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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Luckassen
Eingestellt am 15. 09. 2014 22:51


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Alessa
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Luckassen


Ich stelle das Telefonbuch senkrecht auf den Schreibtisch, nehme den Brief├Âffner, halte ihn wie einen Dolch ├╝ber die Seiten und steche zu. An der getroffenen Stelle ├Âffne ich das Buch: Lore bis Lotu und auf der rechten Seite steht Lotz bis Ludw.
Der W├╝rfel wird ├╝ber links oder rechts entscheiden. Eine gerade Zahl steht f├╝r links, eine ungerade f├╝r rechts. Ich w├╝rfle eine Drei. Nun stelle ich den K├╝chenwecker auf drei├čig Sekunden, drehe meinen Kopf zur Seite, damit mein Finger unbeeinflusst ├╝ber die rechte Seite fahren kann. Ich habe mir angew├Âhnt, mit dem Finger eine Spirale zu zeichnen, von au├čen nach innen, vom Gro├čen zum Kleinen.
Rrrrrrrrr. Stopp. Mein Finger bleibt bei Joachim Luckassen stehen. Was f├╝r ein Gl├╝ck, was f├╝r ein gutes Zeichen, auf Anhieb einen Mann erwischt zu haben.

Eine st├Ąmmige Rothaarige ├Âffnet die Wohnungst├╝r. "Ja?"
"Hi", sage ich und lege eine gro├če Portion Begeisterung in meine Stimme. "Jutta? Du musst Jutta sein. Ich bin's, Melanie."
"H├Ą? Welche Jutta? Hier wohnt keine Jutta."
"Ach? Dann wohnt die hier nicht mehr? Die war aber doch mit Joachim befreundet."
Sie ├Âffnet ihren Mund, ich sehe den Kaugummi auf ihrer Zunge liegen und wette mit mir selbst, dass sie ihn innerhalb der n├Ąchsten Minute verschlucken wird.
"Du, ich wollte dich nicht st├Âren oder bel├Ąstigen. Ich finde schon noch heraus, wo Jutta jetzt wohnt. Sch├Ânen Tag noch." Ich l├Ąchle sie an und tue so, als wollte ich gehen.
"He, wart mal, nicht so schnell. Also diese Jutta ÔÇŽ"
"Ja?"
"Die war mit dem Joachim zusammen? So richtig?" Mit der Frage geht sie einen Schritt auf mich zu.
"Hm." Ich gehe aufs Ganze und nicke. "Sie war auch rothaarig und war seine ÔÇŽ seine gro├če Liebe."
Die Rothaarige verschluckt sich am Kaugummi. Ein Hustenanfall will das Ding wieder in ihren Mund bef├Ârdern. Ich gebe ihr einen vorsichtigen Klaps auf den R├╝cken. Als der nicht hilft, schlage ich kr├Ąftig zu. Das Ger├Ąusch verliert sich als Echo im Treppenhaus. Ich mag dieses Ger├Ąusch. Und ich liebe es, wenn ich gewinne.
"Tut mir Leid", sage ich, "geht es jetzt besser?"
Sie legt ihren Kopf schief, ihre blauen Augen auf die Wand gerichtet, als st├╝nde dort die Antwort.
"Also ich muss jetzt gehen, entschuldige noch mal die St├Ârung."
"Nein, nein ÔÇŽ warte, wenn du vielleicht etwas Zeit h├Ąttest, vielleicht auf einen Kaffee?"
"Also ich will dich wirklich nicht aufhalten, oder Joachim. Ist er eigentlich zu Hause?"
"Joachim? Nein, nein, der ist auf Montage, der kommt erst Freitag wieder. Komm doch rein."
"Mir ist das aber unangenehm, so einfach bei dir reinzuplatzen."
"Nun komm schon", sagt sie und zieht mich in die Wohnung.

