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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Märchenphobie
Eingestellt am 26. 02. 2002 21:31


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Dani
Hobbydichter
Registriert: Feb 2002

Werke: 4
Kommentare: 1
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Märchenphobie


Wer kennt sie nicht, die Märchen die uns als Winzlinge vor dem schlafen gehen aufgetischt wurden. Schneewittchen, Dornröschen, Hänsel und Gretel, Sterntaler, Rapunzel und wie sie alle heißen. Leider muss ich sagen, dass ich rückblickend auf diese Altliteratur doch nicht ganz schadensfrei davongekommen bin. Anstatt dass die „Gute Nachtgeschichten“ meinen mir wohlverdienten Schlaf förderten, formierten sie sich zu einer recht monströsen Märchen- ja gar Lebensphobie. Irgendwo bei Hänsel und Gretel nahm es seinen Anfang.
In den Wald gehen? Mit mir? Womöglich wandern oder verstecken spielen? Das hatte sich meine Mutter ganz deftig verscherzt. Wenn es dann auch noch hieß wir nehmen Brot für die Enten am Teich mit, begann mein Klein-Mädchen-Gehirn zu rotieren. Ich kombinierte: Wald oder waldähnliches Gebiet, dort wurden Hänsel und Gretel ausgesetzt. Brot für Enten? Für wie blöd halten die Erwachsenen eigentlich eine pfiffige 4-jährige? Hänsel und Gretels Erziehungs-berechtigte haben den beiden auch ne Butterstulle in die Hand gedrückt und waren daraufhin nie wieder gesehen. Vater Hans und Mutter Grete waren arme Menschen und wollten dieserhalb und desterwegen die beiden Blagen billig loswerden.
Sofort erinnerte ich mich an eine für mich dramatische Begebenheit die sich eine Woche zuvor in einem Kaufhaus in der Spielzeugabteilung abspielte. Ich flirtete eingehend mit einer Barbiepuppe und sie schien auch nicht unbedingt abgeneigt. Ich versprach ihr sie mitzunehmen um daheim unsere Beziehung zu vertiefen. In Windeseile suchte ich meine Mutter auf, um die Finanzierung zu klären. Trotz meiner argumentreichen Vorsprache stieß ich auf taube Ohren, mir blieb nur noch eine Möglichkeit um das Herz meines Mütterchens zu erweichen. Ich klammerte mich an ihr Bein, schrie mit meines Alters entsprechender Lautstärke bis hin zum höchsten C das ich finden konnte und schmiss mich alsbald auf den Boden, um dem dramaturgischen Exzess den letzten Schliff zu verleihen. Meine Mutter ging ungeachtet meines verzweifelten Gefühlsausbruchs von dannen und wir verließen, während ich mit meinen armen von Gott gepeinigten Kinderhändchen ihre Fesseln fortwährend umschloss, auf meinen Bauch rutschend, das Kaufgebäude.
Beim Gedanken an diesen Vorfall, wurde mir eines sofort klar: wir sind arm! Meine Mutter konnte mir die kleine Frau nicht kaufen. Gewollt hätte sie bestimmt aber sie konnte nicht! Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wie konnte es nur soweit kommen?! Hänsel und Gretel waren im Gegensatz zu mir klar im Vorteil denn ich hatte keinen Hänsel, im Wald wäre ich einer gefräßigen Hexe als Gretel Hänselseelenallein ausgeliefert gewesen. Hänsel wurde eingesperrt und ist in den Hungerstreik getreten während seine Schwester den Haushalt schmeißen musste. Wie sollte es mir ergehen wenn ich am Backsteinwerk knabbernd von der bösen alten Hexe erwischt und verschleppt werden würde? Ich müsste putzen, hungern und letztendlich entweder als Putze enden, als Hungerhaken verenden oder als Abendessen dienen. Das waren keine schönen Aussichten.
Diese Gedanken schossen mir alle blitzschnell durch den Kopf als meine Mutter mir von einem geplanten Wochenendausflug in den Stadtgarten berichtete. Ich schaute sie mit meinen großen vor Liebe überschäumenden Augen an und schmiegte mich an ihre Beine. Sie lächelte mich ihrerseits an und streichelte mir übers Köpfchen währenddessen sie die Einkäufe aus der Tüte holte. Nein Dani, dachte ich mir, das ist alles Quatsch, das würde sie nie tun, niemals. Wer so lieb gucken und streicheln konnte, würde ein 4-jähriges Barbieloses unheimlich süßes Mädchen wie mich nicht einfach einer Hexe hilflos ausliefern. Daraufhin bemerkte ich, dass ich sie lieb haben würde und sie erwiderte dies. Daraufhin drückte sie mir einen Laib Brot in die Hand, mit der Bitte es in den Schrank zu räumen. Ich riss die Augen auf, starrte sie völlig ungläubig an, ließ das Brot fallen und rannte in mein Zimmer. Ich musste nachdenken.

