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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Lyrik, die Diva der Literatur
Eingestellt am 27. 05. 2015 13:56


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hermannknehr
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Lyrik, die Diva der Literatur

„Um Prosa zu schreiben, muss man etwas zu sagen haben; wer aber nichts zu sagen hat, kann doch Verse und Reime machen, wo denn ein Wort das andere gibt und zuletzt etwas herauskommt, dass zwar nichts ist, aber doch aussieht, als wäre es was“.
Soweit das Zitat Goethes aus den Gesprächen mit Eckermann. War dieser Ausspruch des Dichterfürsten nun ernsthaft gemeint, oder sollte er nur als Scherz verstanden werden? Ich vermute, sowohl als auch. Zum einen gab es auch zu Goethes Zeiten dieses Heer von Schreiberlingen, die nichts zu sagen hatten, aber gehört werden wollten und sich in wohlklingende Verse flüchteten, weil ihnen das Schreiben unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete. Zum anderen wusste natürlich auch Goethe, dass nichts so komplex, so schwierig und so tiefgründig ist wie ein Gedicht, das an den Autor und an den Leser die höchsten Anforderungen stellt.
Die Lyrik ist phylogenetisch und ontogenetisch eine der ältesten Formen der Literatur. Die ersten uns überlieferten Sätze waren Verse, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch rhythmisch gesprochen worden waren. Die ersten zusammenhängenden Worte, die ein Kind lernt und spricht, sind Reime. Nichts geht einem ja auch so ein und bleibt im Gedächtnis haften wie ein gereimter Vers.
Der Mensch hat, seit er gelernt hat zusammenhängende Worte zu formulieren, Lyrik produziert. Generationen von Dichtern in allen Jahrhunderten haben sich mit Lyrik beschäftigt, sie bereichert, verändert, erneuert, verfremdet, dem Zeitgeist angepasst. Nie hat sie ihre Anziehungskraft verloren, nie hat sie die Menschen in Ruhe gelassen, nie wurde sie ganz vergessen.
Was ist nun das Besondere an der Lyrik, dass sie einen so hohen Stellenwert besitzt und sich von den anderen Gattungen der Literatur, dem Drama und dem Roman, abhebt?
Das Gedicht reduziert den zu behandelnden Stoff auf wenige prägnante Satzaussagen. Es ist gleichsam die Essenz, das Destillat des Materials. Im Gedicht wird die gesamte Stofffülle in eine komprimierte, in sich schlüssige Form gebracht, wobei Form und Inhalt zu einem untrennbaren Ganzen mit einander verschmelzen. Das Gedicht würde zerfallen, wenn man einen Teil davon herausnehmen, oder auch nur verändern wollte.
Die Geschichte hat eine Vielzahl von Gedichtformen hervorgebracht, vom Stabreim bis hin zu frei fließenden Satzfragmenten. Alles ist erlaubt, sofern der Stoff schlüssig in diese, und nur in diese, komprimierte Form gebracht werden kann. Freilich darf man nicht annehmen, dass durch Zeilenumbruch, konsequenter Kleinschreibung und Verzicht auf Interpunktion aus lapidaren Prosasätzen ein Gedicht entsteht. Lyrik ist kein leichtes Spiel!
Diese Verdichtung eines Stoffes, dieses „auf den Punkt bringen“, das Wesentliche herausstellen, ist aber nur eine Seite, die Lyrik zu etwas Besonderen, Einzigartigen macht. Was lässt uns ein Gedicht tiefgründiger, fundamentaler, bewegender erscheinen als ein Roman? Im Gedicht kann sich der Autor nicht verstecken, er entblößt sich vor uns, liefert sich uns aus. Während der Dramatiker seine Figuren vorschiebt, sie fühlen und handeln lässt, der Romancier die Welt beschreibt und erklärt, zeigt der Poet im Gedicht sich selbst. Diese Bloßstellung schafft eine Tiefe und Intimität, wie sie im Roman oder Drama nicht erreicht werden kann.

