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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Märchenland - Teil 4
Eingestellt am 18. 09. 2001 01:06


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Camaun
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 8
Kommentare: 22
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Märchenland - Teil 4

Für flammarion

"Es ist fast alles bereit...", konnte sie Mark neben sich hören.
Unter ihren Füßen spürte sie feuchtes Gras. Der Tau kitzelte ihre nackte Haut und im nächsten Moment wurde sie sich gewahr, daß sie nicht mehr ein einziges Kleidungsstück am Körper trug.
Doch ihre Augen waren noch immer geschlossen, sie konnte sie gar nicht öffnen, weil Mark in ihrem Kopf war und die Tür nach draußen noch verschlossen hielt.
"Können wir noch nicht gehen?", fragte sie, legte den Kopf ein wenig schief und sah ihren Vertrauten mit einem kessen Augenaufschlag an.
Dieser hob wieder einmal mehr seinen rechten Zeigefinger und meinte: "Nun... eines fehlt noch, meine Liebe."
Elegant schritt sie auf ihn zu und ließ ihre Hüften dabei auf eine Art und Weise kreisen, daß es Mark sofort heiß den Rücken hinauf in den Kopf und glühend in die Ohren stieg.
"Das da wäre?", raunte sie und spielte mit ihren Fingern auf der nackten Brust ihrer neuen Liebe.
Leicht zuckte dieser zurück und schauderte ein wenig, bevor er sich wieder halbwegs in der Gewalt hatte. Verschwörerisch lächelnd legte er seine Arme auf ihre Schultern und spielte mit seinen Fingern an ihren Schulterblättern.
Fast wie ein schnurrendes Kätzchen schmiegte sie sich an seine Brust, als er leise brummte: "Wer bist du?"
Reflexartig wollte die ehemalige Schülerin mit ihrem Namen antworten, doch so schnell wie dieser Drang kam, so schnell ging er auch wieder.
Stockend öffnete sie ihren Mund und sah Mark an.
Dieser zog erwartungsvoll seine linke Augenbraue nach oben, eine Geste, die sie heute zum ersten mal bei ihrem Vertrauten erblickte.
Oh ja, sie hatten sich verändert.
Alle beide.
Und das war noch längst nicht alles.
"Wer bist du?", fragte er sacht, blickte ihr tief in die Augen und fuhr nach einigen Momenten fort: "Greife ganz tief in dich hinein. Du bist dort unten. Das bist du. Sag mir wer du bist."
Teif holte Judith Luft und wusste, daß sie in keinem Fall mit "Judith" antworten konnte, denn das war nicht ihr Name... zumindest nicht mehr... und nicht hier.
Tastend fuhr sie an ihren Abgründen entlang und ließ ihre Gedanken vorsichtig hinunter blicken.
Es war so dunkel...
Unterbewußt.
Tief und unerreichbar.
Aber unerreichbar gab es nicht. Nicht mehr.
Alles ist möglich, dachte sie und sprang in die Schlucht.
Sie tat damit einen Schritt, den die Wissenschaftler der Erde in helle Aufregung versetzt hätte. Ein Mensch, der bewußt in sein eigenes Unterbewußtsein eindringt und zu allem Überfluß dabei nicht einmal verrückt wird.
Verrückt nach den alten Maßstäben.
Nun, das waren sie wahrscheinlich schon alle beide.
Wenn wir nicht alle schon verrückt wären, dann würden wir alle wahnsinnig werden, hatte Mark einmal zu ihr gesagt und damit traf er es wie so oft ziemlich genau.
Die Myriaden an Farben, Formen, Gestalten, Gerüchen, Gefühlen und all dem was in einem menschlichen Unterbewußtsein so herumspuckt würden mit Sicherheit einen jeden sofort in den Wahnsinn treiben, da das menschliche Gehirn einfach nicht in der Lage ist so viele Informationen und Eindrücke gleichzeitig zu verarbeiten.
Und daher ritt sie einfach auf ihrer Seele, ließ sich hindurchtreiben und genoß alle Eindrücke die sich vor ihr auftaten.
Lebte ihr Leben noch einmal in einem Augenblick und das tausende Male innerhalb von Sekunden. Zeit verging, doch sie war schneller, schneller als die Zeit.
In einer von uns Menschen als Standard definierten Sekunde durchlebte sie ihr Leben öfter als es ein bewußter Mensch in zehntausend Jahren leben könnte, ganz davon abgesehen, daß ein solcher Mensch nach seinem ersten Tod keine Gelegenheit mehr dazu bekommt.
Wo bin ich nur, fragte sie sich selbst, doch sie verspürte dabei keinerlei Angst oder Erwartung.
Nur eine beruhigende Gewissheit hatte in ihr Platz.
Sie würde es wissen, wenn es Zeit war.
Und nun war es Zeit.
Ihre Augen funkelten und wurden gleich darauf feucht, als sie versuchte ihre Tränen zurück zu halten um Mark halbwegs klar ansehen zu können.
Wie ein rollender Feuerball stieg ihr Name in ihr auf, bahnte sich seinen Weg von ihrer Seele in die physische Welt, manifestierte sich in ihrem Bauch, rollte flammend ihre Kehle hinauf in ihren Rachen und sprang voller Übermut wie eine kleine Stichflamme hervor.
"Shasanastaya...", sagte sie und krallte sich dabei fest in Marks Arme.
Dieser warf seinen Kopf zurück und schloss die Augen.
Sie konnte an seinem Kehlkopf ganz deutlich erkennen, wie Mark einen schweren Kloß in seinem Hals herunterwürgte.
Fast atemlos sagte er dann: "So einen schönen Namen habe ich noch nie in meinem Leben vernommen, oh wunderbare Shasanastaya!"
"Ich verdanke ihn dir. Ich verdanke alles dir!", hauchte sie, küßte ihn zärtlich auf die Brust und schmiegte sich danach wieder an ihn.
"Sag sowas nicht, Shasanastaya. Du hast ganz von allein her gefunden. Ich war nur da, weil du mich gerufen hast.", antwortete er, löste sich behutsam aus der leicht schmerzenden Umklammerung ihrer linken Hand und begann damit ihr schwarzes Haar zu streicheln.
Sie seufzte leise.
Dann hob sie den Kopf und blickte ihn an.
"Doch nun sage mir, mein gottgesandter Lehrmeister, wer bist du?"
Mark streckte seine rechte Hand weit von sich und spannte jeden Muskeln in seinem Körper an. Die rechte Hand schloß sich zur Faust und wanderte zitternd einige Zentimeter nach oben.
Mit einem erleichtertem Seufzer ließ er sich selbst wieder locker und bog seinen Rücken etwas nach hinten.
"Kannst du mir das nicht sagen?", fragte er dann schelmisch grinsend.
"Könnte ich.", gab sie zurück, blickte ihn dann aber ein wenig tadelnd an, nicht ohne jedoch selbst dabei leicht zu lächeln. "Aber es ist dein Name und du solltest ihn selbst als erstes aussprechen."
Damit legte er seine Hände hinter ihren Kopf, zog sie zu sich heran und küßte sie lange auf die Stirn.
"Wie recht du hast, Shasanastaya. Wie recht du hast...", murmelte er dann und legte eine lange Pause ein, in der beide nur dastanden und tief atmeten.
"So wisse denn...", begann er leise, "...ich bin...
Camaun."
Zärtlich fuhr sie ihm durch die Haare und hauchte leise in sein Ohr: "Welch ein schöner Name für einen schönen Menschen...".
"Nicht halb so prächtig wie du... oh wundervolle Shasanastaya.", gab er zurück.
Momente später trafen sich ihre Lippen zu allerersten mal und für lange, lange Minuten vergaßen die beiden neuen Wesen alles um sich herum.
Dies war ihre zweite Geburtsstunde. Ein neues Leben sollte für sie beginnen, ein neues gewähltes Leben, ein neues wunderbares Leben, begonnen mit der Liebe zweier Menschen, die sich jedoch nie gefunden haben.
Mark und Judith liebten einander, doch auf Erden wandelnd trafen sie sich nie.
Erst als sie beide in ihren letzten Atemzügen lagen fielen sie sich in die Arme, doch selbst vor dem ersten Kuß waren sie gestorben.
Mark existierte nicht mehr.
Judith existierte nicht mehr.
Nichts existierte mehr.
Nur ein langer, zärtlicher Hauch.
Ein liebevoller Kuß. Die neue Geburt, der neue Anfang, das neue Leben, besiegelt und geboren mit einem leidenschaftlichen Kuß dieser beiden neuen Wesen, die nun nicht mehr wirklich als Menschen bezeichnet werden konnten.
Wie einer unhörbaren Musik folgendend tanzten ihre Zungen miteinander, bewegten sich ihre Arme und Hände, ihre beiden Körper, in völliger Einigkeit.
Alles war so vertraut.
So geborgen...
Und so schön...
"Sollen wir gehen?", fragte Camaun dann leise.
Seine Vertraute in seinen Armen nickte leise und so wandten sie sich zu der braunen Holztür, vor der Camaun die ganze Zeit gestanden war, so daß Shasanastaya nicht hindurch konnte.
Ohne einen Finger zu rühren schwang sie auf und die beiden traten hindurch.
Und nun endlich öffnete sie ihre Augen um zum ersten mal diese Welt zu schauen, in die sie gewandert waren.

Sie befanden sich, ganz wie ihr erstes Gefühl sie hatte vermuten lassen auf einer taunassen Wiese, die auf einem hohen Plateau eines größeren Hügels irgendwo im Süden von Salbena lag.
Nach Norden war ihr Blick gerichtet und rechter Hand schob sich gerade die Sonne über die Weltenberge, so daß viele lange zackige Schatten über dem Land lagen.
Tief unter den beiden konnten sie fast das ganze Hall überblicken.
Und dieser Anblick war so überwältigend, daß sie sich gegenseitig stützen mussten, sogar Camaun, der eigentlich schon seit zwei Wochen in dieser Welt wandelte wurde durch den Gefühlsrausch seiner Geliebten so mitgerissen, daß er den Sonnenaufgang an diesem Tag wieder zum ersten mal sah.
Als ihre Knie zu weich wurden, setzten sie sich an den Rand und ließen die Beinde über dem tiefen Abgrund baumeln.
Direkt vor ihnen ersteckte sich Salbena, man hatte einen Ausblick bis Weltloch und wenn man genau hinsah glaubte man sogar die Reichswälder von König Theodam sehen zu können.
Und überall sah man grünes Gras, riesige Weiden, Schafherden, goldene Felder und einzelne Gehöfte, Bauern bei der Arbeit auf den Feldern und in unmittelbarer Reichweite sogar ein kleines Dorf, das so aussah, als hätte es ein eigenes Gasthaus.
Zumindest hatte es rundherum schräg nach außen stehende angespitze Palisaden, deren Zweck den beiden neuen Wesen auf dem Plateau nicht sofort klar wurde.
Erst als Camaun meinte, daß weiter östlich von hier der große Caucavewald begann leuchtete den beiden ein, daß sich die Dörfer hier anscheinend ab und an gegen nicht ernst gemeinte Überfälle seitens der Barbaren dieses Waldes zu verteidigen hatten.
Linker Hand konnte man weit hinten den großen Fluß erkennen, der die Westlande von den Ostlanden Salbenas trennte. In unregelmäßigen Abständen standen dort auf der Ostseite des Ufers kleinere Wachtürme, die darauf achten sollten, wann und ob wieder einige arme Westländer unterwegs waren um eines der östlichen Dörfer zu überfallen.
Die Westländer waren in diesem Punkt wesentlich energischer als die Caucavebarbaren, denn die Westländer brauchten die Nahrung, die sie erbeuteten meistens wirklich zum nackten überleben.
Die Barbaren hingegen raubten, so schien es den Bewohnern hier zumindest, nur zum Spaß.
Doch dann dachten sie nicht weiter nach...
Arm in Arm saßen sie beieinander und blickten bis in ihr Innerstes gerührt die aufgehende Sonne an.
"Wir sind tatsächlich hier, Camaun...", flüsterte Shasanastaya, nachdem sie einige male vorher kurz geschluckt hatte, da sie kaum etwas sagen konnte in diesem Moment.
Ihr Geliebter nickte langsam.
"Wir sind hier... wirklich hier...".
Und sie waren da...
Wirklich und wahrhaftig...
In diesem Moment wurde beiden erstmals wahrhaft gewahr, was eigentlich alles geschehen war in den letzen Tagen und Wochen.
Sie hatten alles hinter sich gelassen und waren gegangen in diese Welt... schlichtweg einfach gegangen...


Könntest du das auch?


Bis zum späten Mittag saßen die beiden völlig ohne jegliche weitere Bedürfnisse beieinander und sahen dem Treiben auf der unteren Ebene zu.
Dieser Platz hatte etwas vom Schwedenhügel im Park.
Man hatte hier seine Ruhe und wurde so gut wie von niemandem gesehen. Der einzige Unterschied war, daß man von hier aus einen fantastischen Blick über das ganze Land hatte.
Die wenigen Wolken am Himmel zogen ruhig und gemächlich dahin, während Camaun die Hand seiner Geliebten hielt.
"Du hast noch gar nichts dazu gesagt, daß wir beide nackt sind, Shasanastaya.", bemerkte er dann und sah sie verschmitzt an.
Sie lachte leise und drehte ihren Kopf zu ihm. "Judith hätte.", sagte sie dann.
Camaun holte tief Luft und antwortete: "Ja... das hätte sie wohl."
Sie nickten beide und wendeten ihre Blicke wieder in das Tal.
"Und du bist schon seit zwei Wochen hier?", fragte Shasanastaya dann völlig unvermittelt, so daß Camaun aus seinem nachdenklichem Dasein gerüttelt wurde.
Er faßte sich brummend ans Kinn und überlegte eine Weile.
"Nun... irgendwie nicht direkt, nein. Eigentlich hast du mir erst den wahren Zugang geöffnet."
"Und was hast du dann die zwei Wochen gemacht? Wo warst du?"
Wieder schien er eine Weile überlegen zu müssen.
"Hmm... umgesehen könnte man sagen. Ich war zwar hier, aber doch auch wieder nicht. Nicht wirklich eben."
Shasanastaya runzelte leicht verwirrt die Stirn als sie weiterbohrte: "Und das heißt?"
"Naja...", begann er und suchte kurz nach den richtigen Worten, "Vielleicht... gestaltlos? Sozusagen geisterhaft. Ja, so könnte man es am ehesten sagen. Wie ein Geist war ich."
Sie zog erstaunt beide Augenbrauen nach oben, doch dann wandelte sich ihre Überraschung in Belustigung. "Camaun, der Geist.", murmelte sie grinsend.
Auch er musste lächeln bei diesen Worten und nickte.
"Camaun, der Geist.... wie sich das anhört."
"Und was hast du so alles gesehen?", hakte sie dann wieder nach.
"Ho naja... ich war mal hier, mal da und hab mich einfach ein wenig umgesehen. Es war ganz schön faszinierend, das kannst du mir glauben.
Schließlich ist es eigentlich schon wirklich der Wahnsinn, daß wir überhaupt hier sein können."
Zustimmend nickte Shasanastaya.
"Und wie ist diese Welt hier so?", fragte sie dann und warf ihren Kopf ein wenig herum, so daß ihre Haare nach hinten flogen.
Camaun beaobachtete sie interessiert dabei und fand, daß Shasanastaya von Minute zu Minute schöner wurde. Blinzelnd realisierte er dann, daß sie ihn eben etwas gefragt hatte, worauf er stockend antwortete: "S...sie ist... nun ja, erstaunlich, würde ich sagen. Und neu... aber es gibt auch sehr viele Gemeinsamkeiten zu unserer alten Welt. Und... wenn man es genau nimmt, dann sind wir im Grunde nur vom Regen in die Traufe geraten, weil sogar hier ähnliche Regeln und Situationen herrschen, wie auf der Erde."
Dann hob er seinen rechten Zeigerfinger und setzte erneut an: "Aber! Hier sind wir nicht ganz so machtlos wie auf der Erde."
Grübelnd legte Shasanastaya die Stirn in Falten, als sie fragte: "Sag mal... eines interessiert mich, Camaun. Diese Welt hier...", wobei sie eine weit ausholende Geste machte, "...ist das jetzt alles aus deiner Phantasie entstanden, oder existiert sie aus eigener Kraft?"
Erstaunt hob dieser seine linke Augenbraue und brummte nachdenklich.
"Das ist eine gute Frage... aber ich schätze von beidem ein wenig. Wobei... ich glaube, daß die Menschen, die hier wohnen wohl den größten Anteil an ihr haben. Natürlich wiedermal ohne selbst davon zu wissen, wir kennen das ja...", gab er grinsend zurück.
"Dann habe ja sogar ich einen Anteil an ihr.", stellte Camauns Vertraute fest, legte ihre Hand auf den Arm ihres Gegenübers und streichelte ihn leicht.
"Jeder hat.", schloß dieser, beugte sich zu ihr vor und dann folgte wieder ein langer und zärtlicher Kuß.
Minutenlang herrschte wieder Stille auf dem neuen Schwedenhügel, wie die beiden fortan den kleinen Berg nannten, auf dem sie in diese Welt eingetreten waren.
Schließlich sahen sie sich wieder an und Shasanastaya fragte grübelnd: "Sag... in wie weit sind wir hier nicht so machtlos wie auf der Erde? Wie meinst du das genau?"
Er zauberte ein strahlendes Lächeln in sein Gesicht, als er antwortete: "Ich habe keine Ahnung. Schließlich bin ich auch nicht allwissend."
"Noch was.", fuhr sie fort, "...heute morgen... oder wann auch immer das war, als wir in diesem... Raum waren, an dem wir gesprochen haben... diese Stühle... wie hast du das gemacht? Und sag jetzt nicht, ich weiß nicht!"
"Nun...", setzte Camaun an und umspielte mit seiner Hand ihr Kinn, "es war mehr ein Reflex, als bewußtes handeln. Ich sah, wie du wanktest und hatte plötzlich das Bedürfnis dir zu helfen. Es schien mir der einfachste Weg, einfach zwei Stühle herbei zu holen."
Nachdem sie ihn zärtlich auf die offene Handfläche geküßt hatte meinte sie: "Und... einfach so?"
"Einfach so.", sagte er nickend.
"Kannst du dann jetzt auch... einfach so... etwas... herbeizaubern?"
Daraufhin machte Camaun eine schwungvolle Geste mit seiner freien Hand, doch wider Erwarten geschah absolut gar nichts.
Dann lächelte er hintergründig und sagte: "Nein. Völlige Willkür ist sogar hier nicht möglich. Es muss immer... ja, ich denke, es muss schon wirklich immer etwas dahinter stecken, wenn du deine Magie wirken willst. Es ist nicht ganz so einfach wie mit den Zauberern aus den Märchen.
Aber sag... fühle einmal ein wenig... versuche einmal ein wenig alles um dich herum zu spüren. Mach deine Augen zu und versuche dir dieses Ortes wahrhaft gewahr zu werden."
Erst blickte sie ihn an, doch einige Momente später schloß sie ihre Augen und versank augenblicklich in einer wohligen Schwärze, in der mit einer völlig unerwarteten Klarheit alles um sie herum so deutlich vorhanden war, als hätte sie vor ihren Augen eine Lupe und würde jeden einzelnen Grashalm genauestens betrachten. Sogar die Luft konnte sie "sehen". Und mehr noch, jeden Käfer, jede Grille, alles Leben um sie herum war vorhanden und klang wie eine geisterhafte Melodie in ihrem Geiste wieder.
Sie konnte das Lied des Lebens um sich herum ganz deutlich spüren, sie erkannte den Klang der Welt und den leise säuselnden Fluß des pulsierenden Lebens.
Wie ein weißer Windhauch.
Anders konnte sie die Magie dieses Ortes nicht beschreiben.
Es war vollkommen friedlich hier oben, eine nahezu perfekte Idylle, vollkommen, ruhig, kraftvoll und zufrieden.
Vor ihrem geistigem Auge sah sie die Fäden, die abertausenden Fäden, grünlich schimmernd, die alles miteinander verbanden. Und sie sah die Kraft, die durch sie hindurchpulsierte, wie Adern, die das Blut durch einen Körper pumpen.
Es war dunkel, aber doch auch wieder nicht.
Wie ein seltsames Abbild der Welt, nur jedoch in ihrer reinen... wahrhaften Form. Nichts konnte seine wahre Herkunft hier verstecken, alles lag wie ein friedvolles offenes Buch vor ihr und sie spürte schon einen grauenvoll schönen Schmerz in ihrer Brust, als sie das alles erblickte.
Sogar ihren Vertrauten konnte sie erkennen.
Sein ganzes Aussehen war unglaublich kraftvoll, groß, voller Energie, die durch das Konstrukt aus den grünlichen, dünnen und dicken Fäden hindurchfloß. Sie sah ihn wirklich so wie er war, wie er in seiner tiefsten Seele war.
Sie sah Camaun.
Alles konnte sie erkennen, sogar die kleinen dunklen Flecke in seiner Struktur, die die immernoch vorhandenen Unwissenheiten und Zweifel darstellten. Es waren nicht viele, aber sie waren noch immer da. Selbst er war nicht perfekt.
Nun... was für ein Gedanke, dachte sie sich lächelnd.
Wer war das schon?
"Es ist wunderschön...", murmelte sie leise und ihr Blick wechselte wieder langsam in die normale Wahrnehmung zurück.
Als sie ihre Augen öffnete konnte Camaun einen leichten grünlichen Schimmer darin entdecken, der sich jedoch schnell wieder verflüchtigte.
"Du bist unglaublich, schöne Shasanastaya... weißt du das?", brachte er Momente später erstaunt hervor.
Sie blinzelte ein wenig und klärte ihren Blick nun vollends.
"Wie meinst du das?", fragte sie dann.
"Na...", machte er und sah sie sogar ein klein wenig neidisch an, wobei er aber dann dennoch mehr grinste als wirklich neidisch blickte: "...du lernst mindestens fünfmal schneller als ich. Wenn ich daran denke wie lange ich gebraucht habe um erst überhaupt einmal zu realisieren, daß man die Welt auch aus diesem Blickwinkel betrachten kann... und dann es erst einmal zu schaffen auf diese Art und Weise zu schauen..."
"Vergiss nicht... ohne dich wäre ich niemals hier, mein Camaun.", ermunterte sie ihn, worauf dieser antwortete: "Nun... vielleicht. Du bist in jedem Fall ein Mensch mit Herz. Ich schätze sogar, daß du bald sehr viel mehr wissen wirst als ich. Du begreifst die Dinge einfach viel schneller."
Ganz langsam stahl sich ein immer breiter werdendes Grinsen in ihr Gesicht, bis sie plötzlich sagte: "Ich bin ja auch eine Frau.", und in ein lautes Lachen ausbrach.
Camaun knurrte grinsend etwas und warf sich ihr an den Hals, in den er dann brummend hineinbiß.
Shasanastaya wurde von dem Schwung ihres Vertrauten nach hinten geworfen und so rollten sie einige Meter auf der Wiese entlang, wobei sie sich gegenseitig küßten, leicht bissen und mit Händen und Füßen versuchten den anderen auf irgend eine mögliche Art und Weise an jeder Bewegung zu hindern.
Schließlich hatte Camaun sie auf den Rücken gedreht und hielt ihre Arme mit seinen Händen auf dem Boden fest, wobei er ihr angestengt grinsend ins Gesicht sah.
Ihre Beine waren um seinen Bauch geschlungen und ihr Blick fixierte den seinen. Pustend versuchte sie einige Haarstähnen aus ihrem Gesicht zu entfernen, doch diese weigerten sich beharrlich den Rückzug anzutreten.
"Pfff...", machte sie dann und versuchte ihre rechte Hand aus seinem Griff zu winden, was er angesichts ihrer misslichen Lage dann auch gestattete.
Als er dann ihre spitzen Finger an seinem Bauch hinabfahren spürte, wußte er, daß das womöglich ein Fehler gewesen war.
Mit einem "Wooh!", fuhr er zurück und ein heißer Schauer durchzog seinen Körper.
Lachend nutze Shasanastaya die Gelegenheit, setzte sich schwungvoll auf und warf ihren perplexen Vertrauten nach hinten.
Bevor er weiter reagieren konnte war sie auch schon über ihm und grinste ihm mit blitzenden Augen ins Gesicht.
"Da...", wollte er ansetzen, doch sie unterbrach ihn mit einem langen, heißen Kuß, der ihm durch Mark und Bein ging. Ohne etwas dagegen tun zu können, spürte Mark wie ihm das Blut zwischen seine Beine schoß.
Sie bewegte ihr Becken über ihm, was alles nur noch schlimmer machte.
Ihre Zunge tanzte um die seine herum, so ihm heiß und kalt zugleich wurde und sich die ganze um ihn herum zu drehen begann.
Längst hatte er die Augen geschlossen und ließ sich einfach fallen, als er sie ganz deutlich an sich spüren konnte.
Wie als wäre das alles noch nicht genug, zögerte Shasanastaya einen unendlich langen, gemeinen Augenblick lange, in dem sie Camauns erregtes Gesicht betrachtete.
Wie ein Engel, dachte sie sich und ließ sich auf ihm nieder.
Die Gefühle explodierten und alles um die beiden herum ward vergessen...
Für eine sehr lange Zeit...

