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Leselupe.de > Krimis und Thriller
MORBUS
Eingestellt am 03. 05. 2007 18:58


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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

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MORBUS


„Ich weiß gar nicht so genau, wo ich anfangen soll, aber
zum Glück weiß ich, wo ich aufhöre…“

Ich habe genug Zeit, und in der Dunkelheit erscheinen die Bilder wie von selbst vor meinen Augen. In einer abgeschlossenen Kammer, ohne die Reize der Wirklichkeit, erlebt das Gehirn ein wahres Feuerwerk an Erinnerungen und Wahnvorstellungen – blaue Blitze rasen von einer Seite zur anderen und aus einem Meer von roten und gelben Punkten steigt Susannes Gesicht wie von selbst aus der Tiefe auf.
„MACH MIR NICHTS VOR, DU HAST EINE ANDERE!“
In dem Sarg muss ich lächeln.
„Hast du deine Tabletten genommen?“, frage ich vorsichtig.
In meinem Traum wirkt sie betreten, dann nachdenklich und schließlich antwortet sie versöhnlich, dass es ihr Leid tut.

Ich meine, verstehen Sie mich nicht falsch. NatĂĽrlich hatte ich eine Andere! Aber das hatte schlieĂźlich nichts damit zu tun, dass sie ihre Tabletten nicht nahm.
Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun!

Susanne litt an einer Schilddrüsenüberfunktion. Auf jemanden mit einem ganz normalen Thyroxin und Triiodhyroninausstoß musste sie wie eine Furie wirken. Oder wie ein völlig überdrehter Brummkreisel. Ohne ihre Tabletten wäre sie über kurz oder lang in die Luft gegangen, fürchte ich. Sie hatte eine Art an sich, die man ohne Umschweife als beängstigend bezeichnen konnte.
Wenn sie ihre Tabletten nicht nahm, war sie wild, aggressiv und wie eine Festung -uneinnehmbar. Hui, Sie können sich gar nicht vorstellen, was das manchmal bedeutete. Manche Nächte waren endlos und manche Gespräche führten mich an den Rand all meiner kommunikativen Fähigkeiten. Es war unmöglich, sie vom Gegenteil ihrer Meinung zu überzeugen, wenn sie in diesem Zustand war.
Es gab nur eine Frage, nur eine Möglichkeit, sie zu besänftigen.

