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Leselupe.de > Kindergeschichten
Mahpiya-luta
Eingestellt am 27. 07. 2009 18:41


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Melonenfee
AutorenanwÀrter
Registriert: Jul 2009

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Mit hĂ€ngendem Kopf saß Timao auf dem großen Fell am Boden des Tipis. Sein Vater ließ sich neben ihm nieder und hob Timao auf seine Oberschenkel.
„Warum so traurig, kleiner Krieger?“
„Ich wollte mit zur Jagd.“
„Du bist zu jung. Zehn Winter sind noch nicht genug, um mit den MĂ€nnern zu ziehen. Was wĂŒrde deine Ina sagen, wenn ich dich mitnehmen wĂŒrde? Du musst auf sie und deine Schwester achten, wenn ich fort bin.“
Timao sah zu seiner Mutter, welche die Schwester im Arm haltend auf einem Bett aus Fellen schlief. Dann blickte er zurĂŒck zum Vater.
„Was wĂŒrdest du sagen?“
„Ich bin dein Ahte und ich sage, du bist zu jung, Timao.“ Der Vater lĂ€chelte und umarmte ihn.
„Wann, Ahte, wann?“
„Wenn es Zeit ist. Noch bist du nicht soweit. WĂŒnsch mir Erfolg.“ Gerade als sich das Familienoberhaupt mit dem Kopf zu Timao beugte, um ihn zum Abschied zu kĂŒssen, drehte der Junge den Kopf zur Seite.
„Sei nicht böse. So kann ich nicht zur Jagd gehen.“
Timao mochte seinen Vater jetzt nicht kĂŒssen, tat es aber dennoch, um ihm fĂŒr die Jagd GlĂŒck zu wĂŒnschen.
Vorsichtig hob der Vater seinen Erstgeborenen hoch und stand auf. Er drĂŒckte ihn noch einmal und brachte ihn dann zu seiner Mutter. Traurig sah Timao seinem Vater hinterher, der den Ledersack mit Pfeil und Bogen schulterte und das Tipi verließ. Sicher wĂŒrde er erst in ein paar Tagen zurĂŒckkehren.
Timao lag da und hörte auf das gleichmĂ€ĂŸige Atmen der Mutter. Der Junge war ĂŒberzeugt davon, bereits jetzt ein guter JĂ€ger zu sein.