Geraume Zeit später lagen die beiden erschöpft nebeneinander und fuhren sich gegenseitig durch die Haare.
Am Horizont war die Sonne mittlerweile weit in den Westen gewandert und die spitzen Schatten der Westwall, wie die Bewohner die westlichen Gebirge nannten, lugten immer weiter ins Land hinein.
Ein rötlicher Schimmer schien ihnen anzuhaften, während sie langsam immer weiter über den kargen Boden der Westlande krochen.
Es hatten sich sogar ein paar größere Wolken am Himmel gebildet, welche streckenweiße die Sterne am Firmament verdeckten.
Die Luft kühlte langsam aber sicher auch ein wenig ab, so daß Shasanastaya leicht fröstelte und einige Momente später leise fragte, wo sie beide heute nacht denn schlafen sollten.
Und was vielleicht sogar noch wichtiger war, wo sie beide wohl etwas Kleidung her bekommen sollten.
"Nun...", machte Camaun mit einem sicherem Lächeln im Gesicht. "Das ist jetzt das, worüber wir uns kaum Gedanken machen müssen. In dieser Beziehung bin ich dir doch noch ein klein wenig voraus."
Mit gesenktem Kopf und den Blick herausfordernd auf ihn gerichtet brummte sie: "Pass nur auf, daß ich dich nicht wieder am nachdenken hindere."
Abwehrend hob er die Hände und schüttelte den Kopf, wobei er grinsend erwiderte: "Vergib mir, meine Liebe. Aber du hast recht, wir sollten uns langsam mal auf den Weg machen."
Umständlich standen die beiden auf, faßten sich an den Händen und sahen sich an.
"Und wohin?", fragte sie dann.
Camaun nahm sie in den Arm und ging ein Stück über die Wiese. "Es gibt hier ganz in der Nähe einen Karrenweg zwischen zwei kleinen Dörfern. Das eine heißt Talinera, soweit ich mich erinnere. Dort sollten wir die Nacht unterkommen können, schätze ich."
Zweifelnd sah sie ihn an und meinte: "Ah... und die Leute hier stoßen sich nicht daran, wenn zwei nackte Menschen des Weges kommen, noch dazu ohne einen Pfennig Geld in der Tasche...".
Dann bemerkte sie selbst, was sie gerade gesagt hatte und wiederholte lächelnd: "In der Tasche... ja..."
"Na, warten wir es ab. Gehen wir erst einmal zum Weg.", antwortete Camaun ebenfalls leicht lächelnd.
Die Schatten der vereinzelten Bäume wurden immer länger und langsam senkte sich eine friedliche Dunkelheit über Salbena herab, während zwei dunkle Gestalten einen langgezogenen grünen Berghang hinunterliefen.
Etwa nach zwei Kilometern Fußmarsch kamen sie an eine weitläufig geschwungene Wegbiegung eines relativ oft befahrenen Karrenweges.
Die schweren Fahrzeuge hatten im Laufe der Zeit tiefe Furchen in den weichen Erdboden gegraben und am Wegesrand wucherte schon seit Jahren eine große und lange Reihe aus verschiedenen Büschen und hohen Gräsern, die wie dafür gemacht zu sein schien sich hinter ihr zu verstecken.
Schleichend näherten sich die beiden den Büschen und Camaun zog seine Vertraute nach unten und in Deckung, als er direkt vor den Gräsern selbst in die Knie ging.
"Worauf warten wir hier?", fragte Shasanastaya leise, doch ihr Gegenüber, der im dunkler werdenden Licht bald nur noch als Schemen auszumachen war legte sich den Finger auf die Lippen und bedeutete ihr sich still zu verhalten.
Im nächsten Moment konnten die beiden ein schnelles Hufgetrappel hören, wie von einem laut polternden Wagen, der anscheinend schnell näher kam.
"Es wird dunkel... und er will so schnell wie möglich das nächste Dorf erreichen.", murmelte Camaun leise.
"Woher...", wollte seine Vertraute schon fragen, als sie noch tiefer hinter die Büsche gezogen wurde, so daß sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.
Ein lauter Peitschenknall war zu hören und durch die Dunkelheit rollte scheppernd und krachend ein goßer klobiger Schatten heran.
Sie konnten durch die engen Gräser des Wegrandes nur sehr wenig erkennen, doch in dem Moment als der schwere Wagen an ihnen vorbeidonnerte, sprang etwas großes von der Ladefläche und blieb krachend am Straßenrand liegen, der Fahrer jedoch hatte das Geräusch anscheinend nicht gehört, da der große Wagen selbst schon genug Lärm produzierte.
Minutenlang warteten die beiden noch, bis sie das Getöse in der Ferne verklingen hören konnten.
"Woher hast du das gewußt?", fragte sie nun wieder etwas lauter, nachdem dem offensichtlich die Gefahr einer Entdeckung vorrüber war.
Camaun zuckte lächelnd die Schultern, als er sich aufrichtete. "Das ist so ein bisschen die Art von Magie, wie sie hier funktioniert.", sagte er dann, während er sich daran machte den beiden einen Weg durch die dichten Büsche zu bahnen.
Knackend gaben mehrere dünne Äste nach und kurz darauf beugten sie die beiden interessiert über das quadratische Teil, daß der Wagen verloren hatte.
"Eine Truhe...", schloß Shasanastaya nach eingehender Betrachtung und Camaun fügte hinzu: "Und rate mal, was wir darin wohl finden werden."
Sie sah ihn an, blickte dann wieder auf die Kiste und meinte: "Ich schätze einmal... und zwar Kleidung. Richtig?"
Wieder setzte Camaun ein Lächeln auf, das einer aufgehenden Sonne glich: "Richtig! Und wenn wir Glück haben sogar noch etwas Geld."
"Womit zahlen die Leute hier überhaupt?"
"Wir werden sehen.", gab er zurück und öffnete die Truhe.
Es war tatsächlich genug Kleidung darin um sie beide in eine angemessene Bauerntracht zu hüllen. Einfache, ungefärbte Stoffe, Leinenhosen und Hemden. Für Shasanastaya war sogar ein langer, graubrauner Rock dabei, der ihr irgendwie ein märchenhaftes Aussehen verlieh.
Nachem sich Camaun für eine einfache Stoffhose und ein geschnürtes Leinenhemd entschieden hatte und seine Vertraute sich ihren Rock und eine dazu passende einfache Stoffbluse übergezogen hatte, durchwühlten sie den restlichen Inhalt nach weiteren brauchbaren Gegenständen.
Nebst zwei wie angegossen passenden leichten Stiefelpaaren, förderten sie noch eine Umhängetasche zu Tage, die einen kleinen Geldbeutel enthielt, in welchem wiederum einige kupferne Münzen vorhanden waren.
Außerdem fand sich noch eine kleine Holzflöte, auf der eine kleine Inschrift zu lesen war: Für dich, Sternenkind.
"Wie schön...", hauchte Shasanastaya und legte sie behutsam wieder zurück. Die Flöte war nicht für sie gedacht gewesen, sondern für jemand anderen.
Es war ja schon genug, wenn sie sich an der Kleidung und dem Geld bedienten. Womöglich kam der Besitzer der Truhe morgen diesen Weg wieder zurück um nach seinen verlorenen Gütern zu sehen und falls dem so war, sollte er wenigstens seine ideellen Wertgegenstände wiederfinden.
Ein Klimpern von Münzen ließ sie herumfahren.
In der Dunkelheit konnte sie Camaun ausmachen, wie dieser angestrengt versuchte im kargen Mondlicht die Kupferstücke zu zählen.
"Siebzehn... achtzehn... neunzehn. Ich hab zwar überhaupt keine Ahnung, wieviel das ist, aber ich hoffe einfach mal, daß das für zwei Mahlzeiten und eine Nachtruhe reicht. Ich hab nämlich einen Bärenhunger."
Und erst jetzt bemerkte Shasanastaya plötzlich, wie leer ihr eigener Magen eigentlich war.
Beide hatten den ganzen Tag ja noch nichts gegessen.
Sofort begann ihr Bauch mit empörten Rumorgeräuschen mit denen er sich für die mangelnde Beachtung revanchierte.
"Allas, dann laß uns gehen. Es sind noch etwa sieben oder acht Kilometer bis nach Talinera, wenn wir schnell gehen sollten wir in etwa eineinhalb Stunden da sein.", sagte Camaun dann, faßte seine Geliebte an der Hand und ging los.
Irgendwo heulte ein Wolf...

