Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95264
Momentan online:
513 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Märchen
Eingestellt am 07. 06. 2016 12:03


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Märchen


Ein Opa wie aus dem Bilderbuch, mochte wohl manch einer denken, dem Herr Kornmüller auf der Straße begegnete. Mit seinem weißen Haarkranz, dem gutmütigen Gesicht, in dem sich die Lachfalten zu einer dauerhaft freundlichen Miene eingegraben hatten, und den wachen Augen unter den buschigen Brauen entsprach er ganz dem Klischee des liebevollen Großvaters. Seine Kleidung: leichte Sommerjacke, gestreiftes Hemd mit offenem Kragen, gebügelte beige Stoffhose, trug das Übrige dazu bei.
Herr Kornmüller war mehr als vierzig Jahre als leitender Ingenieur bei derselben Firma tätig gewesen. Nun war er im Ruhestand, seine drei Kinder waren erwachsen und aus dem Haus und er lebte mit seiner Frau zufrieden in seinem Häuschen am Stadtrand. Gerne ging er zu Fuß, kleine Besorgungen oder Einkäufe machen, und besah sich interessiert die neuesten Bauprojekte, für die er sich im Stadtrat stark gemacht hatte.
So auch heute. Langsam wanderte Herr Kornmüller den Bürgersteig entlang auf der etwas erhöht liegenden Ringstraße, von der man gut die Fortschritte des gerade neu erschlossenen Baugebietes im Zentrum der Stadt überblicken konnte. Da umringten ihn plötzlich drei Jungen, zwölf oder dreizehn Jahre mochten sie sein, und verstellten ihm den Weg..
„Ey, Alter, du kommst hier nicht vorbei. Das kostet zehn Euro!“, sprach ihn der Größte von ihnen in herausforderdem Ton an. Der russische Akzent war unüberhörbar. Verblüfft blieb Herr Kornmüller stehen.
„Zehn Euro? Wofür denn?“
„Quatsch nicht, Alter. Auf dieser Brücke haben wir das sagen! Zehn Euro her!“ Der Wortführer trat drohend an Herrn Kornmüller heran und streckte die Hand aus. Die beiden anderen versperrten ihm rechts und links den Weg.
Herr Kornmüller musterte die Gesichter der Jungen. Dann stieß er ein leises Lachen aus und sagte:
„Nein, Jungs, Wegezoll gibt es bei uns nicht. Ich kann euch wohl ein Märchen erzählen, aber Geld gebe ich euch nicht!“ Er schob den Wortführer beiseite und setzte unbeirrt seinen Weg fort.
Die Jungen wechselten einen Blick miteinander, unschlüssig, was jetzt zu tun sei.
„Ein Märchen?“, rief schließlich der Jüngste von ihnen hinter Herrn Kornmüller her, „was ist das denn?“
Herr Kornmüller blieb stehen und sah ihn ungläubig an. „Du weißt nicht, was ein Märchen ist?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nie gehört, das Wort.“
„Also. Ein Märchen, das ist eine Geschichte aus alter Zeit. Fängt immer mit 'Es war einmal' an und handelt von unglaublichen Abenteuern. Hat aber meistens ein gutes Ende.“
Herr Kornmüller nahm seinen Weg wieder auf.
„Erzähl mal so ein Märchen, Opa“, sagte der Jüngste, schob sein Basecap zurecht und ging neben Herrn Kornmüller her. Überrascht sah Herr Kornmüller den Jungen an. Dann schmunzelte er. Die beiden größeren Jungen waren ratlos zurückgeblieben.
„Also gut. Es war einmal ein armer Holzfäller, der lebte mit seiner Frau und den beiden Kindern am Rande eines Waldes. Der Junge hieß Hänsel und das Mädchen hieß Gretel. Die Leute waren so arm, dass selbst das tägliche Brot nicht für alle reichte. Eines Abends ...“
Während Herr Kornmüller mit seiner ruhigen, freundlichen Stimme das Märchen erzählte, ging der Junge, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben, den Blick gesenkt und aufmerksam lauschend, neben ihm her, den ganzen Weg, bis das Märchen zu Ende war und Herr Kornmüller fast schon bei seinem Haus angekommen war. Als er mit den Worten 'Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute' schloss, sah der Junge ihn an, lächelte scheu, sagte „Danke“, drehte sich um und lief den selben Weg zurück.