Die K├╝che gleicht einem Sammellager f├╝r Essensreste aller Art. Wir sitzen an einem kleinen, runden Tisch ohne Tischdecke. Wie unter Zwang starre ich die Kr├╝mel und Essensbrocken an, die die Rothaarige nicht zu st├Âren scheinen.
Auf einer Arbeitsplatte spuckt die Kaffeemaschine r├Âchelnd Wasserdampf aus.
Die Rothaarige stellt zwei Becher auf den Tisch: "Ich hei├če ├╝brigens Dagmar. Milch? Zucker?"
"Danke, ich trinke ihn schwarz."
"Sag mal, bl├Âde Frage ich wei├č, aber warum ziehst du die Handschuhe nicht aus?"
Mir war klar, dass die Frage kommen musste. "Psoriasis."
"Was f├╝r ein Ding?"
"Schuppenflechte. Im Winter ist das besonders schlimm. Keine Angst, das ist nicht ansteckend, nur, nun ja, mir ist das peinlich, wenn man auf meine fleckige Haut schaut."
"Ach so. Also mich st├Ârt das nicht."
"Lieb von dir, aber ich f├╝hle mich wohler, wenn ich die Handschuhe anbehalten kann."
"Kein Problem. Melanie? War doch richtig, dein Name?"
Ich nicke.
"Also wegen Joachim und Jutta ÔÇŽ" Nerv├Âs nippt Dagmar an ihrem Kaffee. "Wie lange ist das her, dass du beide zusammen gesehen hast?"
"Schon eine Weile, ich sch├Ątze mal drei, vier Jahre."
"Was?" Sie stellt ihren Becher brutal ab und schon war der Tischdreck in fl├╝ssiger Gesellschaft. "Ich bin seit vier Jahren mit ihm zusammen!"
"Vielleicht habe ich mich auch versch├Ątzt und es ist f├╝nf Jahre her."
"Nein!", ruft Dagmar und steht auf. "Nein! Ich wusste es, dieser Schei├čkerl betr├╝gt mich."
"O Gott, was habe ich getan? Beruhige dich, Dagmar. Vielleicht ist das alles nur ein Missverst├Ąndnis." Ich unterdr├╝cke ein Grinsen. Ach, ich liebe es, wenn ich gewinne.
"Niemals! Meinst du mir w├Ąre nicht aufgefallen, dass Joachim in letzter Zeit sehr oft auf Montage ist? Und immer zu m├╝de ist f├╝r Sex?"
Ich unterbreche Dagmar nicht, lasse sie hin und her laufen.
"Und wei├čt du, was mir noch auffiel?"
Ich sch├╝ttle meinen Kopf.
"Er bringt immer weniger Geld nach Hause. Sagte, dass die Firma nicht mehr so viel zahlt. Ja, ja, von wegen. Wahrscheinlich macht er seiner Jutta teure Geschenke und ich darf hier seinen Dreck wegmachen." Ihr Gesicht ist rot vor Zorn.
"Vielleicht sind sie ja nicht mehr zusammen."
Dagmar h├Ąlt inne, kaut an ihren Fingern├Ągeln und sieht mich an. "Meinst du? Also gestern, als er mich anrief, sagte er noch wie sehr er mich liebt." Hoffnung macht ihre Augen gl├Ąnzend.
"Wenn er das gesagt hat ÔÇŽ"
"Aber das k├Ânnte auch gelogen sein. Schlie├člich hat er mir auch nie von einer Jutta erz├Ąhlt."
"So sind die M├Ąnner. Niemals erz├Ąhlen sie einem von ihrer gro├čen Liebe."
Das sa├č. Dagmar ist sprachlos, aber hinter ihrer Stirn arbeitet es. Sie geht zum K├╝hlschrank und angelt zwei Bierdosen heraus, eine stellt sie neben meinem Kaffeebecher ab. "Ist ja schon kalter Kaffee, magst'n Bier?"
Ich sehe zum Fenster, h├Âre wie Dagmar ihre Dose ├Âffnet und mit lauten Schlucken trinkt. Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir vor, wie das Bier ihre Speiser├Âhre hinunter rinnt.
"Schei├čkerlschei├čkerlschei├čkerl!"
Ich schiebe ihr meine Dose hin. "Ich darf nicht, du wei├čt schon, wegen der Schuppenflechte."
"Was soll ich tun? Was w├╝rdest du an meiner Stelle tun?"
"Frag ihn! Frag Joachim, ob er Jutta kennt. Wenn er das abstreitet, wei├čt du Bescheid."
Ihr Gesicht verzieht sich, ihre Unterlippe zittert. Pl├Âtzlich f├Ąngt sie an zu heulen. "Als ob er das zugeben w├╝rde. Jetzt ist alles aus. Vorbei."
"Sieh nicht alles so Schwarz, noch ist nicht alles verloren." Ich t├Ątschle ihren Arm, peinlich darauf bedacht, den Tischdreck nicht zu ber├╝hren.
"Wei├čt du was, Melanie? Ich bin so froh, dass du da bist. Ich w├╝rde es nicht aushalten, jetzt allein zu sein." Dankbar sieht sie mich aus verquollenen Augen an.
"Mir tut es so Leid, ehrlich. Wenn ich gewusst h├Ątte ÔÇŽ Ich meine, ich h├Ątte niemals nach Jutta gefragt."
"Es ist gut so. Endlich wei├č ich Bescheid. Ich sollte dir dankbar sein."
"Schon gut, Dagmar."
Sie wischt mit ihrem Arm ├╝ber die Nase, den Tr├Ąnen l├Ąsst sie aber freien Lauf. "Ich werde seine Sachen packen und ihm die Tasche vor die T├╝r stellen."
Und ich sch├Ąrfe mir ein, ihren linken Arm nicht mehr anzufassen. "Dagmar, vielleicht solltest du ihm noch eine Chance geben. Er muss sich doch verteidigen d├╝rfen."
"Damit er mich weiterhin anl├╝gt?", schreit sie und spuckt mir dabei Bierspeichel ins Gesicht. "Schluss! Mit der L├╝gerei ist nun Schluss! Ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Ich bin doch nicht die Bl├Âde vom Dienst!"
"Gut so. Lass dir nichts gefallen", gebe ich ihr Recht, "aber, du solltest ihm noch eine Nachricht schreiben."
Wieder arbeitet es hinter Dagmars Stirn, die Gedanken scheinen sie anzutreiben, sie wei├č nicht mehr wohin mit ihren H├Ąnden. Ich dr├╝cke ihr meine volle Bierdose hinein.

