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Leselupe.de > Kurzgeschichten
MHH Hannover
Eingestellt am 18. 11. 2002 19:50


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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√úberarbeitete Fassung am Ende des Ordners

√úberarbeitete Fassung am Ende des Ordners

MHH Hannover


Seine linke Hand lag locker auf dem wei√üen Laken. Im rechten Unterarm lag der Zugang f√ľr die Infusion. Er hatte hohes Fieber, die spr√∂den Lippen √∂ffneten und schlossen lautlos. Ein verendender Fisch.
Dies war meine zweite Sitzwache bei ihm. Er hatte sich verändert, seit ich heute Morgen um sechs meine letzte Wache beendete. Um seine Augen hatten sich bräunliche Ringe gebildet.
Jetzt war es bald Mitternacht, die stillen Stunden auf der Station begannen. Alle die es wollten, hatten ihr Schlafmittel bekommen, die anderen horchten schweigend in die Nacht.
Es war Sommer. Ein sehr hei√üer Sommer. Gegen vier w√ľrde die Sonne aufgehen.
Die wenigen Stunden der Dunkelheit waren in diesen Monaten der grellen Hitze ein sanfter Genuss.
Als ungelernte Hilfsschwester bekam ich oft diese einsamen Dienste, alleine in einem Zimmer mit einem Schwerkranken. Da gab es nichts zu tun, nur beobachten, warten, die Schwester rufen wenn die Infusionsflasche sich leerte. Hier konnte ich weder etwas richtig machen, noch einen Fehler begehen. Ich mochte den Job.
Dieser Junge war h√∂chstens vierzehn, vier Jahre j√ľnger als ich.
Der wei√üe Verband um seinen Kopf lie√ü ihn wie ein Kind aussehen. Ein Kind, dem jemand die Haare gewaschen hatte. Da er v√∂llig ruhig lag, das Betttuch locker um den schmalen K√∂rper gelegt, sah er v√∂llig makellos aus, durch seine Bl√§sse fast √ľberirdisch.
Die Stationsschwester meinte, dies sei wohl die letzte Nacht. Die Eltern bestanden zwar auf jemanden, der die Nacht neben seinem Bett verbringe, waren aber selber schon seit Tagen nicht mehr gekommen. Ein Tumor, unheilbar ‚Äď der Junge w√ľrde sowieso nicht mehr aufwachen.
Ich setzte mich auf den Stuhl am Fußende seines Bettes, das EKG und die Infusion im Blick. Ich erlebte diese langen Nächte an der Pforte des Todes gerne. Sie nahmen mir die Angst - nur mit dieser Angst ging auch etwas anderes verloren.
Ich konnte es nicht benennen - weiß es bis heute nicht.
Es waren nie dramatische F√§lle. Nur ein passives Begleiten der letzten Stunden eines Menschen. Jede Stunde den Puls f√ľhlen, die Temperatur messen, einige Kontrollen, alles in einem Block vermerken. Dann wieder warten. Es gab nichts mehr zu K√§mpfen, zu Retten.
Ich liebte den vertrauten Geruch des Krankenhauses, Desinfektionsmittel, Urin ‚Äď ganz leicht -, Jod, manchmal Schwei√ü und Erbrochenes. Hier war alles K√∂rperliche gut aufgehoben. Das Zimmer war ger√§umig, mit angrenzendem Bad, nur ein kleines Nachtlicht brannte, dessen Schein uns vereinte. Gegen die Finsternis.
Der Kunststoffboden schimmerte dunkelgr√ľn, die W√§nde gelblich, abwaschbar.
In diesem Hospital gab es Heimchen.
Im Schweigen der Nacht, hörte ich ihr beruhigendes Zirpen.
Gegen vier Uhr, in der ersten D√§mmerung, stieg das Fieber. Ich r√ľckte meinen Stuhl neben das Bett, ber√ľhrte den d√ľnnen Arm des Jungen. Trocken und unglaublich hei√ü, √ľber