__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Hyazinthe

eine nette kleine Geschichte, bei der die der Neugier letztlich den Sieg über halbstarke Drohgebärden davonträgt. Auch sprachlich weiß deine Geschichte zu gefallen.

Ich habe aber trotzdem ein, zwei kleine Anmerkungen, schließlich soll ja nicht nur gelobhudelt werden :-)

Die erste betrifft die Herkunft deiner Halbstarken. Hier hab ich mich gefragt, warum sie unbedingt einen russischen Akzent haben müssen. In der weiteren Geschichte wird das nicht mehr aufgenommen und spielt auch sonst eigentlich keine Rolle. Das Nichtwissen um das was ein Märchen ist scheint mir auch weniger eine Frage der Herkunft, ich bin sicher auch in Russland gibt es eine reiche Tradition an Märchenerzählungen, sondern eher des Alters zu sein. Ich finde deine Geschichte funktioniert auch ohne und polarisiert dann wahrscheinlich auch ein bisschen weniger.

Die zweite eine sprachliche Kleinigkeit

quote:
Nun war er im Ruhestand, seine drei Kinder waren erwachsen und aus dem Haus und er lebte mit seiner Frau zufrieden in seinem Häuschen am Stadtrand.

Hier würde ich versuchen auf das zweite und zu verzichten. Als Vorschlag:

Nun war er im Ruhestand, seine drei erwachsenen Kinder waren aus dem Haus und er lebte mit seiner Frau zufrieden in seinem Häuschen am Stadtrand.

Aber das ist nur eine subjektive Kleinigkeit.

Beste Grüße

Blumenberg

Bearbeiten/Löschen    


Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Blumenberg!

Danke für deinen Kommentar! Es freut mich, dass dir die Geschichte alles in allem gefallen hat.

quote:
Die erste betrifft die Herkunft deiner Halbstarken. Hier hab ich mich gefragt, warum sie unbedingt einen russischen Akzent haben müssen. In der weiteren Geschichte wird das nicht mehr aufgenommen und spielt auch sonst eigentlich keine Rolle.

Dazu muss ich sagen: Hier im Norden haben sich nach der Maueröffnung sehr viele Russlanddeutsche angesiedelt, die in den allermeisten Fällen unbescholtene Menschen sind. Aber sie haben auch eine Art von Kriminalität mitgebracht, die man vorher hierzulande in der Häufigkeit und Intensität nicht kannte: Die räuberische Wegelagerei. Deshalb sind diese drei Jungen russischer Herkunft.
Dazu kommt: Ich wage zu behaupten, dass jedes deutsche Kind das Wort "Märchen" kennt, obwohl es vielleicht selten eins gelesen hat. Deshalb also Jungen mit Migrationshintergrund.

Vielleicht geht mein Bemühen um Realitätsnähe zu weit, aber gerade bei dieser an sich extrem unwahrscheinlichen Geschichte waren diese Details mir wichtig.

Danke auch für deinen Formulierungsvorschlag. Ich finde allerdings, dass meine Variante besser zum übrigen Erzählstil passt.

Gruß, Hyazinthe


__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen    


DocSchneider
Foren-Redakteur
Häufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Hyazinthe,

märchenhaft erscheint mir an dieser Geschichte so ziemlich alles. Das fängt schon bei der Beschreibung des Opas, seines Hauses, seiner Lebensumstände an. Wie im Märchen! Dagegen kommen die Halbstarken realistischer rüber und dass sie sich dann durch das Erzählen eines Märchens von ihrem eigentlichen Vorhaben abbringen lassen, finde ich sehr unglaubwürdig und auch wieder märchenhaft.
Insofern ist Dein Titel gut gewählt, auch wenn Du eine ganz andere Absicht damit verfolgst.

Leider konnte mich der Text nicht überzeugen.

VG, DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 78
Kommentare: 4662
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um aligaga eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Sorry, @Hyazinthe, aber das G'schichterl lässt spätestens da herzlich lachen, wo sich der Wortführer(!) der Straßenräuber anstandslos von dem Rentner beiseite schieben lässt. Sowas passiert nicht mal im Märchen, und wenn, dann nur in einem ganz schlecht erzählten.

Deutsche Jungbürger mit russischem Migrationshintergrund holt kein Streetworker mit Hänselundgretel von der Straße, sondern allenfalls temporär mit Fußball, einem Boxkurs oder einem Segeltörn in der Karibik.

