Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92194
Momentan online:
68 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Man ärgert sich
Eingestellt am 28. 11. 2006 15:58


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
zarah
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 33
Kommentare: 155
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um zarah eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Man ärgert sich

Er ärgerte sich wieder einmal und wie so oft, wollte er seine Mitmenschen ohne groß Worte zu verlieren, daran Anteil haben lassen.

Sie stand, eine Brotdose abtrocknend, in einiger Entfernung an der Spüle und betrachtete ihn, wie er da am Küchentisch saß und so vehement Brote mit Margarine bestrich, dass es schien, als wolle er diese dafür bestrafen, dass der Morgen nicht so angefangen hatte, wie es ihm genehm gewesen wäre.

Nach jahrelanger liebevoller Fürsorge mit morgendlichem Schonpro­gramm für ihren Gatten, hatte sie doch vor einiger Zeit einfach aufge­hört, ihm morgens das Frühstück an´s Bett zu bringen, sich darauf beschränkt, den Kaffee für ihn aufzusetzen, und zwar - das war vielleicht das ärgerlichste - ohne ihn vorher zu fragen, ob es ihm auch recht so sei.
Neuerdings verlangte sie sogar, dass er früher aufstehen solle, um mitzuhelfen, das Frühstück für die Kinder zu bereiten; und auch hier wieder, ohne dass sie bereit gewesen war, ihm irgendein Mitbestimmungs­recht einzuräumen. Sie hatte nur gesagt, dass sie das nicht mehr alleine erledigen würde. Punkt.
Seinen Einwand, er könne sich mit der allmorgendlich auftretenden Beule in seiner Schlafhose unmöglich in der Küche zeigen, hatte sie unsensibel mit der Bemerkung beiseite gewischt, er solle die Aufsehen erregende Schwellung dann eben beizeiten behandeln – irgendwie - oder sich halt eine Jeans anziehen.

An diesem Tag hatte sie ihn nicht ordnungsgemäß geweckt; vergessen, den Kaffee für ihn aufzusetzen; die bevorzugte Sorte Wurst war nicht vorrätig; das Brot war vom Vortag; und dann war ihm auch noch auf dem Weg zum Kühlschrank unvorsichtiger­weise ein Kind in den Weg gelaufen. Genug gute Gründe also, sich zu ärgern.

Weiber und Kinder: das braucht natürlich jeder ernstzunehmende Patriarch – aber doch nicht schon um diese Uhrzeit! Und erst recht nicht gezwungenermaßen.

Mit jeder weiteren Person, die in die Küche eintrat, verfinsterte sich sein Gesicht um einen Grad. Es schien ihr fast, als wollten sich seine Augen bis zum Anschlag in die Höhlen zurückziehen – sie musste plötzlich an Katapulte denken; seine Lider verengten sich zu Schlitzen und wirkten wie Schießscharten in steinernem Gemäuer; die beiden Falten, die rechts und links von der Nase zu den heruntergezogenen Mundwinkeln hin verliefen, könnten Schützengräben sein, die Bartstoppeln Stacheldraht, fiel ihr noch dazu ein.

Jetzt senkte er den Kopf, ließ eine Zornfalte auf seiner Stirn erscheinen, zog so die Luft durch die Nase, als wolle er ein Vakuum im Raum erzeugen, hielt sie für zwei Sekunden in seinen Lungen an und ließ sie dann, ohne den Mund dabei zu öffenen, mit einem Geräusch entweichen, welches sich nur schwer beschreiben lässt, irgendwie ein Gemisch aus knurrend, rumpelnd, brodelnd und blubbernd, als wolle er einen Vulkan kurz vor dem Ausbruch darstellen.

Wenn er könnte, würde er seinen Ärger sicher gerne materialisieren und als Warnung an alle über seinem Haupt schweben lassen, vielleicht als Feuersäule oder mindestens mal schwarze Rauchwolke, dachte sie sich, während sie dem Schauspiel folgte; wenn er Hufe hätte, würde er vermutlich gleich damit aufstampfen und schnaubend den ökologisch wertvollen Korkbelag vom Küchenboden kratzen.

Obwohl das grün-gelb karierte Geschirrtuch in ihrer Hand nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Muleta hatte, kam ihr doch unweigerlich in den Sinn, es sich eben mal neben die Hüfte zu halten, ein wenig damit zu wedeln und “Toro!” in die Richtung ihres Mannes zu rufen.
Doch sie drehte sich nur für einige Sekunden zur Spüle um, damit er das Grinsen nicht sehen konnte, welches sich bei diesem Gedanken in ihr Gesicht geschlichen hatte.

So ein dramaturgisch wertvoller Auftritt und dann wird gelacht? Nein, das wäre eine ungeheuerliche Provokation gewesen! Also lieber nicht.

Stattdessen nett lächelnd die Kinder verabschiedet, dann ganz schnell in die Jacke geschlüpft, die Autoschlüssel gegriffen und nichts wie weg zur Arbeit. Doch halt! Ein kleiner Abschiedskuss der formhalber schien ihr angebracht, sonst würde die Szene womöglich am Abend ihre Fortsetzung finden. Also einen kurzen Abstecher zu dem Mann am Ende des Küchentisches gemacht, ein schnelles Küsschen auf die Wange, ein “Tschüß bis heute abend”, kleines Lächeln und Abgang.

“Toro!” wäre sowieso viel zu schmeichelhaft gewesen, fand sie.

Hornochse. Mit diesem Wort im Kopf verließ sie das Haus und als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, atmete sie erleichtert auf.
__________________
Lerne alles, und später wirst Du sehen, nichts ist umsonst (J. v. S.)

Version vom 28. 11. 2006 15:58
Version vom 06. 06. 2010 11:40

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!