„HAST DU DEINE TABLETTEN GENOMMEN, SUSANNE?“

Alles begann neunzehnhundertsiebzig in Heidelberg und ich hatte mich fĂĽr irgendeinen Kurs eingeschrieben. Was ich studieren wollte? Wo denken Sie hin! Es ging doch damals nicht ums studieren! Es ging darum, eine politische Position zu beziehen. Da machte man keine Maurerlehre und berief sich auf Marx. Da studierte man eben, ohne dabei auch nur auf die Idee zu kommen, eine der Vorlesungen zu besuchen. Das Wesen eines Studenten schrieb sich auf einem ganz anderen Blatt. Niemand wollte studieren.
Es ging darum, etwas zu verändern! Mit Gewalt versteht sich; sonst hätte ich bei dem Verein auch gar nicht mitgemacht. Was später die Rechtsradikalen und viel später die Hooligans in den Fußballstadien waren, das waren damals wir, die wir den Quatschern und Illusionisten mit starker Hand unter die Arme griffen. Wir waren das doch erst, die den Stein ins Rollen brachten! Alles was nachher kam, die Flugzeugentführungen, die Attentate und all das, was sie an die große Glocke hängten, das waren alles WIR!
Ich meine, WIR hatten damit angefangen!
Verstehen Sie mich nicht falsch. Schließlich waren wir keine Idioten! Wir gingen doch nicht für die Maobibel in den Knast oder irgend so einen langweiligen Kommunenheini, der sich mit Springer anlegen wollte. Wir hatten Pläne! Und wir hatten die Sache viel schneller durchschaut, als die anderen. Während die noch Molotows auf Polizisten warfen und irgendwelche Vorstandsvorsitzenden entführten, waren wir schon längst auf einem anderen Dampfer.
Ich sage nur drei Buchstaben: DDR – durch und durch reich! Die machten durch Devisengeschäfte so viel Kohle, dass sie gar nicht wussten, wohin mit dem ganzen Schotter. Ich meine die Stasi hatte über zweihunderttausend Mitarbeiter, stellen Sie sich das mal vor! Das sind viermal so viele Mitarbeiter, wie in Deutschland zurzeit in 1264 Filialen von McDonalds arbeiten.
Kennen Sie McDonalds? Na dann wissen Sie ja so ungefähr, was die Jungs da Drüben an Geld locker machten. Und dabei ging es nicht mal nur um politische Angelegenheiten.
Allein die Struktur von einhunderttausend inoffiziellen Mitarbeitern machte doch so eine Organisation wie die unsere überhaupt erst möglich. Die ganzen Leute im Westen, die für den Osten spionierten, die mussten doch überwacht werden! Und was, wenn einer es sich anders überlegte?
Na, was denken Sie? Vor Neunzehnhundertneunzig hatte ich über vierhundert Attentate hinter mir, die alle aussahen, als wäre einer in der Badewanne ertrunken. Und denken Sie jetzt nicht gleich an Barschel. Wer den Bockmist verzapft hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
WIR waren Spezialisten! Wir vergifteten Törtchen, wir manipulierten Bremsanlagen, wir ließen dreihundert Kilo schwere Klaviere aus Hochhäusern punktgenau auf einen Spaziergänger stürzen, wir arbeiteten mit Rattengift, Chlor, Heroin und Steroiden. Einmal brach ein Marathonläufer beim Einlauf ins Stadion zusammen – tot! Denken Sie etwa, die wussten nicht, was sie nahmen? Naja, DER jedenfalls nicht!
Nach der Wende sah das natürlich anders aus. Da tat sich ein ganz anderes Betätigungsfeld auf. Ich meine, niemand kommt auf die Idee, dass einhunderttausend Stasileute auf einen Schlag in die Politik gehen oder für ein Sicherheitsunternehmen arbeiten. Das ist doch alles Quatsch und das wissen Sie ziemlich genau.
Natürlich haben wir nicht einfach aufgehört! Das ganze funktionierte doch wunderbar. Ich meine, hey, der Preis bestimmt die Nachfrage. Oder sehe ich das etwa falsch? SEHE ICH DAS FALSCH?
Was vorher schon wahr war, das war jetzt doppelt so wahr.

Natürlich durfte Susanne von dem ganzen Kram nichts wissen. Der wäre die Hutkrempe hochgegangen. Und da hätten auch keine Tabletten mehr was geholfen. Für sie war ich immer der kleine Angestellte einer Sicherheitsfirma, die mich andauernd in der Gegend herum schickte- Paris, London, Paraguay. Sie wäre nicht mal auf die Idee gekommen, zu fragen, was so ein Kerl wie ich in Paraguay zu suchen hatte.
Letzten Endes aber kam sie mir auf die Schliche. Und das nur, weil ich einmal den Fehler gemacht hatte, mit der Frau meines Chefs die Federbetten zu tauschen. Ich meine, ich war fertig! Ich war reif fĂĽr die Insel, nachdem das gelaufen war.
War ich vielleicht alt geworden? In den Siebzigern, da war ich ganz oben auf! Das meine ich jetzt wortwörtlich. Da musste man mich schon festbinden.
Und dann lag ich da und war Mus. Ich weiß nicht mehr ganz genau. Ich stand auf, zog mich an und im Vorbeigehen reiße ich doch diesen Parfumflakon um. So´n kleines Ding! Und ich krieg´s nicht mal mit, dass mir das stinkende Zeug übers Jackett läuft. Ich will mich bücken und zu allem Überfluss springt mir so ein völlig aufgekratztes Weibchen ins Gesicht.
Nein, das war nicht die Frau von meinem Chef! Das war die Katze! Und die Striemen, die sie mir ins Gesicht gehauen hat, die fĂĽhl ich heute noch.
Kurze Geschichte, wenn das raus kam, dass ich mit der Frau eines ehemaligen Stasioberst die mĂĽden Knochen bewegt hatte, dann war ich doppelt Mus, wie ich es ohnehin war.