Dem „Wochenend-mich-aussetzen-Hexenausflug“ konnte ich nicht entkommen. Die Nummer mit auf den Boden schmeißen, kreischen und am Bein festklammern hat auch nichts gebracht und einen Hänsel konnte ich auf die Schnelle nicht auftreiben. Da kam mir ein genialer Gedanke, wenn wir so arm waren musste ich Geld auftreiben, nur wie?
Ich erinnerte mich an das Märchen vom Sterntaler, es gab sein letztes Stück Brot; Brot, was für ein schreckliches Wort; einem Bettler, sein Käppchen einem armen Mädchen; armes Mädchen, wie konnte die der Hexe nur entkommen?; und sein letztes Hemdchen an einem, weiß ich nicht mehr, aber ist ja auch egal halt an irgendwen der arm war. So stand es dann da mitten in der Nacht pudelnackig herum und schwupps hatte es ein Samtkleidchen an und die Sterne rieselten als Goldklumpen auf sie hernieder.
Das wäre die Lösung! Okay, das Sterntalergirl war elternlos aber es wird bestimmt nicht schaden wenn ich es meinerseits versuchen würde. Meine mich liebende Gebärmutter öffnete die Tür zu meinem Kämmerlein und fragte nach dem Grund meines Brotwegwerfenden Benehmens. Wie aus der Pistole geschossen meinte ich: „Die Dornen haben mich gestochen und ich hab mich erschrocken.„ „Dornen!? Das sind Körner und keine Dornen und die stechen nicht mein Schatz. Was ist nur los mit dir?!“ bemerkte sie als sie kopfschüttelnd mein Zimmerchen verließ. Puh, das war knapp. Nun musste ich mich um meinen Plan kümmern den auszuführen ich mir für die damalige Nacht vorgenommen hatte.
Draußen dunkelte es schon und ich holte eine Wollmütze; ich hatte kein Käppchen und Improvisation muss ja wohl erlaubt sein; ein Hemdchen und schlich mich in die Küche um ein Stück von dem körnigen Dornenbrot zu stibitzen. Der Fernseher lief, dennoch hatte mein lieb Mütterlein nichts von all dem mitbekommen. Ich musste vorsichtig sein, immerhin ging es um unsere Existenz, vor allem um meine.
So konnte ich unbemerkt der häuslichen Obhutentrinnen und auf der Straße nach armen Menschen suchen die Hunger hatten, eine Wollmütze und ein Hemdchen brauchten. Ehrlich gesagt hatte ich mir das einfacher vorgestellt. Mich überkam die Frage ob wir denn die einzigen armen Menschen hier in der Gegend wären. Wo waren all die verhungerten, kopf und bauchfrierenden Geschöpfe unseres herzlosen Sozialsystems? So stand ich da im Hemdchen mit Wollmützchen und einer Horrorbrotstulle und keiner wollte diese Gaben von mir aufgequatscht haben. So konnte das nichts geben, wenn keiner friert und verhungert bekomme ich kein Gold und kein Seidenhemdchen und werde zwangsläufig im Backofen sterben. Genau so erklärte ich völlig aufgebracht meine Situation einer Nachbarin die mich nach zwei Stunden vor unserem Hause aufgelesen hatte. Sie übergab mich pflichtgemäß meiner sprachlosen Herrin. Diese brachte mich ins Bett und zählte mir neue Verbote auf: im Kaufhaus nicht auf dem Bauch schliddern und kreischen, kein Brot wegwerfen und sich nicht, nur mit einer Wollmütze und einem Hemdchen bekleidet mitten im Frühling; Sommer, Herbst und Winter inklusive; nachts um 20 Uhr auf die Straße stellen und mit Brotkrümeln nach Passanten werfen. Zur Strafe würde es für die nächste Zeit keine „Gute Nachtgeschichten“ geben.
Damit konnte ich leben, mir wäre lieber gewesen wenn sie den Wochenendtrip gestrichen hätte. Ich betete die ganze Nacht über, wie ich zuvor noch nie gebetet hatte.

