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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Märchenland Teil 3 - Frei
Eingestellt am 09. 08. 2001 16:45


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Camaun
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 8
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Anmerkungen des Autors: Das hier ist der dritte und momentan noch letzte Teil von Märchenland. Allerdings bin ich mit dem vierten schon ziemlich weit, handelt sich wahrscheinlich nur noch um einige Tage.
Dieser Teil baut im Gegensatz zum zweiten jedoch schon auf den ersten beiden auf, so daß man sie gelesen haben sollte, bevor man sich diesen Text hier antut.




Für Astrid...


MÄRCHENLAND TEIL 3 - Frei

"Judith..."
Es war dunkel.
Sie konnte nichts sehen.
Alles um sie herum war gestaltlos... nicht vorhanden... nicht existent.
Schwerelos.
Selbst ihre Stimme wagte sie nicht zu gebrauchen, so verwirrt war sie im Moment.
"Judith..."
Zitternd presste sie noch immer ihre Augenlieder fest aufeinander und wagte kaum zu atmen.
Aber füllte sich ihre Lunge mit Luft?
Wo war sie?
Wo war Mark?
Vorsichtig griff ihre rechte Hand ins Leere, denn sie spürte nichts. Selbst an der anderen Hand konnte sie keine andere Person erfühlen.
Langsam steigerte sich ihre Verwirrung, als ihr Verstand zögernd damit begann zu versuchen ihr zu erklären wo sie war.
"Judith..."
Eine Stimme.
Quälend langsam versuchte sie ihre Gedanken zu unterdrücken und sich nur auf dieses Wort zu konzentrieren, daß aus der Dunkelheit zu ihr herüberdrang.
Er war hier.
Aber wo... setzte ihr Verstand an, als sie den warmen Atem ihres Bekannten unglaublich sachte und warm an ihrem Nacken spüren konnte.
"Nicht denken, Judith...", raunte er leise hinter ihr.
"Aber...", brachte sie hervor, doch sofort legte sich ein Finger sanft auf ihren Mund.
Eben war er noch hinter mir, dachte sie verwirrt.
Dann folgte Schweigen.
"Judith..."
Noch immer hielt sie ihre Augen geschlossen.
"Ja..", hauchte sie leise.
"Du musst mir jetzt ein wenig vertrauen...", tönte es aus der Dunkelheit.
"Lass deine Augen geschlossen."
Ihr Atem beschleunigte sich ein wenig, als sie zögernd nickte.
Wieder konnte sie Marks Atem an ihrem Hals spüren, was ihr einen heißen Schauer über den Rücken jagte.
Seine Hände fuhren an ihren Armen entlang und suchten ihre Finger.
"Keine Fragen, Judith..." hauchte er ihr ins Ohr, als sich ihre Hände trafen und ineinander verschränkten.
Sie war auch viel zu perplex um einen klaren Gedanken zu fassen und das war genau der Zustand, den sie erreichen sollte.
Mark hob ihre Hände nach oben und kam ganz nah an ihr Ohr.
"Vertraust du mir?", fragte er ganz leise.
In Judiths ganzem Körper kribbelte es und sie glaubte jede einzelne Faser ihres Daseins in diesem Moment spüren zu können.
Sie spürte wie ihr das Blut durch den Körper rauschte, sie fühlte ihre Ohren heiß und glühend, sie spürte die Gänsehaut an jedem Zentimeter ihres Körpers.
Ihre Gedanken bewegten sich wie durch ein Meer von klebrigem Sirup und ihr ganzer Körper bebte.
"Hingabe... Judith...", hörte sie, als Marks Fingerspitzen an ihren Armen hinunterglitten.
Es fühlte sich an als würde ein Feuer auf ihrer Haut herabtanzen.
Seine Fingernägel streiften ihren Bauch und sie krümmte sich in dem leeren Raum, während sie leise und tief ausatmen musste.
Wie von Sinnen warf sie dann ihren Kopf zurück und entblöste ihren Hals.
Er war direkt vor ihr.
Und er presste sie an sich, sie konnte fühlen, wie seine Hände an ihrem Rücken abwärts glitten!
Erregt stieß sie ein leises Stöhnen aus und krallte sich mit ihren zitternden Fingern in seinen Rücken.
Glitzernde Schweißperlen bildeten sich auf ihrem Körper, als sie spürte wie Mark sie anhob. In ihr verkrampfte sich alles und sie bekam kaum noch Luft, so war sie in diesem Moment angefüllt voller Lust.
Wie einen Feuerdorn spürte sie Marks Lippen an ihrem Hals.
Unkontrolliert packte sie seinen Haarschopf und presste seinen Kopf noch fester an sich heran. Ihr Herz schien in ihrer Brust schier zerspringen zu wollen und ihr Atem ging schwer und stoßweise.
Nicht einen klaren Gedanken konnte sie mehr fassen, als Mark seine Zunge an ihr Ohr gleiten ließ.
"Vertraust du mir...?", fragte er leise und Judith konnte nichts anderes tun als ihren Vertrauten ganz fest zu halten.
Das war ihm anscheinend Antwort genug und er warf sich nach vorne, so daß Judith an ihn geklammert nach hinten stürzte.
Doch sie hatte keine Furcht, als sie immer tiefer in die Dunkelheit stürzten.
Mark war hier und das war alles was wichtig war...