Auf dem Tisch stehen zehn leere Dosen und eine halb geleerte Flasche Martini. Die Dosen t├╝rme ich zu einer Pyramide. Vier Dosen bilden die Basis, drei bilden das erste Stockwerk, zwei das zweite und die letzte ist die Spitze.
Dagmar findet das lustig, ihr Lachen h├Ârt sich wie Schulm├Ądchengackern an. "Du bist echt in Ordnung. Wei├čt du was, warum schl├Ąfst du heute Nacht nicht hier?"
"Ja, warum nicht." Ohne hinzusehen, sto├če ich die Pyramidenspitze mit dem Zeigefinger an, sie f├Ąllt auf den Boden und rollt weiter. Ich wette mit mir, dass die Barcode-Striche zu sehen sind, dann z├Ąhle ich bis zehn und sehe hin: Barcode.
"Du solltest jetzt den Brief schreiben", sage ich.
"Hihi." Torkelnd steht Dagmar auf, h├Ąlt sich am Tischrand fest, und ich ├Ąrgere mich dar├╝ber, dass die Pyramide wackelt. Eine Dose kippt um und rollt bis zum Tischrand.
"Hier irgendwo - muss doch Papier sein", lallt Dagmar.
"Ich hole mir auch ein Glas", sage ich.
Zwei Martinis sp├Ąter schiebt mir Dagmar den Zettel hin:
Schwein!
Ich wei├č alles von dir und Jutta. Schei├čkerl! Wie konntest du mich nur so hintergehen?
Es ist aus! Ende. F├╝r immer!

"Sehr gut", sage ich, "du solltest unten noch unterschreiben, das sieht besser aus. Und vergiss das Datum nicht."
W├Ąhrend Dagmar alle Konzentration auf ihre Schreibfinger legt, gehe ich in ihr Badezimmer und durchsuche es nach Schlaftabletten. Auch hier gewinne ich. Den Preis kippe ich in mein unber├╝hrtes Martini-Glas. Das Gemisch r├╝hre ich mit einer Zahnb├╝rste um. Dann lasse ich zum Schein das Wasser laufen und sehe in den Spiegel. Eine blonde Str├Ąhne lugt unter der braunen Haarpracht hervor, ich verstecke sie wieder.
"Ich muss mal."
"Ich bin fertig", rufe ich und mache Platz f├╝r Dagmar.
Ich warte bis sie die T├╝r hinter mir schlie├čt, gehe in die K├╝che und tausche die Gl├Ąser aus.
Rumms. Polter. Schepper. Aha, Dagmar hat ihre Wut im Badezimmer rausgelassen. Dann h├Âre ich Dagmar fluchen und muss dar├╝ber laut lachen.
Ein Blick auf meine Armbanduhr. Nicht schlecht, es ist kurz vor 21:00 Uhr. Eine ungerade Zahl.
"Mann bin ich blau", kichert Dagmar beim Hereinkommen.
"Setz dich", sage ich und l├Ąchle sie an.
"Du bist meine beste Freundin. Meine allerallerbeste", nuschelt sie und ihre Finger umklammern das Martini-Glas.
"Ja, du auch."
Gl├╝cklich st├╝rzt sie den Martini hinunter. Ich muss nur noch warten, und w├Ąhrend ich warte, nehme ich das Geschirrhandtuch, das ├╝ber der Heizung liegt. Mit dem Tuch ergreife ich die Dose vom Tischrand und dr├╝cke sie in der Mitte zusammen, knicke sie, bis sich an den Seiten scharfe Kanten bilden.
Als Dagmars "Hihi" in ein Schnarchen ├╝bergeht, stupse ich sie an. Keine Reaktion.
Ich schiebe den Ärmel ihres rechten Arms hoch und setze die Dose auf die Innenseite ihres Handgelenks. Ich achte darauf, dass das Tuch ihren Arm bedeckt.
Mit der scharfen Kante schneide ich ihre Pulsadern auf, dann dr├╝cke ich die Dose in ihre andere Hand.

Im Treppenhaus z├Ąhle ich die Stufen auf dem Weg nach unten, als bei vierundzwanzig pl├Âtzlich eine T├╝r aufgeht. Gerade. Das war nicht so gut.
"Hallo? Frollein!"
"Ja, bitte?"
"Was war denn da oben los, bei Luckassens?" Die alte Frau sieht mich neugierig an.
Ich lese ihren Namen von der Klingel ab. Elisabeth Schr├Âder.
"Sind Sie Frau Schr├Âder? Frau Elisabeth Schr├Âder?"
Irritiert sieht sie mich an. "Ja, die bin ich."
"Na welch ein Gl├╝ck, zu Ihnen wollte ich gerade."
"Ja aber warum denn?"
"Ich bin Privatermittlerin, ich muss Sie dringend wegen Herrn Joachim Luckassen vernehmen."













Die Tatwaffe ==> Hier klicken


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Hagen
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Luckarssen

Hallo Alessandra,

Deine Geschichte habe ich gerne gelesen. Endlich mal eine Story aus der Sicht eines ÔÇÜB├ÂsenÔÇś geschrieben. Das ist ja wie im richtigen Leben.
Allerdinge ÔÇô dass die Protagonistin aus purer Freude am Moden handelte, oder irre ich mich da?, kommt m.E. nicht gen├╝gend raus.
Ebenso, dass die Protagonistin bei ihrer Aktion einen derartigen Radau gemacht hat, dass die Nachbarn hellh├Ârig wurden.
Trotzdem, eine runde Story, die hoffen l├Ąsst, dass Weiteres dieses Genres von der Autorin demn├Ąchst auf der LL zu lesen sein wird.

Viele liebe Gr├╝├če
yours Hagen


________________
Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, dann soll man den Kopf nicht h├Ąngen lassen.

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Alessa
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Hallo Hagen,

danke f├╝rs Lesen und Kommentieren (und Bewerten), hat mich gefreut.

Ich m├Âchte gern auf die beiden Punkte eingehen, aber ohne deswegen den Eindruck zu machen, als wolle ich mich gegen Textarbeit wehren. Ich arbeite sehr gerne an meinen Texten, kommt aber individuell darauf an ...

quote:
Allerdinge ÔÇô dass die Protagonistin aus purer Freude am Moden handelte, oder irre ich mich da?, kommt m.E. nicht gen├╝gend raus.

Schon zu Anfang der Geschichte "w├╝rfelt" sie mit dem Zufall. Sie sticht zuf├Ąllig auf irgendeinen Namen im Telefonbuch. Sie wettet mit sich selbst, das wird auch ├Âfter erw├Ąhnt. Nirgendwo kommt eine Textstelle vor, dass sie aus purer Freude handelt.
Sie z├Ąhlt die Stufen. Und ihr anderes komisches Verhalten deuten wohl eher auf einer psychische St├Ârung hin.
Von daher w├╝rde ich sagen: Du irrst leider. :-)

quote:
Ebenso, dass die Protagonistin bei ihrer Aktion einen derartigen Radau gemacht hat, dass die Nachbarn hellh├Ârig wurden.

Muss sie doch gar nicht. Es muss gar kein gro├čer Radau passieren. Da ist einfach dieses Klischee einer typischen alten Dame, die genug hinter ihrer Wohnungst├╝r mitbekommt. Die lauert, wer da ein- und ausgeht. Die einfach mitbekommt, dass da eine fremde Frau bei Luckassen reinging. Siehe am Anfang des Textes, die Unterhaltung im Treppenflur. Das bekommst Du als Rentnerin/alte Dame/"wie auch immer" mit, wenn Du das mitbekommen WILLST. Und wenn Du dann die ganze Zeit hinter Deiner T├╝r lauerst und darauf wartest, dass die fremde Frau wieder hinunter geht und dann passt Du diese Frau unter einem Vorwand einfach ab.
Au├čerdem ist zuvor eine Dose der Dosenpyramide umgefallen, auf den Boden gelandet, das h├Ârt man sicherlich auch eine Etage tiefer, wenn man sowieso die ganze Zeit die Ohren wie ein Luchs spitzt.
Dass die Dame neugierig ist, steht da ja auch und wenn sie die Fremde einfach anquatscht, kann man schon davon ausgehen, dass sie zu der Sorte "hellh├Ârigen, sich einmischenden, neugierigen Nachbarn" geh├Ârt.

quote:
Trotzdem, eine runde Story, die hoffen l├Ąsst, dass Weiteres dieses Genres von der Autorin demn├Ąchst auf der LL zu lesen sein wird.

Ja gerne, ganz bestimmt. :-)


Liebe Gr├╝├če
Alessa

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jon
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Ich finde die Erkl├Ąrungen glaubhaft. Au├čer: Leere Aludosen fallen (! ÔÇô┬ábeim Werfen ist das was anderes) wohl eher leise, die h├Ârt man kaum durch W├Ąnde durch; vielleicht wirft Dagmar ja vor Wut Joachims Zeug durch die Gegend.

Ist Aludosenblech so stabil, dass man damit Pulsadern aufschneiden kann?

Die Leerzeile nach dem Brief ergibt mich f├╝r mich keinen Sinn.

Das Beste zum Schluss: Klasse erz├Ąhlt!
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dal├Ąsst (Klaus Klages)

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Alessa
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Hallo jon,

danke f├╝r die Bewertung und Kommentare und das dicke Lob am Ende.

Leerzeile - stimmt, die kann weg.

Dagmar wirft vor Wut Joachims Zeug durch die Gegend = find ich gut, hab ich jetzt mal - auf die Schnelle - so eingebaut:

quote:
"Ich muss mal."
"Ich bin fertig", rufe ich und mache Platz f├╝r Dagmar.
Ich warte bis sie die T├╝r hinter mir schlie├čt, gehe in die K├╝che und tausche die Gl├Ąser aus.
Rumms. Polter. Schepper. Aha, Dagmar hat ihre Wut im Badezimmer rausgelassen. Dann h├Âre ich Dagmar fluchen und muss dar├╝ber laut lachen.
Ein Blick auf meine Armbanduhr. Nicht schlecht, es ist kurz vor 21:00 Uhr. Eine ungerade Zahl.
"Mann bin ich blau", kichert Dagmar beim Hereinkommen.


Wenn mir etwas Besseres einf├Ąllt, dann ├Ąndere ich das nochmal.

quote:
Ist Aludosenblech so stabil, dass man damit Pulsadern aufschneiden kann?