„Hast du deine Tabletten genommen?“
„DU WIRST JETZT NICHT VOM THEMA ABLENKEN!“
„Susanne, Baby, reg dich jetzt nicht auf!“
„ICH BIN SUPER RUHIG!“

Mannoman, Susanne hatte das Parfum gerochen und mein Gesicht sah aus, als hätten mich mehr als zwanzig Fingernägel in die Mangel genommen.
„Es ist eine andere, nicht wahr?“, flüsterte sie.
Wie ruhig sie plötzlich war.
„Baby, du bist die wichtigste Frau in meinem Leben.“ Das war die Wahrheit, mal ganz abgesehen davon, dass sie nicht die einzige war.
„Liebst du mich?“
„Bis ans Ende der Welt, Baby.“
„Ich kann nicht ohne dich leben.“ Mir ging erst später auf, was sie damit meinte.
„Und ich nicht ohne dich“, sagte ich und wir tranken richtig teures Bier draußen auf dem Balkon, während sie mein lichtes Haar streichelte.

„ICH BIN MÜDE, ICH BIN SO UNENDLICH MÜDE.“
War ich das jetzt gewesen, der das gesagt hatte?

Ich sagte ja schon, ich weiĂź nicht genau, wo ich anfangen sollte. Aber eigentlich fing es erst wirklich an, als ich diese MĂĽdigkeit spĂĽrte. So als ob eintausend Tonnen auf meinen Schultern ruhten. Und ich glitt so sanft weg, als ob es direkt in Abrahams Schoss ging.
Dann hörte ich Stimmen, ganz weit weg. Ein Arzt sagte, es wäre das Herz gewesen.
Und dann hörte ich eine echt unglaublich gelogene Rede eines Priesters, der mich überhaupt nicht kannte und von meinem glorreichen Dasein im Kreis der Familie erzählte.
Das Ganze glich einer Vision meines Lebens, wie es niemals stattgefunden hatte.
Dann kam die Stille.
Als ich erwachte, da war es so finster, dass ich nicht mal meine Hand vor Augen sehen konnte und ich fühlte einen Druck auf meinem Brustkorb lasten, als hätten sich Elefanten darauf gestellt. Susanne hatte mir manchmal davon erzählt:
„es nimmt einem den Atem“.

Ich habe keine Angst im Dunkeln. Und ehrlich gesagt, kann ich es Susanne gar nicht mal verĂĽbeln. Wenn sie ihre Tabletten nicht genommen hat, dann weiĂź sie manchmal eben nicht was sie macht.
Vielleicht nimmt sie sie ja noch und hat mir nicht alle auf einmal ins Bier geschüttet. Dann packt sie vielleicht das schlechte Gewissen und sie lässt mich hier rausholen.
Aber was rede ich. DafĂĽr kenne ich sie einfach gut genug.

Das wäre einfach nicht meine Susanne.


__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂĽnbein

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Marcus,

den Text finde ich wirklich gut, wie im Plauderton geschrieben. Wäre ein guter Start für einen Roman, nur dass ER dann nicht tot sein dürfte. Man könnte doch den Plot wegnehmen, wo er den Arzt und die anderen kondolieren hörte. Dann wäre alles wieder offen, er könnte aus dem Sarg wieder raus ...neu erwachende Freude am Vergangenen finden, es wieder beleben ... Nur so Gedanken

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