Als die schwarzhaarige, ehemalige Schülerin wieder zu sich kam dachte sie im ersten Moment, daß alles ein unglaublicher Traum gewesen sein musste.
Doch in der letzen Sekunde, bevor sie ihre Augen öffnete hielt sie sich zurück.
Zitternd tastete sie nach unten, denn sie spürte unter sich nichts als reine Luft.
Doch als ihre Finger sie durchstießen und sich weitere wenige Zentimeter nach unten schoben, konnte sie plötzlich warmen Stein fühlen.
Das war in jedem Fall nicht ihr Zimmer.
Die Erinnerung kam wieder und Judith konnte nicht anders, als erschrocken die Augen zu öffnen und sich unendlich verwirrt umzusehen.
Es war ein kleiner Raum, kaum größer als ihr Zimmer daheim.
Unter ihr befand sich ein Quader aus seltsamem dunklem Stein, der mit tiefen Linien und Mustern übersäht war, die auf Judith eine beruhigende Wirkung hatten, obgleich sie sich das nicht erklären konnte.
Alles hier wirkte sicher.
Der Rest des Raumes war ebenfalls quadratisch gehalten, glaubte sie, doch als sie sich weiter umsah stellte sie fest, daß keine der Wände der anderen glich.
Fast wie eine behauene Höhle.
Und es war dunkel. Keine Lichtquelle war vorhanden und doch konnte sie um sich herum die Konturen und die Schatten der Wände und ihres "Bettes" sehen.
Bei diesem Gedanken riss sie die Augen auf und blickte ungläubig unter sich.
Schwebend verharrte sie weitere lange Augenblicke in denen ihr gequälter Verstand mittlerweile drauf und drann war in einen längeren Urlaub zu fliegen.
Vorsichtig griff sie nach dem Rand ihres Quaders und zog sich von ihrer Schlafstatt herunter.
Der feste Boden unter ihren Füßen fühlte sich sogleich wieder sicherer an und ihr Selbstvertrauen wuchs erneut ein Stück.
Ungläubig versuchte sie ihre Handfläche auf den Steinquader zu legen, doch irgendetwas leistete ihr Widerstand. Fast wie ein Luftkissen, dachte sie.
Dann spürte sie seine Anwesenheit und drehte sich um.
Langsam trat Mark aus dem Schatten der hinteren Ecke heraus und sah Judith mit einem warmen Lächeln an.
Fast belanglos wirkend deutete er auf ihren Schlafplatz und sagte: "Wie ein Luftschiff, nur eben als Bett. Eine nette Idee, findest du nicht?"
Der Blick seiner Vertrauten wanderte fassungslos zwischen ihm und dem unscheinbaren Steinquader hin und her, der jetzt den Eindruck machte, als wäre ihm das alles furchtbar peinlich.
"Wo sind wir hier?!", war alles was sie darauf erwiedern konnte.
Hintergründig lächelte Mark wieder und sagte: "Wir sind auf dem Weg, Judith... wir sind auf dem Weg."
"Auf dem Weg? Wohin?", fragte sie und wankte dabei ein wenig.
Mark sprang vor und ergriff sie bei den Schultern.
"Setzen wir uns lieber. Was jetzt kommt, wird wohl der schwierigste Teil an der ganzen Sache sein.".
Mit diesen Worten und einer kurzen schwungvollen Handbewegung, die im Grunde allerdings mehr Show war als wirklich nötig, standen plötzlich zwei große steinerne dunkle und thronänliche Stühle mitten im Raum.
Judith verzichtete darauf zu fragen, wie ihr Vertrauter das gemacht hatte und ließ sich zitternd in einen von beiden hineinsinken.
Auch die Stühle waren mit dem gleichen Luftkissen ausgestattet wir ihre Schlafstatt, was das sitzen auf ihnen doch irgendwie sehr bequem machte.
"Also gut...", begann Mark, setzte sich ihr gegenüber und verschränkte seine Hände.
Aber dann wartete er doch noch einige Minuten und sah Judith an.
"Geht's wieder?", fragte er dann und beugte sich ein wenig nach vorne, wobei er seine Arme auf seine Oberschenkel legte.
"Ob es wieder geht?!", fuhr Judith auf. "Ob es wieder geht?! Du bringst mich hier irgendwo weiß Gott wohin und..."
Doch Mark war schon aufgesprungen und hatte ihr den Rücken zugewandt.
"Ich sagte ja... es wird schwierig.", murmelte er dann mehr zu sich selbst als zu seiner Vertrauten.
"Aber ich wollte ja nicht auf mich hören..."