Jooooa. :-) Ich habe gerade eine Dose verbogen und fotografiert. Kann man die scharfe Kante gut erkennen? Die ist total total scharf, also ich habe da Respekt vor. Foto auf meine Webseite hochgeladen: Hier klicken

Danke nochmal und
liebe Gr├╝├če
Alessa

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Dominik Klama
???
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Nicht nur, dass es aus der Sicht des M├Ârders geschrieben ist und zwar eines M├Ârders, der nicht bestraft wird, und dass dieser M├Ârder eine Frau ist, m├Âchte man anerkennend vermerken, sondern auch, dass eine Frau es geschrieben hat. Patricia Highsmiths sind sonst eher d├╝nn ges├Ąt in solchen Foren.

"Krach, Polter, Schepper" kann man so kaum stehen lassen, weil es die typische Comic- bzw. Teenager-Umgangssprache, die Comic-Sprache nachahmt, ist, daher dem Leser das Signal "Klamotte!" zublinkt, w├Ąhrend der Text ihm eher "das Blut in den Adern gefrieren lassen" sollte.

Die Diskussion um Getr├Ąnkedosen als Mordwaffe ist nat├╝rlich eine um Kaisers Bart - und die Sequenz kam mir auch beim Lesen schon "eher etwas an den Haaren herbeigezogen, um noch einen Effekt zu landen" vor, denn: Sind wir nicht in der K├╝che? Sie zieht eine Schublade auf und vor ihr liegt ein Tranchiermesser! Aus jahrelanger Erfahrung mit zerdr├╝ckten Dosen, wage ich ebenfalls zu bezweifeln, dass es die geeigneten Werkzeuge f├╝rs ├ľffnen von Blutgef├Ą├čen sind. Scharf sind so Ecken schon. Aber es ist ja nur dieser eine kleine Punkt, nur diese Ecke. Und w├Ąhrend man die durch die Haut zw├Ąngt, zerdr├╝ckt man durch die Kraftanstrengung ja den Rest immer weiter und schneidet sich wohl selbst am Ende. Dosen kann man aber auch aufschneiden oder aufrei├čen und dann ist die scharfe Metallkante eigentlich das bessere Messer. (Komplett ausschlie├čen, dass es mit blo├č so einer Ecke geht, m├Âchte ich hier nicht.)

Der Text hat mich wieder einmal an den Film "Funny Games" von Michael Haneke erinnert (obwohl, gleich gesagt, dieses Passage jetzt einigerma├čen an den Haaren herbeigezogen sein wird), an den ich mich seltsamerweise immer wieder mal erinnere, anscheinend, weil ich gleich beim ersten Sehen zwischen Faszination und Widerwille so gesch├╝ttelt war. (Wie man bei solchen Texten ja auch sein soll.) Haneke gibt sich doch gerne als der todernste Moralist und Medienkritiker. Hier will er behaupten, dass man Geschichten ├╝ber Killer nicht erz├Ąhlen darf, weil sie das, was geschieht, verharmlosen und aus dem T├Âten f├╝rs Publikum eine Gaudi machen, solcherart die Grundlage zu neuer realer Gewalt schaffend.

