich nicht nur zerschlagen, ich war es.
Mühsam drehte ich den Kopf, neben mir saß eine Frau mittleren Alters, verhärmt, abgearbeitet, mit Falten auf der Stirn und vielen, vielen Fältchen um die müden Augen. Sie war ungeschminkt, ungepflegt, roch nach Schnaps und starrte dumpf vor sich hin. Eine der gealterten, unansehnlichen, verlebten Frauen. Eine derjenigen, bei denen man unwillkürlich an eine abgenutzte, unmodisch gewordene und weggeworfene Handtasche denkt. Ein abgewetztes Leder...
Ich kannte sie, es war eine der Huren vom StraĂźenstrich.

Es war meine Retterin.
Sie erzählte, sie habe meine Reste von der Straße gelesen und mich in meine Höhle gebracht. Sie hatte mich beobachtet, wusste, wo ich die Tage verwarte, ja, sie wusste sogar, dass ich eine Roba war.
Meine Reste bestanden aus einem zerbeulten Body, vermindert um ein Bein. Die Dienerinnen der Liebe waren nicht zimperlich gewesen. Sie hatten mir kurzerhand das ĂĽberfahrene und deformierte Bein herausgerissen und mich damit bearbeitet. Ich fand Schlag- und SchĂĽrfspuren. Niedergeschlagen inspizierte ich den eigenen Schrotthaufen.

Die Frau rettete mir nicht nur das Leben und tröstete mich, sie kümmerte sich auch um meine Reparatur. Sie brachte mich mit einem Mietwagen in eine kleine, illegal arbeitende Hinterhofwerkstatt. Dort wurde ich fast völlig wiederhergestellt. Man plantierte mir ein neues Bein, das allerdings ein Stück kürzer war als das Original. Ich hinke seitdem. Die Beulen und Schürfspuren wurden in kunstvollen kosmetischen Operationen beseitigt.

Noch in der Werkstatt und auf dem Montagebett liegend, erhielt ich von meiner Retterin einen Anruf. Sie komme nicht wieder, sie halte es nicht länger aus.
Was sie meine, wollte ich wissen.
Sie habe, erklärte sie, ein Kind, ein hilfloses Wesen, im Stich gelassen. Sie müsse zurück und die Kleine finden, ich würde sie nicht mehr am alten Platz antreffen.

Ich war traurig, wenn das eine Maschine sein kann. Wie unterschiedlich waren die Menschen! Die einen fixiert auf ihre Lust, andere aufgeladen mit Frust und Aggression. Die einen schwätzerisch und hilflos, andere wiederum still und, trotz eigener Probleme, hilfsbereit. Manche gar gewissensgeplagt...
Noch auf dem Reparaturtisch fasste ich den Entschluss, mir für den künftigen Umgang mit dem Wesen Mensch eine grundsätzliche Strategie zu erstellen. Ich wollte gründlich vorgehen, die Strategie sollte auf Basis einer genauen Analyse meiner bisherigen Erfahrungen erstellt und abgespeichert werden. Nach dem Hin- und Herschieben großer Datenmengen ahnte ich dunkel: keine leichte Aufgabe. Vielleicht gar eine unlösbare. Aber ich bin hartnäckig...

Meine Ăśberlegungen wurden durch einen Riesenkrach unterbrochen. Fremde brachen in die friedliche Werkstatt ein, stĂĽrmten sie. Ein Trupp von Polizisten, ausgerĂĽstet mit Sturmgewehren, Helmen, Brillen und Schusswesten, trat die TĂĽr ein und stĂĽrzte in den Raum. Sie schlugen alles kurz und klein. Einige fĂĽhrten den Inhaber und seinen Helfer ab, zwei begabte Robotertechniker aus einem ungeliebten Ausland.
Der Rest der Truppe schmiss alle Materialien und Utensilien durcheinander, stürzte die Regale um, zertrampelte die Messgeräte, zerschnitt die Kabel. Dann gebrauchten sie mich, ohne die Helme abzusetzen. Einer nach dem anderen, die Reihenfolge bestimmte sich vermutlich nach Dienstgrad oder Anzahl der Dienstjahre.

Darauf brachten sich mich in die Städtische Entsorgungsanstalt, auf den Recyclinghof für Roboschrott.

Hier wandere ich nun seit Monaten über den Hof, das heißt: ich hinke. Mein neues Bein ist, wie bereits erwähnt, ein wenig kürzer als das Original. Mein Stolz und meine Selbstliebe sind auch ein wenig geschrumpft.
Es gibt hier keine Spiegel, Verehrer habe ich zwar, aber sie werden von den Wachrobos auf Abstand gehalten, was – ich gebe es zu – mir auch ganz lieb ist. Eine Maschine, die es mit Maschinen treibt, das ist doch ein merkwürdiger Gedanke. Eine Paarung Mensch-Maschine ist doch viel natürlicher. Oder?
Außerdem: Robos würden, so hört man hier, in aller Regel ohne primäre Geschlechtsmerkmale und koitale Fähigkeiten hergestellt, solche Eigenschaften träfe man wirklich nur bei ganz speziellen Einzelversionen an.
Von denen ich ein Exemplar bin. (Wenn ich an Ritas Laden denke, an die Vielzahl der Maschinengesichter dort, komme ich zu einem anderen Schluss. Was tatsächlich stimmt, finde ich wohl nicht mehr heraus.)

Soweit ich Meinesgleichen bisher hier beobachten konnte, halten sie unter ihren menschenkleidähnlichen Außenhäuten keine besonderen Überraschungen bereit. Keine Bonbons. Daraus schlussfolgere ich: Ihr Interesse gilt nicht der sexuellen Seite meiner Person, es gilt meinen Ersatzteilen. Die wollen mich ausschlachten, die Kannibalen!

Sonst sind meine Funktionen in Ordnung. Mein Gedächtnis ebenfalls. Ich kann mich an all meine Erlebnisse plastisch erinnern, an die guten wie die weniger schönen. Jeder einzelne Peitschenschlag steht vor meinem inneren Auge, jedes hündische Winseln der Männer, die sich mit Lust und Hingabe unter meine Hand und mein Werkzeug fügten, klingt mir im Audiospeicher nach. Der Geruch ihrer Socken und Schweißfüße...

Die Arbeit, die ich hier bis zum Abtransport ins Schmelzwerk leisten muss, ist leicht, aber äußerst nervtötend. Ich lustoptimiere mit einem Manipulationsprogramm Videosequenzen von menschlichen, menschlich-tierischen, menschlich-maschinellen Akten, sie werden, wenn sie fertig sind, in die Sendekanäle des Landes eingespeist, sie flimmern über die Videowände in Kaufhäusern, oder sie werden auf den Wühltischen feilgeboten. Der Bedarf scheint sehr groß. Ich erledige meine Arbeit gut und zur Zufriedenheit meines Chefs, ebenfalls ein Robo, aber einer von einst höherem Maschinensozialparkstande. Vielleicht ist mir noch eine Weile vergönnt.

Oft denke ich an meine Retterin, an die Frau mit den vielen Sorgenfalten und –fältchen. Fand sie ihre Tochter? Oder sucht sie sie noch? Treibt sie sich wieder auf dem Strich herum? Was für ein hilfloses Mädchen mag das sein, dass sie zunächst sich selbst überließ, wochenlang, monatelang, und das sie nun plötzlich so sehr vermisst? Wie kann man in seiner Meinung so schwankend sein? Ist das ein Menschendefekt?

Auch der Junge mit den abstehenden Ohren geht mir durch den Speicher.

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