Betrachtet man das literarische Geschehen der letzten 100 Jahre, so stellt man fest, dass im Bereich der Lyrik eine unvorstellbare Fülle von neuen Stilrichtungen und Formen hervorgegangen ist. Der Hang zum Modernen, das Bestreben zur Avantgarde zu gehören, hatte einen besonderen Stellenwert in der Poesie. Anders als bei einem Roman, der Anfang des letzten Jahrhunderts geschrieben, uns oft heute noch fesselt und vom Inhalt her auch zeitgemäß erscheinen lässt, gilt ein Gedicht aus der vorletzten Jahrhundertwende als hoffnungslos veraltet und allenfalls als ein schön anzusehendes Relikt einer vergangenen Zeit.
Mit dem Beginn der sog. Moderne nach dem 1. Weltkrieg haben die Lyriker mit einem unglaublichen Impetus Stilrichtung um Stilrichtung kreiert, die die jeweilige Form schon wieder veraltet und damit unzeitgemäß erscheinen ließ, bevor sie noch bei den Lesern und Kunstfreunden angekommen war. Es galt, die gängigen Formen und Normen immer wieder zu durchbrechen, innovative Texte zu bringen um jeden Preis. Wir sprechen hier von der klassischen Moderne, der Postmoderne, der neuen Subjektivität, der sog. zweiten Moderne, der Transitpoesie, der hermetischen Lyrik, der gestischen Lyrik, der experimentellen Lyrik, der konkreten Lyrik, der politischen Lyrik, der Protestlyrik, der Agitationslyrik bis hin zur Pop-lyrik, Rap und Poetry-Slam. Einen vorläufigen Endpunkt scheint das Internet zu setzen mit der digitalen Lyrik, in der die Grenzen zwischen Autor und Leser sich verwischen und vom Konsumenten das Produkt mitgestaltet werden kann. (vgl. auch Mario Andreotti „Die Struktur der modernen Literatur“, UTB 2014).
Angesichts dieser verwirrenden Vielfalt von Stilformen, die alle unter den Begriff Lyrik zusammengefasst werden, erscheint die Frage berechtigt, ob überhaupt Kriterien aufgestellt werden können, die es erlauben, ein literarisches Produkt als lyrisch zu bezeichnen. Was ist Lyrik? Ist dieses literarische Genre heute überhaupt noch zu definieren? Wir wollen dazu die Anfänge der lyrischen Dichtung, soweit sie uns bekannt sind, betrachten, das Neue, was sie gebracht hat, sowie ihre Weiterentwickelung bis heute.

Als eine der ältesten überlieferten literarischen Werke des abendländischen Altertums gelten die Ilias und die Odyssee, die einem sagenhaften, noch nicht fassbaren Dichter, Homer, zugeschrieben werden. Es sind gleichförmige, epische Götter- und Heldengesänge ohne individuelle Färbung des Dichters.
Um 700 v. Chr. tritt erstmals ein Dichter aus der Anonymität heraus und nennt seinen Namen: Hesiod. Mit einem neu erwachten Ich-bewusstsein schildert er in wechselnden Vers- und Strophenformen das tägliche Dasein und das Lebensgefühl der Menschen. Diese neue Form der Dichtkunst wird weiter fortgeführt durch Archilochos von Paros um 650 v. Chr. Ereignisse werden nun nicht mehr um ihrer selbst willen geschildert, sondern um darstellen zu können, wie der Einzelne in seinem Fühlen und Denken reagiert: das lyrische Ich war geboren.
Zu einer Hochblühte dieser neuen Kunstform brachte es Sappho, die um 585 v.Chr. auf Lesbos lebte und dort einen Musenkreis junger Frauen und Mädchen um sich versammelt hatte. Es ist berührend und staunenswert zugleich, wie zeitgemäß und in ihrer Schlichtheit nahezu modern diese Gedichte sind, die vor mehr als 2500 Jahren geschrieben worden sind:

Dedýke men á selánna
kai Pleiadés …

Nach einer Ăśbersetzung von Manfred Hausmann:

Der Mond ist hinabgesunken,
hinab die Plejaden. Mitte
der Nacht und vorbei die Stunde.
Ich liege allein im Dunkel.

Vorgetragen wurden die Verse mit Musik, zu den Klängen der Lyra oder Flöte, die der Sprache Rhythmus verlieh, ohne sie einzuengen. Dass diese rhythmische Musik keineswegs nur ein schmückendes Beiwerk war, sondern einen wesentlichen Bestandteil dieser Kunstform darstellte, zeigt schon der Umstand, dass Euterpe, die Muse der Lyrik, nicht mit Schreibtafel und Griffel bildlich dargestellt wurde, sondern mit der Aulos, der Doppelflöte. Die ersteren waren Attribute von Kalliope, der Muse der epischen Dichtung und der Rhetorik.

