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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lunatikoa
Eingestellt am 12. 01. 2014 00:38


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Val Sidal
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      Manchmal, wenn ich auf der Autobahn auf der linken Spur neben einem Lkw fahre, steigt in mir die Angst auf – vom Bauch her strömend –, dass ich das Lenkrad mit Absicht verreiĂźen und unter die monströsen Räder des Geräts geraten könnte. In mir kracht es dann schon: ein kurzer Knall, eine warme Strömung, die alles auflöst und entspannt. Das auslaufende Benzin und der beiĂźende Rauch des Brandes ersticken mich. Ich kann es förmlich riechen. Du musst dagegen ankämpfen, schreie ich dann.
      Wieso denke ich an so was? Ich will doch gar nicht gegen diesen Wagen fahren, ich will das Lenkrad gar nicht verreiĂźen. Wieso spĂĽre ich in meinen Armen, im Mark, dieses Ziehen und Zittern, diese Unruhe, als könnte es gleich geschehen? Warum traue ich meinem Arm etwas zu, was ich gar nicht will? Verstehen Sie das?

      Oder, als meine Schwester mich einmal bat, ihrer Tochter, der kleinen Jenny, Nachhilfe zu geben. Sie brachte Jenny zu mir und ging dann shoppen.
      Beim dritten Mal ertappte ich mich dabei, dass ich beim Warten auf Jenny eine Erektion bekam. Ich dachte: Nicht auch das noch! Ich bin verkommen. Wäre ich wirklich in der Lage, ihr etwas anzutun?
In Jennys Beisein bekam ich jedes Mal Erektionen. Es war schrecklich!
      Jenny fesselte mich, wissen Sie? Sie ist doch noch ein Kind, sagte ich mir. Nichts, aber auch gar nichts an ihr ist weiblich. Ich meine, fraulich. Du bist ein Monster, sagte ich mir!
      Die Angst, ich könnte ihr etwas antun, rĂĽckte die Tat in den Bereich des Möglichen. Ich konnte es ja immerhin denken, verstehst du? Bei einem Besuch meiner Schwester hielt ich mich bewusst im Bad auf. Ich hatte einen Plan. Jeden Abend im Bett, nachts, wenn ich aufwachte. Und morgens – die ganze Woche. Eine furchtbare Woche. Und eine herrliche Woche. Noch nie hatte ich so viele Orgasmen in einer Woche – Tag und Nacht.
      Sie begrĂĽĂźte mich durch die TĂĽr, lieĂź Jenny im Zimmer und ging. Dann erst kam ich aus dem Bad. Nur mit einem T-Shirt und einer Unterhose bekleidet, beobachtete ich Jenny, wie sie reagieren wĂĽrde.
      Aber sie reagierte gar nicht.
      Ich setzte mich auf das Sofa.
      Sie saĂź am Tisch, und wir begannen die Arbeit.
      Ich wollte, dass sie auf meine Unterhose blickt. Sie tat es aber nicht. Sie war so sĂĽĂź. Mit gerade gestrecktem RĂĽcken saĂź sie da und baumelte mit den FĂĽĂźen.
      Mit hochgezogenem Bein und dem FuĂź unter meinem Gesäß, öffnete sich der Schlitz meiner Unterhose, leicht befördert durch eine einsetzende Erektion.
      Wenn sie nachdachte, steckte sie den Stift in den Mund – ich fĂĽhlte es. Meine Adern drohten zu platzen. Durch Bewegungen meines Beckens ermöglichte ich meinem Schwanz, durch den Spalt der Unterhose zu lugen. Nur die Eichel. Die Spitze. Fast vollständig.
      Jenny war mit der Aufgabe beschäftigt. Sie konzentrierte sich auf das Rechnen. Sie merkte gar nicht, dass sie gerade ihren Daumen im Mund hat – leckt. Meine Erektion begann allmählich zu schmerzen.
      Sie bekam von meinem Drama gar nichts mit. Sie schaute mich zwar an, warf aber keinen einzigen Blick auf meinen Schwanz. Sie lutschte den Daumen nicht, hielt den Daumennagel nur sanft auf der Unterlippe.
      Ich bekam Angst, dass ich weiter gehen könnte. Weil ich in meinem Plan weiter gehen wollte – gegangen war.
      Jetzt spĂĽrte ich, dass mein Schwanz in voller Größe aus dem Schlitz meines Slips gedrungen, nun vollständig sichtbar war. Ich schaute hin. Mein Herzschlag ĂĽbertrug sich auf mein Glied. Es pulsierte mit leichten, schwingenden Zuckungen, wie um Behandlung flehend. Gierend. Der Ăśberschuss an Blut färbte die Haut, die Eichel – alles – in bläulich schimmerndes Rot. Mein ganzer Körper befand sich in einer Dauerkontraktion, beinahe krampfhaft und – ja, auch schmerzhaft. Soviel Energie! Kraft!
      Abscheuliche Macht der Potenz!
      Bestialischer Wille!
      Höllische Sehnsucht!