Dunkel zogen langsam die schweren Schatten einiger großer Bäume an ihnen vorbei, als Shasanastaya und Camaun Hand in Hand den geschundenen Karrenweg entlang gingen.
Am Himmel waren langsam einige Wolken aufgezogen, die sich behäbig aber dennoch bestimmt vor den hellen Mond schoben, so daß die ganze Umgebung in tiefe und wohlige Schwärze versank.
Die dunklen Gräser am Wegesrand wogen leicht im kühlen Wind der Nacht und überall konnte man leise die Grillen zirpen hören, die ihre nächtliche Melodie erklingen liesen.
Die beiden unscheinbaren Gestalten auf dem Weg wandelten mit dem beständigen Geräuch ihrer Stiefel neben den Furchen der Karren und blickten verträumt gen Osten.
Ihre Herzen waren leicht und sie fühlten sich völlig geborgen.
Nichts schien diese Idylle stören zu können.
Sogar das näherkommende Heulen eines Wolfsrudels ging über in den schweren Klang der Nacht.
Zu schön um wahr zu sein, dachten sie sich.
Alles um sie herum wirkte so vertraut, es war unbeschreiblich, wie der Schoß der eigenen Mutter in eines jeden eigenen Kindesalters.
Sie waren so unschuldig während ihres Marsches.
Das Licht der wenigen Sterne, die durch die Wolkendecke schienen spiegelte in ihren Augen wieder und ließ ihre Gesichtszüge in einer fahlen und dennoch wunderschönen Aura erscheinen.
Es war als wären alle Masken dieser Welt plötzlich von ihnen abgefallen und nur noch der reine Mensch an sich übrig. Ein offener Blick auf des anderen Seele.
Auf sein Wesen, sein Denken und sein Fühlen.
Man brauchte kaum mehr Worte, sie konnten sich sehen.
Das machte fast jegliche Kommunikation unnötig, den ihre Geister wandelten ebenfalls Hand in Hand durch die geistige Welt.
In Gedanken tanzten sie miteinander, hielten sich fest, gaben sich Kraft und liebten einander.
Kindermärchen erzählen oft vom Prinzen, der seine Prinzessin rettet und mit ihr danach glücklich bis an sein Lebensende lebt.
Dieses kleine und unscheinbare Wort wollte von Camaun und Shasanastaya neu definiert werden.
Glücklich.
Es gab keine Sorgen mehr, keine Zweifel, keine Ängste. Alles schien perfekt und doch...
Camaun verscheuchte den Gedanken energisch.
Es war perfekt.
Er hatte sein Zeil erreicht.
Was gab es weiteres zu tun, als einfach zu genießen?
Einwirken lassen, treiben, sich hingeben dem Lauf der Dinge.
Worüber sollte man noch nachdenken, wenn alles gedacht war, was man denken konnte?
Lachend warf er seinen Kopf zurück und blickte einige Schritte lang in den dunklen wolkenverhangenen Himmel, als ihm klar wurde, daß er dann eben darüber nachdenken konnte.
Seine Vertraute rückte näher an ihn heran und legte ihren Arm um seine Hüfte.
Er genoß ihre Wärme, er genoß ihre Anwesenheit, er genoß ihren Duft, ihre Berührung, ihre sanften Schritte, ihre Gestalt, ihre Augen, ihr Gesicht, einfach alles.
Ein leichtes Kribbeln zog seine Ohren hinauf und ein angenehm kühler Schauer zog genüßlich über seinen Rücken.
War es das Ende?
Oder war es der Anfang?
Was sollte man an dieser Geschichte noch weiter erzählen, sinnierte er dann ein wenig und legte seine rechte Hand auf seinen immernoch knurrenden Bauch.
Nun ja, es wird wohl immer etwas geben, was man lernen kann.
"Camaun...?", fragte Shasanastaya plötzlich ganz leise.
Mit einem leicht vertäumten Lächeln im Gesicht brummte er ein: "Hmm?"
Der Druck der Umarmung seiner Geliebten wurde um eine Winzigkeit stärker und plötzlich lag etwas Bedrohliches in der Luft.
Mit einem Schlag war die ganze Idylle gegangen und die Nacht war mit einem Mal nicht mehr wohlig und geborgen, sondern nurmehr einfach schwarz.
Man konnte richtig sehen, wie das Lächeln in Camauns Gesicht gefror und schließlich ganz erstarb.
"Hörst du das auch?", fragte Shasanastayas unsichere Stimme in die Nacht.
Es war nicht körperlich, aber das Gefühl beobachtet zu werden legte sich auf die beiden wie eine erdrückende schwere Decke aus Dornen.
Ihre Herzen krampften sich ängstlich zusammen und ihre Blicke wanderten unstet zwischen den dicken Schatten und Konturen der Dunkelheit hin und her.
Etwas war da.
Ein leises Hecheln, trappelnde Geräusche, die unheilvolle Melodie der Nacht.
An Camauns Hals trat eine schwer pochende Ader hervor, als sich die beiden in ihrer Angst noch enger aneinander klammerten und Shasanastaya leise und mit zitternder Stimme sagte: "Camaun... ich habe Angst."
Doch das war etwas, was sie hier nicht haben mussten.
Was sie hier nicht haben konnten!
Was sie hier nicht haben DURFTEN!
Oh Himmel, was hast du vor, fieberte Camaun gedanklich und beschleunigte seine Schritte unmerklich.
Das konnte alles nur ein grober Irrtum sein.
Sie waren hier und es war gut. Was gerade geschah musste einfach ein Versehen sein. Ein Spaß. Nicht für die beiden Geliebten gedacht.
Mit äußerster Gewalt zwang sich Shasanastayas Geliebter wieder zur Ruhe und würgte das bittere Gefühl seiner eigenen Galle wieder tief in sich hinunter.
"Keine Sorge.", begann er, doch ihm blieben die Worte im Halse stecken. Sie klangen unwirklich und völlig fehl am Platz in diesem Moment.
Er hatte seine Geliebte beruhigen wollen, doch diese beiden Worte schienen alles nur noch schlimmer gemacht zu haben. Krächzend versuchte er wieder etwas anzufügen, doch diesmal blieb ihm schon allein der Ansatz grob und schwer im Rachen liegen.
Wie ein Pfirsich rollte er eckelhaft pelzig in seinem Mund umher.
Sie merkten wie ihnen das Adrenalin durch den Körper schoß und sich ihr Herzschlag um einiges beschleunigte, ebenso wie ihre Schritte.
Sie rannten nun schon fast über den groben Grasboden, blickten unsicher in alle Richtungen und wünschten sich mit fast weinenden Herzen endlich das Licht eines Hauses oder die Stimme eines Menschen zu hören.
Doch um sie herum war es nur dunkel und schwarz.
Schwer und bedrohlich.
Angst beschränkt dich nur selbst, hämmerte sich Camaun gedanklich in den Kopf und er wusste, daß er recht hatte, dennoch war er einfach nicht stark genug sich selbst davon zu überzeugen.
Er hasste dieses Gefühl.
Kapitulieren zu müssen vor den eigenen Ängsten, sich selbst beschränken und verkleinern. Es gab doch keinen Grund Angst zu haben, weder vor der Dunkelheit, noch vor der Bedrohung, die da anscheinend auf sie zukam.
Wenn wir nicht bald damit aufhören, wird weiß Gott was geschehen, brannte es in seinen Gedanken, so daß er ein gequältes Stöhnen hervorbrachte.
Erschrocken zuckte Shasanastayas Kopf herum und sie blickte nach hinten.
Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen und krallte ihre Fingernägel schmerzhaft in Camauns Hüfte. Sie zitterte am ganzen Körper und unheimliche eisige Nadelstiche wanderten an ihren Beinen langsam hinauf, als sie mühevoll sagte: "Camaun... da...", und ganz leicht mit ihrem Finger in die Dunkelheit deutete.
Der Weltuntergang hätte nicht schlimmer sein können für Camaun, als er die leuchtenden Augen eines Wesens sah, daß sie mit einem bannendem Blick fixierte.
Es lag mehr als nur ein Jagdinstinkt in diesem Augen, wurde es den beiden klar. Etwas unheimliches tiefes und böses lag hinter diesen Augen. Eine grauenvolle Absicht, fast menschliche Intelligenz.
Die Blicke der drei schienen sich in der Dunkelheit zu treffen und keiner der drei rührte auch nur einen Finger. Camaun und Shasanastaya wagten nicht einmal mehr zu atmen, vor lauter Schreck.
Wie ein lautloser Kampf fixierten sich ihre Blicke, doch jeder wusste wer hier den Sieg davontragen würde. Es war ein aussichtsloser Kampf, wie David gegen Golitah.
Nur das diesmal Goliath rasiermesserscharfe Zähne und Klauen hatte und David nicht einmal eine Schlinge, geschweige denn einen Stein.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er aber dann plötzlich eine Bewegung.
Dieses Wesen hier war nicht allein!
Siedend heiß wurde ihm bewußt, daß das alles eine Falle war. Sie wurden eingekreist!
Wie in einer quälend langsamen Zeitlupe öffnete er seinen Mund und holte tief Luft.
Oh nein, war alles was Shasanastaya noch denken konnte, bevor Camaun ein lautes: "Lauf!" herausbrüllte, sich umwandte und sie hektisch vor sich herschob, so daß sie immer wieder stolperte und fast fiel.
Und sie waren überall!
Aus jeder Richtung drangen die schweren Tapser und das Geräusch von raschelndem Gras zu ihnen hinüber. Ein lautes Hecheln war zu hören und stellenweise blitzten silbrige Augen im Sternenlicht auf, die den beiden Geliebten immer wieder schmerzhaft bewußt machten, daß sie keine Chance hatten.