Durch den metrischen Aufbau der lyrischen Verse wurde das Satzgefüge kompakt, in sich konsistent. Der zu behandelnde Stoff konnte auf wenige Worte reduziert werden, ohne seine Aussagekraft einzubüßen, ja er konnte durch diese Reduktion in seiner Intensität sogar noch gesteigert werden.
Diese innere Metrik wurde damit zu einem charakteristischen Merkmal dieser neuen Kunstrichtung mit dem sie sich von den anderen Gattungen der Dichtkunst (Epik, Drama) abgrenzte.

Am Beginn der deutschsprachigen Lyrik stand der Minne-Sang. Das lyrische Ich war hier stets der (meist unerhörte) werbende Troubadour und das Ziel der Wünsche die unerreichte hohe, edle Dame. Wieder war die Musik das tragende Element dieser Dichtung. Die Strophen waren nicht nur metrisch strukturiert, sie wurden jetzt auch mit Binnen- und Endreimen klingend gemacht und damit eingängiger, so dass sie für jedermann zum Mitsingen und Rezitieren geeignet waren. In den folgenden Jahrhunderten sollten sich daraus die Volkslieder entwickeln.
Mit Beginn des Barockzeitalters wurden neue, metrisch sehr streng gesetzte Versformen entwickelt. Neben dem Sonett und der Stanze war es vor allem der Alexandriner, der sich besonderer Beliebtheit erfreute. Es war wohl die Reaktion auf die unglaublichen Verwüstungen und das Chaos, das der 30-jährige Krieg hinterlassen hatte, das die Menschen nach Ordnung und strengen Formen suchen ließ, auch in der Kunst. Erst mit der Aufklärung, der „Sturm und Drang"-Zeit und vor allem in der Romantik, traten Individualität und Gefühlsstärke der einzelnen Dichter wieder stärker in den Vordergrund. Die strengen Formen wurden aufgebrochen, der Endreim zum Teil verlassen, Enjambements vermittelten ein fließendes, sehnsüchtiges Lebensgefühl. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Hochblüte dieser lyrischen Dichtkunst. Emotionale Empathie des Autors verband sich harmonisch mit einem Versbau, der den Gesetzmäßigkeiten der klassischen Verslehre genügte, aber nicht einengte und so trotz tiefster emotionaler Subjektivität ein Gefühl der Allgemeingültigkeit vermittelte. Der „Panther“ von R.-M. Rilke mag als Beispiel genügen. Das Gedicht beschreibt nicht nur lyrisch einen Panther in seinem Käfig, das Gedicht „ist“ der Panther hinter den Stäben, literarisch so plastisch herausgearbeitet und real, wie die Raubkatze im Jardin des Plantes selbst.
Mit dem 1. Weltkrieg wurde diese Blütezeit der Kultur jäh beendet. Nach Überwindung der tiefsitzenden traumatischen Erlebnisse, begann man nach völlig neuen Wegen zu suchen, um in der Kunst glaubhafte Aussagen machen zu können. Die alte Welt gab es nicht mehr, neue Ziele, neue Ideale mussten erst gefunden werden. Mit der sog. klassischen Moderne entstand eine Experimentier-Freudigkeit, die alles in Frage stellte und von Grund auf neu bewertete. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand eine Fülle von Stilrichtungen, die oft nur kurzlebig waren und wieder in Vergessenheit gerieten, bevor sie ein breites Publikum erreichen konnten.

Mittlerweile scheinen sich aber die avantgardistischen Experimente der Post-post-Moderne totgelaufen zu haben und man besinnt sich wieder auf die Grundwerte der Lyrik: Metrik und Klang. „Eichendorf, Brentano, Heine und Brecht sangen, doch wir! Wir haben keine Lieder, unsere Dichter reden rum“, sagt Dirk von Petersdorff, ein Dichter unserer Zeit. Lyrik muss klingen! Dabei ist es unerheblich, ob der Klang sich in flüssig laufenden Jamben wie bei Sappho, ob in einem, an Versmaß und Endreim streng gefassten, Sonett eines Petrarca , oder in frei fließenden Rhythmen eines Paul Celan zeigt. Entscheidend ist die innere Metrik der gesetzten Worte. Die Verszeile muss für sich selbst stehen können, trotz und gerade durch gekonnt angewendeter Enjambements. Die Zeile muss klingen, das ganze Gedicht muss klingen, wenn es diese Bezeichnung zu Recht tragen soll. Ohne das bleibt der Text ein Stück Prosa mit willkürlichen, nicht sinnstiftenden, Zeilenumbrüchen.

