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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ménage à trois
Eingestellt am 19. 05. 2006 20:34


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KarinZ
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2006

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Dieser Sommertag ging ganz langsam seinem Ende entgegen. Immer seltener warf der Wind den Lärm des Tages zu ihm nach oben in den fünften Stock. R. stand am Fenster und wartete. Die Sonne verzog sich nur widerwillig, als gäbe es für sie kein Morgen mehr.

Das Haus war aus den Sechzigern. Zwölf Parteien, das Treppenhaus war ausgelegt mit einem grob gefleckten Stein, Türen aus Holz mit Spion, der Handlauf aus schwarzem Kunststoff. Nur ungern stieg er diese Treppe hinunter und wieder hinauf. Heute aber war es anders. Er musste den Abend vorbereiten wie jeden Dienstag. Seinen hellen Trenchcoat hatte er sich einfach über den Jogginganzug gestreift, den tiefen Scheitel knapp über dem linken Ohr noch einmal nachgezogen und war bei Kaiser’s einkaufen gegangen. Ein runtergekommener Laden, der sich seiner Gegend und dem Verkaufspersonal angepasst hatte. Den Standard-Einkauf erledigte er rasch: Dosenbier, luftgetrocknete Mettwürstchen, Konserven, Chips, Zigaretten. Schon war R. wieder auf dem Weg nach Hause. Sein ranziger Geruch wehte wie eine Fahne hinter ihm her.

Ein Teil seines Einkaufs stand nun vor ihm auf dem Tisch am Fenster. Die Packung mit den Würstchen hatte er schon aufgerissen. Ihr Geruch breitete sich schnell aus. Dazu gab es lauwarme Erbensuppe. Den Kopf knapp über dem Teller hielt R. nur dann den Löffel inne, wenn er mit der anderen Hand ein Würstchen nachschob. Er hatte es nun eilig, es war mittlerweile dunkel geworden. Nicht ganz dunkel, denn der Vollmond schien hell in die Straße, aber so müsste es gehen. Den Teller stellte er in die Küche zu den anderen, kippte in der Küche ein Bier, nahm noch eine Dose mit ans Fenster und löschte das Licht. Die Schale mit den Chips hatte er ebenso vorbereitet, wie seine Rauchutensilien und den Camcorder auf dem Stativ. Auf der Fensterbank stapelten sich kleine Kassetten, die er bei Bedarf nachlegen konnte. Der Camcorder war schon ausgerichtet auf sein Ziel.

In der Wohnung auf der anderen Straßenseite brannte Licht. Sie taten es immer nur bei voller Beleuchtung. Ihm war das nur recht. Die Frau war noch allein und befand sich wahrscheinlich im Bad. Vorsorglich drückte R. schon mal den Aufnahme-Knopf. Er war gespannt, was sie heute tragen würde. In dunkelrot sah er sie am liebsten, passte diese Farbe doch so gut zu ihrem roten Haar. Endlich kam sie in sein Blickfeld – ja, sie hatte sich für sein Lieblings-Outfit entschieden, dazu einen durchsichtigen schwarzen Fummel mit roter asiatischer Stickerei. Das Rot passte tatsächlich gut zu ihrem Haar, auch wenn dieses – dem Ansatz nach zu urteilen – schon vor zu langer Zeit aus der Tube gekommen war. Doch das störte ihn nicht weiter. Ihn störte auch nicht ihre üppige Figur. Im Gegenteil: Ihre breiten Hüften, in die sich ihr Höschen eingrub, strahlten für ihn eine beruhigende, überlegene Gelassenheit aus. So mancher Mann hätte ihre Oberweite für eine Bedrohung gehalten, aber für ihn war sie perfekt. Er liebte alles an ihr: ihre blasse Haut, den billigen roten Lippenstift, ja ihre gesamte billige Ausstrahlung, die ihm ein vollkommen tabuloses Liebesspiel verhieß.

Sie lief auf und ab, stellte hier etwas hin, räumte dort etwas weg und blieb plötzlich mitten im Zimmer stehen, um zur Tür zu gehen. R. wusste, wer jetzt kam, kannte ihn aus dem Fernsehen. Ein Journalisten, der einen Politik-Talk moderierte und genau so aussah, wie er gerne sein wollte: groß, schlank, geschmeidig. Jeden Dienstag schlich er sich in ihre Wohnung. Es war offensichtlich, dass er nicht gesehen oder vielmehr erkannt werden wollte. Wie dieser Mann ausgerechnet an diese Frau geraten war, konnte er nicht sagen.

Die Frau ließ die Jalousien immer erst herunter, wenn er da war. Bis auf dieses eine Mal, dieses unglaubliche einzige Mal. Und R. hatte alles aufgezeichnet. Ihre blaue Erfüllungsstunde hatte er auf Video gebannt, eine Kopie gezogen, die er sich immer wieder ansah.

Sie öffnete auch heute die Tür und warf sich dem Mann an den Hals. Doch er schüttelte sie diesmal ab wie ein lästiges Insekt, weil er offenbar reden wollte. Mit einem spöttischen Lächeln setzte sie sich rittlings auf einen Stuhl. Langsam ging er zum Fenster und da passierte es. Der Journalist sah zu ihm rüber, hielt dann einen fast unmerklichen Moment inne. R. sprang auf und wich vom Fenster zurück, aber der Mann dreht sich um und redete heftig auf sie ein. Sie stand auf und ließ die Jalousien runter.

R. setzte sich wieder hin, rauchte erleichtert eine Zigarette. Er würde warten. Manchmal ging die Jalousie später wieder nach oben, wenn der Besuch gegangen war. Sie öffnete dann immer das Fenster, lehnte ihre ganze Pracht hinaus, zum Greifen nah. So lange würde er auch heute wieder warten.

Da klopfte es an R.’s Tür. Er sprang wieder auf, öffnete wie ferngesteuert. Der Journalist stand vor ihm, stieß in sofort von der Tür weg und drang in seine Wohnung ein. Sein Blick fiel auf den Camcorder am Fenster, den er im nächsten Moment auf den Boden warf.

„Was wollen Sie?“, frage er schwer atmend, wie ein Mann, der fünf Stockwerke hinauf gerannt war.

R. stand immer noch da wie vom Donner gerührt. Er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass jemand sein Tun entdecken könnte. Ein Bruchteil einer Sekunde reichte jedoch aus. Und er erkannte, dass er die absolute Macht hatte. Begriff, dass seine Träume wahr werden könnten. Seine Zunge huschte flink über seine dünnen Lippen, die Augäpfel flackerten von rechts nach links.

„Mitmachen“, krächzte er mit einem irren Lächeln im Gesicht und legte die Kassette in den Videorekorder.


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Micha v.d. Rosenhöhe
Guest
Registriert: Not Yet

Schöne Erzählung und wenn ich ehrlich bin hatte ich mir etwas sehr viel appetitlicheres unter der "Menage a trois" vorgestellt. Also der Titel machte mir Appetit und bei der sehr guten Schilderung der Akteure und Locations ist er mir gründlich vergangen. Es war sehr plastisch wenn die Storie auch ein wenig abgedreht ist, weil wer möchte so nen Jogginganzugtragenden Trenchcoat Fuzzi schon "mitmachen" lassen. Da würde ich gern noch was angehöängt sehen, nämlich das er nie "mitmachen durfte" weil er so war, wie er war, im Bus hinten stzen musste und so weiter.
jedenfalls eine exzellente Milieustudie.
Ich geb mal 8 Püntchen.

Lg
v.d. rosenhöhe

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