Dennoch hasteten sie wie von Furien gehetzt durch die Dunkelheit.
Ihr Atem ging hektisch und ihr Blut rauschte in ihren Ohren, als sie vom Weg abwichen und auf die großen Schatten einiger Bäume in der Entfernung zuhielten.
Taumelnd tauchten sie unter den tief hängenden Ästen hindurch und preschten durch das Unterholz und das dornige Gestrüpp des Waldes.
Ein lautes Heulen ließ sie abermals zusammenfahren und sie verdoppelten ihre Antrengungen ihren Verfolgern zu entkommen.
Binnen Sekunden, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkamen keuchten die beiden vor lauter Erschöpfung, doch sie rissen sich zusammen, zwangen ihre Körper zu immer mehr Leistung und zogen sich gegenseitig weiter, wenn einer von beiden zurück zu fallen drohte.
Das sie noch nicht gestürzt waren glich einem Wunder.
Mit wildem Blick rannte Camaun vor seiner Geliebten her, hielt sie an der Hand und sah um sich. In seinem Gesicht stand eine Mischung aus absolutem Unglauben über das was gerade passierte und reiner Todesangst.
Schmerzhaft prallte er mit seiner rechten Schulter gegen einen Baum, der wie aus dem nichts aus der Dunkelheit aufgetaucht zu sein schien. Taumelnd versuchte er wieder Schritt zu fassen und wäre beinahe gefallen, hätte ihn Shasanastaya nicht im letzen Moment aufgefangen und gestüzt.
Der Schmerz brannte höllisch an seinem Oberarm und er musste einen kurzen Moment stehenbleiben.
Keuchend lehnte er sich an den Baum, während seine Vertraute mit ihren panischen Blicken die Dunkelheit durchbohrte.
"Wir haben keine Chance!", keuchte Camaun und spuckte verzweifelt auf den Boden. Jeder Muskel in seinem Körper war gespannt und schmerzte furchtbar. Seine Hände öffneten und schlossen sich wieder krampfhaft.
Tränen standen in Shasanastayas Gesicht und Camaun dachte er müsse jetzt in diesem Moment schlichtweg sterben.
Alles war wieder so grausam geworden. Viel schlimmer als vorher.
Das war nicht die Welt in der er leben wollte!
Was war nur geschehen?!
War alles, was er geglaubt hatte falsch gewesen?
Das konnte nicht sein. Das DURFTE einfach nicht wahr sein!
Ruckartig drehte er sich von dem Baumstamm weg und sein Blick schnellte an dem hohen Baum nach oben.
Im nächsten Moment war er auch schon vor Schmerzen stöhnend nach oben gesprungen und hatte mit seinen Händen einen tiefer hängenden breiten Ast gegriffen, an dem er sich schreiend nach oben zog.
"Shas! Komm!", brüllte er und legte sich auf den Bauch, so daß er seine Hand zu seiner Vertrauten hinunter halten konnte.
Als sich ihre Blicke trafen spürte Camaun, daß es immer noch schlimmer werden konnte.
Hilflos sah sie zu ihm herauf und er glaubte in ihren Augen einen kleinen, lautlosen Vorwurf zu sehen, der schlimmer war als alles andere, was ihm passieren konnte.
Wenn sich zuletzt auch noch Shasanastaya sich von ihm abwenden würde... nein, darüber konnte er nicht nachdenken. Das war einfach undenkbar!
Ich würde wahnsinnig werden, dachte er sich.
Doch dann sprang sie nach oben und ergriff seine Hände.
Ein scharfer Ruck durchzuckte ihren Vertrauten, als er meinte seine Arme müßten ihm einfach unter ihrem Gewicht abreißen.
Ein Schrei aus purer Agonie hallte laut durch die Nacht.
Camaun wollte nicht glauben, was er sah.
Er trug nicht mehr nur das Gewicht seiner Vertrauten an den Händen, sondern ebenfalls das eines dunklen großen Schattens, der seine im Sternenlicht blitzende Zähne in die Wade seiner Geliebten gegraben hatte.
Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als das zusätzliche Gewicht sie wieder nach unten zu ziehen drohte. Es fühlte sich an, als ob einen glühend heißes Eisen an ihrer rechten Wade läge.
Wellen von Schmerz und Angst rollten durch ihren Körper, als sie Camaun stöhnen hörte. Er hatte ihre Hände wieder fester gepackt, sich mit seinem Fuß irgendwo in einer Astgabel abgestüzt und zog nun aus Leibeskräften.
Shasanastaya glaubte sie müsse zereissen.
Verzweifelt trat sie mit ihrem linken Fuß nach dem Angreifer und spürte wie sie traf. Es gab einen unschönen knackenden Laut, doch der Schmerz in ihrer Wade ließ nicht nach.
Halb blind vor Wahnsinn und Schmerz schrie sie wieder, zappelte und trat unkontrolliert umher, so daß Camaun ein Stück abrutschte und selbst hinunter zu fallen drohte.
Er glaubte, daß sich seine Knochen unter der Belastung direkt bogen und jeden Moment brachen. Der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht und er schmeckte Blut in seinem Mund.
Vor Anstrengung hatte er sich auf die Zunge gebissen, doch wieder und wieder zog und zerrte er an seiner Vertrauten.
An seinem Leben.
Er durfte sie nicht verlieren! Das war nicht möglich! Nicht jetzt!
Shasanastaya selbst fühlte, wie ihre Kräfte nachließen. Ihre Arme und ihre Beine wurden taub, selbst ihr Blick verschleierte sich, als sie ihren Vertrauten hilfesuchend ansah.
Der Schmerz ließ nach und es blieb nur noch ein dumpfes Pochen zurück, ein Zerren an ihren Armen und ein Zerren an ihrem Bein.
Ihre schweißnassen Hände begannen von Camauns glatten Händen langsam abzurutschen, was ihn nur noch mehr in Panik stürzte.
Immer wieder laut brüllend versuchte er seinen Griff zu festigen und sie doch noch nach oben zu ziehen. Wenn der Angreifer jedoch nicht bald loslassen würde, konnte er sie nicht mehr halten.
Der Geruch von Schweiß und Blut lag in der Luft, als Camaun einen Blick in die Augen des Schattens werfen konnte, der verbissen am Bein seiner Vertrauten hing.
Zorn wallte in ihm auf, ein unglaublicher Zorn, wie er ihn noch nie verspürt hatte.
Fast fürchtete er sich selbst davor, doch in diesem Moment konnte er einfach nicht mehr darüber nachdenken und sich beherrschen.
Und er war sich bewußt, daß er einen Fehler beging, doch selbst diese Gewissheit hatte keinen Platz mehr in seinem Kopf. Alles war rot.
Shasanastaya war in Gefahr und er verfluchte das Schicksal. In seinem Hinterkopf trat seine Macht aus den tiefen seiner Seele hervor, als sein Blick den des Angreifers fixierte, bannte und grausam quälend gefangen hielt.
Eine grimmige Befriedigung schlich sich in seinen Körper, nein mehr noch, die Freude am Tod, reiner, purer Haß brach heraus und ergoß sich tödlich über sein Ziel.
Leise und bestimmt sagte er nur ein Wort, doch er sprach es mit der Stimme eines Schöpfers.
"Stirb..."
Wie vom Blitz getroffen prallte der riesige schwarze Schatten zurück und stürzte schwer in die Dunkelheit.
Camauns Inneres krümmte sich und er meinte fast, daß alle seine Eingeweide auf Murmelgröße geschrumpft wären.
Keuchend hustete er einige Male, wobei er es aber dennoch irgendwie fertig brachte seine Vertraute, die mittlerweile bewußtlos geworden war, zu sich herauf auf den Baum zu ziehen.
Dann suchte er etwas weiter oben eine halbwegs bequeme Astgabel und hob den Körper von Shasanastaya nach oben.
Nachdem er selbst hinterhergeklettert war, bettete er den Kopf seiner Geliebten in seinen Schoß und streichelte ihr unablässig über das Gesicht.
Es lag ruhig und friedlich vor ihm. Völlig verdreckt, aber dennoch wunderschön.
Sie schlief und sorgte sich in keiner Weise mehr um das was geschah.
Wenn ich doch auch nur stark genug wäre, dachte Camaun verzweifelt.
Es traf ihn unvermittlelt mitten ins Herz.
Doch was hätte ich tun sollen? Was soll ich jetzt daraus schon wieder lernen?!
Mussten die Lektionen immer so grausam sein?
Und?! Ich habe ihn getötet! Ich haßte ihn! Ich haßte ihn für das was er getan hat!
Nun... es wäre trotzdem nicht nötig gewesen, Camaun.
In seinem verzweifelten Gesicht vermischte sich der Dreck des Waldes mit Tränen.
"Ich habe einen Fehler gemacht.", murmelte er unentwegt und ließ dabei seinen Kopf vor und zurück wippen.
Immer wieder sagte er sich diesen Satz.
Camaun... jeder macht Fehler, stieg es in seinen Kopf.
Nur nicht jeder lernt aus seinen Fehlern.
"Was soll ich denn bitte daraus lernen?!", schrie er dann laut in die Dunkelheit.
Wieder streichelte er zärtlich über das Gesicht seiner Geliebten. Die Wunde, die der Angreifer geschlagen hatte wollte er gar nicht sehen.
Die Geräusche der restlichen Schatten unter ihrem Baum hörte er nicht.
Seine ganze Welt bestand im Moment nur aus diesem Gesicht, daß er voller Liebe betrachtete.
Nichts auf der Welt hätte ihn davon abbringen können jetzt einfach in dieses Gesicht zu sehen.
Du wirst sehen, Camaun. Warte es nur ab.
Eine Träne tropfte auf Shasanastayas Gesicht.


