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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Mamas Matrix
Eingestellt am 18. 12. 2009 08:37


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Meine Mutter war schon immer eine große Anhängerin der Intelligenz-Arbeitseifer-Matrix zur Menscheneinteilung.

Dabei wurde jede ihr unterkommende Person auf einer Skala von klug bis dumm, bzw. fleißig bis faul eingestuft. Am liebsten war ihr natürlich immer der Klug/Fleißig-Quadrant, aber auch Dumm/Fleißig fand durchaus noch ihre Billigung. Klug/Faul? Da fühlte meine Mutter schon ein bisschen zwiespältiger. Eine gelegentliche Nützlichkeit konnte sie ja auch dieser Sorte nicht komplett absprechen und die guten Nerven, mit der die klugen Faulen ihre Faulheit kompensierten, rangen ihr sogar gewisse Bewunderung ab. Von uns (also meinem Bruder und mir) aber sei dieser Quadrant unter keinen Umständen anzustreben, so wurde uns seit frühester Kindheit gepredigt, gute Nerven hätte man in unserer Familie nämlich nicht (das habe man von ihr geerbt). Außerdem bestände bei Klug/Faul immer die Gefahr die eigene Klugheit dramatisch zu überschätzen (womit sie ja nicht ganz unrecht hat, meine Mutter), und so lande man bei einer diesbezüglichen Fehleinschätzung direkt bei den Dummen Faulen und das ginge ja nun nicht, dann hätte man ja quasi gar keine Daseinsberechtigung mehr. Der eigene Arbeitsaufwand ließe sich da schon mit größerer Bestimmtheit beurteilen, deshalb sei man mit „dumm aber fleißig“ zumindest immer auf der sicheren Seite.

So verbrachte ich also die Blüte meiner Jugend damit den Eindruck von Fleiß (und wenn’s ginge, vielleicht auch ein bisschen von Klugheit… aber hauptsächlich von Fleiß) zu vermitteln und schielte mit schwer verhohlenem Neid und nagender Verbitterung zu diversen Burschen in meiner Klasse hinüber, die es sich in der „Klug aber faul“-Ecke recht behaglich eingerichtet zu haben schienen. Sie zeigten nicht den geringsten Ehrgeiz, in einem Fach ein Sehr gut zu bekommen, bloß weil sie theoretisch eines bekommen konnten, was ich als zutiefst unfair empfand. Man konnte doch nicht einfach so entscheiden, sein Potential nicht auszuschöpfen! Durften die denn das? Natürlich, sie waren ja klug aber faul. Doch leider, leider - „klug aber faul“ war in unserer Familie keine Option. Wir hatten einfach nicht die dafür erforderlichen Nerven.

Spätestens bei meiner Entdeckung der Prokrastination in der Oberstufe erwies sich diese Theorie allerdings als wackelig. Plötzlich ergaben sich durch völlig überraschende und immer häufiger auftretende Anfälle von Aufschieberitis immer mehr Gelegenheiten, meine Nervenstärke zu erproben und siehe da, meine Nerven litten zwar, hielten es aber doch irgendwie aus. Plötzlich ging es auch mit weniger Aufwand (und weniger Schlaf am Tag vor der Schularbeit). Maturiert habe ich trotzdem mit ausgezeichnetem Erfolg. Vielleicht lag das aber auch nur am in Jahren pathologischer Strebsamkeit zuvor mühsam aufgebauten Goodwill bei der Lehrerschaft, wer weiß.