Auch Judith war mittlerweile aufgestanden und stand mit bebendem Körper an ihren Stuhl gelehnt da.
Mark konnte ihre heißen Blicke wie kleine Stiche in seinem Rücken fühlen.
Dann hob er den Kopf und seufzte lange und tief.
"Wenn du wieder zurück willst, Judith, dann bringe ich dich wieder zurück.", sagte er und drehte sich zu ihr um.
"Aber!", fuhr er fort und hob seinen rechten Zeigefinger, "warum hast du mich dann gerufen?"
"Ich dich gerufen?", fragte sie sich, doch vor ihrem geistigen Auge sah sie sich selbst um Mitternacht am Schulhof sitzen und gedanklich den Himmel anschreien.
Wie zu ihrer Bestätigung nickte Mark leicht und legte seinen rechten Arm auf die Lehne des großen Steinthrons.
Sie hatte ihn gerufen.
Ganz sicher hatte sie ihn gerufen, sie hatte sogar um ihn geweint, als er offensichtlich nicht wiederkam.
Nur warum konnte sie sich nicht so einfach erklären.
Er war... unfassbar. Nicht zu begreifen, nicht erreichbar, nicht auf ihrem Level, er war einfach eine Nummer zu groß für sie.
Und doch... sie hatte sich verliebt, obwohl sie sich in ihrem inneren selbst immer wieder sagte, daß das niemals klappen konnte. Ihre Freundschaft war ihr viel zu viel wert und die wollte sie nie aufs Spiel setzen, wenn sie mit diesem Mann eine Beziehung anfing.
Gesetz dem Fall er wollte das auch.
Bei diesem Gedanken erinnerte sich Judith an den Traum, den sie vor nicht allzu langer Zeit hatte und ein am ganzen Körper kribbelnder Schauer durchzog sie.
Sie wollte ihn... und doch wieder nicht.
Nichts entwicklete sich nach den ihr bekannten Regeln, wenn sie ihren Gegenüber ansah.
Irgendwie war ihr das alles plötzlich ziemlich peinlich und so senkte sie verlegen den Kopf.
Sie konnte hören wie Mark ein, zweimal tief durchatmete, denn auch ihm war eine solche Situation ungewohnt.
Hoffnungsvoll und heiß steig ihr eine Röte ins Gesicht.
Er war auch nur ein Mensch, hämmerte sie sich ins Gedächtnis und blickte weiter starr auf den Boden.
Habe ich das vorhin nur geträumt, oder war es wirklich wahr? Empfand er das gleiche für mich? Konnte das alles klappen?
Voller Verwirrung stieß auch sie einen langen Seufzer aus, bis sie bemekrte, daß Mark ansetzte etwas zu sagen.
"Ich kann mir niemand vorstellen, den ich lieber mitnehmen würde als dich, Judith.", meinte er dann und sie konnte in seiner Stimme ganz deutlich ein leises unsicheres Zittern hören.
Ein bitterer Klos bildete sich in Judiths Kehle, als sie wieder ihren Kopf hob um Mark in die Augen sehen zu können.
Doch ihr Blick wanderte von der einen Wand zur anderen, vom Boden zur Decke, überall hin, nur nicht zu Mark.
So unsicher hatte sie sich noch nie zuvor in ihrem Leben gefühlt. In ihrer Brust spürte sie das helle Flackern, daß sie nicht anders beschreiben konnte als eben so.
Ihr ganzer Magen krümmte sich zusammen und sie hatte den Eindruck, daß darin gerade eine riesengroße Party im Gange war.
Er machte zögernd einen kleinen Schritt nach vorne.
Auch sie kam zitternd etwas nach vorne und richtete mit schier übermenschlicher Anstrengung ihren Blick auf den braunhaarigen Ex-Schüler vor ihr.
Als sich die Blicke der beiden dann trafen brach endlich das Eis. Sie hasteten aufeinander zu und fielen sich gegenseitig in die Arme.
Ihre beider Herzen sprangen mit einem mal schier in die Luft und ihnen wurde schwindlig vor lauter Glück.
Unglaublich erleichtert streichelte Mark ihr langes schwarzes Haar und genoß jede Sekunde ihrer Nähe. Judith selbst war so zerissen vor lauter Zuneigung zu Mark, daß sie ihn mit einem schmerzverzerrtem Lächeln ansah und eine kleine Träne an ihrer Wange hinunter lief.
Beide konnten in diesem Moment nichts mehr sagen, nicht einmal mehr irgendeinen Gedanken fassen.
Nichts hätte diese Situation perfekter machen können, als das minutenlange Schweigen der beiden, die sich nun endlich gefunden hatten.