Völlig überhastet riss er die Augen auf.
Im nächsten Moment hatte er die Decke, die auf seinem Bauch lag zur Seite geschlagen und sich aufrecht hingesetzt.
Seine müden Augen konnten seinen wirren und schnellen Gedanken kaum folgen, so daß es einige lange Sekunden dauerte in denen er sich gewahr wurde, wo er sich befand.
Ein kleines, spartanisch eingerichtetes Zimmer, welches offensichtlich zu einer Herberge oder etwas ähnlichem gehörte.
Seine Bettstadt war grob aus schlechtem Holz zusammengezimmert und die Decke, die nun neben seinem Schlafplatz lag war alt und fleckig. In dem ganzen Raum lag ein Geruch von leichtem Moder und Schweiß.
Er musste schlecht geträumt haben, dachte er als er an sich herabsah und bemerkte, daß sein ganzes Hemd triefte vor Nässe.
"Verflucht...", murmelte er leise und fuhr sich durch seine Haare.
Alle Knochen taten ihm weh und in seinen Armen pochte ein dumpfer Schmerz, der ihn langsam daran erinnerte, was eigentlich geschehen war.
Seine Lippen waren spröde und in seinen Schultern tobte ein höllisches Feuer.
Plötzlich begann das ganze Zimmer vor seinen Augen zu wanken, als sein Körper sich für die zu schnellen Bewegungen revanchierte.
Es rotierte in seinem Kopf und Camaun verdrehte gequält die Augen.
Völlig wackelig versuchte er sich dann auf seiner harten Matratze aufzustüzten, doch wie ein wilder Wolf biss der Schmerz in seine müden Muskeln, so daß er ungeschickt wieder zurücksank.
Als ob das alles nicht genug wäre, rebellierte sein Magen mit einem bohrenden Hungergefühl und bittere Galle stieg ihm in den Hals.
Fast musste er sich übergeben, doch er würgte den Brechreiz herunter.
Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an und sein Atem ging ihm pfeifend durch die Lungenflügel.
Ein krächzendes Husten beendete Camauns ersten Versuch aufzustehen und so blieb er die nächsten Stunden unbequem auf dem Bett liegen.
Doch in dieser Zeit bewegten sich seine Gedanken mit einer schier grauenhaften Klarheit.
Ohne sich auch nur im geringsten rühren zu können flimmerte die letzte Szene seines Lebens vor seinem geistigen Auge vorüber.
Er sah die Augen des Wolfes.
Den Geist in diesem Tier.
Die gestaltlose Seele, die Fäden, durch die das Leben pulsierte.
Grün.
Wabernder Nebel.
Doch klar erkennbar.
Sie leuchteten in der Dunkelheit.
Wie die Halsschlagader einem Vampir ins Gesicht springen musste, so hatte er ihn gesehen... seinen Feind.
Es war ein Fehler.
Die Wut in ihm. Er spürte sie erneut, doch wieder war er unfähig sich dagegen zu wehren.
Sah sich selbst, greifen nach dem Leben.
Spürte es in den Fingern.
Schlagen, pumpen, sich winden.
So zerbrechlich.
Unschuldig.
Spürte die grimmige Befriedigung.
Den Haß.
Geistiges Lachen.
Es war so einfach, als er zudrückte und den lebensspendenden Fluß der Energien unterbrach.
Nur den Bruchteil einer Sekunde war nötig und in den nächsten grausamen Momenten starb die Struktur unter seinen Händen.
Kein Blut war zu sehen, dennoch besudelte sich Camaun. Seine irren Gedanken badeten in der kurzen aber heftigen Agonie des Wesens. Es war ein erhebendes Gefühl.
Gottgleich und erhaben.
Macht zu haben und gebieten. Beenden eines Lebens.
Lachen durchdrang seinen Kopf und die grausame Gewissheit alles tun zu können.
Er fürchtete sich vor sich selbst und doch... es gab nichts zu fürchten. Vor wem sollte er sich rechtfertigen? Vor sich selbst?
Lachend hallte ein lauter Schrei aus den Ecken seines Gedächtnisses.
Weißt du warum Menschen keine Götter sind?
"Fehler!", brannte er sich selbst.
Schwang den heißen Stahl herum und setzte ihn sich selbst an die Brust.
"Du kannst mich nicht töten!", schrie er sich an, als sich das Zeichen in sein Fleisch bohrte. Der Gestank von verbrannter Haut stieg ihm stechend in die Nase und der glühend heiße Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper.
Doch die Arme versagten ihm den Dienst und klirrend fiel ihm die Klinge der Läuterung aus der Hand.
Taub waren seine Finger und kalt wie Eis die Erkenntnis.
Wie hatte er auch nur annährend glauben können... zu wissen?
"So helft...", rief er hinaus.
"So hilf, geistiger Führer! Schutzengel! Leitet mich!"
Camauns Herz weinte vor Trauer, als er erkannte, was er getan hatte.
Weinte bis es zerbrechen wollte.
Aufgeben.
Wollte den Traum einen Traum sein lassen und zurückkehren in die vertrauten Fesseln, allein mit der Gewissheit die Freiheit gesehen zu haben.
Es war zu schwer.
Er konnte damit nicht umgehen, er war doch auch nur ein Mensch!
Was bleiben würde wäre wieder die Sehnsucht, jedoch innerhalb der Mauern, innerhalb der Berge in einem Leben, daß leicht und einfach zu führen ist.
Alte Werte, alte Grenzen, die Geborgenheit des Alltags und der Kurzsicht.
Was interessierte ihn das alles? Wozu soviel auf sich nehmen, wenn man doch friedlich in seiner eigenen kleinen Welt leben konnte?
War alles woran er geglaubt hatte eine Lüge gewesen?
Ein unheimliches, schönes, aber nicht lebensfähiges Gedankenkonstrukt?
Schlicht...
Unheimlich...
Wollte Camaun sein neugewonnenes Dasein sterben lassen? Wo er doch gerade erst wiedergeboren ward... in diese neue Welt...
Wieso gab es soviele Wege?
Welcher war der richtige?
Schluchzend stand er an der dunklen Kreuzung seiner Seele, die er nunmehr schon so oft besucht hatte und musste sich entscheiden, welchen Weg er weiterhin einschlagen sollte.
Die spitzen Steine schnitten ihm schmerzhaft in seine nackten Sohlen und wenn er zurückblickte, konnte er seine blutigen Fußspuren sehen.
Es war nicht leicht gewesen hierher zu kommen und er war weiter als viele andere vor ihm, doch hatte er die Kraft seinen Weg fort zu setzen?
Und wenn... wohin?
So schwer...
Die Zweifel nagten an ihm. Sie nagten an seinem Glauben, an seinem Geist, an seinem Verstand.
An allem, was ihm wichtig war.
Wie graue Ratten huschten sie über seinen Körper und bohrten ihre kleinen scharfen Zähne in sein Fleisch, so daß er bald über und über mit häßlichen blutenden Wunden übersäht war.
Unfähig sich zu wehren, ließ er es geschehen, badete in seinem Schmerz.
Schmeckte sein eigenes Blut auf den Lippen, während sich sein Blick verschleierte und alles in ein grausames Rot tauchte.
Was... wenn alles einfach verkehrt war?
Die trippelnden kleinen, krallenbewehrten Füße einer großen und fetten schwarzen Ratte krallten sich in seine Brust, als sie versuchte senkrecht an Camaun hoch zu krabbeln.
Er spürte den zusätzlichen Schmerz nicht einmal mehr besonders.
Wie in Trance starrte er auf den spitzen Kies, der vor ihm lag und sich langsam verfärbte.
Sein Kopf war dumpf und er konnte sich nicht einmal mehr wehren, als die Zweifel seinen Hals erreichten.
Wie Wölfe, die ihre Beute auf einen Baum gejagt haben, huschten sie um seinen Hals herum, bereit jede Sekunde ihre todbringenden Zähne in seine Adern zu schlagen.
Es ist mein Traum...
Quälend wand sich sein Herz in seiner Brust.
Bitter schmeckte die Galle und kalt war das Gefühl um seine Seele.
Wo war sein Leben?
Wo war sein Funke, der ihn bisher immer am Leben gehalten hatte?
Schneidend ritzen häßliche kleine Zähne seine Haut am Hals, bis Blut an ihr herunter lief und sich mit all den anderen Zweifeln in ihm vermischte.
Tränen kullerten ihm über die Wange, als er wünschte.
Seinen Traum zu leben.
Nicht mehr...
Keine Macht und keinen Haß.
Keinen Zweifel und keine Wut.
Den göttlichen Funken erwecken und leben.
Leben...
Sein...
Lieben...
Das Leben lieben.
Die Liebe leben.
Sanft nahm er die Ratten von seinem Hals und legte sie auf den Boden, wo sie begannen in kleinen Kreisen um seine Füße zu schleichen.
Mit seinem rechten Oberarm fuhr er sich durchs Gesicht und wischte sich die Tränen ab.