Wie wir gesehen haben, ist Lyrik eine der ältesten Kunstformen, in denen der Künstler als Individuum hervortritt. Diese Ichfindung mag eine der Ursachen dafür sein, dass die Lyrik im Laufe der Jahrhunderte diese Vielzahl an Stilrichtungen hervorgebracht hat, die z.T. sehr individuell gefärbt waren und mitunter auch in eine Sackgasse geführt haben.
Gute Lyrik, die nicht in Ideologie-Kritik und Agitation stecken bleibt (Agitprop-Lyrik, Rap), oder sich in Wortspielereien und Lautmalereien verzettelt (experimentelle Lyrik, Nonsens-Dichtung), hat Bestand. Das Mondnacht-Gedicht der Sappho, Rilkes Panther oder die Todesfuge von Paul Celan wird man auch in den nächsten 3000 Jahren noch lesen. Lyrik ist die nachhaltigste, tiefgründigste, intimste Form der Sprache. Durch ihre Schönheit ist sie konkurrenzlos, einmalig in ihrer Ausdruckskraft, überraschend und wandelbar durch ihre Interpretationsmöglichkeiten – eine Diva der Literatur.


Version vom 27. 05. 2015 13:56

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Die Dohle
Guest
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Hallo hermannknehr,

interessant zu lesendes Lied auf die Dichtkunst, wobei der Blick ziemlich streng der abendländischen Brille gehorcht. Es wäre aus meiner Sicht interessant beispielsweise, das eine oder andere Wort darüber zu verlieren, über die Umstände, die die enorme Experimentierfreudigkeit etwa ab Beginn des vorigen Jahrhunderts bedingen. Das geschah ganz gewiss nicht nur aus Spaß an der Freud.
Darüber hinaus vermisse ich persönlich die, ich sag mal so, religiös-beschwörende Charaktereigenschaft im weitesten Sinn, die diese Form des menschlichen Ausdruckes zu allen Zeiten auszeichnete und noch immer auszeichnet auch dann, wenn diese Eigenschaft nicht offenkundig jederzeit in Erscheinung tritt, da beispsw. unterhaltende Absichten im Vordergrund stehen.

Zudem, die schönsten Lieder verhallen seit jeher ohne gewohntes Publikum, da sich diese Gesänge als zutiefst intime Zwiesprache mit der das Individuum tragenden Welt ereignen. In dem Zusammenhang rege ich an, den Blick beispielsweise auch auf überlieferte Hirtenweisen oder auch Schamanengesänge (-noch immer gibt es Sennen, die den Mächten mit ihrem Alpsegen in der Abendsonne für einen gut geratenen Tag danken und um günstige Geschicke für den nächsten Tag bitten) zu lenken, deren zeitlicher Ursprung sich nicht wirklich ermitteln lässt. Die Bilder in den Höhlen von Lascaux sind Lieder, ich bin der festen Überzeugung, diese Leute verfügten über einen grundlegenden Begriff davon, was wir heute Lyrik nennen.

Meine Idee zu Deinem Text:
Straffen ist möglich. Meine o.g. Anmerkungen stehen keineswegs abschließend als Anregung zu Deiner freien Verfügung. Insgesamt finde ich Deinen vorgelegten Text, der sozusagen aus meiner Sicht seiner Vollendung sehr gerne entgegensieht, lohnend. Ich wünsche insofern viel Freude am Zimmern und Feilen.

lg
die dohle

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jon
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Provokantes Zitat als Einstieg – das hat mir gefallen. Als Leser, der kein besonders enges Verhältnis zur Lyrik hat, begann der Text aber schnell, mich zu langweilen (sorry), weil ich den Eindruck hatte, dass der kommende Text nicht viel mit dem Zitat (bzw. der innewohnenden Provokation) zu tun haben würde. Aber wie gesagt: Mich interessiert Lyrik-Theorie nur marginal, also muss das kein Maß für dich sein. Müsste es natürlich auch nicht, wenn ich mich für Lyrik-Theorie interessieren würde, klar.

