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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Malte
Eingestellt am 01. 06. 2015 15:40


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Hyazinthe
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Erst kĂŒrzlich wieder musste ich an Malte denken, obwohl sein Tod nun schon Jahre zurĂŒckliegt.

Als ich ihn kennenlernte, war Malte etwas mehr als zehn Jahre alt. Ein krĂ€ftig gebauter, hĂŒbscher Junge mit dunkelblonden Haaren und intelligenten Augen. Er war einer von den drei Klassenkameraden, die mein Sohn Bastian zu seinem 10. Geburtstag eingeladen hatte. Zu der Geburtstagsrunde gehörten außerdem Bastians beiden Cousins, elf und acht Jahre alt und sein bester Freund Manuel aus der Nachbarschaft. Meine Frau Marianne hatte, wie es damals ĂŒblich war, fĂŒr allerlei Spiele zur Unterhaltung der Kinder gesorgt: eine Schatzsuche im Garten mithilfe einer angekokelten Schatzkarte mit geheimnisvollen Zeichen auf vergilbtem Papier, eine Schnitzeljagd in der Wohnsiedlung und, natĂŒrlich, das Schokoladenspiel, bei dem jeder, der eine Sechs wĂŒrfelte, sich MĂŒtze, Schal und Handschuhe anziehen und mit Messer und Gabel ein StĂŒck von der Schokoladentafel abschneiden musste, um es essen zu dĂŒrfen. Er hatte nur so viel Zeit dafĂŒr, bis der NĂ€chste in der Runde eine Sechs wĂŒrfelte.
Ich war froh, dass Marianne es ĂŒbernommen hatte, die Bande zu beaufsichtigen und das Treiben ein wenig zu steuern, damit die Ausgelassenheit nicht ĂŒberhand nahm. Heike, unsere sechzehnjĂ€hrige Tochter, half ihr dabei. So konnte ich mich in mein Arbeitszimmer zurĂŒckziehen und versuchen, trotz des Trubels die lĂ€ngst fĂ€llige Korrektur der SchĂŒlerarbeiten aus der Oberstufe in Angriff zu nehmen.
Es war kurz vor dem Abendessen, meine Frau bereitete in der KĂŒche den Tisch schon fĂŒr die WĂŒrstchen und die Pommes Frites vor, als ich durch lautes Getöse aus dem Wohnzimmer aus meiner Konzentration gerissen wurde. Die Kinder hatten sich johlend um das Klavier herum versammelt, auf dem Malte wie ein Wahnsinniger mit beiden FĂ€usten einhĂ€mmerte und dabei einen infernalischen Krach erzeugte. Mit hochroten Kopf und mit ganzer Kraft schlug der Junge unablĂ€ssig auf die Tasten ein, als wollte er das Instrument in StĂŒcke hauen. Bastian stand abseits und hielt die Hand vor den Mund; ihm war wohl bewusst, dass das teure Instrument diese Behandlung nicht unbeschadet ĂŒberstehen wĂŒrde. Meine Frau und Heike kamen aus der KĂŒche herbeigeeilt, blieben an der TĂŒr stehen und hielten sich die Ohren zu. Malte schien gar nicht zu bemerken, was um ihn herum vorging; erst als ich ihn am Arm packte und vom Klavier wegzog, kam er zu sich. Völlig außer Atem und mit einem - ich kann es nicht anders nennen - irren LĂ€cheln sah er mich an.
„Was machst du denn da“, fuhr ich ihn an, „das Klavier ist doch kein Sandsack, auf den man einschlagen kann wie ein VerrĂŒckter! Sicher sind jetzt einige Saiten zerrissen!“ Die Kinder waren schlagartig ruhig geworden und sahen betreten zu Boden, nur Malte blickte mich herausfordernd an.
„Macht nichts, wenn das Ding kaputt ist. Mein Alter bezahlt das schon“, sagte er. Ich war sprachlos ĂŒber so viel UnverschĂ€mtheit und starrrte den Jungen nur wortlos an. Mit einem Ruck befreite er sich aus meinem Griff und gesellte sich zu Bastian, der mich hilflos ansah und mit den Achseln zuckte. Ich strich ihm beruhigend ĂŒber seinen Blondschopf.
WĂ€hrend meine Frau die Kinder in die KĂŒche lotste, wo sie sich beim Essen schnell wieder fröhlich unterhielten, wandte ich mich dem Klavier zu. TatsĂ€chlich, zwei Tasten reagierten nicht mehr, also mussten die Saiten gerissen sein. Ärgerlich nahm ich mir vor, Maltes Eltern fĂŒr den Schaden, den ihr Sohn angerichtet hatte, zur Rechenschaft zu ziehen. „So ein verrĂŒckter Kerl“, schimpfte ich, als die Kinder gegangen waren, “und obendrein so frech!“ Marianne schĂŒttelte nur den Kopf.