Gott hatte mich erhört, kurz vorm Wochenende bekam ich die Quittung für meinen Familienrettungsversuch in Form einer Grippe. Somit war der Hexenausflug erst mal hinfällig. Kurz vor meiner Genesung erklärte ich meiner Mutter, bevor sie mich zur psychologischen Untersuchung schicken konnte, warum ich mich so verhalten hatte wie ich mich halt verhalten habe.
Ein Lachen konnte sie sich daraufhin nicht verkneifen und erklärte mir detailliert, dass wir keineswegs in die Armut verfallen wären und eine Barbiepuppe hätte ich ja schon zu Weihnachten bekommen. Außerdem ist Hänsel und Gretel doch nur ein Märchen, das gibt es in Wirklichkeit nicht. Ach so, ja das verstand ich, unter diesen Umständen wäre einer folgenden Wochenendplanung natürlich nichts entgegenzusetzen.
Meine Mutter erzählte, dass wir anlässlich des Geburtstages meiner Großmutter, selbige am Wochenende aufsuchen würden. Kuchen und Kakao in Hülle und Fülle! Ich freute mich, meine Großmutter war die Beste. Mit diesem Mutter-Tochtergespräch war das gute Nacht-geschichtenverbot aufgehoben.
Ich lag in meinem Bettchen und mein Mütterchen las mir „Rotkäppchen“ vor. Nachdem sie die Geschichte beendet hatte und ich mit weit aufgerissenen Augen wie hypnotisiert an die Decke starrte, verließ sie das Zimmer. Ich vergaß sofort jegliche Ermahnung betreffs des „nicht an Beine klammern, Bauchschliddern und Rumgeschreie“.

„Bitte nicht zur Oma fahren, ich will nicht gefressen werden!!!“



__________________
Wenn du mir sagst ich sei verrückt-
und ich dies glaube-so bin ich verrückt...D.P.

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
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8 Punkte von mir

Deine Geschichte find ich supergeil, sie gehört unter Satire

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ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
Kommentare: 74
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Genial!!

Hi Dani,
geniale Geschichte, ich hab mich gekringelt vor Lachen - da sieht man mal, was Maerchen in unschuldigen kleinen Kindern so alles anrichten! Wunderbar eingefangen, was mir noch fehlt, waere eine Demonstrationsversuch des kleinen Maedchens zur Rettung unschuldiger Woelfe vor mordlustigen Jaegern und Wackerstein-Folter!
Gruss
Ingrid
__________________
Never wake a sleeping dragon!

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
Kommentare: 426
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habe selbst zwei töchter und kann sämtliche hier aufgezählten verhaltensweisen nur bestätigen.nix mit satire, für die kiddies ist das bitterer ernst.
aber, auch das soll nicht unerwähnt bleiben, sie sind nicht nur nervenzerfressende kleinstlebewesen, sondern auch unsere großen musen, aus deren füllhorn unerschöpflich schöpfen kann wer spaß dran hat.
gut beobachtet und reinversetzt meint knychen

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Lyricslady
Guest
Registriert: Not Yet

Hehehehehehehehehehehehehe...Also da muss ich echt mal 10 Punkte vergeben, die Geschichte ist wirklich grandios satirisch geschrieben worden und wenn ich 10 Punkte vergebe, soll das schon mal was heissen *brüst*

Nicht nur Kleinkinder haben diese sogenannte Märchenphobie, ich mit meinen 16 Jahren weigere mich immer noch inständig zu meiner Großmutter zu fahren, alleine in den Wald zu gehen, eine Spindel anzufassen und Griessbrei zu essen !!

~Lyricslady~

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Dani
Hobbydichter
Registriert: Feb 2002

Werke: 4
Kommentare: 1
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DANKE

Wow, kann ich da nur sagen. Mit so einer positiven Resonanz hab ich nicht gerechnet; gehofft ja aber nicht mit gerechnet...Das spornt mich doch quasi an.
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Wenn du mir sagst ich sei verrückt-
und ich dies glaube-so bin ich verrückt...D.P.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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super,

dani! seit 2 stunden lese ich kurzgeschichten und deine ist die erste, die heute in meine sammlung kommt. mach mal so weiter! ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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