      Wie einem Ladendieb, geht es mir nicht mehr darum, ob es richtig ist oder nicht, sondern nur darum, nicht erwischt zu werden. Ich bin ein Liebesdieb; stehle Leidenschaft und Leichtigkeit von kleinen Menschen, die davon mehr haben, als sie zu geben im Stande sind, mehr als sie in dem Alter brauchen, verbrauchen können. Ich bringe ihnen etwas fĂĽr das richtige Leben bei. Wie ein Lehrmeister, helfe ich ihnen, das hervor zu bringen, was sie tief verborgen bereits in sich tragen – die Geilheit. Damit sie nicht wie die Erwachsenen enden, die sie umgeben: gemeine, kranke Heuchler. GefĂĽhllose Bastarde, ausgetrocknet und erkaltet wie Lavastein. Es ist so! Ich weiĂź das! In mir pulsiert das Leben, der Saft. Wieso erkennt mich niemand? Sollte das böse sein, warum fĂĽhle ich seine Falschheit nicht? Wenn es richtig ist, warum habe ich höllische Angst davor? Warum bekomme ich eine Erektion dabei? Jetzt?
      Ich kann jetzt alles haben – mir nehmen. Ich bin so frei!
      Und ja, ich weiĂź: ich sollte es nicht tun. Aber etwas in mir weiĂź auch: ich werde es tun – jetzt, oder irgendwann … Irgendjemand sollte es merken. Meine Schwester, sie kennt mich doch so gut – wieso merkt sie nichts? Es heiĂźt, meine Begierde ist nicht natĂĽrlich – ich sei krank. Was ist natĂĽrlich?
      Wer gibt mir meine Natur zurĂĽck?
      Wer mischt meine Karten neu – wer rettet mich?

      Nicht nur meine Hose ausziehen.
      Das Höschen einer Jenny auch.

      Ticken, wie eine Zeitbombe, das bin ich!
      Unhörbar ticke ich aus, verstehen Sie?

      Wo blieb meine Schwester? Ist sie denn blind? Sie muss mich doch kennen!
      Gott, ich wĂĽrde mir das Hirn aus dem Schädel pulen, wenn ich es könnte!

      Also gut – ich spreche es aus: Es wird so weit kommen, dass eine Jenny sterben muss.
      Eine?

      Hier höre ich auf. Kann nicht weiter denken. Kann nicht hinter die Mauern von Lunatikoa gucken. Lese langsam alles durch. Wieder und wieder. Dann streiche ich alles durch, schlage eine neue Seite auf und setze den Stift auf das Papier:

Lunatikoa – eine fantastische Geschichte.

Gibt mir die Pflanze des Gebärens,
zeigt mir die Pflanze des Gebärens,
nimmt mir meine Last,
setzt mir einen Namen


      Aber – jemand ist da! Der Besuch!
      Ohne Vorwarnung verschwinden daraufhin Halle und Kuppel, die Grauen und die Feuervögel – alles, was noch geschrieben werden wollte. Was bleibt, gleicht dem echten Himmel eines lauen Sommertages.
      Bedrohlich taucht aus dem heiteren Himmel eine alte Bekannte wieder auf: der Feuervogel, den ich beschlossen hatte Zweifel zu nennen. Er breitet seine FlĂĽgel aus und droht, den ganzen Himmel, oder das, was ich beschlossen hatte, Himmel zu nennen, zu verdunkeln.
Doch die Lunte von Lunatikoa war bereits erloschen.

