Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92193
Momentan online:
87 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Magda
Eingestellt am 27. 07. 2007 10:32


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
paulenullnullzwei
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2007

Werke: 57
Kommentare: 184
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um paulenullnullzwei eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

MAGDA


"I-i-ieep, i-i-ieep!"

Magda spricht vorz√ľglich Delphinisch ohne vulg√§rem Westk√ľstenakzent, wie er Flipper zu Eigen war. Nein, sie spricht ein sauberes Hochdelphinisch. Tier-Fremdsprachen benutzt Magda immer dann, wenn sie bester Laune ist. Autopacken macht beste Laune.

"Ruhig Grauer, ruu-hig, geht ja gleich los! Tank ist voll, Kofferraum auch, jetzt braucht's nur noch ein Ziel. Wo w√ľnscht man morgen fr√ľh das Schn√§uzchen aus dem Wasser zu wackeln?"

"Meinst Du, ich schaffe es, dabei r√ľckw√§rts schwimmen?"

"Wenn nicht Du, wer dann?"

"Kein 'ja', aber doch charmant! Kuss!..."

Die noch jungen Bl√§tter √ľber uns rauschten nassforsch um die Wette, als k√§me dieses Jahr kein Herbst mehr. Ihr Schatten war noch nicht so ersehnt, wie im Sommer, das Licht unter ihnen aber umso zarter. Magdas Haut schimmerte in weicher Transparenz, geadelt von blauem √Ąderchenge√§st. Sie hatte ihr rot-wei√ü gepunktetes Sommerkleid an, dessen luftiger Stoff sie nicht vor einer G√§nsehaut bewahren wollte. Die Stra√üe roch nach n√§chtlichem Regenguss. K√ľhl hie√ü uns der Wind einsteigen.

"...Nach Aachen, nach Aachen will ich!"

"Aachen, eine weise Wahl. Das Meeressäugetiereldorado schlechthin..."

"Quatsch, aber die erste Stadt auf der Autokennzeichenliste meines alten Shell-Atlases. Mein alter Shell-Atlas weiß immer Rat."

"Da stehen aber bestimmt noch ein paar andere Städte drin, ausgenommen DDR-Gemeinden vielleicht. Die hatten damals noch diese betonierte Einfriedung."

"Ja, aber nur eine steht ganz am Anfang und Anfang ist jetzt wichtig. Mit Doppel-A sogar doppelwichtig!"

"Abgemacht, also alles auf AAnfang!"

"Prima, ein A-Wort-Satz! Wir sind das A-Team! Ja, einverstanden?"

Nie einverstandener drehte ich den Z√ľndschl√ľssel Richtung 'weg'. Wir hatten uns gegen die anfangs favorisierte Eisenbahn entschieden, weil im Auto jeder Fensterplatz hat und man das Raucherabteil oben aufkurbeln kann. Um Tante Bahn nicht zu sehr zu kr√§nken, hatten wir ihr versprochen, ausschlie√ülich Landstra√üe zu fahren und in jedem Bahnhofsrestaurant jedes noch so kleinen Gie√ük√§nnchens einen Kaffee zu nehmen und dabei hochn√§sig Autofahrerwitze zu rei√üen.
Magda setzte sich durch, dass Mantafahrer keine eigentlichen Autofahrer seien, trotz meiner Bedenken, uns könnte schon in Darmstadt der Witzstoff ausgehen.

Der Jahresurlaub war fast zur Gänze genommen. Nur "zwischen den Tagen" wollte sie noch frei haben. Ich habe irgendwann 1999 aufgegeben "zwischen den Jahren, den JAHREN!" zu beckmessern.
Die Stadt war still, das Samstagmorgenlicht noch zu sch√ľchtern, die Menschen schon aus dem Bett zu werfen. Wenn wir auf der Landstra√üe w√§ren, durften sie unseretwegen ihre Stra√üen wieder mit L√§rm betanken. Noch geh√∂rte die Stadt uns allein. Meine These, dass Urlaub erst nach 50 km Entfernung von zu Hause beg√§nne, teilte Magda nur bedingt.
"Urlaub ist nach dem durchgestrichenen Ortsschild!" Das wisse sie genau, da exakt ab da von der Mutter erste Bestellungen von der R√ľckbank entgegen genommen wurden. Ich konnte mit ihrer Definition leben und verlangte 50 cm hinter Mannheim einen Kaffee. Kaffee riecht, entgegen der landl√§ufigen Meinung, nicht in einem Wiener Kaffeehaus am besten, sondern im Auto, eingeschenkt aus der Thermoskanne unterm Handschuhfach. Hier√ľber waren wir uns schnell einig - nach ihrem Zusatz: "Aber nur auf der Hinreise!".

Wir hatten uns auf ein Handyverbot geeinigt. Unseren Telefonen wurden die Akkus amputiert, um ihnen das Wundklingeln zu ersparen. Auf ihrer Kommode im Flur sollten sie auf unsere Heimkehr warten. Das neben ihnen stehende Festnetztelefon w√ľrdigte sie keines Blickes. W√§hlscheibenapparate geben sich mit Schnurlospack nicht ab.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann ihre Stimmung Richtung Volker umschlagen konnte. Eine ausgemachte Erzarschgeige dieser Volker, aber sie war ihm verfallen. Meine zurecht gelegten Trostspr√ľche entbehrten noch jeglicher Aufrichtigkeit. Heucheln ist echte Arbeit. Um den drohenden Arbeitsbeginn so weit als m√∂glich hinaus zu schieben, schlug ich ein Autofahrtquiz vor. Den entgegenkommenden Fahrern mussten die am passendsten klingenden Vornamen zugeordnet werden. "Herr lass keinen Volker unter ihnen sein!" Nach einem unstrittigen Karl-Heinz im Audi 100 mit Spritzschutzlappen am Heck war es mit der Einigkeit dahin.

"Berta? Mach Dich nicht l√§cherlich Paule! Die √§ltere Dame f√§hrt zu ihrer Freundin zum Morgentee. Eine Tradition, die sie seit der Befreiung durch die Alliierten pflegen. "Wir sehen uns Samstag nach dem Krieg zum 10-Uhr-Tee." hatten sie sich damals versprochen, als ihre j√ľdische Freundin abtauchen musste. Sie durften ihre Liebe damals noch nicht zeigen. Das hat Grandezza. So jemand hei√üt nicht Berta. So jemand hei√üt Bernadette!"

"Nie und nimmer. Sie fährt zur Tanke, sich drei Fläschchen Zinn 40 holen. Bertas tun das, wenn der Gatte erkaltet ist!"

"Du denkst genauso pessimistisch wie Volker!"

Eine Träne lief unter ihrer Sonnenbrille hinaus in den Fahrtwind.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!