Leise zog er das Fell zurĂŒck, krabbelte zu seiner Jacke und den Stiefeln und zog sich an. Der Junge fĂŒllte einen Beutel mit Pemmican. Er mochte den Geschmack des gemahlenen und mit Talg vermengten Fleisches nicht, aber zu dieser Jahreszeit hatten sie oft nichts anderes zu Essen. Dann nahm er Pfeil und Bogen und eine kleine Harpune. Schnell streifte der Junge sich Handschuhe ĂŒber und schlich nach draußen.
Timao sah ĂŒber die Schneefelder die im Schein des Mondes blĂ€ulich schimmerten.
„Nanook.“, flĂŒsterte der Junge.
Die Schneedecke bewegte sich an einer Stelle und Sekunden spĂ€ter blickte Timao in die wachsamen Augen seines Hundes. Der schĂŒttelte sich den Schnee aus dem Fell und sprang zu Timao.
„Sei leise. Komm mit.“
Vorsichtig streiften die beiden an den anderen Tipis vorbei zu den Kanus. Umgedreht lagen sie am Ufer des Tokatas. Durch die Strömung des Flusses war das Wasser noch nicht gefroren. Timao nahm eines der Boote, wendete es und ließ es ins Wasser gleiten. Schnell verstaute er seine Sachen und rief Nanook, der ins Kanu sprang. Schließlich stieg auch Timao ein und stieß sich mit dem Ruder vom Ufer ab. Die Strömung trug die beiden weg von ihrem Dorf in Richtung der mĂ€chtigen WĂ€lder, die den Fluss zu beiden Seiten sĂ€umten.
Timao versuchte wÀhrend der Fahrt mit der Harpune einen der Fische zu treffen, die im Mondlicht wie silberne Pfeile durch das Wasser schossen. Doch die Tiere entwischten. Nanook hatte sich zusammengerollt und döste dem baldigen Morgen entgegen. Timao merkte nicht, dass er schon lÀngst weiter gefahren war, als jemals zuvor, wenn er mit der Mutter zum Beeren sammeln unterwegs gewesen war.
Die Strömung wurde stÀrker. Auch das bemerkte Timao nicht.
Erst als das Kanu wild zu schaukeln begann, erkannte er, wie weit sie von den Ufern des Flusses entfernt waren. Immer schneller rasten die beiden durch den reißenden Strom. Nanook sprang auf, spitzte die Ohren und schaute nach allen Seiten.
„Setzt dich hin, Nanook!“, rief Timao. Der Junge versuchte verzweifelt an das Ufer zu rudern, doch viel zu stark zerrten die Wassermassen an dem Kanu.
Timao kauerte sich neben seinen Hund und krallte sich in sein Fell. Wasser spritzte in das Kanu. Machtlos musste der Junge zusehen, wie sie dem Eismeer nÀher kamen.
Im ersten Licht der MorgendĂ€mmerung verschwanden die WĂ€lder und wichen einer weißen Landschaft aus Eis und Schnee. Der Tokata wurde breiter, felsiger und auch langsamer. Zu den Ufern hin war er mit einer Eisschicht bedeckt. Ab und an brachen StĂŒcke davon ab und trieben mit dem Kanu in Richtung des Meeres.
Je nĂ€her sie der Salzflut kamen, umso grĂ¶ĂŸer wurden die EisstĂŒcke. Timao schaffte es nicht, durch sie hindurch zum Ufer zu steuern.
Ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen wĂŒrde aber seinen sicheren Tod bedeuten. Nanook hĂ€tte eine Chance. Er nicht.
Timao blieb nichts anderes ĂŒbrig als abzuwarten.
Nanook spitzte die Ohren, als die Eisbrocken gegen das Kanu klatschten.
Plötzlich sprang er auf und bellte. Von seinem Bauchfell tropfte das eisige Wasser auf den Boden des Kanus. Timao erschrak. Entsetzt sah er einen kleinen Riss im Karibuleder mit dem das Kanu bespannt worden war. Unaufhörlich sickerte das Wasser herein. Eilig riss er Pfeil und Bogen aus dem Ledersack und versuchte diesen in das Leck zu stopfen. Dadurch lief das Wasser nur noch in einem kleinen Rinnsal. Dennoch war Timao bewusst, das ihnen nicht viel Zeit bleiben wĂŒrde.
Ängstlich blickte der Junge auf das weite Meer hinaus, das sie inzwischen beinahe erreicht hatten. Mit halb erfrorenen HĂ€nden schöpfte er das Wasser. Die KĂ€lte schmerzte wie tausend kleine Kristalle, die ihn in die Finger schnitten.
Riesige Eisplatten schwappten ĂŒber die Fluten und spielten mit dem kleinen Boot.
Timao zog sich seine Handschuhe ĂŒber die rotblau gefĂ€rbten HĂ€nde und sah traurig zu seinem treuen GefĂ€hrten.
„Es tut mir Leid, Nanook. Ich war dumm. Ich hĂ€tte auf Ahte hören mĂŒssen.“
Nanook senkte das Haupt und stupste Timao an. Ein kleines LĂ€cheln huschte ĂŒber das verweinte Gesicht des Jungen, der durch das Fell des Hundes streichelte.
Nanook sah auf und beobachtete das Geschehen um sich herum und plötzlich sprang er aus dem Kanu auf eine der massigen Eisplatten, die einige Meter lang war.
„Nanook! Lass mich nicht allein!“ Voller Furcht rief Timao seinem treuen Freund nach.
Der Hund bellte wie wild und sah zwischen dem Jungen und dem was hinter ihm lag hin und her. Sein Bellen wurde lauter und dringender. Da begriff Timao.
Er riss Pfeil und Bogen sowie den Nahrungsbeutel an sich und sprang. Der Untergrund war rutschig und der Junge schrie erschrocken auf, als er hinfiel.
Nanook zerrte unnachgiebig am Ärmel von Timaos Jacke bis dieser sich endlich erhob. Eilig lief der Hund in Richtung der FlussmĂŒndung. Timao hetzte ihm hinterher und sah wie Nanook von der Eisscholle auf einen Fels sprang und von dort auf das Ufer gelangte.
Timao hatte Angst. Das Wasser zwischen der Scholle und dem Fels blickte ihm mit eisigem Todesblick entgegen. Timao sprang. Scharf bohrte sich eine Kante des Felsens durch seine lederne Hose und riss ihm eine Wunde ins Knie. Aber er war in Sicherheit.
Nanook bellte, als wolle er seinen Kameraden ermutigen. Timao aber setzte sich und ruhte sich aus. Der Fels war kein unruhiger Naturgeist, der stetig wanderte wie das Eis. Hier drohte keine Gefahr mehr.
Der Junge sah hinaus aufs Meer; beobachtete die Sonnenstrahlen die in kleinen Blitzen ĂŒber das umherziehende Eis funkelten. Elfenbeinmöven zogen geduldig ihre Kreise. Schließlich stand er auf, warf Beutel und Jagdwerkzeug aufs Ufer und sprang zu Nanook hinĂŒber.
Viele Stunden wanderten die beiden durch endloses Weiß. Hin und wieder blieben sie fĂŒr wenige Minuten stehen, tranken von dem Schnee, den Timao in seinen HĂ€nden schmelzen ließ und aßen kleine StĂŒcke Pemmican. Das Knie des Jungen schmerzte, aber er wusste, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit das Waldgebiet erreichen mussten.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont nĂ€herte lugten bereits die ersten Moosflechten aus dem Schnee hervor. In nicht mal einer Stunde wĂŒrde die Nacht hereinbrechen, doch Timao erkannte in der Ferne die Umrisse des rettenden Waldes.
Als der Mond aufging erreichten sie ihr Ziel.
Die beiden entflohen dem eisigen Wind, indem sie ein kleines StĂŒck in den Wald hinein gingen. Um die Orientierung jedoch nicht zu verlieren, wollte Timao die Schneeebene noch sehen können.
Ihm wohlbekannte, aber Gefahr bergende GerĂ€usche waren zu hören. Eilig setzte sich Timao daran Feuer zu machen. Das Holz war teilweise feucht, doch schließlich gelang es. Im Schein der wĂ€rmenden Flammen sammelte Timao so viele Äste er finden konnte, um das rettende Licht am Brennen halten zu können.

Nahe beim Feuer zusammengekauert saßen die beiden spĂ€ter da. Gebannt hörten sie auf die GerĂ€usche der Nacht.
„Wir dĂŒrfen nicht schlafen Nanook, hörst du.“
Der Hund schnaubte kurz, als wĂŒrde er Timao damit Recht geben wollen.
Im fahlen Licht des Mondes, das sich vereinzelt durch die dichten BĂ€ume stahl, sah Timao einige Augenpaare aufblitzen. Nanook knurrte. Sein Nackenfell strĂ€ubte sich und seine Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Wölfe schlichen sich um das karge Lager der Kameraden. Doch so lange das Feuer brannte, wĂŒrden sie nicht nĂ€her kommen, hoffte Timao. Schnell warf er noch mehr Äste in die Glut. Funken stoben zum Himmel und die Augenpaare entfernten sich.
Irgendwann stupste Nanook zÀrtlich gegen Timaos Nase. Der Junge war eingeschlafen. Erschrocken setzte er sich auf und nÀhrte das Feuer.

Da sah er jenseits der Schneeebene ein prĂ€chtiges Farbenspiel am Himmel. Die unendlichen FĂ€rbungen tanzten einen ĂŒberwĂ€ltigenden Reigen.
„Mahpiya-luta.“, flĂŒsterte Timao. „Die farbige Wolke.“
EhrfĂŒrchtig starrte er in das Schauspiel, das sich ihm darbot.
Da sah er plötzlich die Gesichter seiner UrvĂ€ter die im gĂŒtig entgegenblickten.
Der Wind trug ihre sanften Stimmen zu dem Jungen.
„Ruhe nicht und hab keine Furcht. Akita mani yo – bleib auf deinem Weg.“
Dann verstummten die Stimmen. Die Angesichter verschwanden. Nur die tĂ€nzelnden Farben blieben. Die ganze Nacht wachte Timao ĂŒber das Feuer und als der Morgen graute, schöpfte er neue Hoffnung.
Er teilte den Rest Pemmican mit seinem Begleiter, der es gierig verschlang.
„Lass uns gehen, Nanook. Ich weiß, du findest nach Hause.“
Am Ufer des Tokatas wanderte sie ĂŒber Moos und Gestein. Timao beobachtete den Fluss. Er spĂŒrte die Angst des vergangenen Tages erneut in sich aufflammen. Er ging noch schneller und Nanook wies ihm den Weg.
Als die Sonne am höchsten stand erkannte Timao von Weitem sein Dorf. Mit neuer Kraft liefen beide darauf zu. Nanook bellte und die Dorfbewohner riefen ihnen zu.

Da sah er auch seine Mutter. Ihre schwarzen Zöpfe fielen aus der Kapuze und wirbelten nach hinten, als sie Timao erkannt hatte und freudestrahlend auf ihn zu rannte.
Auf halben Weg trafen sie auf einander und Timaos Mutter sank auf die Knie. Weinend umarmte sie ihren Ältesten und drĂŒckte ihn fest an sich.
„Timao, wo warst du nur?“
„Ich wollte ein Mann sein wie Ahte.“
Seine Mutter starrte ihn an.
„Du wolltest alleine jagen?“
„Ich bin noch nicht so weit, Ina. Aber ich kann aufpassen. Auf dich und Ayana. DafĂŒr bin ich alt genug.“
Die Mutter lĂ€chelte. Sie streichelte sanft ĂŒber Nanooks Kopf und schloss dann Timao erneut in ihre Arme.

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