Ein stechender Schmerz bohrte sich in seinen Rücken, als Camaun langsam die Augen öffnete und die etwas morsche Zimmerdecke betrachtete.
Er war halb von seinem Bett heruntergerutscht und lag mit den Beinen auf dem Boden, so daß sich sein Rücken zurückgebogen noch auf der Matratze befand.
Beide Beine waren ihm eingeschlafen und sein Hals war staubtrocken, doch zumindest war sein allgemeiner Zustand nun etwas besser. Das Drücken in seinem Schädel schien fast vorüber zu sein und er konnte sogar einige Male blinzeln ohne daß ihm sofort wieder schwindlig wurde.
Unendlich langsam ließ er sich dann kraftlos auf den Boden sinken, indem er sich herumdrehte und sich selbst mit seinen schwach gewordenen Armen vom Bett wegschob.
Der Boden war alt und ziemlich hart, doch sein Rücken knackte kurz und bedankte sich dann mit einem wohligen Gefühl der Wärme, da er sich nun wieder in einer halbwegs geraden Haltung befand.
Was für ein Gefühl... dachte der zerschundene junge Mann auf dem Boden.
Wie elend ich doch aussehen muss...
So erbärmlich...?
Ein leichtes Lächeln schlich sich in sein Gesicht und plötzlich spürte er warmes Blut an seiner Wange hinunterlaufen.
Verwirrt berührte er seine Lippen und stellte fest, daß sie aufgesprungen waren. Völlig rissig und trocken.
Minutenlang starrte er seine vom Blut rot gefärbten Finger an und schmeckte dabei seinen eigenen Lebensgeist.
"Es war fast pervers, oder?", grübelte er, denn trotz allem was ihm geschehen war in so kurzer Zeit... irgendwo genoß er es.
Echte Tritte und Schläge, echte Hiebe und Treffer. Er lag nicht einfach so hier in diesem Zimmer auf dem Boden und konnte sich kaum rühren. Man hatte ihn dorthin geprügelt.
Mehr oder weniger...
Doch in seinem Körper rauschte das Blut so stark, daß er es in seinen Ohren hören konnte. Sein Herz schlug kräftig und ruhig, seine Muskeln schmerzten am ganzen Körper und er spürte, wie er lebte.
Schmerz konnte eine wunderbare Erfahrung sein, wenn man ihn annahm.
Sich hineinfallen ließ, sich wand und badete darin.
Still kniff er seine Augen zu und biß sich selbst auf die Lippen, solange bis ein weißer Schmerz vor seinen Augen tantze.
Vielleicht hatte er es auch so gewollt.
Wer weiß?
Ziehen wir weiter...
Wir werden sehen.
Langsam begann er damit sich aufzusetzen und war von sich selbst überrascht, als es klappte und er nicht sofort wieder hintenüber fiel.
Er saß lange da, massierte seine Beine und atmete tief ein und aus.
Sein Magen bog sich herum und rumorte lautstark, so daß ihm fast augenblicklich wieder die Galle in den Hals stieg, doch auch diesmal konnte er sie noch herunterwürgen.
Wenn er nicht bald etwas zu essen und zu trinken bekam, dann würde er schlichtweg wieder umfallen.
Und diesmal vielleicht gar nicht mehr aufstehen...
Aber nun... er war hier in einem Gasthaus. Und in einem Gasthaus ist normalerweise auch ein Wirt.
Und wo ein Wirt ist, ist meistens auch etwas Essbares.
Wenden wir uns also den profaneren Dingen zu, dachte er sich, stützte sich mit einer Hand am Bettrand ab und stand vorsichtig auf.
Einmal mehr überraschte ihn sein Körper, denn seine Beine trugen sein Gewicht und verzichteten darauf einfach unter ihm weg zu knicken.
Tief durchatmend durchschritt er dann langsam das Zimmer und öffnete seine Tür.
Wie spät es wohl sein mochte?
Der Gang draußen sah nicht viel besser aus als der Raum in dem er noch bis vor kurzem gelegen war. Die Holzwände waren alt und ein wenig morsch, machten aber dennoch einen zumindest halbwegs vertrauenswürdigen Eindruck.
Durch das Fenster, welches ganz hinten am Gang lag konnte er erkennen, daß es wohl gerade morgen oder abend sein musste, denn draußen herrschte eines dieser seltenen Zwielichte, bei denen man nie genau sagen konnte wie spät es eigentlich wirklich war.
Leises Stimmengemurmel ließ ihn in die andere Richtung blicken und dort erkannte er, nachdem er sich noch einmal den Schlaf und die Erschöpfung aus den Augen geblinzelt hatte, eine lange Treppe, die anscheinend hinunter in irgendeinen Schankraum führte.
Gespenstisch kräuselte sich von unten eine dünne Rauchschwade nach oben, die aussah wie eine dürre Hand, die nach ihm greifen wollte.
Es roch nach starkem Tabak und schwerem Bier, jedoch auch nach köstlichem Brot, Wurst und Käse, was Camaun urplötzlich dazu antrieb sich dennoch in den Rauch zu stürtzen.
Mit zitternden Schritten ging er auf die Treppe zu und sog zögernd die rauchige Luft ein.
Es biß in seinem Hals, doch tapfer unterdrückte er das würgende Hustengefühl in seinem Hals, während sich seine Hände krampfhaft in das dünne Holzgeländer krallten.
Seine Knöchel traten weiß hervor und er wankte ein wenig, bevor er sich dann wieder zitternd in der Gewalt hatte.
Sämtliche Köpfe der Gäste in dem kleinen Schankraum wandten sich zur Treppe, als Camaun zögernd hinunterkam.
Er war sehr spartanisch eingerichtet. Fast komplett aus Holz, einige klapprig aussehnde Stühle, runde Tische dazu und eine nicht gerade saubere Theke, hinter der ein abgekämpft aussehender dicklicher Wirt mit Vollbart stand.
Der Rest der Gäste bestand ausnahmslos aus kräftig gebauten Männern mit zerfurchten Gesichtern, die fast alle entweder eine Pfeife oder einen schweren Krug Bier in der Hand hielten.
Camaun kam sich mit seiner schmächtigen Gestalt ziemlich lächerlich vor, doch sein Hunger und sein Durst übertrumpften dieses Gefühl bei weitem.
Als er unten ankam hatten die meisten seiner Beobachter schon wieder das Interesse an ihm verloren und das allgemeine Stimmengewirr erklang erneut.
Einer jedoch stand langsam und behäbig auf, stellte seinen Krug, der fast wie Spielzeug in seinen großen prankenartigen Händen wirkte, auf den Tisch und kam zu ihm herüber.
Camaun hielt sich unsicher mit beiden Händen am Geländer fest und blickte weit nach oben in das Gesicht des riesigen Hühnen, der nun vor ihm stand.
Es war ein freundliches Gesicht, mit weichen Zügen, doch in den stahlgrauen Augen lag hinter augenscheinlichen Fassade eine schwer zu definierende Gleichgültigkeit.
Dennoch spürte Camaun fast so etwas wie eine kindliche Neugier des Riesen und er wusste, daß er ihm nichts Böses wollte.
Sein Gesicht war eingerahmt von schulterlangen dunklen Haaren, die seit Tagen nicht mehr gewaschen worden waren. Dick und fast struppig hingen sie ihm ins Gesicht, was ihm einen ziemlich wilden Ausdruck verlieh, der durch den passenden Körperbau noch zusätzlich verstärkt wurde.
Die stämmigen Arme und das meterbreite Kreuz, welches sich in eine Lederrüstung bettete, die Camaun wohl nicht mal mit aller Gewalt vom Boden hätte aufheben können, die kräftigen Beine, die die gebundene Lederhose fast zu sprengen schienen und die bärenhaft wirkenden Hände waren so respekteinflößend, daß der kleine angeschlagene Mann nicht mehr als ein kurzes Schlucken hervorbrachte, als ihn der Hühne mit einer so tief und ruhigen Stimme, die seinen Brustkorb regelrecht zum schwingen brachte, wie der zu laute Bass einer starken Anlage, fragte: "He Junge, brauchst du Hilfe?"
Camaun wendete seinen Blick an dem Riesen vorbei auf den Boden und nickte nur leicht.
Kurz darauf griff ihm der Riese unter die Arme und schritt mit ihm langsam zu dem Tisch an dem er vorhin noch gesessen hatte.
Schwer ließen sich dann beide in die Stühle sinken und sahen sich gegenseitig an.
Der große muskelbepackte Mann musterte ihn lange mit einem ausdruckslosem Gesicht und bald wurde Camaun das Schweigen unangenehm, so daß er endlich seinen Mund aufmachte und sagte: "Ich bin Camaun... und ich danke euch für eure Hilfe."
Er erntete wieder einen sehr langen undeutbaren Blick, bis sein Gegenüber schließlich zufriedengestellt schien und seinerseits zurückgab: "Ich bin Terron. Und du siehst so aus als würdest du jeden Moment vor Hunger sterben, oder?"
Erleichtert nicht selbst dieses Thema ansprechen zu müssen nickte Camaun deutlich und fingerte sogleich in seinen Taschen herum.
"Ich habe etwas Geld hier. Ich weiß nicht ob es reicht, aber ich nehme alles, was ich dafür bekomme.", meinte er dann und legte alle seine Kupfermünzen auf den Tisch.
Ein leichtes Lächeln ging durch die groben Züge des Barbaren, als er die Münzen betrachtete und danach wieder seinen Blick auf seinen Gegenüber wendete.
"Du bist nicht von hier, oder?"
"Nein.", machte Camaun. "Nur sehr hungrig im Moment. Was bekomme ich hier für das Geld hier?"
"Ich bestelle dir etwas.", gab Terron zurück und wingte nach dem Wirt und kurze Zeit später saß der ausgehungerte Camaun am Tisch und stopfte gierig Brot, Käse, Butter und alles andere, was der Wirt ihm noch brachte in sich hinein.
Sogar für einen großen Krug Bier reichte sein Geld noch und als er nach einer langen halben Stunde dann endlich wieder klar denken konnte, da ihm sein Magen nicht alle Gedanken verschleierte wurde ihm siedend heiß bewußt, daß er Shasanastaya fast vergessen hatte.
Ruckartig zuckte sein Kopf nach oben und seine Augen fixierten die des Barbaren.
"Entschuldige... aber... eine Frage. Wie bin ich überhaupt hierher gekommen? Ich war außerdem in Begleitung einer Frau unterwegs, weißt du wo sie ist?", sprudelte es aus ihm heraus und im gleichen Moment verschluckte er sich so stark, daß er fast seinen Schluck Bier auf den Tisch spuckte, als ihm plötzlich klar wurde, mit wem er da eigentlich die ganze Zeit an einem Tisch saß.
Ein Schlag mit einem nassen Lappen hätte fast die gleiche Wirkung erzielt.
"T...Terron...?!", würgte er dann ungläubig hervor. "D...DER Terron?!"

