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Leselupe.de > Krimis und Thriller
MORD IM MAISFELD - (die ganze Geschichte)
Eingestellt am 13. 07. 2001 21:31


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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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MORD IM MAISFELD


Noch ist es diesig. Noch liegen die GĂ€rten unberĂŒhrt im Dunste mĂŒder Nacht, noch trifft kein matter Lichtstrahl die weißen, flachgestreuten Bungalows, das Mobiliar auf den Veranden, die Reste offenen Kaminfeuers. Derart trĂ€umt es sich leicht hinter geschlossenen LĂ€den in den Tag, wacht sicher das Verborgene. Indes beugt sich das Gras unter dem Tau, hĂ€ngt einsame Stille ĂŒber den DĂ€chern. Nur im GeĂ€st stoßen ab und an zögernde Laute nach außen, gleich einem schwachen Beben, das in kĂŒhle Tiefen dringt, sich von Resten vergangener NĂ€chte zu lösen sucht. Das Ufer aber erreicht es nicht. Dort grenzen scharf geschliffene Blöcke ab von dem See, der dunkel und starr sich möglichen Blicken entzieht. Dazwischen schieben sich Tannen, sehnen sich steil in den Wald zurĂŒck, in das Moos, in's massive Gestein. Denn hier gibt es nichts. Hier ist der Grund eine reingewaschene Platte, der FĂŒlle des Wachstums entzogen. - Um wieviel Strecken ĂŒberlebt die Nacht den Tag? - Auf der glatten FlĂ€che morschen Sees ruht dumpf die Schwerkraft allen Tuns: der tiefe, tiefe Schlaf.

Langsam zerfĂ€llt auch ihr die Nacht, enthĂŒllt das Verschluckte: graue Klötzchen, ockerfarbene Rechtecke, hinter dunkelgrĂŒnen Streifen die glĂ€sernen Mauern des Sees. Sie beugt sich nach vorn, winkelt die Beine an, inhaliert einen tiefen Zug an der Zigarette. Noch trĂ€gt der Wind den Geruch von modrigem Holz und frischer TĂŒnche von den leeren Balkonen um sie herum ungestört zu ihr her. Doch inzwischen interessiert sie die Vorstellung schlafender Menschen nicht mehr. Die heruntergelassenen Jalousien im RĂŒcken beugt sie sich ĂŒber die BrĂŒstung, taucht in das GrĂŒn des Rasens ein, das taubedeckt ihr seinen Atem schenkt und rettet sich, derart erleichtert, in einen neuen Tag.

Mittlerweile hat sich sein Becken dem Liegestuhl angepaßt; der Drang, das Haus noch in der Nacht zu verlassen, ist dem BedĂŒrfnis nach Schlaf gewichen. Rauchend starrt er in das Dunkel, das weich ineinanderfließt und keinen Namen braucht. Weit flĂŒchtet er hinter den See, wandelt dort zwischen verkrusteten, schimmelweiß durchbrochenen Schollen einher und begeht so die letzte unberĂŒhrte Natur, um all jene sinnlosen Verrichtungen zu vergessen, die ohne Liebe und Anstand das Sein in den Dingen vorzutĂ€uschen suchen. Oh ja, derart bewegt er sich oft. Denn wĂŒrde er stillstehen, wĂŒrde sich die Erinnerung gleich einer Blende öffnen und die Menschen und ihre GĂŒter und seine eigene Verschwendung darin sich wie ein Netz ĂŒber ihn spannen, seinen Körper lĂ€hmen, seine TrĂ€ume vergiften. Darum muß er so oft wie mög-lich verreisen, in Gedanken oder auch nur bis an's andere Ufer des Sees, muß gegen die Vergeblichkeit ankĂ€mpfen, wegwischen, was lĂ€hmt: seine Frau, seine berufliche Stellung, seinen Besitzstand, die Unmöglichkeit, lachen und weinen zu können; dieser GrĂŒnde wegen muß er aus ihrem Kreis, ihrem Schutz, ihrer Gier nach BemĂ€chtigung hinaustreten. Und wird einmal, das ist sicher, endgĂŒltig gehen, - nein, schreiten, den Beweis seiner Existenz wiederfinden. Wie könnte er ohne diese Hoffnung sonst weiterleben? Niemand mit GespĂŒr fĂŒr Gerechtigkeit wird so weiterleben können, denkt er und auch daran, daß, wenn der Tag ĂŒber ihn hereingefallen ist, er nicht mehr hier sein wird.

