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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Makellos
Eingestellt am 09. 06. 2014 16:19


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Lomil
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Registriert: Apr 2014

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Es gab wieder Grund zum Jubeln im persilreinen Adenauerstaat, mit L├╝bke als Bundespr├Ąsident. Die ersten Kriegsgefangenen kehrten heim und es herrschte schwarz-rot-goldene Ruhe und Schwamm ├╝ber die Verbrechen der Hitlerei. Man war wieder wer und zeigte es. Nicht alle, aber Frau Berger geh├Ârte dazu.
Frau Berger war die Mutter von Hannelore; meiner besten Freundin. Bis zu dem Tag, als mein Vater aus dem Krieg heimkehrte und mir den Umgang mit Hannelore verbat.
"Sage mir mit wem Du umgehst, und ich sage Dir wer Du bist", sagte mein Vater. Das war ihm Bergr├╝ndung genug, als ich ihn nach dem Warum fragte.

Ich war verzweifelt. Nie wieder durfte ich zu Hannelore nach Hause gehen, bei der alles so anders war, als bei uns, oder meiner anderen Freundin Gisela. Wei├če Decke auf dem K├╝chentisch und im Wohnzimmer Spitzendeckchen auf der Musiktruhe, auf dem Tisch und der Anrichte, auf der auch immer eine reichlich gef├╝llte Obstschale stand, aus der ich mich stets, ohne zu fragen bedienen durfte. Bei uns zu Hause gab es kein Obst.
Es gab ein Badezimmer, mit verschieden duftenden Badeoelen und Parf├╝ms. Frau Berger besa├č sogar eine Trockenhaube. Eine Lieblingsbesch├Ąftigung von Hannelore und mir war es, Friseur zu spielen. Aber am allermeisten w├╝rde ich Frau Berger vermissen. Frau Berger war ein sehr sch├Âne Frau und sie war mein Vorbild. So wollte ich einmal werden, mich so kleiden wie Sie, frisieren, so gut riechen wie Sie.

Aber das Bild das der Spiegel mir zeigte und die Spr├╝che der Jungen aus meiner Klasse, von denen - Schneewittchen, kein Arsch und kein Tittchen - noch zu den netteren geh├Ârte, belehrten mich eines Besseren.
Keine Aussicht auf Sch├Ânheit. Die Fotos meiner Vorfahren und lieben Verwandten, die in einem Schuhkarton aufbewahrt wurden, offenbarten die Sinnlosigkeit einer solchen Hoffnung. V├Ąterlicher - wie m├╝tterlicherseits.
Wenn ich schon die Figur von Schneewittchen hatte, warum dann nicht auch ihr Aussehen. Haare, schwarz wie Ebenholz. Haut, wei├č wie Schnee. Einen Mund, rot wie Blut.
Meine Haare hatten die Farbe und Beschaffenheit von Putzwolle, mein Mund war fast Lippenlos und meine Haut zierten hin und wieder Eiterpickel.

"F├╝r eine pubertierende nicht ungew├Âhnlich, das verliert sich mit zunehmenden Alter", sagte meine Mutter. Ich schaute im Lexikon (neben dem Doktorbuch und der Bibel, das einzige Buch, das es bei uns zu Hause gab) nach, wie lange eine Pubert├Ąt dauert. Alles was unter "pubertierend" zu lesen stand, war bei mir (au├čer den Eiterpickeln) nicht zu erkennen. Mir wuchsen weder Brust, noch Schamhaare.
Mein vierzehj├Ąhriger Bruder pubertierte auch. Seine Arme mit den schaufelartigen H├Ąnden wurden immer l├Ąnger, seine Stimme tiefer und die Brust die mir wachsen sollte, wuchs ihm. Die einzige Gemeinsamkeit die wir aufwiesen, war die Oberlippenbehaarung. Bei mir ausgepr├Ągter als bei ihm.

Hannelore hatte schon Busen. Und was f├╝r einen. Er teilte eindrucksvoll die Rippen ihrer Pullover, die sie fast ausschlie├člich trug.
"Unanst├Ąndig f├╝r eine zw├Âlfj├Ąhrige so herumzulaufen; aber bei der Mutter!" h├Ârte ich meinen Vater, mehr als einmal sagen. Was daran unanst├Ąndig war, w├╝rde ich gerne wissen. Sie hatte den Busen, der pubertierenden M├Ądchen, au├čer mir nat├╝rlich, nun mal w├Ąchst. Schlie├člich konnte sie ihn ja nicht verstecken. Oder meinte er ihre Pullover, die ihn so eindrucksvoll zu Geltung brachten?
Hannelore war, wie ihr Mutter, stets nach der neuesten Mode gekleidet. Nicht wie meine Mutter, oder die Mutter von Gisela, meiner anderen Freundin. Grau, alles grau in grau. Graue Kleider, graue M├Ąntel, graue Gesichter. Graue Kapotth├╝tchen auf ausgebleichter Dauerwelle, die weder eigenes, noch das Interesse des Friseurs, an Gesicht und Kopfform erkennen lie├čen.

Hannelores Mutter trug wei├če Seidenblusen, zu dunkelblauen, hochgeschlitzten R├Âcken. Nylonstr├╝mpfe mit Naht und St├Âckelschuhe mit Pfennigabs├Ątzen. Ihr schweres, blondes Haar (gef├Ąrbt, wie meine Mutter abf├Ąllig behauptete) war am Hinterkopf eingeschlagen, aber lose Locken hingen zu beiden Seiten ihres Gesichtes herab.

Eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, konnte ich schon im Hausflur das Parf├╝m von Frau Berger riechen. Sollte Frau Berger etwa.... Bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hatte ich, ohne anzuklopfen, die Wohnzimmert├╝re aufgerissen. F├╝r dieses Vergehen ich regelm├Ą├čig ger├╝gt wurde. Wie ich aber des ├ľfteren beobachten konnte, auch von meinem Vater begangen wurde.

Da stand Frau Berger im Unterrock. In der einen Hand eine Zigarette und in der anderen Champagner, den sie aus einem leeren Senfglas trank, das uns als Wasserglas diente. Die ge├Âffnete Flasche stand vor ihr auf dem Tisch und auch meine Mutter hatte ein halbvolles Glas vor sich stehen. Frau Berger brachte immer etwas mit, wenn sie zu Anprobe kam. Ein bi├čchen entt├Ąuscht war ich schon, dass es diesmal nichts f├╝r mich war. Meine Mutter sa├č an der N├Ąhmaschine und schloss die letzte Naht an dem Kleid, das sie f├╝r Frau Berger ge├Ąndert hatte.

"Hallo, meine Liebe", sagte sie mit ihrer freundlichen Stimme "du warst ja schon lange nicht mehr bei uns, hast du dich mit Hannelore zerstritten?"
Den Blick, den mir meine Mutter zuwarf, erlaubte es mir nicht die Frage zu beantworten. Nicht wahrheitsgem├Ą├č zu beantworten. Mit meinem Schweigen hielt ich Frau Berger auf Abstand und sie fragte nicht weiter.

Aber mir hatte es sowieso die Sprache verschlagen. So sch├Ân hatte ich Frau Berger noch nie gesehen. Der wei├če Unterrockden den sie trug, hatte ├╝ber dem Busen und am Saum eine breite Spitze und von der linken Brust bis zum rechten Saumende schl├Ąngelte sich eine gr├╝ne Efeuranke. Ihre Haut war schneewei├č und ich sah, dass sie unter den Armen keine Haare hatte, als sie sie hob, um das Kleid anzuziehen das meine Mutter ihr hinhielt. Wobei die schwarzen B├╝schel unter den Armen meiner Mutter abstanden, wie zum trocknen aufgestellte Malerpinsel.

Mir fiel das Wort makellos wieder ein , das ich neulich bei Kaufmann Kroll im Zusammenhang mit ├äpfeln geh├Ârt hatte.
"Schauen sie, Frau Hoffmann, makellos,einer wie der andere", sagte er und hat ihr jeden einzelnen Apfel zur Begutachtung unter die Nase gehalten.

Makellos war also der Ausdruck f├╝r etwas das keine Macken hatte. Frau Berger war makellos. Keine noch so kleine Macke verunzierte die wei├če Haut. Vom Scheitel bis zu Sohle. Ihre unbehaarten Beine, mit den unglaublich kleinen F├╝├čen, den brombeerfarben lackierten Zehenn├Ągel, steckten in schwarzen Sandalen mit ├╝bereinander gekreuzten Riemchen.
Mamas behaarten Beine, mit den gro├čen F├╝├čen, den gelblich-braunen Zehenn├Ągeln steckten auch in Sandalen, dessen ├╝bereinander gekreuzten Riemchen h├Ą├čliche, rote Striemen hinterlie├čen.

Mama hatte Macken. Sichtbare wie an den F├╝├čen und unsichtbare die sie unter ihren Kleidern versteckte. ├ťberall hatte sie Macken. Auf dem R├╝cken, an den Schultern, am Bauch, auf dem Po. Eigentlich am ganzen K├Ârper habe ich sie schon gesehen. Gro├če blaue Flecken. Manchmal waren sie auch gelb und gr├╝n. Ich habe sie gesehen, wenn sie sich zum waschen ├╝ber die Waschsch├╝ssel, die auf dem K├╝chenstuhl stand, gebeugt hatte und sie sich unbeobachtet vorkam. Wenn sie mich bemerkte, hielt sie sofort ein Handtuch vor sich und schimpfte mit mir, weil ich sie angeblich erschreckt hatte. Mama versteckte ihre Macken unter ihren Kleidern. Obwohl nicht mehr sichtbar und selbst wenn sie die sch├Ânen Kleider von Frau Berger angezogen h├Ątte, nichts von der Schmuddeligkeit, dem Schmutz und der Vernachl├Ąssigung die Armut so mit sich bringt, w├Ąre zu ├╝berdecken gewesen. Nichts von dem Aussehen und dem Geruch.

Mit einem mal wurde mir klar, was Frau Berger von meiner Mutter unterschied. Frau Berger hatte keine Macken unter ihren Kleidern. Mehr denn je wusste ich, dass ich so werden wollte wie Frau Berger. Es gab ein Leben, an dem ich nicht teilnahm. Von dem ich nicht wusste, wie es funktionierte. Ich musste herausfinden, warum Frau Berger Geld hatte wie Heu, obwohl es keinen Mann gab, der Geld nach Hause brachte. Herr Berger war n├Ąmlich im Krieg geblieben. Ich musste herausfinden, von welchem Gl├╝ck die Leute sprachen, dass mein Vater heimgekehrt ist.

Nachdem Frau Berger, unter der Aufforderung sie doch bald zu besuchen, gegangen war, sagte ich zu meiner Mutter: "So wie Frau Berger m├Âchte ich auch mal werden. Sie hat immer sch├Âne Kleider an. Sie hat sogar ein Badezimmer, wo das heisse Wasser direkt aus der Wand in die Wanne l├Ąuft und f├Ąhrt ein Auto mit roten Ledersitzen. Au├čerdem hat sie eine makellose Haut.

"Ha, die hat es leicht so auszusehen, die schafft doch den lieben langen Tag nichts, die braucht doch nur die Beine breit zu machen", sagte sie. Ihre Stimme war passend zu ihrer Miene; schrill, hasserf├╝llt, neidisch.

Tagelang ging mir dieses "Beine breit machen" im Kopf herum. Ich konnte mir trotz intensiven Nachdenkens nicht vorstellen, dass man soviel Geld verdienen konnte, nur wenn man die Beine breit machte. Es lie├č mir keine Ruhe. Ich w├╝rde Frau Berger selbst fragen. Heute noch.

Ich machte mich auf den Weg, obwohl ich wusste, dass Frau Berger um diese Zeit niemals gest├Ârt werden wollte, weil sie dann ihren Sch├Ânheitsschlaf hielt. Selbst Hannelore war w├Ąhrend dieser Zeit stets bei einer Freundin. Um so besser dachte ich, dann w├╝rde uns auch niemand st├Âren.

Ich stand vor der T├╝re und wollte gerade klingeln, als die T├╝re sich ├Âffnete. Mein Vater stand im Flur vor dem Spiegel und richtete seine Krawatte und Frau Berger, in ihrer makellosen wei├čen Haut, stand nackend neben ihm.

Version vom 09. 06. 2014 16:19
Version vom 12. 06. 2014 22:30
Version vom 12. 06. 2014 22:34

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