Was ich wirklich tierisch gernervt hat im ersten Teil, ist die Lobhuldei in Sachen Lyrik. Ok, der Text heißt „Lyrik, Diva der Literatur“, aber die zum Teil – sorry – blödsinnigen Aussagen werden hier wie Wahrheiten verkauft, nicht wie ein überhöhtes (Selbst)Bild. (Interessanterweise widerspricht dein Text in der zweiten Hälfte diesen Aussagen sogar selbst. Als hätte der Autor vorn nicht gewusst, was er hinten schreiben will. Oder als hätte er hinten vergessen, worauf er vorn hinaus wollte.)

Was fĂĽr Aussagen ich meine? Zum Beispiel:

quote:
Zum anderen wusste natürlich auch Goethe, dass nichts so komplex, so schwierig und so tiefgründig ist wie ein Gedicht, das an den Autor und an den Leser die höchsten Anforderungen stellt.
Doch, gute Prosa, ein gutes KonzertstĂĽck und sogar ein gutes Essen kann hochkomplex und "tiefgrĂĽndig" sein.

quote:
Das Gedicht reduziert den zu behandelnden Stoff auf wenige prägnante Satzaussagen.
Nicht unbedingt, es gibt Stoffe, die werden in epischer Breite dargelegt. Den meisten dĂĽrfte hier wohl der Handschuh einfallen.
Und: Prosa kann das auch.

quote:
Alles ist erlaubt, sofern der Stoff schlĂĽssig in diese, und nur in diese, komprimierte Form gebracht werden kann.
Was hat das miteinander zu tun?
Jeder Stoff kann in jede Form gebracht werden. Der Handschuh hätte auch prima als Prosa funktioniert, der Zauberlehrling ist vielfach in Prosa übertragen worden (und sei es im Rahmen des Schulunterrichts bei "Nacherzählungen") und so könnte man es endlos fortführen. – Dass die Intensität der Übermittlung sich unterscheidet, Nuancen und „Meta-Inhalte“ variieren etc. bleibt davon unbenommen.

quote:
Diese Verdichtung eines Stoffes, dieses „auf den Punkt bringen“, das Wesentliche herausstellen, ist aber nur eine Seite, die Lyrik zu etwas Besonderen, Einzigartigen macht.
Auch gute Prosa soll das Wesentliche herausstellen – darin ist Lyrik nicht einzigartig. Sogar das Verdichten ist Element der Prosa. Dass es Prosa gibt, die das nicht gut macht, ändert daran nicht, denn es gibt auch Lyrik, die das nicht gut macht.

quote:
Was lässt uns ein Gedicht tiefgründiger, fundamentaler, bewegender erscheinen als ein Roman?
Die Indoktrination der Lyrik-ist-die-einzig-wahre-Literatur-Propagandisten.

quote:
Im Gedicht kann sich der Autor nicht verstecken, er entblößt sich vor uns, liefert sich uns aus.
Der Autor kann sich immer verstecken – in Prosa und Lyrik. Und manchmal passiert es, dass er sich entblößt – in Lyrik und Prosa. In der Lyrik wird es (heutzutage) nur öfter erwartet.

quote:
Während der Dramatiker seine Figuren vorschiebt, sie fühlen und handeln lässt, der Romancier die Welt beschreibt und erklärt, zeigt der Poet im Gedicht sich selbst.

… es sei denn, er erzählt eine Geschichte. Mal bitte ein Kästner-Buch in die Hand nehmen! Oder Ringelnatz! Oder – ich weiß, ich wiederhole mich – den Handschuh, den Erlkönig, den Zauberlehrling …

quote:
Diese Bloßstellung schafft eine Tiefe und Intimität, wie sie im Roman oder Drama nicht erreicht werden kann .
… gr%#+%°m>*kr!!

quote:
Es sind gleichförmige, epische Götter- und Heldengesänge ohne individuelle Färbung des Dichters.

Wie war das oben mit dem Entblößen und dem Verstecken und so?