Irgendwann bestätigte sich dann auch mein Verdacht, dass meine Mutter natürlich nicht die Erfinderin der Intelligenz-Arbeitseifer-Matrix war. Wesentlich frühere Erwähnung fand das Konzept bei einem gewissen Herrn General Kurt von Hammerstein-Equord, von dem meine Mutter wahrscheinlich nie in ihrem Leben etwas gehört hat, mit dem sie aber offensichtlich eine gewisse Seelenverwandtschaft verbindet. Allerdings widersprechen sich die beiden in einem entscheidenden Punkt: Meine Mutter zieht ja, wie wir wissen, die Kombination „dumm und fleißig“ der Kombination „dumm und faul“ entschieden vor. Der Herr General hingegen hat dazu folgendes zu sagen:

„Die einen sind klug und fleißig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90 Prozent aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit.“

Bis hier hätte meine Mutter noch alles abgenickt; militärische Führungsaufgaben wären aber für uns, wie sie sich beeilt hätte, meinem Bruder und mir zu erläutern, wie wir ja wohl zugeben müssten, auch nicht unbedingt anstrebenswert. Aber, jetzt kommt’s – ergänzt der General nämlich folgendes:

„Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“

Da haben wir den Salat: Mama und General – doch kein Herz und eine Seele. Doch wie stehe ich nun persönlich zu dem Ganzen?

Für mich hält sich ja die Sinnhaftigkeit solcher Matrizen immer ein bisschen in Grenzen. Bei hoch komplexen, mehrdimensionalen, facettenreichen und zwangsläufig innerlich widersprüchlichen Individuen, als die ich ja grundsätzlich sämtliche meiner Mitmenschen betrachte, kommt man natürlich mit zwei Achsen nicht weit. Aber die ganze Einteilerei ist ja auch, wenn schon ein nicht besonders sinnhafter, so doch auch ein sehr unterhaltsamer Zeitvertreib (vor allem, wenn man sich wiedermal verzweifelt vor wichtigeren Aufgaben drückt), deshalb hab ich dann doch auch ein bisschen eigene Überlegung in das Ganze investiert.
Erstmal würde ich natürlich die Achsenbeschriftungen etwas modifizieren. „Klug“, „dumm“, das sind Begriffe von zweifelhafter Brauchbarkeit. Intelligenz gibt es in so mannigfaltigen Ausprägungsformen, da maße ich mir keine Urteile an über anderer Leute kognitive Fähigkeiten. Es gibt nur ein zweifelsfreies Anzeichen von Dummheit: die Intelligenz anderen Leute zu unterschätzen. Jeder, dem es unter Umständen gelingen könnte, mich zu übertölpeln, muss in irgendeiner Form schlau sein und das traue ich ja nun leider schnell mal jemandem zu. Was sich allerdings sehr wohl ganz gut einschätzen lässt, ist ob jemand von einer gewissen Sache Ahnung hat oder nicht. Ersetzen wir also den Begriff „klug“ durch „kenntnisreich“ und den Betriff „dumm“ durch „ahnungslos“ – diese Begriffe würden offensichtlich (wie eigentlich alle Begriffe, aber leider oft weniger offensichtlich) nur kontextbezogene Gültigkeit haben und keineswegs vorgeben, die Person in ihrer Gesamtheit zu erfassen.

Ein Problem habe ich auch mit dem Begriff „faul“ – unnötig wertend, finde ich. Sagen wir lieber „minimalistisch“.

So wird aus der Klug/dumm/fleißig/faul-Matrix also die Kenntnisreich/Ahnungslos/Engagiert/Minimalistisch-Matrix. Und da muss ich meiner Mutter schon bis zu einem gewissen Grad recht geben, am schönsten arbeiten lässt es sich natürlich mit den Kenntnisreichen Engagierten. Aber, und hier schlage ich mich auf die Seite des Generals, bei gemeinsamen Projekten sind mir die Ahnungslosen Minimalisten tatsächlich lieber als die Ahnungslosen Engagierten – die ersteren sind nämlich im Gegensatz zu zweiteren nie beleidigt, wenn man ihren Input komplett ignoriert.

Fazit: Dumm/Faul (bzw. Ahnungslos/Minimalistisch) > Dumm/FleiĂźig (Ahnungslos/Engagiert)

Diese Ausführungen darf ich meiner Mutter natürlich nie zu Augen kommen lassen, wenn ich nicht den Zusammenbruch eines Weltbildes verantworten will. Was ich mal lieber bleiben lasse, denn meine Mutter ist ja jenes Mitglied der Familie das erwiesenermaßen tatsächlich schlechte Nerven hat.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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