zweiundvierzig Grad. Pl√∂tzlich √∂ffnete er die Augen. Seine H√§nde begannen unruhig √ľber das Bett zu tasten, als suche er nach etwas.
Zart bef√ľhlten seine Finger meinen Unterarm. Er zwinkerte nicht, lie√ü die Augen weit ge√∂ffnet. Bald w√ľrden sie austrocknen. Vertrocknete Aug√§pfel. Sie w√ľrden milchig werden, w√§hrend er noch atmete. Entsetzt lief ich zur Schwester. Ruhig dr√ľckte sie seine Augenlider zu. Falls er sie wieder √∂ffnen sollte ‚Äď sie gab mir ein Fl√§schchen mit Kochsalzl√∂sung ‚Äď einen Tropfen davon. Bevor sie uns wieder verlie√ü, beobachtete sie ihn einen Augenblick, es sei sowieso bald vorbei. Ich solle erst die Zeit notiere, dann d√ľrfe ich sie rufen. Aber nicht vorher, sie brauche noch ein wenig Ruhe.
Wir blieben alleine zur√ľck, der sterbende Junge und ich, ein M√§dchen mit zu viel Vergangenheit.
Uns verband nichts. Nie habe ich ihn lebendig gesehen, seine Stimme gehört. Vielleicht hätte ich ihn widerlich gefunden, eine Nervensäge, ein Angeber…..
Wenn ich ihn ansah, glich er einer langsam atmenden Puppe.
Nat√ľrlich war er ein Mensch, aber nur noch ein Hauch davon war √ľbrig. Dennoch f√ľhlte ich mich nicht einsam neben ihm. Der Raum, das Geb√§ude verband uns zu einem Paar. Er roch so wie ich, wie das Zimmer wie die Welt in diesem Augenblick. Auf seinem Nachttisch war nichts pers√∂nliches, nur ein kleiner Affe sa√ü unter der Lampe. Ich nahm das verschlissene Stofftier in die H√§nde, Sagrotangeruch stieg mir in die Nase. Er geh√∂rte wohl zum Inventar der Klinik.
Ohne es zu bemerken, hatte ich begonnen den Jungen zu streicheln. Ohne Mitleid, eher so wie man √ľber einen schmeichlerisch glatt polierten Stein streicht. Seine junge Haut, nicht sinnlich, gef√ľhllos. Ich zwickte ihn leicht. Keine Reaktion. Sofort sch√§mte ich mich.
Nie habe ich verstanden, warum die meisten Menschen Krankenh√§user f√ľrchten. F√ľr mich waren es immer Orte der Sicherheit, von einer anonymen Behaglichkeit. Alleine die Ger√ľche. Hier gab es nur zwei Gruppen, die Kranken und diejenigen die sie versorgten. Die Besucher
rechnete ich nicht dazu, sie waren Fremdk√∂rper in diesem Universum von Ausgelieferten und Rettern. So sah ich es jedenfalls. Aber manchmal gab es nichts zu retten. Dann kam ich, setzte mich neben die Sterbenden, horchte auf ihre Atemz√ľge, f√ľhlte die Seelen aus den K√∂rpern gleiten.
Nein, das stimmte nicht.
Was ich empfand, war nur das Verschwinden des Lebens. Kannte ich doch keinen von ihnen. Die Seele dr√ľckt sich im lebendigen Menschen aus.
Wenn ich an ihre Betten trat, war ich eine Verkörperung des Todes, wie man sie auf alten Bilden sieht. Nur meine Verkleidung war anders.
Ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Freunde kannten ihre Herzen, ihre Gef√ľhle ‚Äď nicht ich.
Der Knabe begann schneller zu atmen, schnappte nach Luft, Häppchenweise, schien sie zu schlucken, statt den Atem in die Lunge zu saugen.
Seine H√§nde wurden immer unruhiger, ich versuchte ihm das Pl√ľschtier zu geben. Aber er stie√ü es weg, suchte, suchte, suchte‚Ķ‚Ķ
Jetzt w√ľrde es nicht mehr lange dauern.