Da ist so ein sommerlicher ├Âsterreichischer See, um den herum ziemlich formidable Feriendomizile stehen, allerdings alle nur an einer einzigen Stra├če und jeweils nur immer ein einzelnes Haus. Um diesen See herum bewegen sich nun zwei junge M├Ąnner, die, rein so aus Lust und Laune, als Gag, als Gaudi, Bewohner dieser H├Ąuser zu Geiseln nehmen, in Terror versetzen und dann der Reihe nach, wie vorher schon angek├╝ndigt, abschlachten. Dies alles mit einem h├Âchst freundlichen, charmanten Gehabe und ewigem Bubengrinsen. Es geht haupts├Ąchlich um ein Ehepaar mit halbw├╝chsigem Sohn. An einer Stelle gelingt dem Sohn die Flucht zum n├Ąchsten Haus, dort aber sind schon alle tot, die Killer waren vorher schon dr├╝ben. Sie schnappen ihn, bringen ihn zur├╝ck und ermorden ihn. Zwischendurch werden die Leute gezwungen, fr├Âhlich einigen benachbart Wohnenden im Boot zuzuwinken und ihnen die beiden M├Ąnner als "netten Besuch" vorzustellen. Als dann alle drei ermordet sind, fahren die M├Ârder zu den Nachbarn hin├╝ber, sie sind ja jetzt die netten Bekannten der netten Nachbarn... Haneke suggeriert dem Publikum die ganze Zeit ├╝ber, dass es nicht mit den Opfern, sondern mit den M├Ârdern im Bunde w├Ąre, du sollst dich schlecht f├╝hlen als Publikum, was du f├╝r Mordgel├╝ste in dir schlummern hast. Dazu l├Ąsst er die Psychopathen wiederholt direkt in die Kamera zwinkern und sprechen: "Gell, Sie wollen ja auch wissen, wie das ausgeht?" Es ist nat├╝rlich ein perfider Kunst-Ansatz, weil man allein durch das Lancieren eines angeblichen "Thriller"-Films, den Leuten eingeredet hat, es k├Ânnte sich lohnen, ins Kino zu gehen und Geld daf├╝r zu bezahlen, man werde gut unterhalten, man bekomme was geboten. Aber dann ist es eben unterhaltsamer, wenn Leute abgeschlachtet werden, als wenn gar nichts geschehen w├╝rde und man neunzig Minuten in einem dunklen Saal mit fremden Menschen ausharren m├╝sste. Letztlich haut man als K├╝nstler dem Publikum vorwurfsvoll um die Ohren, dass es sich Zeit f├╝r einen und das, was man denkt und macht, genommen hat. Das ist das Fiese.

Jedenfalls stand f├╝r mich - mit der Erfahrung dieses Films - nun keineswegs im Vordergrund, warum bringt sie so zuf├Ąllig jemanden um, sondern, wie schafft sie es, auch noch die N├Ąchste, also doch wohl diese Alte, zu t├Âten. Da so die Alte kaum mit Ger├╝chten ├╝ber die Seitenspr├╝nge ihres Gatten zum Trinken zu verleiten sein wird! Die Erz├Ąhlerin gibt den Hinweis, dass sie es diesmal ├╝ber die Nachbarbelauerungs-Schiene tun wird: "Da ist was los bei ihren Nachbarn P. und ich muss Sie dazu befragen." A) Die Alte kann sich endlich mal wichtig f├╝hlen. B) Die Alte darf von Herzen ├╝ber die jungen Leute herziehen.

Allerdings bleibt die Frage, wie sie auch diese Frau wieder zum zu viel Trinken bewegen will, wo die Alte vielleicht seit Jahren keinen Tropfen anger├╝hrt hat. Bei Haneke w├╝rde sie eine Zeitlang mit ihr reden, sie dann auf den Kehlkopf boxen, wenn sie auf dem Boden zappeln und nach Luft ringen w├╝rde, w├╝rde sie die Thermoskanne nehmen und sie totschlagen. Die waren nicht zimperlich, da, in dem Film.

Aber hiermit sind wir auch an dem Punkt, wo ich das Meiste gegen den Text habe und ihn letztlich nicht mehr goutiere. Vorstellbar ist so was ja auch als l├Ąngeres Buch, das von einem angeblich renommierten Krimiautor kommt - oder als Kinofilm. Dann w├╝rde ich todsicher irgendwann st├Âhnen: "Also Burschen! Das kann nicht euer Ernst sein! Was Gescheites ist euch gar nicht eingefallen, dass ihr so ├╝bertreiben m├╝sst?"
N├Ąmlich diese Lawine und Steigerung immer neuer Zuf├Ąlle. Irgendwann sind's der Zuf├Ąlle zu viel und ein Leser steigt aus.

- Sie sucht sich irgendwen raus. Zufall: Es ist genau die Passende f├╝r ihr Szenario.

- Es ist nur eine Person im Haus, eine Frau. Mit ihr l├Ąsst sich Freundschaft schlie├čen, mit einem allein lebenden Mann h├Ątte sie keine Freundschaft schlie├čen k├Ânnen, Kinder h├Ątten arg gest├Ârt. WG gar nicht abzusehen, wer da gleich zur T├╝r reinkommt.

- Sie steuert auf eine L├╝gengeschichte des Partners der Frau zu. Und Zufall: Die Frau hat wirklich einen. Und Zufall: Dem sie aber nicht ganz traut. Und Zufall: Sie ruft ihn nicht einfach schnell mit dem Handy an.