Eben sind die Leute hinter dem letzten Haus verschwunden. Auch der Radfahrer, der ihren Spuren gefolgt war. Jetzt taucht er noch vor ihnen auf und biegt bei einer Hecke ab. Hatte sie geschlafen? Sie reibt sich die Augen, kĂ€mpft gegen die Einsamkeit an, die nach Stunden des GlĂŒcks plötzlich bitter schmeckt. Hinter dem Maisfeld schlenkern Möwen ĂŒber das Gras wie gegen eine trĂŒgerische Ruhe. Hin und wieder lassen sie sich nieder, bilden weiße Punkte. Sie weiß, wenn sie sich erheben, werden sie zu Flugkörpern mit unklaren KrĂ€ften und wechselndem Ziel. Oh ja, liebend gern wĂŒrde sie eine Möwe sein. Aber sie ist keine Möwe, keine unklare Kraft, sie hat nicht einmal ein Ziel. Der Mann fĂ€hrt den Weg ein, der Maisfeld und Wiese voneinander trennt. Wie eine weiße Gischt stĂŒrzen die Möwen nach oben, blĂ€hen schreiend ihre prall gefĂŒllten Netze, die den Blick zum Wasser trĂŒben und den davoneilenden Radfahrer vergiften. Sie folgt noch dem Punkt seines RĂŒckens, bis dieser zerfĂ€llt. Dann löst sich auch das weiße Trauma schwebend auf. Links der Leute, die jetzt dem WĂ€ldchen entgegentreten, geht die Sonne auf, trifft jĂ€h ihre unscharfen Leiber. Sie glaubt, zwei Frauen und einen Mann zu erkennen und vermutete einen Morgenspaziergang. Mit stillem PlĂ€tschern lockt das Ufer, die Frische des Wassers, das versunkene GlĂŒck.

Er sieht, was er sehen muß. - Ist er noch da? Ist er bereits gegangen? - Auf dem Weg, der Maisfeld und Wiese voneinander trennt, steht ein dunkles Rad. Der Fahrer ist abgestiegen. Steif reicht ihm der Maiswuchs bis zum Bauche, dann verschlingen ihn die BlĂ€tter, reißen ihn rauschend in die Tiefe.

In den BlĂ€ttern muß es rascheln. In den BlĂ€ttern riecht es modrig. In den BlĂ€ttern atmen welke KrĂ€nze und die Luft ist feuchter als am See, wo es noch Spiele gibt, weich wie das Wasser. Hier im Dschungel aber ist nichts weich; machetenscharf streift der Bambus des Mannes brennende Schultern.

Noch ist es diesig. Doch am anderen Ufer beginnt es schon, sich zögernd aufzuhellen; nicht mehr wie eine Glocke wölbt sich der Himmel ĂŒber die DĂ€cher, im zarten Sonnenlicht gibt es bereits nebelfreie Zonen. In einer von ihnen stĂ¶ĂŸt der Kopf eines Mannes jĂ€h nach oben. Er dreht ihn nach allen Seiten, wĂ€hrend sie ihn beobachtet und sich in's Nichts verliert.

Zwischen verschlossenen Kolben wĂ€lzt sich ein Kind. Ein Schrei begleitet seinen Fortgang. Aufgenommen von oben, von irgendwo her, tönt er glĂ€sern ĂŒber die WasseroberflĂ€che, wo ihn ein Segel umhĂŒllt und lautlos mit in's Weite trĂ€gt.

Jetzt schreien nur noch die Möwen. Warum geht alles immer so schnell? Das Kind lebt noch. Er sieht es an dem zarten Pochen der Halsschlagader und wundert sich ĂŒber die ZĂ€higkeit eines so schmĂ€chtigen Körpers. Wie kann er dagegen ankommen? Er sucht, findet, entscheidet sich: greift in gebĂŒckter Haltung nach herumliegenden Maiskolben und wirft sie eine nach der anderen in die Kiste unter sich, die so lange Heimat war fĂŒr ihn und den Jungen, und doch nicht lange genug. Schade um den feingliedrigen Körper, der nun mit Schmutz bedeckt ist, mit feuchter Erde, mit aufgeplatzten Kolben, die auf groteske Weise die Farbe des Blutes fĂ€lschen. Es nĂŒtzt nichts, die Spuren mĂŒssen verwischt werden. Alles muß seine Ordnung haben, wie die Natur auch die ihre hat. Er streckt den Kopf nach oben. Schon schimmert der See wie gesponnenes Silber, rollt der Tag an, schneller den je. Bald gibt es wieder Fenster. Und Worte und Blicke. Und eine Unschuld, die nicht auszuhalten ist. Heute nicht. Morgen nicht. Niemals