Märchen, die zu gut gemeint sind, wirken peinlich. Sogar die Kleinen halten sich die Ohren davor schon zu und ergreifen die Flucht, wenn sie können. Wenn man sie auf ihren Stühlchen fixiert, werden sie aggressiv, beginnen zu schreien und machen in die Hose.

TTip: Nur wahre Märchen erzählen!

Heiter, sehr heiter

aligaga

Bearbeiten/Löschen    


Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Kommentatoren und Kritiker!

Als ich diese Geschichte schrieb, habe ich die vorwiegend negativen Bewertungen erwartet. Und natürlich habt ihr mit den meisten eurer Kritikpunkte völlig Recht.
Ja, es ist eine ganz und gar unglaubwürdige Geschichte, die nicht einmal als wirkliches Märchen durchgehen würde.
Ja, sie wimmelt von Klischees, angefangen bei dem Aussehen und den Lebensumständen des Herrn Kornmüllers bis hin zu den gewaltbereiten und kriminellen Kids mit Emigrationshintergrund.
Reizvoll für eine Kurzgeschichte fand ich, dass das Klischee des wehrlosen Alten, der hilflos den rabiaten Jungkriminellen ausgeliefert ist, ebenso durchbrochen wird wie das von den abgestumpften, unsensiblen Jugendlichen.
Der eigentliche Grund jedoch, warum ich diese Geschichte hier eingestellt habe, ist Folgender: Sie ist von A bis Z genauso geschehen, wie ich sie geschildert habe! Mit all den Klischees und Unwahrscheinlichkeiten!
Als ich von der Begebenheit erfuhr, konnte ich sie selbst kaum glauben. Und weil sie wahr ist, hat sie mir zu denken gegeben: Darüber, dass nette Opas eben doch selbstbewusst und stark sein können, darüber, dass unverschämte zwölfjährige Jungs eben doch angetan sein können von einer guten Geschichte und in gewissem Sinne völlig normale Kinder sind. Und darüber, was geschehen kann, wenn beides aufeinandertrifft.

Sicher werden jetzt einige meine Aussage, die Geschichte sei wahr, in Zweifel ziehen, weil sie annehmen, ich wolle mich rechtfertigen. Das liegt mir fern, ich bin Kritik gewöhnt.

Sicher wird auch jemand argumentieren, eine wahre Begebenheit mache noch lange keine gute Kurzgeschichte. Das ist richtig, aber dann bitte die Wortwahl, den Stil oder die Gestaltung kritisieren und nicht den Inhalt.

Eins noch: Ich freue mich darüber, dass doch zwei Leser der Geschichte etwas abgewinnen konnten. Danke!

Gruß, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen    


aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 78
Kommentare: 4662
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um aligaga eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Natürlich kann man in der Kinderstunde erzählen, dass man mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Wolf das Geißlein nicht gefressen, sondern vor dem heranpreschenden Verkehr von der Straße gerettet und dann, als sich das Geißlein bei ihm dafür bedanken wollte, "keine Ursache, gern wieder!" geknurrt hätte und zurück zu seiner Kopfsalatmahlzeit geeilt wäre.

Aber das glaubt kein Erwachsener. Traktätchen über die Wunder Jesu oder das Wirken der Hl. Mutter Theresa gehören zur literarisch am schwersten verdaulichen Kost. Sie sind nur mit einem kräftigen Schuss Ironie und einer würzenden Pointe am Ende erträglich - etwa der, dass sich der Wolf über den Salat eine Clostridium botulinum-Infektion einfing und elend daran zugrunde ging. So wie bei Mark Twain der Veterinär, der den Hunderln immer half, gleichwohl von einem seiner Patienten gebissen wurde und elend an der Tollwut zugrunde ging.

TTip, Hyazinthe: Dem Publikum nicht bloß "wahre Geschichten" auftischen wollen. Die hier klingt so bemüht, dass einem beim Lesen die Zahnhälse weh tun. @Ali versucht sich gerade vorzustellen, wie ein "Zeuge" da nicht eingeschritten und dem Opi geholfen, sondern gemütlich abgewartet und sich das Märchen mit anghört hat. Leuz gibt's, die gibt's gar nicht ...

Thränchen lachend

aligaga

Bearbeiten/Löschen    


10 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung