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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Lust auf Schwulsein?
Eingestellt am 11. 08. 2008 11:13


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ledsgo
???
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Ich wei√ü nicht, woran es liegt, dass an einem geistig so unfruchtbarem Orte, wie es Salzburg ist, seit Mitte Januar die Sonne scheint. In jedem Fall h√§ngt sie am meist wolkenfreien Himmel und l√§sst die Tage so ganz und gar nicht winterlich erscheinen, dass Einem beinahe in den Sinn kommt, der Klimawandel mache sich sp√ľrbar, was nat√ľrlich Unsinn ist.
Nun entschied ich mich an einem jener Sonnentage, an denen ich mit Zweifeln aus dem Fenster blickend rasch weitere Pioniere entdeckte und mir dabei wohlwollend ein leises und optimistisches "Ja" √ľber die Lippen ging, mit dem Rad zum Training zu fahren. Ich setzte also mein Vorhaben in die Tat um und radelte der Salzach entlang am bereits mittelm√§√üig frequentierten Musikum-Radlweg in Richtung Volksgarten. Mit Sonnenbrille, IPod und einem Coffee-To-Go wurde mir diese leichte k√∂rperliche Ert√ľchtigung zu einer so angenehmen T√§tigkeit, dass ich heute sagen kann: Zweckm√§√üiges Radfahren (ich hasse es, einfach Rad zu fahren, um Rad zu fahren) - der Aufwand des Radfahrens muss bei mir sehr wohl einem Zweck dienen - ist mein neuestes Hobby.

Die Stadt Salzburg ist aber raffiniert, ja schlauer als ich, w√§re sie doch nicht Salzburg, wenn sie mir nicht ein Bein stellte, wo sie nur k√∂nnte. So scheint heute zwar immer noch freundlich die Sonne, daf√ľr aber peitscht ein derma√üen kalter und abscheulicher Wind durch die Gassen, dass es schier unm√∂glich ist, gegen ihn anzugehen, geschweige denn zu radeln.
Was also tut der Nicht-mehr-Autolenker in seiner Not, um von A nach B zu gelangen, ohne B mit Tr√§nen des Schmerzes und Frostbeulen an jeder erdenklich freien Hautstelle zu erreichen? Richtig, er- und in diesem speziellen Fall eben Ich- nimmt den Bus. Ja, den Bus. Das hei√üt: 10 Minuten durch das Arschloch von Wind, dann noch 3 Minuten warten, weil der Bus Versp√§tung hat, was eigentlich zu erwarten war. Dann im Bus m√∂glichst unauff√§llig sein, was nie gelingt wenn man es sich vornimmt, weil man sich zu geizig ist, 2 Euro zu bezahlen (obwohl der Preis eine absolute Frechheit, ja der reinste Hohn ist). Daf√ľr dann ein schlechtes Gef√ľhl, Unsicherheit und dauernd die Frage: h√§tte ich nicht doch ein Ticket kaufen sollen?
Nun, bedingt durch die K√§lte, der Nervosit√§t des Schwarzfahrens, sowie all den Gesichtern, die einem gierig √ľberall hinstarren, wenn man nur selbst erst wegsieht, weil ihre Neugierde Alles und Jeden betrifft, entstand in mir eine Gef√ľhlskomposition, die von unwohl bis hin zu abscheulich alles h√§tte sein k√∂nnen.
Belebt von diesem undefinierbaren Gef√ľhl, und in der Hoffnung, es m√∂glichst bald auf irgendetwas abzuw√§lzen, sehe ich es nun: in der Bushaltestelle gegen√ľber, 2 Stopps vor meiner Endstation, ein weiterer OBus, die komplette rechte Seite von einem riesen Werbeplakat belebt, auf dem da steht:"Lust auf Schwul sein? Lust auf Leben!" Dieser geistreiche Slogan also auf einem √∂ffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Salzburg, und ganz hinten und kleingedruckt:"Kondome sch√ľtzen. √Ėsterreichische Aidshilfe". Nun konnte ich nat√ľrlich zuerst gar nicht fassen, was ich da las- nicht, weil ich nicht aufgekl√§rt genug w√§re, um zu wissen, das Schwulsein heutzutage entabuisiert ist (oder zumindest sein sollte), sondern weil ich es einfach unglaublich finde, dass ein Bus direkt beim Salzburger Justizgeb√§ude mich einfach so fragt, ob ich denn Lust habe, schwul zu sein.
Ich meine, was soll das hei√üen, Lust haben schwul zu sein? Aufs Schwulsein hat man doch keine Lust, schwul ist man, oder eben nicht. Und wenn nun jemand schwul ist, so hat dieser Jemand vielleicht Lust darauf, Schwules zu tun, aber auf den Umstand, dass er schwul ist, kann er doch unm√∂glich Lust haben, denn er ist sowieso schwul; selbst wenn er keine Lust darauf h√§tte, was w√§ren seine Alternativen? Ich habe ja auch keine Lust darauf, hetero zu sein. Ich habe Lust darauf, eine Frau zu v√∂geln. Und dasselbe ist es bei Schwulen, nur ist ihr Lustobjekt gleichgeschlechtlich. Und genau das wird meiner Meinung nach falsch impliziert: Lust auf Schwul sein soll eigentlich meinen: Lust, Einen in den Arsch zu ficken? Tut es aber nicht. Lust auf Schwul sein impliziert √ľberhaupt nichts, weil der Satz keinen Sinn ergibt.

Noch schlimmer der zweite Satz:"Lust auf's Leben!" Was soll das wieder hei√üen, dass ich, wenn ich Lust darauf habe, schwul zu sein, das Leben bejahe, weil ich dann Lust auf's Leben genauso habe? Oder habe ich genau dann Lust auf's Leben, wenn ich schwul bin? Haben Schwule mehr Lust am Leben? Ich will es gar nicht bestreiten, es w√§re ja m√∂glich, aber eine Allgemeing√ľltigkeit wird dieser Satz wohl kaum erreichen.
Nun habe ich mich im Bus sitzend gefragt, ob ich, der ich von mir behaupten kann, hetero zu sein, wohl Lust darauf hätte, schwul zu sein. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass ich keine Lust darauf habe. Das heißt also, ich habe auch keine Lust auf das Leben.
Aber ich bin auch zu dem Schluss gekommen, dass das nicht weiter tragisch ist, keine Lust aufs Leben zu haben. Denn mit dem Leben ist es wie mit dem Schwulsein:

Es ist nicht so, als hätte man die Wahl.

__________________
Ich hoffe, du verstehst ein wenig vom Leben, denn vom Sterben hast du keine Ahnung.

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mitis

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quote:
Nun, bedingt durch die K√§lte, der Nervosit√§t des Schwarzfahrens, sowie all den Gesichtern, die einem gierig √ľberall hinstarren, wenn man nur selbst erst wegsieht,

kleiner grammatikalischer hinweis:
Bedingt durch die Kälte, die Nervosität beim Schwarzfahren (des Schwarzfahrens) sowie all die Gesichter, die einem....

bedingt durch verlangt akkusativ in allen aufzählungen.

lg mitis

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