Nie hatten sie sich auch nur annähernd berührt und nun merkten sie um wieviel schöner es war sich mehr als nur Gedanken zu teilen.
Gegenseitig schenkten sie sich soviel Liebe und Kraft, wie sie sich in ihren künsten Träumen nicht hätten vorstellen können.
Viele lange Minuten verharrten sie so im Schweigen. Keiner der beiden war gewillt den anderen je wieder loszulassen.
Mark legte sein Kinn auf ihre Schulter und roch fast schon seufzend an ihrem Haar, als er dann sagte: "Ich kann dich gar nicht zurücklassen Judith..."
Hinter sich hörte er sie lächelnd antworten: "Und wenn du es je tust, werde ich Himmel und Hölle zum Einsturz bringen!"
Darauf hin lachten beide froh und herzlich, wobei sie sich noch immer ganz fest in den Armen hielten.
Es vergingen wieder etliche lange Augenblicke, bevor Mark schließlich ein Stück vor ihr zurückwich und sie seufzend ansah.
"Du wirst alles zurücklassen Judith, das weiß du?"
Ohne zu antworten ging sie wieder einen Schritt auf ihn zu und legte sich im an die Brust.
Er schlang seine Arme erneut um Judith und meinte: "Nicht nur alles an Gütern, Judith. Oder Bekannten, oder Eltern... nein, du wirst noch viel mehr zurücklassen müssen..."
Darauf blickte sie ihn von unten her an und fragte leise: "Was denn noch? Viel mehr kann ich doch nicht hinter mir lassen."
Ihr Vertrauter löste sich umständlich aus Judiths Umklammerung und ging einige Schritte um seinen Thron herum. "Das ist vielleicht jetzt ein wenig schwer zu verstehen...", sprach er und wandte sich wieder seiner Vertrauten zu, diesmal allerdings mit ein paar Metern Abstand.
"Aber... du wirst mehr zurücklassen. Judith, du bist einer der wenigen Menschen, die dazu in der Lage sind, verstehst du? Nicht nur alles, was du kennst wirst du ablegen müssen, nein, sogar alles was du bist, oder sagen wir eher, was du glaubst zu sein. Alles! Und damit meine ich die volle Tragweite dieses Wortes! Judith wird nicht mitkommen können, genauso wenig wie Mark hinüber gegangen ist, sondern ich.", redete er eindringlich und legte sich die rechte Hand auf die Brust.
"Um alles auszudrücken was das alles bedeutet Judith, reichen meine Worte nicht aus.
Niemand kann das wahrscheinlich jemals in Worten ausdrücken und ich bediene mich ihrer hier eigentlich auch im Grunde nur, weil ich dich fragen will."
Mit einem undeutbaren Blick sah sie zu ihm herüber.
Nicht Mark? Wer denn dann?
Und alles verlassen?
Alles?
Dinge, Personen und Orte?
Regeln und Normen? Scham und Scheu? Die Welt wie man sie kennt?
Alles.
Mark musste es geschafft haben, denn er war ja bereits drüben gewesen.
Und wo drüben genau?
Dann fielen alle Zweifel von ihr ab, als sie in seinen Augen dieses Glitzern sah, mit dem er sie anblickte.
Sie würde mitgehen.
Himmel und Hölle hinter sich lassen und mit diesem Mann fortgehen, ganz egal wohin.
Sie würde alles hinter sich lassen. Ihre ganze Person, alles was sie kannte, all das würde sie
nehmen wie ein Blatt Papier, es zusammenknüllen und in den Mülleimer werfen nur um ein neues, frisches und unbeschriebenes Blatt zu entfalten und noch einmal komplett von vorne anzufangen.
In einer anderen Welt.
Mark konnte regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete und vor lauter Spannung rann ihm eine kleine Schweißperle an der Schläfe hinab.
Dann endlich nickte Judith und schritt langsam auf Mark zu.
Mit einem erleichtertem Seufzen streckte er seine Hand nach ihr aus und als sich die Finger der beiden trafen, zersplitterte die Welt rund um sie herum.
Der Raum in dem sie sich noch vor weniger als einer Minute befanden barst wie Glas in tausend Stücke und rings um Mark und Judith befand sich das unbeschriebene Blatt.
Was dann folgte konnte Judith nicht einmal in ihren künsten Gedanken beschreiben.