Noch ein paar Sachen, die mir auffielen, und die beim "Straffen" mit unter die Lupe genommen werden sollten:


quote:
Zum einen gab es auch zu Goethes Zeiten dieses Heer von Schreiberlingen, die nichts zu sagen hatten, aber gehört werden wollten und sich in wohlklingende Verse flüchteten, weil ihnen das Schreiben unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete.
Na offensichtlich hatten sie keine unüberwindbaren Probleme – sie haben doch geschrieben.

quote:
Freilich darf man nicht annehmen, dass durch Zeilenumbruch, konsequenter Kleinschreibung und Verzicht auf Interpunktion aus lapidaren Prosasätzen ein Gedicht entsteht.
Wieso „freilich“? Heißt denn „viele Formen“ (was davor steht), dass das naheliegt? Ich weiß, bei manchem Autor hat man den Eindruck. Mich stört nur die Ankopplung – ein Lyrik-Fan sollte das „runder klingend“ hinbekommen

quote:
Betrachtet man das literarische Geschehen der letzten 100 Jahre, so stellt man fest, dass im Bereich der Lyrik eine unvorstellbare FĂĽlle von neuen Stilrichtungen und Formen hervorgegangen ist.
"im Bereich hervorgegangen" - da stimmt was semantisch nicht

quote:
Der Hang zum Modernen, das Bestreben zur Avantgarde zu gehören, hatte einen besonderen Stellenwert in der Poesie. Anders als bei einem Roman, der Anfang des letzten Jahrhunderts geschrieben, uns oft heute noch fesselt und vom Inhalt her auch zeitgemäß erscheinen lässt, gilt ein Gedicht aus der vorletzten Jahrhundertwende als hoffnungslos veraltet und allenfalls als ein schön anzusehendes Relikt einer vergangenen Zeit.
Was die Form angeht, stimme ich zu, das mit dem Inhalt ist unrund: Auch Gedichte von vor hundert (oder mehr Jahren) können "zeitgemäße" Inhalte haben (Liebeslyrik z. B.). Ob Lyrik als "hoffnungslos veraltet" wahrgenommen wird, hängt von der Form des Werkes und dem Empfinden des Lesers ab. Sonette boomen, wenn ich das richtig sehe. (Von Haiku mal ganz zu schweigen.)


quote:
Mit dem Beginn der sog. Moderne nach dem 1.Weltkrieg haben die Lyriker mit einem unglaublichen Impetus Stilrichtung um Stilrichtung kreiert, die die jeweilige Form schon wieder veraltet und damit unzeitgemäß erscheinen ließ, bevor sie noch bei den Lesern und Kunstfreunden angekommen war. Es galt, die gängigen Formen und Normen immer wieder zu durchbrechen, innovative Texte zu bringen um jeden Preis. Wir sprechen hier von der klassischen Moderne, der Postmoderne, der neuen Subjektivität, der sog. zweiten Moderne, der Transitpoesie, der hermetischen Lyrik, der gestischen Lyrik, der experimentellen Lyrik, der konkreten Lyrik, der politischen Lyrik, der Protestlyrik, der Agitationslyrik bis hin zur Pop-Lyrik, Rap und Poetry-Slam. Einen vorläufigen Endpunkt scheint das Internet zu setzen mit der digitalen Lyrik, in der die Grenzen zwischen Autor und Leser sich verwischen und vom Konsumenten das Produkt mitgestaltet werden kann. (vgl. auch Mario Andreotti „Die Struktur der modernen Literatur“, UTB 2014).
"sog." ausschreiben / Leerzeichen vor "Weltkrieg" / Merh für mich zum Verstehen: Warum ist ausgerechnet Pop-Lyrik „getrennt“?
"Die Stilrichtung ließ die jeweilige Form (also die ihrer Richtung) veraltet erscheinen" – das ergibt kaum Sinn; es ist doch erst die folgende Richtung, die die davor alt erscheinen lässt.

quote:
Um 700 v.Chr. tritt erstmals ein Dichter aus der Anonymität heraus
Leerzeichen nach "v." (unten dann auch)

quote:
Es ist berührend und staunenswert zugleichKOMMA wie zeitgemäß und in ihrer Schlichtheit nahezu modern diese Gedichte sind, die vor mehr als 2500 Jahren geschrieben worden sind:
… wie war das oben mit den zeitgemäßen Inhalten?

quote:
Vorgetragen wurden die Verse mit Musik, zu den Klängen der Lyra oder Flöte, die der Sprache Rhythmus verlieh, ohne sie einzuengen.