Sp√§ter, nachdem wir ihm die H√§nde gefaltet und das Kinn hochgebunden hatten, schoben wir das Bett in den Keller zu den anderen Betten in diesen k√ľhlen, letzten Raum. Hier unten war niemand mehr, der noch atmete.
Die Eltern wurden benachrichtigt. Ich hörte das laute Weinen am anderen Ende der Leitung.
Aber ich war bei ihm geblieben.
Er hat auch sicher nichts mehr gemerkt. Sicher!
Bald käme die Morgenschicht, uns abzulösen. Ich setzte mich in das leere Zimmer und hörte noch ein wenig den Grillen zu.

Einige Monate sp√§ter kamen Kammerj√§ger ‚Äď leider.

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catsoul
Autorenanwärter
Registriert: Aug 2001

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Hallo Kyra,

wunderschön geschrieben!

Es gibt nur einen kleinen Fehler zu bemängeln:

[Da er v√∂llig ruhig lag, das Betttuch locker um den schmalen K√∂rper gelegt, sah er v√∂llig makellos aus, durch seine Bl√§sse fast √ľberirdisch.]

hier w√ľrde ich das erste v√∂llig streichen. Sonst stolpert man √ľber das zweite.

lG

cat



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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo kyra,

f√ľr mich ist es ein wundersch√∂ner text, eine perfekte melange von inhalt und form. sicher finden erfahrene leute mit mehr zeit auch noch mehr fehlerchen, ich bin beim drittletzten satz etwas gestolpert, irgendwie st√∂rt mich das "k√§me" und das "uns". vorschlag: "Bald w√ľrde die Morgenschicht kommen. Bis dahin setzte..." mir ist schon klar, da√ü die morgenschicht nicht nur deine protagonistin abl√∂st, aber plural passt hier meines erachtens nach nicht, da du zuvor wirklich intime momente zweier menschen beschrieben hast.au√üerdem ist das mit dem geld komisch, irgendwie "geht" es (f√ľr mich) nicht, da√ü es pl√∂tzlich nur noch ein job ist.
trotzdem eine wunderschöne geschichte, sehr gute reflexionen -ich bin begeistert.

gruß

rainer

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Kyra - welcome back

Ich stimme meinen Vorrednern zu.

Ein paar Kleinigkeiten könnte man vielleicht noch etwas ordnen. Der Absatz, der so beginnt

>Hier gab es nur zwei Gruppen, die Kranken und diejenigen die sie versorgten. Die Besucher
rechnete ich nicht dazu, sie waren Fremdkörper in diesem Universum von Ausgelieferten und Rettern.< etc.
enth√§lt zu viele Widerspr√ľche kurz hintereinander (aber... nein, stimmt nicht...). Ich schlage vor: statt "manchmal gab es nicts zu retten etc". : Wenn es nichts zu retten gab, kam ich...
-- und kurz darauf dann:
... horchte auf ihre Atemz√ľge, f√ľhlte die Seelen aus den K√∂rpern gleiten; oder vielmehr, ich empfand das Schwinden des Lebens.

Ein wenig Kopfzerbrechen habe ich auch mit dem Absatz
>Die Eltern wurden benachrichtigt. Ich hörte das laute Weinen am anderen Ende der Leitung.
Aber ich war bei ihm geblieben. F√ľr ein wenig Geld.<
Man hat - durch das "aber" - den Eindruck, die Erz√§hlerin f√ľhlt sich den Eltern - trotz deren Trauer - ein wenig √ľberlegen: die sind zwar als Eltern pers√∂nlich betroffen, aber sie waren nicht unmittelbar am "Geschehen", die Erz√§hlerin dagegen war es. Warum dann aber in diesem Zusammenhang das Geld erw√§hnen?
Oder ist der Absatz anders gemeint? Dieses "f√ľr ein wenig Geld" gef√§llt mir ohnehin nicht - es klingt, als h√§tte die Erz√§hlerin Trinkgeld bekommen f√ľr zus√§tzliche Leistungen.

Was nach diesem Absatz noch folgt, der Schluß, ist wunderschön.

Liebe Gr√ľ√üe,
Zefira

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Kyra
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Hallo Kyra - welcome back


Du hast den Knatsch bei Wolkenstein mitbekommen?
Ja, ja.....aber ich bin halt dann am Ende doch eine Moralistin. Irgendwann ist dann selbst f√ľr mich Schlu√ü,
das war halt nach diesem "Manifest" so.
Das mit dem Geld am Ende nehme ich ganz raus. Es hört sich wirklich rechthaberisch an. an den anderen Sätzen muß ich feilen

Danke Euch allen

Kyra

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

MHH Hanover

Liebe Kyra,

eigentlich ist schon alles gesagt (geschrieben) worden.

Bleibt mir nur, Dir ebenfalls zu bestätigen: Eine traurig-schöne Geschichte, die mir eine Menge Punkte wert ist!

Lieben Gruß

Arno

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