Einige Wochen spĂ€ter fuhren Marianne und ich in das kleine Dorf, in dem Maltes Familie seit knapp einem Jahr lebte. Die Mutter hatte uns eingeladen, um zu besprechen, wie wir die leidige Klavierangelegenheit am besten einvernehmlich regeln könnten. Das kleine rote Backsteinhaus war von einem Ă€ußerst gepflegten Garten umgeben, der gepflasterte Weg, der zur HaustĂŒr fĂŒhrte, war sauber gefegt und der Rasen kurz geschoren.
Wir wurden in das Wohnzimmer gebeten, in dem auf dem Sofa die obligatorischen gestickten Sofakissen mit dem Knick in der Mitte von einer altmodischen Biederkeit zeugten, ebenso wie die kostbaren KristallglĂ€ser in der von innen beleuchteten Vitrine und das geblĂŒmte Kaffeegeschirr auf dem Couchtisch.
Maltes Mutter, die uns mit einer hektischen Freundlichkeit in Empfang nahm, bat uns Platz zu nehmen, sein Vater, ein kleiner, rundlicher Mann mit Stirnglatze und unruhigen Augen, stand höflich auf und gab meiner Frau und mir die Hand. Er trug ein bis zum Hals zugeknöpftes blau kariertes Hemd und eine ebenfalls sorgfĂ€ltig geschlossene braune Strickweste, eine braune Cordhose mit BĂŒgelfalte und Filzpantoffeln an den FĂŒĂŸen. Maltes Eltern und sein Zuhause entsprachen ganz und gar dem Klischee einer biederen, deutschen Arbeiterfamilie. Ich konnte mir den rabiaten kleinen Burschen nicht so recht vorstellen in dieser Umgebung.
Auch wunderte ich mich ĂŒber das Alter dieser beiden Menschen. Maltes Mutter musste mindestens Mitte FĂŒnfzig sein, sein Vater bestimmt ĂŒber Sechzig. Offenbar war der Junge ein sehr spĂ€t geborenes Kind, wohl auch der Grund, warum er keine Geschwister hatte. Wir erfuhren, dass Maltes Vater von Beruf Drucker gewesen und wegen eines Lungenleidens vorzeitig in Rente gegangen war und dass die Familie wegen der guten Luft hier im Norden aus dem Ruhrgebiet hergezogen war.
Malte selber war nicht da; er sei beim Sport, sagte man uns. Eilfertig nötigte uns seine Mutter, einen Blick in das Zimmer ihres Jungen zu werfen: Ein hĂŒbsches, modernes Jugendzimmer, auffallend ordentlich und sauber, ohne irgendwelche persönlichen Dinge. Marianne und ich wechselten einen Blick; wahrscheinlich dachte sie wie ich an Bastians Bude, in der stĂ€ndig ein Chaos herrschte aus herumliegenden KleidungsstĂŒcken, seinen neuesten ComicbĂŒchern, den angefangenen Lego Technik-Bauwerken und anderen Krimskrams.
„Malte ist so ein lieber Junge“, beteuerte seine Mutter ein ums andere Mal, „wir können gar nicht verstehen, wie er so etwas wie mit dem Klavier machen konnte.“
Hinsichtlich des Schadensersatzes wurden wir uns schnell einig. Maltes Vater sagte, er wĂŒrde die Kosten fĂŒr die Reparatur, die sich auf einige hundert Mark beliefen, voll ĂŒbernehmen. Wir tranken unseren Kaffee und verabschiedeten uns bald. „MerkwĂŒrdige Leute“, meinte meine Frau, als wir nach Hause fuhren, „so korrekt.“