Geschlagene zwei Stunden redeten die beiden miteinander, wobei im Grunde eigentlich nur Camaun redete wie ein Wasserfall und Terron mit Fragen geradezu überhäufte, so daß dieser kaum Gelegenheit hatte sie alle zu beantworten.
Sein Gegenüber konnte es immernoch kaum fassen, daß er sich nun wahrhaft mit einem Gebilde seiner eigenen Gedanken unterhielt.
Doch es war real.
Camaun wurde in fast allem bestätigt, was er über diese Welt zu wissen glaubte.
Die Caucavebarbaren, zu denen der stämmige Riese ebenfalls zu gehören schien, der Weltloch See mit seiner unheimlichen Legende, der Imperater Theodam, die Arena, einfach alles war genauso, wie er es Shasanastaya immer erzählt hatte.
Shasanastaya...
Knurrend legte er sich selbst die Hand auf die Stirn und stützte sich mit seinem Ellbogen auf den Tisch.
Zum zweiten Mal hatte er sie nun vergessen!
Wie konnte er nur?!
"Terron?!", fuhr er dann hoch. "Meine Begleiterin..."
Der Barbar nahm gemächlich seinen großen Bierkrug in die Hand, nahm einen mächtigen Schluck davon und stellte ihn polternd wieder auf den Tisch.
"Sie ist oben. Cain ist bei ihr und sieht nach ihrer Wunde.", brummte er dann.
Schon war Camaun aufgesprungen, doch Terron hielt ihn ruckartig an seinem Arm fest und blickte ihm fest in die Augen.
"Was ist denn eigentlich geschehen? Wir haben einen toten Wolf bei euch gefunden, nachdem wir das Rudel verjagt hatten...", setzte er an, doch der fast schon gebrechlich wirkende junge Mann riss sich aus seinem Griff los und meinte nur kurzangebunden: "Später.."
Im nächsten Moment war er schon mit großen überhasteten Sätzen die Treppe hinaufgestürmt.
Als er oben war, prallte er unversehens auf ein unheimlich seltsames Gefühl, daß ihm mit einem Mal wieder alle Kraft aus den Gliedern zu saugen schien.
Der kahle Holzgang vor ihm schien ihm direkt ins Gesicht zu blicken.
Völlig überrumpelt taumelte Camaun einen Schritt zurück und wäre um ein Haar rücklings die Treppe wieder hinuntergefallen, doch im letzten Moment konnte er sich an einem nahen Türrahmen festhalten.
"Was bei allen Göttern...", würgte er dann hervor und spürte wie sein Herz in seiner Brust immer schwerere Schläge tat, so daß ihm unvermittelt das Blut in die Ohren stieg.
Ein seltsames Ziehen in ihnen, ließ Camaun völlig verwirrt für einige Momente an den Türrahmen angelehnt stehenbleiben.
Irgendetwas in ihm krümmte sich plötzlich, wie als wenn man weiß, daß man im Nächsten Moment eine Ohrfeige bekommt, nur viel viel schlimmer.
Sein Gesicht wurde aschfahl und seine Hände begannen zu zittern, als sich in seiner Blutbahn ein kaltes Gefühl breitmachte.
Der ganze Gang schien vor ihm auf und ab zu hüpfen, was ihn dazu brachte seine Augen zu schließen und seinen Kopf zu schütteln.
Sein Schädel dröhnte und es dauerte einige lange Augenblicke, bis Camaun wieder in der Lage war mit offenen Augen geradeaus zu sehen.
Sie brannten und waren plötzlich sehr trocken und gerötet.
Schwer lag ihm die Zunge im Hals, als er sich mit unsicheren Schritten von seinem Türrahmen fortbewegte.
Langsam und zittrig wie ein alter Mann schob er einen Fuß vor den anderen, wobei er sich mit einer Hand an der Wand abstützen musste.
Sein Blick fixierte eine angelehnte Tür am Ende Ganges auf der linken Seite.
Sie vereinnahmte Camauns ganze Wahrnehmung und hinterließ in seinem Kopf nicht viel mehr, als ein unbestimmtes... schreckliches Gefühl...
Eine Vorahnung auf das was kommen mochte...
Ein dumpfes Gefühl im Bauch, das sich dort wand und drehte wie ein dicker Knoten in den Eingeweiden.
Wie ein Stein, wie ein dicker Backstein, den man verschluckt hat...
Als er der Tür näher kam und leise Stimmen hören konnte, schnürte sich ihm die Luft in seiner Kehle regelrecht zu und ein dicker Kloß bildete sich in seinem Rachen.
Er erkannte Shasanastayas Stimme, doch er konnte nicht verstehen, was sie sagte.
Schließlich atmete er ein, zwei mal tief ein und aus, ohne die Tür vollständig auf zu drücken um sich wieder zu beruhigen.
Er hatte keine Ahnung was mit ihm los war, geschweige denn, was die seltsamen Gefühle, die plötzlich in ihm herumwirbelten zu bedeuten hatten.
Vielleicht wirklich einfach nur... Blödsinn...
Wobei er wusste, daß er sich im Grunde immer auf sein "Bauchgefühl" hatte verlassen können.
Diesmal befand er sich aber im Zwispalt...
Er wollte nicht auf das hören, was er fühlte.
Was für Camaun eine völlig neue Erfahrung war. Sich das erste mal gegen das eigene Gefühl aus dem Herzen zur Wehr setzen.
Quer. Blocken. Ausschalten. Niederkämpfen.
Fast spürte er, wie sich seine Seele wand vor Qual, als ihr liebstes Kind sich zum ersten Mal nicht in ihrer Melodie bewegte, sondern schräg tönende und verderblich klingende Misstöne zustande brachte.
Sein Hals fühlte sich taub an und seine Zunge lag wie ein nutzloser nasser Lappen in seinem Mund.
Fahrig fuhren seine Hände am Holz der Tür auf und ab, unfähig sie nach innen zu drücken, vielleicht aus Angst vor dem was er sehen könnte... vielleicht weil er noch zu klapprig war...
Mit Gewalt schluckte er seine Gefühle hinunter... quälend drückten sie sich durch seinen Hals hinunter in der Speiseröhre... flossen heiß wie glühendes Blei hinab in seinen Magen und legten sich schwer wie ein Steinklotz nieder, pochend und pulsierend, so daß er ständig wußte, was er da eben geschluckt hatte...
Mit einem metallischen Geschmack im Mund drückte Camaun schließlich die Türe auf, die dann mit der für das Schicksal typischen Grausamkeit, trotz ihres morschen Zustandes und dem hohen Alter der Angeln völlig geräuschlos zur Seite glitt und ihm einen Blick auf das Szenario erlaubte, daß sich ihm nun vor seinen Augen darbot.
Das Zimmer war ähnlich eingerichtet wie das seinige.
Auf der kleinen Bettstatt lag Shasanastaya, gehüllt in ein fleckig weißes Lacken, die Haare offen und ein wenig zerzaust, die Haut fahl und bleich, doch das Gesicht immernoch wunderschön in Camauns Augen.
Vor ihrem Bett kniete ein großgewachsener schlanker und durchtrainierter Mann, der sich halb über sie gebeugt hatte.
Camaun sah alles wie in der Zeitlupe eines schlechten Filmes. Jedes noch so winzige Detail stach ihm schmerzhaft ins Gesicht.
Die weichen, braunen Stiefel, die abgenutzte lederne geschnürte Hose, das vom vielen Reisen staubig gewordene Leinenhemd... die kurzen schwarzen Haare...
Die Zungen der beiden im Spiel miteinander... tanzten wie einst er selbst mit ihr...
Geschlossene Augen... bar jeder weiteren Wahrnehmung.
Der Zauber in der Luft, das Knistern der Magie, die den Raum anfüllte und die Zuneigung, die sich zwei Menschen entgegen brachten.
Seine Hand, die sanft ihren Kopf hob und ihr dabei in den Haaren spielte...
Ihre zärtlichen Finger, streichelnd über seinen Rücken...
Die eisige Kälte, die sich plötzlich in seinem Körper manifestierte, genährt durch den wabernden Klumpen erwürgter Gefühle und den Fluß des kühlen Blutes in seinen Adern.
Ein lautloser Schrei... das Einatmen vor dem Schmerz...
Wie Glas... zerspringend in tausend Stücke... und die Splitter bohren sich von innen heraus durch seinen Körper, wie das Kribbeln von millionen kleiner Nadeln, die an jedem Zentimeter seines Körpers zustachen.
Rattenbisse...
Huschend... langsam... schnell... überall.
Verschleiert ward sein Blick und dennoch grausam gewahr, was sich ihm darbot.
Ein Augenblick, der Jahre andauerte und doch nie vorüber ging... einbrennend in seinen Geist, wie ein Brandzeichen im Inneren des Schädels.
Gekrümmt warf sich sein Innerstes herum und schickte einen häßlichen Schauer über seinen Rücken, der ihm durch Mark und Bein ging.
Weiß, hell und eiskalt explodierte der letzte Rest in seinem Denken.
Mit einem harten Ruck riß sich Camaun herum, stürmte den Gang entlang, die Treppe hinunter und hinauß ins Freie.
Einige der Gäste im Schankraum sahen im kurz verwirrt hinterher, zuckten dann aber mit den Schultern und wandten sich wieder anderen Dingen zu...

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gez. Camaun

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Märchenland - Teil 4 (Ende)

Märchenland - Teil 4 (Ende)


Wobei das jetzt nicht zur eigentlichen Geschichte gehört, aber es ist ein Abschluß für selbige.

Eine Situation, wie sie nur all zu oft im wahren Leben gespielt wird.
Immer und immer wieder...

Selbst für Camaun, der durch seine Vision seine eigene Welt ins Leben gerufen hat und durch sein Verständnis für die Dinge sogar in sie hineinreisen konnte... ward nicht gewappnet.
Man kann sich für so etwas nicht wappnen...
Man muss den Schmerz trinken... aufsaugen und kosten... man muss ihn erleben.

Ein bittersüßer Schmerz für Camaun... der alles bestätigen zu scheint, was die jetzige Realität uns zu vermitteln sucht...

Hatte er nicht selbst von Freiheit gesprochen? Von Lust? Und vom tun, was man will?

Wir werden sehen...

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Würd mich überaus drüber freuen, wenn flammarion den vierten Teil kommentieren würd
Verzeiht, wenn ich diesen Beitrag pushe. Kommt nicht wieder vor.
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