Eine seltsame Musik erklang, eine Musik, die durch Mark und Bein ging, eine Musik, die einen Träumen ließ, die sich direkt in dein Herz bohrte und dort einen süßen und grauenvollen Schmerz hinterließ.
Herzschmerz. Blutende Herzen. Voller Glanz, ein Seufzen und die Pracht eines Lebens.
So schön zu schauen, daß einem unwillkürlich die Tränen über das Gesicht laufen, wenn man plötzlich erkennt wie wunderschön und göttlich das Dasein ist.
Stöhnend drehte Judith ihren Kopf zur Seite und versuchte verzweifelt nicht wahnsinnig zu werden.
Unsterblich, vollkommen.
Nichts kann dir geschehen, weil du unsterblich bist.
Unendlich... unendlich weit, nicht zu begreifen und doch so einfach und simpel.
Sterne, die leuchten, rauschender Wind und überall diese Klänge, dieser Gesang, so wunderschön, so unfaßbar schön, so schön, daß man schreien muss!
Und dann die Hand, die dich hält.
Kraft und Vertrauen, völlige Hingabe in eine Welt die mit nichts zu vergleichen ist.
Der Druck wird stärker und Judiths Wille wurde stärker.
Sie würde alles verlassen!
Ausschalten, nichts mehr denken, nichts mehr überlegen, alles hinfort, Erinnerungen ausgelöscht, alles was man kennt.
Grausamkeit, Wut, Neid, Euphorie, Haß, Angst, Liebe, sie sind nicht vorhanden.
Der Atem beschleunigt sich, das Herz schlägt heftiger.
Die Sinne verlieren ihre Bedeutung, es wird nur noch in deinem Herzen gespielt. Nichts ist von Bedeutung, nichts hat mehr einen Wert, es ist alles fort.
Nebel im Raum, Lichter und Sterne ziehen vorbei.
Ein Wirbel in tausend Farben gleichzeitig und dennoch nur schwarz und weiß hinterläßt eine lange Spur, verworren und sinnlos und doch genau und zielstrebig.
Energie packt dich, reißt dich mit, füllt dich aus, durchströmt dich von oben bis unten, von vorne bis hinten, goldenes Funkeln umgibt deinen Körper, du schreist, doch kein Ton ist zu hören.
Deine Muskeln verkrampfen sich und du ballst in deiner Agonie die Fäuste.
Eine Welt der Zukunft erwartet dich.
Doch sind überall Schatten.
Deine Persönlichkeit steht dir selbst im Wege, alles was du kennst, dem du vertraust, all das steht vor dir, vor dir und dem Licht, du wirfst dir selbst einen Schatten in dem du stehst.
Und über dir scheint der Mond.
Wieder die Musik.
Silbrig schimmernd wirft der Mond sein Licht herab und es wird getanzt.
Wie als würdest du geführt von unsichtbaren Tänzern drehst du dich, schwingst, gehst auf, bewegst dich fließend und völlig synchron zu den Klängen, die sphärisch von überall her auf dich eindringen, dich ausfüllen und in jeder Faser deines Körpers mit dir schwingen.
Du kannst gar nicht anders und wirfst deinen Kopf zurück, reißt die Arme hoch und bewegst dich im Takt dieser geisterhaften Melodie.
Und der Nebel umgibt dich dabei, er tanzt mit dir, führt dich an der Hand und streichelt deine Haut, so daß sich eine leichter Rauhreif darauf bildet und du dir der Kühle dieser körperlosen Berührung gewahr wirst.
Und dann beginnt es.
Deine Reise durch den Wahnsinn.
Schatten und Lichter, Wirbel, nicht zu erkennende Figuren aus Nebelfetzen, Explosionen aus violettem Licht, ein Funkeln, Gestalten, Blitze und unendlich viele Farben.
Dir bleibt keine Zeit zum atmen, denn du wirst abermals mit fortgerissen, doch diesmal mit Gewalt, es schmerzt, es reißt dich schier aus deinem Körper heraus.
Deine Seele krümt sich vor Qual und du stößt mit aller Deutlichkeit auf deine alte Welt.
Du weißt nicht wie es geht!
Du hast keine Ahnung, was du falsch machst, aber du weißt, daß du Fehler machst.
Fehler am laufenden Band, überall und immer wieder.
Verzweifelt rufst du nach dir selbst.
Warum habe ich? Wieso war ich so? Weshalb habe ich so reagiert?
Deine Chance geht, deine Chancen zogen an dir vorbei und du hast nie reagiert.
Du weißt nicht was du sagen sollst.
Alles ist so klar und alles ist so einfach.