      Kein Zweifel: Mira ist da!
      Sie sagt: Papa? Wann kommst du nach Hause?
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valS
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John Wein
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ValSidal
Was zum Teufel ist Lunatikoa? Eine Fantastische Geschichte! NatĂĽrlich! Ein Kunstwort? Ich habe mich lange und mehrmals mit dem Ende der Geschichte befasst, kann es aber nicht recht deuten. Es war wohl deine Absicht, uns in die verworrene Welt dieses Protagonisten einzufĂĽhren und uns mit diesem Schluss selbst zu verwirren.
Zunächst dachte ich der erste Absatz passt überhaupt nicht zum eigentlichen Geschehen. Ich überlegte jetzt kommt eine Aufzählung dieser irrationalen Verhaltens-denk-weisen. Doch ich vermute mal, mit dem zweiten Abschnitt dieses Teils wolltest du uns in das Thema hineinführen.
Aber diese ODER finde ich stört ziemlich, meinst du nicht? Der Text verliert doch nichts, wenn du es weglässt.
Ich bin gespannt auf eine Antwort, oder ist es deine Absicht sie offen zu lassen und den Leser im Regen seiner eigenen Verwirrung?
Wie gesagt: Lunatikoa-Eine fantastische Geschichte! Ich liebe sowas!
GruĂź, JW

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Val Sidal
???
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@John Wein

danke fĂĽr den Kommentar.
Die Sache mit Lunatikoa:

Wäre der Besuch nicht eingetroffen, dann hätte der Protagonist so was geschrieben:

quote:
      Lars, hallte es auf Lunatikoa aus allen Richtungen. Wie der innere Klang, der beim Ansehen einer Note in der Partitur im Bewusstsein entsteht, ohne Beteiligung von Raum und Zeit, ohne das Schwingen des Schalls, entstand die Botschaft, und Lars wusste mit ihr nichts anzufangen.
      Auf der linken Seite der riesigen Halle, bedeckt von einer opaken Kuppel, die in kaum schätzbarer Höhe sich schier endlos ausdehnte, fielen die untersetzten, grauen Figuren zunächst nicht auf. Erst als die unruhigen Lichter, wie Spotlights von Suchscheinwerfern auf einem Gefängnishof, oder an Polizeihubschraubern befestigt, scheinbar ziellos hin und her streiften, die Köpfe der Gestalten beleuchtend, bemerkte er die Gruppe. Sie konnte aus zwanzig, vielleicht aus mehr Individuen bestehen, schätzte Lars. Keiner der von dem grellen Licht Getroffenen schien sich darum zu kĂĽmmern. Irritiert stellte Lars fest, dass er nicht in der Lage war, seine Entfernung zu der Gruppe zu schätzen. Daher wusste er nicht, ob die Wesen klein oder groĂź sind.
      Du musst etwas Vertrautes, Bekanntes finden, um das Unbekannte einordnen zu können. Aber was, wenn alles, buchstäblich alles fremdartig ist? Wie soll der Verstand ohne Erfahrung und ohne Wissen noch funktionieren?
      Nehmen wir die Suchlichter. Wenn sie ĂĽber die Flächen des Bodens – ah ja, die Beschaffenheit des Bodens war auch so eine Sache – oder der Kuppel huschten, erinnerten sie an Lichtkreise. Aber keine Strahlen, keine Quelle des Lichts war erkennbar. Und wieso konnten die Lichtflecken alles abtasten?
      Der Boden passte in keinster Weise zur glatten Beschaffenheit der Kuppel. Uneben, durchfurcht von Kanälen, Wendungen und Windungen, HĂĽgeln und Tälern, erinnerte er eher an einen riesigen Blumenkohl, der in zerlassener Butter serviert wird. Ein Blumenkohl, der in der Mitte, bis zum Strunk, zweigeteilt wurde. Etwas wie eine BrĂĽcke verhinderte es, dass die zwei Hälften auseinander fielen. Aber es roch nicht nach Butter und auch der recht penetrante Duft von gekochtem Blumenkohl war nicht wahrnehmbar. Ein vernetztes, dichtes Kanalisationssystem schien den ganzen Boden zu bedecken – ein Oberflächesystem, das aus elastischen, dunklen Schläuchen realisiert wurde. Eine dunkle FlĂĽssigkeit wurde von irgendwoher hineingepumpt.
      Noch während er versuchte, einen Anhaltspunkt fĂĽr die Orientierung zu finden, öffnete sich die Kuppel und gab den Himmel frei. Eigentlich war es kein Ă–ffnen im ĂĽblichen Sinne. Und auch kein Himmel. Eine Kuppel solchen AusmaĂźes hätte Zeit benötigt, um sich zu öffnen. Eine Bewegung, ein wie auch immer gearteter Ă–ffnungsvorgang hätte stattfinden mĂĽssen. Aber die Kuppel verschwand nur einfach – geräuschlos, ohne irgendeine Vibration oder sonstigen Effekt. Sie war einfach weg. Der Himmel – Lars sagte sich, es ist der Himmel – zeigte keine Tiefe. Die Dunkelheit des Himmels und das schummerige Licht ĂĽber dem Boden passten nicht zu einander.
      Wenn „schwarz“ bedeutet, dass kein Licht vorhanden ist, dass Licht vollständig absorbiert wird, dann war das, was noch eben, als opake Kuppel ĂĽber der Halle zu schweben schien, nun schwarz. Lars musste zugeben: die Annahme, dass das, da „oben“, der Himmel sei, jeder Grundlage entbehrte. Es gab keinen Stern, keine Wolken, einfach gar nichts, was auf etwas, wie ein Himmel deutete. Es war ein Reflex, an Himmel zu denken, der aus der Annahme folgte, die Kuppel sei oben, das war wiederum, auch nur eine Folge der Annahme, dass die grauen Figuren links, einer Schwerkraft folgend, senkrecht auf den Beinen standen. Aber es gab keinerlei Evidenz, dass die runden Knollen, die ab und zu von dem Lichtfleck gestreift wurden, tatsächlich Köpfe waren. Es war noch nicht einmal sicher, dass es Wesen waren. Sie hätten auch AuswĂĽchse des Bodens sein können. Oder von einer Decke herunterhingen, wie träumende Fledermäuse in vergessenen gewölbt abgeschlossenen Kellern.
      Lars kam in den Sinn, dass er möglicherweise eine Unterwasserszenerie beobachtete. Ja, das wĂĽrde Sinn machen, dachte er, als er die Schwärme kugelartiger Strukturen in der Schwärze erkannte. Sie schienen sanft zu schweben, wie Seifenblasen an einem ruhigen Tag ohne Wind. Und kein Kind zu sehen.
      Er hätte nicht sagen können, was ihn veranlasste an Blasen zu denken. Etwas wie Lichtreflexionen auf der hauchdĂĽnnen HĂĽlle einer Seifenblase war nicht zu sehen. Das Medium, welches die Himmelsblasen umschloss, unterschied sich nicht von der Umgebung und nicht von dem, was im Inneren sein musste. Alles war Eins. Es war nur so, dass Lars wusste: dort schweben Blasen.
      Die Streiflichter die unablässig hin und her schwankten, schienen wie auf ein unhörbares, geheimes Kommando ihre Bewegungen zu synchronisieren: auf spiralförmigen Wegen näherten sie sich einem unsichtbaren Punkt, den Lars, wenn er gefragt worden wäre, oben geortet hätte. Die Streiflichter schienen sich in diesem Punkt zu sammeln – sich zu vereinen.       Als kein Streiflicht mehr zu sehen war, kam jede Bewegung auf der Oberfläche zum Stillstand. Die grauen Figuren links erinnerten nun an Statuetten aus Granit. Lars fĂĽhlte sich, als wäre er Teil dieses allgemeinen Stillstandes – aus Basalt, sagte er: Ich, Lars Basalt.
      Und dann entlud sich der unsichtbare Punkt in einem gewaltigen Blitz.
      Die Besucher waren angekĂĽndigt worden. Nun waren sie da. Wie gelähmt starrte Lars ins Schwarze. Dann durchdrang plötzlich ein fĂĽrchterlicher Schmerz seine Glieder.
      Er beobachtete, wie Feuervögel aus den Kratern auf der Schattenseite des Mondgehirns ausschwärmten – nachtaktiv, säuregemästet und lavagetränkt. Dunkle, heiĂźe Kometen am wolkenverhangenen Himmel seines glĂĽhenden Gewissens, stinkende Sporen des sĂĽndigen Todes streuend. Nacht der offenen TĂĽr in der Hölle – jede Nacht! Ein Lebenskopf ziert die Pforte. Seine lebenslange Freikarte hatte ihm der Teufel in einer wilden Umnachtung in seinen tief tätowierten Armen aus einem pochenden Kelch persönlich gereicht. Sein Bub Belze schaute ihnen dabei zu. Alles kam von innen. Drang nach auĂźen.
Lars blieb weinend im Reigen der Grauen zurĂĽck:
Tu, tu, scerpa, tu!
Scerpa forma lucitu!
Lumi scerpa cogitu!
Scerpa tempo fugitu!
Tu, tu, locco tu!