- Sie braucht eine besinnungslose Frau f├╝r einen vorget├Ąuschten Selbstmord. Das erreicht sie durch Alkohol, den die Frau trinkt, ohne, Zufall (sie hat die passend Blinde erwischt), zu merken, dass sie eigentlich nicht mittrinkt. Stellen wir uns vor, das gesch├Ąhe gerade bei unseren Nachbarn. Schw├Âren w├╝rden wir, dass die nicht immer weiter trinken, bis sie besinnungslos vor einer v├Âllig Fremden lallen. Aber Zufall, hier hat sie offenbar die passende, versteckte Alkoholikerin erwischt.

Das will sagen: Ich mag die Grundanlage des Textes als einen, der von der Warte des B├Âsen her denkt. Ich mag das Verorten im gew├Âhnlichen Alltag, Mietshaus, neugierige Nachbarn, Bierdosen. Ich mag die steigende Bedrohlichkeit: Die Leserfrage am Ende, wen wird sie noch so erwischen. Ich anerkenne diesen Willen zur "b├Âsartigen" Geschichte. Alles wunderbar, aber dann f├Ąllt in der konkreten Durchf├╝hrung eines lobenswerten Konzepts alles in der Sekunde in sich zusammen, wenn sich der Leser sagt: "Also bitte jetzt, das gibt's doch auf keim Schiff!"

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Jo Phantasie
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Hallo Alessa,

diese Geschichte musste ich mehrmals lesen, um die Intension der Protagonistin zu erkennen. Aber meine Zweifel bleiben.

quote:
Mein Finger bleibt bei Joachim Luckassen stehen. Was f├╝r ein Gl├╝ck, was f├╝r ein gutes Zeichen, auf Anhieb einen Mann erwischt zu haben.

Sie hat also einen Plan. ÔÇ×JuttaÔÇť ist schon in ihrem Kopf und das macht sie nicht zum ersten Mal.
Psychische St├Ârung? Dann kann man das nat├╝rlich jedem M├Ârder unterstellen. F├╝r mich sieht das wie eine Wiederholungst├Ąterin aus, die es als Spiel ansieht.
Sie kokettiert ja auch mit dem Zufall, der ihr wieder einmal? in die H├Ąnde spielt.
Wieso allerdings die angeblich betrogene Ehefrau das Opfer wird, bleibt im Dunkeln.
Hier h├Ątte ich mir einen m├Âglichen Hintergrund, ein Tatmotiv, gew├╝nscht. Einfach nur morden? Will sie das genau so?

Es weitere kleinere Handicaps in deinen Plot:

Pulsader! So einfach ist das nicht. Mit dem Dosendings kommt man nicht bis an die Arterie und eine quer geschnittene Vene verschlie├čt wieder.

quote:
"Hallo? Frollein!"
....
"Na welch ein Gl├╝ck, zu Ihnen wollte ich gerade."
"Ja aber warum denn?"
"Ich bin Privatermittlerin, ich muss Sie dringend wegen Herrn Joachim Luckassen vernehmen."

Man k├Ânnte jetzt sagen: Dumm gelaufen. Jedoch bereitest du hier den Weg f├╝r eine Folgetat. Das erscheint vordergr├╝ndig spannend, weil du nat├╝rlich! das Ende offen l├Ąsst. Aber egal, wie man es weiter spinnt, es kann f├╝r sie nicht gut ausgehen. Nun ja, nat├╝rlich kann es zwei Tote im Haus geben, sie hat ja Handschuhe an. Aber sp├Ątestens dann wird es ein Kriminalfall.

Aber das ist nat├╝rlich dann immer noch spannend, passt aber nicht zur Intension der Protagonistin: Die perfekten Morde! Serienmorde! Ohne jegliche Anzeichen von Fremdeinwirkung.
Aber mit deiner Fantasie kann man diese Zusammenh├Ąnge nat├╝rlich auch weiterhin verschleiern, es wird nur nicht einfach.

Alles in allem eine spannende Kiste, die hier eine Tat beleuchtet, jedoch Hintergr├╝nde weitestgehend unbeleuchtet l├Ąsst.

Man liest sich
Jo

__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

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