Ein paar Jahre spĂ€ter wurde ich wieder auf Malte aufmerksam. Er besuchte wie Bastian das Gymnasium, an dem ich arbeitete, allerdings gehörte er nicht zu meinen SchĂŒlern, da er in Bastians Klasse ging und es vermieden wurde, dass Eltern ihre eigenen Kinder unterrichteten. In der neunten Klasse gab es die ersten ernsthaften Schwierigkeiten mit Malte. Eine Kollegin erzĂ€hlte, dass er sich seinen MitschĂŒlern auffallend dominant und oft aggressiv verhielte. Dabei sei an seinen schulischen Leistungen nichts auszusetzen; er sei hochintelligent und habe eine schnelle Auffassungsgabe. Ich hörte, dass er einem Selbstverteidigungskurs belegt habe und einem Boxclub beigetreten sei. Wenn ich Malte auf dem Schulhof sah, fiel mir auf, wie groß und krĂ€ftig er geworden war. Mit Vorliebe trug er Hosen und Jacken im den Tarnfarben des MilitĂ€rs, dazu schwere Stiefel. Seine Haare hatte er zu einer Stoppelfrisur geschnitten, die ihn Ă€lter und erwachsener aussehen ließ als seine fĂŒnfzehn Jahre. Zu Hause am Mittagstisch brachte ich das GesprĂ€ch auf Malte.
„Du bist doch mit ihm befreundet, Bastian, oder?“
„Befreundet? Schon lange nicht mehr.“
„Ach so? Warum denn nicht? Was ist denn mit ihm los?“
„Keine Ahnung. Der spinnt!“ Bastian wickelte eine Portion Spaghetti auf seine Gabel und beförderte sie geschickt in seinen Mund.
„Was heißt denn, der spinnt?“
„Der spinnt eben. Keiner will etwas mit ihm zu tun haben. Wenn man ihn schief ansieht, geht er gleich auf einen los.“
„Ja, deshalb hat er ja auch jetzt Schwierigkeiten mit seiner Klassenlehrerin. Er soll 'blöde Kuh' zu ihr gesagt haben und noch Schlimmeres. Hast du davon was mitgekriegt?“
„Nicht direkt, das war wohl in der Pause. Sie hat ihn aus dem Klassenraum geschickt, weil er den Thomas verprĂŒgelt hat. Keine Ahnung, warum.“
Mein Frau mischte sich ein:
„Mein Gott, und du erzĂ€hlst uns nichts davon, Bastian? Da muss ja wohl ganz dringend eine Klassenkonferenz her, damit wir Eltern auch erfahren, was bei euch in der Klasse los ist.“
Marianne war Elternratsvorsitzende fĂŒr Bastians Klasse. „Ich werde mich gleich ans Telefon hĂ€ngen und deine Klassenlehrerin anrufen. Es kann doch nicht angehen, dass die SchĂŒler sich prĂŒgeln und die Lehrerin sich beleidigen lassen muss.“