Die Lunte von Lunatikoa brannte nun lichterloh. Lars wusste, seine Zeit war gekommen. Die Besucher. Die Feuervögel stürzten sich aufeinander, schrieen, winselten und stöhnten aus allen Richtungen. Lars versuchte sie zu verscheuchen, aber sie durchdrangen ihn, zerrten und zogen an dem, was er zu sein glaubte. Schmerz war allgegenwärtig: Tu, tu, scerpa, tu! Wie lange, kann ich das noch ertragen? Wie lange dauert es, bis jedes Organ, jede einzelne Zelle, von der Not gequält, sich schließlich dem Schicksal ergibt?
      Ein einzelnes Wort findet plötzlich seinen verwirrten Verstand: „Nein!”. Es ist das alles zusammenhaltende Wort: Nein! NEIN ist das Ankerwort! NEIN ist belastbar, trägt aus. Doch wie lange kann ein Verstand mit einem einzigen Wort auskommen? Folgt ein zweites, schwächeres Wort? Oder bleibt sein Platz unbesetzt, der Verstand leer? Schleicht sich TOD unausgesprochen heran, nur um NICHTS zu verdrängen? Ist Tod besser als Nichts? NEIN! Er klammert sich an dem Wort fest. Er lässt es durch seine Eingeweide flieĂźen. Er wĂĽrde es gerne ertönen lassen, wenn auf der rechten Seite, wo die Feuervögel ihren mörderischen Tanz vorfĂĽhren, Zeit und Raum fĂĽr „Nein“, fĂĽr ein Wort bliebe. Doch das Wort hat keine FlĂĽgel – wiegt schwer. Es schleppt die ganze Bedeutung, die noch zählt, wenn der Druck sich nicht mehr weiter ausdehnen kann und fĂĽr eine Explosion, fĂĽr das Aufbrechen und Entweichen, kein Raum angeboten werden kann.

      Plötzlich wird es still auf Lunatikoa.
      Lars erkannte sofort den Unterschied, das rettende Ufer: Es war in der Mitte. Seine Brust drohte zu bersten, seine Begeisterung ĂĽberflutete die riesige Halle, deren Kuppel nun wieder geschlossen war und in allen Farben des Regenbogens strahlte.


Ich hoffe, das hilft.

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DocSchneider
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Hallo Val,

Deine Erklärung an John Wein überrascht mich. Ich habe den Text so gelesen:

Dein Prot ist - für mich - im Gefängnis ob seiner Taten, denn er hat mehrere Mädchen sexuell missbraucht und umgebracht. Er stellt sich zu Beginn vor, wie er ganz normal auf der Autobahn fährt, aber von verqueren Gedanken heimgesucht wird. Dann folgt seine pädophile Gedankenwelt, die beängstigend gut geschrieben ist.
Jenny muss sterben und sie wird es und es werden ihr noch mehrere Mädchen folgen.

Der Prot ist in seiner Traumwelt, diesem Lunatikoa, das ihm Hölle und Himmel zugleich ist. Der Feuervogel symbolisiert für mich das Dunkle in ihm, diese Neigung zu kleinen Mädchen, die er verbannen möchte, es aber nicht kann.