Und doch war es immer wieder falsch, wo du es hättest richtig machen können.
Wenn du gewußt hättest, wie es geht.
Sage es, sprich es aus, schreie es hinaus aus dir!
Berstend bricht dein Körper auseinander und du bist alleine mit dir selbst.
Gefangen in deinem eigenen Verstand, deinem eigensten Feind, deinem eigensten Feind, der sich immer und immer wieder als dein Freund ausgibt, der dir immer wieder Dinge erzählt, der dir immer wieder Dinge für wahr verkauft.
Du hast nie gelernt jemand anderem zu vertrauen. Immer hast du dich selbst.
Einsam stehst du vor dem schwarzen Berg.
Er lacht dich aus, glaubst du zu hören, als du ihn mit Tränen in den Augen ansiehst.
Du kannst kaum hinübersteigen, selbst die ersten Meter des Aufstiegs sind für dich ein schier unlösbares Problem.
Argumentiere dich selbst aus.
Versuche es und bediene dich der gleichen Mittel wie es dein Verstand tut. Sage dir Dinge, die völlig unmöglich sind, unmöglich wie sie dir dein Verstand verkauft.
Nichts ist möglich, alles ist möglich.
Träume deine Leben und hebe dich hinfort über alles was du als Regeln und Grenzen kennst. Nichts ist von Bedeutung.
Werde deiner eigenen göttlichen Kraft bewußt und setze dich hinweg über deinen Berg, steige hinüber, du musst nicht einmal einen Fuß dafür heben, denn er ist nur ein Schatten eines Berges. Geh voran, überzeuge dich selbst, gehe darauf zu und du wirst sehen.
Wende dich nicht weiter ab vom Licht, sieh!
Du bist.
Brich deine Grenzen, brich deine Regeln und tauche ein in die Götterdämmerung.
Es ist so einfach.
Laß dich leiten von deinem Herzen und höre auf mit dem Kopf zu denken.
Fühlst du es in dir?
Kannst du deinen eigenen göttlichen Funken spüren?
Erkennst du das was in dir ist?
Es ist da! Es ist da und es brennt in deiner Brust.
Ein weißes Feuer lodert in dir und es will heraus, es erkennt seine Chance, es sieht wie du langsam deine Grenzen niederreißt und es leuchtet bereits hinüber.
Sie spürte es ganz deutlich in sich.
Ihr ganzer Körper war umgeben von einem goldenen Licht, das von ihr selbst auszugehen zu schien und es strahlte, es wurde immer stärker und gewann an Kraft.
"Es ist Zeit...", sprach Mark neben ihr, fasste ihre Hand fester und zusammen tauchten sie ein in das Meer der Gefühle.
Und er zeigte ihr, was es heißt ein Mensch zu sein.
Bilder stiegen vor ihnen auf, Situationen, die wir alle nur zu gut kennen.
Verrat, Mord und Lüge. Hinterlist, Grausamkeit, Eifersucht, er presste alle schmerzhaften Erinnerungen in ihr Herz und als sie sich dagegen wehrte, schrie er auf und drückte noch fester zu, so daß sie alles in völliger Klarheit vor sich sah.
Es war nicht zum aushalten.
Der Schmerz der ganzen Welt schien sich in ihrem Herzen zu manifestieren, alle Fehler, jede noch so kleine Grausamkeit der Menschen sprang stechend in ihr Herz.
Ihre Seele verdunkelte sich, krümmte sich zusammen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wimmerte um Gnade.
So sinnlos, alles so sinnlos, pervertiert, unmenschlich, wie einfach war es doch das zu sehen.
Es fiel alles von ihr ab, mit einem Schlag.
Hoffnung keimte und warmes Licht kehrte zurück, was Mark zu einem überraschtem Gesichtsausdruck verleitete.
Sie hatte verstanden.
Überglücklich zog er sie an sich und schlang seine Arme um ihren bebenden Körper.
Um die beiden herum zog wieder Nebel auf und hüllte sie ein.
Es wurde warm.
"Schlafe jetzt...", raunte Mark und fuhr mit seiner Hand über ihre Augen.
Im nächsten Moment wurde alles um Judith herum dunkel und eine schwere schwarz Hand griff nach ihren wirren Gedanken.
Sofort war sie in einen tiefen Schlummer gefallen.
Mark seufzte tief und blickte nach vorne in die schwarze Unendlichkeit, durch die sie beide flogen.
Dann nickte er und sagte zu sich selbst: "So weit so gut..."
Aber wie soll ich ihr im Grunde etwas beibringen, was ich selbst noch nicht ganz verstanden habe?
Du wirst es können, war die Antwort und Mark fragte mittlerweile schon lange nicht mehr, woher diese Antworten immer kamen.
Ich werde es können.
Zu rechten Zeit, werde ich wissen, was ich wissen muss.
Wie ein Algorythmus, der auf alle Situationen anwendbar ist.
Vielleicht nicht ganz so mathematisch, aber doch fast damit vergleichbar, oder?
Nicht ganz, und doch ein wenig.
Außerdem lernte Judith wesentlich schneller als er, das musste er zugeben.
Aber er hatte ja auch nicht direkt jemanden gehabt, der ihm alles zeigen konnte, dachte er mit einem Lächeln im Gesicht.
Ein jeder wie er kann.
Judith ist auf dem besten Weg. Sie wird alles verstehen. Mark hatte keine Zweifel mehr und zog vor lauter Übermut mit seiner Vertrauten im Arm einige Pirouetten durch die weite Dunkelheit.
So klar und einfach.
Mark musste lachen vor Freude.
Stellt sie euch vor.
Stellt euch diese Welt nur einmal vor.
Sagt euch meinetwegen, wir werden nie in so einer Welt leben, es ist nicht möglich so etwas zu erreichen, sagt euch, wir könnten niemals alle Menschen davon überzeugen, aber stellt sie euch bitte nur einen klitzekleinen Moment vor.
Eine Welt, diese Welt, die Erde!
Stellt euch eine Welt vor, die keine Grenzen kennt. Keine Tabus, keine Moral, keine Religion, NICHTS! Alles ist nur ein Ausdruck des puren pulsierenden Lebens.
Ein jeder tut das, wozu er LUST hat!
Alle Menschen würden das tun, zusammen, gemeinsam um ihrem Leben den Sinn zu geben, den es eigentlich haben sollte, soweit mein geistiges Verständnis reicht. Wie man aus dem heutigem Leben wunderbar herauslesen kann ist es doch im Grunde eine wirklich pervertierte Welt, pervertiertes Leben, in dem niemand wirklich das tun kann, was er möchte!
Jeder beschränkt sich, lebt nach selbstgeschmiedeten Regeln und fesselt sich an moralische Ketten, die weiß Gott von wann her rühren...
Das kann doch nach allem logischen Verständniss eines jeden noch so kleingeistigen Menschen nicht die Wahrheit sein. Es kann doch nicht wirklich sein, daß man lebt ohne das tun zu können, wozu man Lust hat.
Und so würden diese Menschen miteinander leben. Kein Geld, keine Arbeit, keine Banken, keine Fabriken, NICHTS. Jeder arbeitet, wann und wenn er Lust dazu hat. Versorgt sich und andere freiwillig, weil ihm danach ist!
Schreibt Geschichten, wenn er Lust hat, liebt zehn Frauen gleichzeitig, alles wie es ihm und dem Rest beliebt.
Und dennoch würde man miteinander leben und nicht gegeneinander. Verständnis, Toleranz, Hilfsbereitschaft würden ganz andere Stellenwerte einnehmen, als heute.
Nach unserem heutigen Verständnis, daß durch die Erziehung, die Medien, das Fernsehen und allerlei sonstigem Schund so dermaßen verkrüppelt worden ist, ist diese Welt praktisch nicht fähig zu existieren.
Pah!
Ich sage sie würden existieren, weil wir es so wollten.
Und damit lachte er wieder.
Wie konnten die Menschen das nur nicht sehen?
Und wenn es jeder sah, wieso handelte niemand danach?
Ein jeder weiß doch tief in seinem Inneren wie man leben sollte und doch macht sich kaum jemand wirklich Gedanken darüber.
Alle dümpeln nur vor sich hin, alle denken nur in ihrem Hall, alle denken nur innerhalb ihrer geistigen selbstgesetzen Grenzen ohne überhaupt zu ahnen, wieviel hinter dem Gebirge möglich wäre das man selbst aus Regeln, Normen, Gesetzen und all dem anderen weltlichen Müll aufgehäuft hat.
Zärtlich küsste er Judith auf die Stirn und hauchte ihr ins Ohr: "Doch du hast verstanden meine Liebe... du hast verstanden..."
Dann richtete er seinen Kopf auf, stolz und voller Freude.
"Und nun werden wir leben, Judith. Oh ja... und nun werden wir leben...", sprach er laut und ein hellblauer Blitz zuckte durch die Dunkelheit.
Sekunden später waren die beiden verschwunden und hinterließen nur einen schwachen Hauch aus Rauch und sterbender Funken.