Das mit der Musik mag ĂĽberliefert sein, das mit dem Einengen ist wohl eher eine Vermutung, oder noch eher eine Wunschvorstellung (ich glaube nicht, dass es dazu objektiv belastbare Fakten gibt, vor allem, weil es um eine subjektive Empfindung geht. Wenn es welche gibt, vergiss diese Anmerkung!).

quote:
Dass diese rhythmische Musik keineswegs nur ein schmückendes Beiwerk war, sondern einen wesentlichen Bestandteil dieser Kunstform darstellte, zeigt schon der Umstand, dass Euterpe, die Muse der Lyrik, nicht mit Schreibtafel und Griffel bildlich dargestellt wurde, sondern mit der Aulos, der Doppelflöte. Die ersteren waren Attribute von Kalliope, der Muse der epischen Dichtung und der Rhetorik.

Hier stimmt was in der Argumentation nicht: Das hier spricht ja wohl eher dafür, dass die Musik das bestimmende („einengende“) Element war und eben nicht die Worte (der Gedichte). So wie heute noch bei Liedern, wo der Melodie zu liebe manche Wort- und Inhaltsbolzen geschossen werden.

An der Stelle: Was hat dieser Geschichtsabriss mit dem Thema „Diva“ und/oder dem Eingangszitat zu tun? Die Herkunft – aus der Musik – kann mit viel weniger Worten beschrieben werden. Und viel mehr steht in dem Abriss auch nicht drin, jedenfalls nicht, was das Thema Diva angeht. Versteh mich nicht falsch: Der Abriss ist lehrreich, aber alles andere als „verdichtet“ …


quote:
Erst mit der Aufklärung, der „Sturm und Drang Zeit“
Entweder „Sturm und Drang“-Zeit oder Sturm-und-Drang-Zeit

quote:
Die strengen Formen wurden aufgebrochen, der Endreim z.T. verlassen,
z. T. – mindestens mit Leerzeichen, besser noch ausschrieben

quote:
Mit dem 1. Weltkrieg wurde diese Blütezeit der Kultur jäh beendet. Nach Überwindung der tiefsitzenden traumatischen Erlebnisse,
Duden.de sagt „tief sitzend“ sei besser
Man kann Erlebnisse nicht überwinden – man kann sie verarbeiten oder die damit entstandenen Gefühle überwinden

quote:
Die alte Welt gab es nicht mehr, neue Ziele, neue Ideale mussten erst gefunden werden. Mit der sog. klassischen Moderne entstand eine Experimentier-Freudigkeit, die alles in Frage stellte und von Grund auf neu bewertete.


quote:
Mittlerweile scheinen sich aber die avantgardistischen Experimente der Post-post-Moderne totgelaufen zu haben und man besinnt sich wieder auf die Grundwerte der Lyrik: Metrik und Klang.
MOOMENT! Eben waren wir noch in den 20ern (auch grammatisch: Vergangenheit), jetzt plötzlich heute (auch grammatisch: Gegenwart) – wie ist denn das passiert? Da ja (jetzt mal textstruktuell gesehen) ist nichtmal ein Absatz dazwischen! (Irgendwie scheinen hier sowieso ein paar Absätze verloren gegangen zu sein, oder?)

quote:
Das Mondnacht-Gedicht der Sappho, Rilkes Panther oder die Todesfuge von Paul Celan wird man auch in den nächsten 3000 Jahren noch lesen.
Ok, bei einem polemischen Ende wie diesem darf man sowas behaupten. Ich persönlich denke nicht, dass es so stimmt. Genauer: Ich denke, dass es genau so stimmt: Irgendein Lyrik-Nerd wird es schon noch lesen; „man“ in Sinne von „die Leute“ lesen es schon heute nicht mehr. Klingt pessimistisch, ist aber so.





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jon
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Satirisch sollte es sein? Ok, das erklärt den "Quatsch". Ich hätte das (dass es Satire sein soll) nicht vermutet; vielleicht solltest du dafür entweder den sachlichen Klang deutlich verlassen oder ihn so überhöhen, dass man den Eindruck hat, jemand versuche hier um jeden Preis, nicht nach Fan zu klingen. Vielleicht könnte er sich dabei in seinen Argumenten verheddern …

Die Aussage "moderne Lyrik klingt meist nicht" bzw. "Lyrik muss klingen" kommt gar nicht im Text vor bzw. ist nur mal kurz erwähnt - der ganze Rest spricht von ganz anderen Dingen. Was hältst du davon, diese Sachen direkt mit deinem "Vorwurf" zu verbinden? Z. B.
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