Der Mann besteigt sein Rad. Weiße Gischt stĂŒrzt nach oben, baut ĂŒber ihn ein neues, luftiges Netz. Wieder einmal wird er es mitnehmen mĂŒssen wie ein StĂŒck Himmel, das ist sicher. Auf dem gegenĂŒberliegenden Ufer zeigt sich ein Dorf. Weich leuchten die Farben im Wind. Er weiß, dort plĂ€tschert es seicht auf die Haut, wiegt sich das Schilf, belagern welke HochzeitskrĂ€nze den Grund des Sees. Den Mörder wird man nicht finden, das ist gewiß. Alles geht immer zu schnell. Ihr aber, die er nur aus der Ferne kennt und von deren Einsamkeit er nichts weiß, wird er noch lange durch TrĂ€ume spuken, die weder kalt noch warm, weder hell noch dunkel sind, aber verwirkt, das ist sicher, wie alle NĂ€chte ihres Lebens.

Ein letztes Mal sehnt es sich in ihm fort.
Aufstehen. Gehen. Sich bewegen.

Dann treffen die Strahlen das wache Feld.
Und der Tag beginnt.





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"Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorĂŒber, in der man kann" (M.Ebner-Eschenbach)

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Roberpropp
Hobbydichter
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Allerherzlichsten Dank!

Eine willkommene Freude zum Samstagmorgen.

Euer Punktesystem hier finde ich etwas eigenartig, zumal man ja leicht sich selber bewerten koennte. Konnte mich trotzdem in diesem Fall nicht bremsen und gab zehn!

Produktiven Tag wuenscht Robert.

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Danke Dir, Robert - auch fĂŒr den Tag

ich spĂŒre schon, er wird auf alle FĂ€lle "produktiv" ....

Dir ein ebensolches Wochenende oder ein anderes, wenn Dir danach ist,

Gruß

Birgit


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Rote Socke
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Uff, is ja irre!!!

Musste doch mal schauen was so eine Lady schreibt die mich als feminen PDS-ler betitelt *g*
Ich war mehrfach ĂŒberrascht. ZunĂ€chst glaubte ich an lyrische Prosa und fragte mich, was sucht die bei Horror und Krimi. Deine Story hat mich eines besseren belehrt. Nach kurzem Einlesen wurde mir ganz unheimlich zumute was da wohl vor sich ging in der Geschichte. Und in der Tat, sie hat an Horror und Unheimlichem genug zu bieten.
Besonders hat mich der Schreibstil fasziniert. Habe ich in dieser Art im Krimi/Horror-Genre nie gesehen. Mir gefÀllt er sehr gut und werde mich auch mal daran versuchen. Aber so ganz tief im Hinterkopf versunken, erinnert mich das ein wenig an E.A. Poe, kann das sein???
Jedenfalls vortrefflich. Dieser Ausflug hatte sich sehr gelohnt.
Gruss RS

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 52
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Hallo Roter Napoli,

diese Story hĂ€tte ich ja jetzt glatt vergessen (nein, das ist wohl zu dick aufgetragen!) - jedenfalls danke fĂŒr das Lob. Eine klitzekleine Frage hĂ€tt ich aber schon: wo bitteschön siehst du E.A.Poe herumgeistern in meiner Hausmannskost? WĂ€re dir sehr verbunden fĂŒr eine prĂ€zise Ortsangabe.

Es grĂŒĂŸt Krawatte, gestreift
aus der nördlichsten Stadt Italiens
und auf Pasta-Entzug



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"Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorĂŒber, in der man kann" (M.Ebner-Eschenbach)

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Nee, nee Birgit,

werte mal nicht ab. Diese Schreibe find ich wirklich gekonnt und absolut lesenswert.

Ich hatte mal vor langer Zeit eine Geschichte von Poe gelesen. Darin ging es um einen mysteriösen Mord in einem von innen verschlossenen Zimmer. Wie also kam der Mörder in dieses Zimmer und konnte es wieder verlassen. Der Mörder war ein Affe und kam durch das Fenster geklettert. Die Schreibe dieser Story und etwas vom mysteriösen Inhalt fand ich in Deiner Geschichte wieder. So war das gemeint.

Beste GrĂŒĂŸe

RP (Der rote Poe)

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