Es blieb natĂŒrlich nicht bei dieser einen Konferenz. Malte wurde mit einem feststehenden Messer erwischt, mit dem er einen kleineren MitschĂŒler bedroht hatte, er wurde wiederholt ausfallend gegenĂŒber den Lehrern, seine Leistungen ließen nach. Es wurden verschiedene Erziehungsmaßnahmen getroffen, die helfen sollten, den Jungen zu disziplinieren und ihn auf den richtigen Weg zu fĂŒhren. Vor allem sollte er lernen, seine Aggression zu beherrschen. Das Jugendamt wurde eingeschaltet. Marianne und ich waren froh, dass Bastian sich von Malte fernhielt; unser Sohn war zusammen mit seinem Freund Manuel dem Computer verfallen und saß Tag und Nacht vor dem Bildschirm. FĂŒr ihn stand jetzt schon fest, dass er spĂ€ter Informatik studieren wĂŒrde.

Einige Zeit spĂ€ter hörte ich in der Schule, dass Maltes Vater gestorben war. Wie ĂŒblich schickte die Schule einen Kranz, und der Klassensprecher seiner Klasse sowie die Klassenlehrerin nahmen an der Beerdigung teil. Die Kollegin bat mich, sie zu begleiten.
Es war eine sehr kleine Trauergemeinde, die hinter dem Sarg herging. Maltes Mutter schluchzte die ganze Zeit in ihr Taschentuch, ein paar Verwandte der Familie und einige Dorfbewohner warfen einzelne Blumen ins Grab, nachdem der Priester die ĂŒblichen Gebete gesprochen hatte. Malte stand mit ausdruckslosem Gesicht neben seiner Mutter, groß und breitschultrig, in einem offensichtlich fĂŒr diesen Anlass gekauften schwarzen Anzug.
Als ich abends von der Beerdigung erzÀhlte und davon, wie leid mir der Junge getan hÀtte, brach Bastian in ein unangemessenes Lachen aus.
„Ach ja?“, sagte er, „in der Klasse hat Malte gestern herumgetönt, wie froh er sei, dass sein Alter endlich verreckt wĂ€re.“
Betroffen sahen Marianne und ich uns an. „Was ist nur mit dieser Familie los?“, fragte Marianne. „Es muss doch einen Grund haben, weshalb der Junge sich so verhĂ€lt.“
SpĂ€ter im Bett spekulierten wir, was bei der Erziehung des Jungen falsch gelaufen sein könnte. „Vielleicht waren die Eltern ĂŒber die spĂ€te Geburt des Kindes so glĂŒcklich, dass sie ihn heillos verwöhnt haben. Und als er dann grĂ¶ĂŸer wurde, tanzte er ihnen auf der Nase herum und sie wurden nicht mehr mit ihm fertig.“
FlĂŒsternd fĂŒgte sie hinzu „Ich habe gerĂŒchteweise gehört, dass der Vater Malte, als er noch klein war, geschlagen haben soll. Vielleicht erklĂ€rt das seinen Hass auf seinen Vater?“
„Kann sein“, sagte ich,„wir wissen es nicht“, und drehte mich auf die andere Seite, um zu schlafen.

Einige Monate spĂ€ter begegnete ich Maltes Mutter auf der Straße, als ich am spĂ€ten Nachmittag von einer Zeugniskonferenz kam. „Herr D.“, rief sie laut von der anderen Straßenseite und winkte mir zu. Ich wollte nicht unhöflich sein, schob mein Fahrrad ĂŒber die Straße und begrĂŒĂŸte sie. Sie erwiderte meinen Gruß mit geradezu ĂŒberschwĂ€nglicher Freundlichkeit, schĂŒttelte meine Hand immer wieder und beteuerte, wie sehr es sie freute, mich zu treffen. Als ob wir die besten Freunde wĂ€ren und uns nicht erst zweimal getroffen hĂ€tten, und dies nicht gerade bei erfreulichen AnlĂ€ssen! Sie sah erschöpft, sogar ein bisschen krank aus. Die halblangen Haare waren grau und strĂ€hnig, die Augen hatten tiefe Ringe und ihre HĂ€nde, die das Lenkrad ihres Fahrrades festhielten, zitterten. Ich nahm einen deutlichen Alkoholgeruch wahr; offensichtlich war sie leicht betrunken, was ihre fahrige, unangemessene Leutseligkeit erklĂ€rte.
Sie erzĂ€hlte von den Schwierigkeiten, die Malte in der Schule habe, davon, dass er sich von ihr nichts sagen lasse, ob ich nicht etwas fĂŒr ihn tun könne, da ich doch Lehrer an seiner Schule sei. Mir wurde die Szene auf der Straße langsam peinlich; der eine oder andere der Passanten schaute uns schon verwundert an. Schließlich kannte man mich in der Stadt. Ich versuchte, mich ohne allzu große Hast von Maltes Mutter zu verabschieden und versprach ihr, ein gutes Wort fĂŒr ihren Sohn einzulegen.

