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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Lust auf Neubauten
Eingestellt am 25. 03. 2015 22:24


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wowa
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2013

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Lust auf Neubauten


Die KrÀhen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
- bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat !
F. Nietzsche Vereinsamt



Rinaldo Caspecha stĂ¶ĂŸt die HĂ€nde tief in die Taschen, zieht fröstelnd die Schultern hoch und saugt gerĂ€uschvoll die kalte Luft ein. Es herrscht noch Nacht an diesem frĂŒhen Wintermorgen, doch die Stadt schlĂ€ft schon lange nicht mehr. In den Straßen brĂŒllt der Verkehr, und missmutige, schwarz gekleidete Menschen hasten schweigend in die Bahnhöfe.
Rinaldo Caspecha starrt stumm in den reißenden Leiberstrom. Sein stehendes Dasein ist eine Provokation, das flutende Publikum streift ihn misstrauisch aus den Augenwinkeln. Zeit in dieser frĂŒhen Stunde ist knapp und wer viel davon hat, verdĂ€chtig. Den offen feindseligen Blicken einiger begegnet Rinaldo mit Gleichmut. Alle EindrĂŒcke des Augenblicks sind ihm vertraut, er fĂŒhlt nichts.
Die GerÀusche durchqueren die Physis widerstandslos, sein Kopf ist ein Hohlraum voller Echos.
Er schließt die Augen und lauscht in die Leere.
Ein schleppender, stolpernder Rhythmus ergreift ihn, taktlos, endlos. Sprachfetzen setzen Kontrapunkte, helle, klare Frauenstimmen bilden die Soloinstrumente, ein plötzliches, schneidendes GelÀchter, exakt getimt: Rinaldo öffnet die Augen und lÀchelt.
Kein Zweifel, dieser Morgen hat Musik.
Er kauft am Imbiss einen Kaffee, trinkt und fĂŒhlt sich lebendig. Etwas ist anders.
Schon die Nacht war tief und traumlos gewesen, er war friedlich frierend erwacht, unglĂ€ubig angstlos und ohne Schrei. Die bleichen Grimassen, die er oft auch tagsĂŒber sieht, wenn er unbedacht die Augen schließt, waren ausgeblieben.
Sie werden wiederkommen, dessen ist er sicher.
Ein Trauma löst sich nicht einfach so auf und seins schon mal gar nicht. DafĂŒr ist die Geschichte zu krass. Aber vielleicht, wenn sie ihn nicht mehr so bedrĂ€ngen, wenn sie nicht mehr so allgegenwĂ€rtig sind, wenn er nicht mehr mit dem RĂŒcken zur Wand seinen letzten Rest Verstand gegen ihre Befehle verteidigen muss, wenn er ein bisschen zur Ruhe kommt, kopfmĂ€ĂŸig, meine ich, vielleicht kann er dann ja irgendwann mal darĂŒber sprechen.
Voraussetzung dafĂŒr ist Ruhe in der Birne, ohne die geht`s nicht.
Rinaldo Caspecha holt sich noch einen Kaffee.
Vorhin, diese Leere im Kopf, die sich dann langsam mit Musik fĂŒllte, das war berauschend. Die Melodie der Straße, alle machen sie, aber keiner hört sie. Keine Zeit, kein GefĂŒhl, andre Sorgen, Ignoranten, Heuchler, Irre.
„Selber irre“,sagt Ronaldo und erschrickt ĂŒber seine Stimme. Er schaut sich um. Alle wirken kontrolliert, niemand beachtet ihn. Diese Kontrolle hat er verloren, das ist der Unterschied. Deshalb hört er in gĂŒnstigen Momenten anderes als die. So gesehen, eine Chance.
Er könnte dem musikalischen Potential des Alltags eine Form, einen Ausdruck geben. Wenn er die richtige Frequenz trifft, könnte er die VerhÀltnisse zum Tanzen bringen. Alles eine Frage der Eigenschwingung.
Der Groove der tĂ€glichen Wiederkehr, in die Richtung sollte er weiterdenken. Ihm fallen die Neubauten ein und er verspĂŒrt plötzlich eine unbĂ€ndige Lust auf deren Musik. Sowas ist ihm schon lange nicht mehr passiert.
Vielleicht geht ja doch noch was.


Version vom 25. 03. 2015 22:24
Version vom 26. 03. 2015 15:48

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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Hallo Wowa,

die kleine Geschichte rĂŒhrt mich an. Du beschreibst einen Traumatisierten auf Ă€ußerst gut nachvollziehbare Weise. Man wĂŒnscht niemandem solche Erfahrungen, ich vermute aber, das Schicksal hat sie Dir nicht erspart...

Dem Text kann ich aber auch entnehmen, dass Du gegen das Trauma angekÀmpft hast und es in seiner PrÀsenz und Wirkung kleiner machen konntest.

Besonders schön: die Verbindung zur Musik. Eigentlich ist alles Musik, die ganze Welt besteht aus Schwingungen, Resonanzen, tiefen und hohen Tönen, schrillen, einschmeichelnden; sie besteht aus Melodien und Harmonien, Disharmonien, sie groovt und jodelt, singt und schwingt...

Kleiner Hinweis: "irgentwann" wird wohl ĂŒberwiegend als "irgendwann" geschrieben; eventuell könnte man den Text durch AbsĂ€tze stĂ€rker gliedern (das hast Du vll. auch getan, ich weiß, dass AbsĂ€tze, in word eingegeben, im LL-System verschwinden).

Schönen Gruß

P.

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wowa
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2013

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Lust auf Neubauten

Hi, Penelopeia!
Danke fĂŒr Deinen Kommentar. Schön, daß Dir der Text gefĂ€llt und Dich berĂŒhrt. Dein MitgefĂŒhl allerdings habe ich nicht verdient, auch wenn der Text es nahelegen mag: trifft wohl besonders auf die Stelle zu, wo mit dem "..., meine ich,..." ein Perspektivwechsel angedeutet ist.
Ein Kunstgriff, um die Problematik des Protagonisten ein wenig zu verallgemeinern.
Im ĂŒbrigen sehe ich es durchaus als einen Erfolg meiner LebensfĂŒhrung an, bisher noch nicht verrĂŒckt geworden zu sein. In meinem Umfeld hatten nicht alle soviel GlĂŒck.
Alles Gute Wowa

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