Doch dann eine überraschende Wendung: Besuch! Von einer kleinen Tochter. Das heißt für mich, er ist gefangen, denn sie fragt ja, wann er nach Hause kommt. Und wo sollte sie ihn besuchen, wenn nicht im Gefängnis?
Der Prot wird noch unheimlicher, weil er selbst eine kleine Tochter hat.

LG Doc

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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂĽdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Val Sidal
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Du schreibst:

quote:
Dein Prot ist - für mich - im Gefängnis ob seiner Taten, denn er hat mehrere Mädchen sexuell missbraucht und umgebracht.
… eine mögliche Lesart. Sicher ist, dass der Protagonist in einer Anstalt/Psychiatrie/Gefängnis ist – wg. Besuch und so.
quote:
Er stellt sich zu Beginn vor, wie er ganz normal auf der Autobahn fährt und von verqueren Gedanken heimgesucht wird.
Wir lesen hier einen Bericht des Protagonisten (etwas von ihm Geschriebenes) – ob er Gedachtes oder Erlebtes niederschreibt, bleibt in der Schwebe.
quote:
Dann folgt seine pädophile Gedankenwelt, die beängstigend gut geschrieben ist.

… es ist nicht sicher, dass er pädophil ist; er hat zwar, wie du bemerkt hast, pädophile Gedanken, sein Bericht könnte aber, aus einer neurotisch/psychotische Konstellation resultierend, seine Angst davor, pädophil zu sein, darstellen. Vielleicht hat er in den Nachrichten von dem Telekom-Mörder gehört, der auch Kinder hat, und wurde in seinem sexuellen Chaos vollkommen durcheinander gewirbelt. Vielleicht ist die Beschreibung der Jenny-Szene aber nur sein neurotisches Gedankenexperiment.
quote:
Jenny muss sterben und sie wird es und es werden ihr noch mehrere Mädchen folgen.

… ob Jenny sterben muss, gestorben ist, ob es weitere Opfer gibt (geben könnte), bleibt offen – es könnte ja sein, dass der Protagonist – durch ein eher harmloses Erlebnis mit Jenny – nach einer professionellen Hilfe fragt, und vielleicht sogar bekommt(in einer Psychiatrie).
quote:
Der Prot ist in seiner Traumwelt, diesem Lunatikoa, das ihm Hölle und Himmel zugleich ist. Der Feuervogel symbolisiert für mich das Dunkle in ihm, diese Neigung zu kleinen Mädchen, die er verbannen möchte, es aber nicht kann.
… Ob es eine Fluchtwelt ist, die ihm es ermöglicht, mit der (vermeintlichen/befürchteten/tatsächlichen) Schuld zu leben, oder die Wirkung der Medikation mit Psychopharmaka – wir wissen es nicht.

Meine Intention war nur, mich einem komplexen neutortisch/psychotischen Charakter zuzuwenden, und ihn mit seinem (eventuellen Konflikt/Drama) dem Leser zu präsentieren.

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orlando
Guest
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Hallo Val,
ich finde deine Geschichte groĂźArtig, im wahrsten Sinne des Wortes.
Durch die Dreiteilung, durch das Spiel zwischen Traum und Realität bringst du ein abscheuerregendes Thema versiert an die Leser.
Bereits im Vorspann liegt alles Weitere enthalten - handelte es sich um ein musikalisches Werk, würde ich es eine Ouvertüre nennen. Ein Kunstgriff, den ich beispielsweise an Thomas Mann überaus schätze.
Gekonnt auch, wie du das Alter des Kindes durch das Baumeln seiner Beinchen ins Spiel bringt, durch eine simple Andeutung also. Geradezu grauenerregend gut!
Im dritten Teil gelingt dir ein fantastischer Abspann, die Auflösung überlässt du ganz und gar den Lesern.
Ich kann nur sagen: MĂĽtze ab.
Irgendwie bin ich schon jetzt davon überzeugt, dass du deinen (späten) Weg als Schriftsteller machen wirst. - Mit deiner Lyrik kann ich nicht so viel anfangen, gut scheint sie mir trotzdem.
LG, orlando


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