Im Jahr darauf zog ich mit meiner Familie in die Kreisstadt, wo an einem Gymnasium eine passende Beförderungsstelle fĂŒr mich frei geworden war. Meine Frau fand als Bibliothekarin eine Halbtagsstelle in der örtlichen Leihbibliothek, Bastian konnte direkt in die Oberstufe des neuen Gymnasiums wechseln. Heike, die in Göttingen Mathematik und Physik studierte, betraf der Umzug in das neue Haus gar nicht mehr, sie kam nur noch sporadisch zu Besuch.
Wir hatten Malte also aus den Augen verloren, als zwei Jahre spĂ€ter eine Meldung in der Lokalzeitung uns erschĂŒtterte:
Der Junge hatte im Streit seine Mutter erschlagen! Die nÀheren UmstÀnde dieser Wahnsinnstat blieben unklar. Die einen sagten, es sei um Geld gegangen, das die Mutter ihrem Sohn verweigert habe, die anderen glaubten zu wissen, dass sie betrunken auf ihn losgegangen sei und er sich nur verteidigt habe.
Marianne und ich waren schockiert. Bastian konnte ĂŒber seine Verbindungen zu seinen ehemaligen Klassenkameraden auch nichts NĂ€heres erfahren. Nur dass Malte seine Mutter bewusstlos geschlagen und dann das Haus verlassen habe, wo sie spĂ€ter an ihren Verletzungen gestorben sei.

Der Junge wurde verhaftet. Einige Monate spĂ€ter erfuhren wir aus der Zeitung, dass er die Tat gestanden und vom Jugendgericht wegen Körperverletzung mit Todesfolge (oder Totschlag im Affekt, ich weiß es nicht mehr genau) zu einer Jugendstrafe von acht Jahren verurteilt worden war. Das Besondere an diesem Fall war, dass Malte im GefĂ€ngnis seine schriftlichen und mĂŒndlichen AbiturprĂŒfungen ablegen durfte, da die Tat kurz vor Beendigung der 13. Klasse passiert war. FĂŒr die mĂŒndliche PrĂŒfung fuhren die drei Lehrer, die zur PrĂŒfungskommission gehörten, sogar in die Justizvollzugsanstalt. Malte bestand die PrĂŒfung mit Bravour, wie wir aus der Zeitung erfuhren.