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gez. Camaun

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BeautifulExperience
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Klasse!

Eine unheimlich schöne, sehr romantische Geschichte, die einen von Anfang an fesselt!
Es ist wunderschön in deinem Märchenland :-).

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Camaun
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Grüße!

Wenn du jetzt der bist, für den ich dich halte, dann fühle ich mich sehr geehrt
Du warst ja nicht ganz unschuldig am Aussehen meiner Welt

Und auch wenn nicht, freue ich mich trotzdem über das Lob. *g*

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gez. Camaun

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flammarion
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also,

ich muß dir leider sagen, daß ich den 2. und 3. teil deiner geschichte für wesentlich flacher halte als den ersten. sie enthalten zwar weniger fehler, dafür hast du dich aber schlechter ausgedrückt. und das mit "jeder soll tun und lassen können, was ihm beliebt, da müssen die anderen eben mehr toleranz üben" kann ja wohl nicht dein ernst sein. lg
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Old Icke

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Camaun
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Warum kann ich das nicht ernst meinen?
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einfach, weil die menschen dafür zu unterschiedlich sind. stell dir doch mal vor, jemand möchte leben wie marquis de sade. welche menschen würdest du zwingen können, ihn zu tolerieren oder ihm gar zu diensten zu sein als opfer? das ist jetzt zwar das extremste, aber es reicht doch schon, sich zu vergewärtigen, daß wir alle einen unterschiedlichen iq haben. was für den einen logisch ist, ist dem anderen unverständlich. so kann unwissentlich und ungewollt schaden in millionenhöhe angerichtet werden. klar ausgedrückt: wie willst du dummheit tolerieren? ja, die anarchie hat ihren reiz, kann aber nicht allgemeine gültigkeit erlangen. lg
__________________
Old Icke

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