Wieder vergingen ein paar Jahre. Heike schloss ihr Studium ab und promovierte in Physik. Bastian studierte in Duisburg Informatik. Zu meinem fĂŒnfundfĂŒnfzigsten Geburtstag hatte ich viele Freunde und Bekannte zu einer Gartenparty eingeladen, und natĂŒrlich kamen auch die Kinder mit Anhang zu der Feier. BeilĂ€ufig fragte ich Bastian, ob er mal wieder etwas von Malte gehört habe, wo er doch ĂŒber Facebook mit seinem ehemaligen Klassenkameraden alle möglichen Neuigkeiten austauschte.
„Ja, weißt du es denn gar nicht? Malte ist tot.“
„Malte ist tot?“ Ich war zutiefst schockiert. „Wieso ist er tot? Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er angefangen hat, Psychologie zu studieren, schon im GefĂ€ngnis, und dass er gute Chancen hatte, vorzeitig entlassen zu werden. Was ist denn passiert?“
„Es stimmt, er wurde nach sechs Jahren entlassen. Danach hat er Psychologie und Soziologie studiert und glĂ€nzend abgeschlossen, wie man sagt. Und dann hat er sich umgebracht.“ Bastian schien es regelrecht zu genießen, mir diese ungeheuerlichen Neuigkeiten mitteilen zu können. Gelassen zapfte er weiter ein Glas Bier nach dem anderen. Ich starrte ihn nur an.
„Er hat sich umgebracht? Aber warum denn, um Gottes Willen? Er war doch offensichtlich auf einem guten Weg!“
Bastian zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, sagte er, „ich habe ja schon immer gesagt: Der spinnt.“
Ich nahm mir ein Glas Bier und setzte mich zu Marianne, die mit Heike auf der Bank unter der alten Eiche saß. „Habt ihr schon das von Malte gehört?“, fragte ich, noch völlig konsterniert.
„Ja, schrecklich, nicht?“, sagte Marianne.
„Und so unerklĂ€rlich!“, fĂŒgte Heike hinzu.



__________________
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Version vom 01. 06. 2015 15:40

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Hallo Hyazinthe,

ich habe deinen Text aufmerksam gelesen und er gefÀllt mir. Aber ein paar Anmerkungen möchte ich trotzdem machen:

FĂŒr mich ist dein Text keine Kurzgeschichte, sondern eher ein Bericht. Als solcher ist er nĂŒchtern und sachlich beschrieben, tatsĂ€chlich kam mir beim Lesen mehrmals der Gedanke, dass du das wirklich erlebt hast. Ist dem so?

Ich wĂŒrde dem Text bis auf kleine Ausnahmen literarische QualitĂ€t absprechen. Am stĂ€rksten finde ich, in literarischer Hinsicht, den Schluss. Wie auf einer Gartenparty das Schicksal dieses Jungen mit einem 'Ja, schrecklich, nicht?' abgehandelt wird, finde ich sehr schön. Es zeigt deutlich das Unvermögen der besseren Gesellschaft, mit solchen Tragödien umzugehen oder Empathie zu empfinden mit Menschen, die einer niedrigeren Schicht entstammen. Ich weiß nicht, ob das deine Absicht war, aber auf mich wirkte dieser Schluss so und ich empfand ihn dadurch als gelungen.

Der Text wirkt deswegen auch mehr wie ein Bericht als wie eine Kurzgeschichte, weil es so gut wie keine Dialoge gibt, und wenn doch, dann sind sie nicht in eine Szene eingebettet, sondern sie dienen nur als Informationsquelle fĂŒr den Leser.

Das Material fĂŒr eine Kurzgeschichte ist durchaus da. Ich fĂ€nde es interessant, die Geschichte nochmal erzĂ€hlt zu bekommen, aber literarischer. Die Szene beim Geburtstag könntest du doch probeweise mal ausarbeiten, wenn du Zeit und Lust hast.

Einige sprachliche Kleinigkeiten:

quote:
lÀngs fÀllige Korrektur

Hier fehlt das 't'

quote:
Mit hochrotem Kopf und mit ganzer Kraft schlug der Junge auf die Tasten

FĂŒr mich klingt das, als schlĂŒge er seinen Kopf auf die Tasten.

Alternative: Mit hochrotem Kopf saß der Junge auf dem Klavierhocker und schlug unablĂ€ssig mit den FĂ€usten auf die Tasten ein.

quote:
"Was machst du denn da?", fuhr ich ihn an.


Die Formulierung finde ich zu schwach.

Alternative: "Sag mal, spinnst du?!?", herrschte ich ihn an.

quote:
beteuerte seine Mutter uns ein ums andere Mal

das uns wĂŒrde ich einfach weglassen

Gruß,

CPMan

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